Herr Reppmann, lange Zeit hieß es, dass Unternehmen Nachhaltigkeitsziele fest verankert haben. Nun haben sich die politischen Rahmenbedingungen verändert. Hält das Fundament?
Ja, das Fundament hält – das zeigt unser neuer Monitor, für den wir insgesamt über 800 Unternehmen aus der Real- und der Finanzwirtschaft befragt haben. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass die Dynamik für klimafreundliches Wirtschaften vorbei ist. Viele, gerade große Unternehmen sind gut aufgestellt: Nachhaltigkeit ist strategisch verankert und die Verantwortlichkeit liegt meist auf Vorstandsebene. Auch im operativen Management ist Nachhaltigkeit angekommen – zum Beispiel im Einkauf. Die großen Unternehmen bleiben dran, die Strukturen halten. Die kleinen und mittleren Unternehmen sind in der Vergangenheit – teilweise getrieben durch die Regulierung – nachgerückt. Aber nun trennt sich die Spreu vom Weizen. Ein Beispiel: Bei den kleinen und mittleren Unternehmen sagen inzwischen mehr Betriebe, dass sie nicht planen, Emissionen zu erheben.
Frau Edinger-Schons, welche Erfahrungen machen Unternehmen, die ihren Betrieb einmal unter Nachhaltigkeitsaspekten auf den Kopf stellen?
Natürlich ist das anstrengend. Aber viele Unternehmen sagen auch, dass es ihnen Vorteile bringt, die sie nicht vermutet hätten. Neu ist, dass jetzt alles zusammenkommt: Daten zum Gender Pay Gap oder Diversitätskennzahlen, aber auch Kennzahlen für Umweltschutz und Klima, außerdem das Finanzreporting. So ergibt sich automatisch ein Rundumblick. Risiken lassen sich besser erkennen und es wird leichter, sich resilienter aufzustellen. Denn je mehr Informationen da sind – desto strategischer können wir entscheiden.
Herr Reppmann, was hält Unternehmen ab, ihre Geschäftsmodelle nachhaltiger zu machen?
Viele Unternehmen sagen, dass Nachhaltigkeit immer noch keinen Business Case ist. Natürlich gibt es oft Effizienzgewinne. Aber wir haben ein Ungleichgewicht: Die Kosten für mehr Nachhaltigkeit lassen sich leicht vermessen. Aber wie soll zum Beispiel der Wert stabiler Lieferketten oder einer besseren Reputation beziffert werden? Zumal der Mehrwert oft erst in der Zukunft sichtbar wird.
Frau Edinger-Schons, was kann gerade für kleine Unternehmen mit oft engen finanziellen Spielräumen den Ausschlag geben, nachhaltiger zu werden?
Auch für kleine Betriebe lohnt es sich, jetzt mit dem Thema anzufangen. Es wird den freiwilligen Berichtsstandard VSME geben – der ist wirklich gut machbar. Im Moment ist es so, dass kleine Betriebe bei Ausschreibungen manchmal durch ihre Nachhaltigkeitsberichterstattung die Nase vorn haben. In den nächsten Jahren wird sich das vermutlich drehen: Da können Betriebe ohne Daten an Ausschreibungen vielleicht nicht mehr teilnehmen. Der Druck kommt außerdem über die großen Unternehmen, denn die fordern von ihren Zulieferern zum Beispiel Emissionsbilanzen.
Herr Reppmann, wir haben weltweit Krisen und Konflikte. Kann diese Situation nicht ein Anreiz sein nachhaltiger zu wirtschaften?
Ja, meine Einschätzung ist, dass viele Herausforderungen im Zusammenhang stehen mit Nachhaltigkeit. Und natürlich gibt es Synergien, wenn Unternehmen zum Beispiel stärker in lokalen Lieferketten agieren, denn das stärkt die Resilienz und reduziert gleichzeitig Transportemissionen.
Frau Edinger-Schons, blicken Sie für uns einmal in die Glaskugel – wie werden sich die Dinge in fünf Jahren entwickelt haben?
Wenn die politischen Gegebenheiten einigermaßen stabil bleiben, wird die Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit weitergehen. Schon jetzt kommen wir in eine Phase, in der Nachhaltigkeit immer mehr zur Normalität wird. Deshalb sehe ich den Backlash auf EU-Ebene auch nicht so kritisch wie andere. Aufpassen müssen wir bei sozialen Themen wie Diversität, Gleichstellung und Inklusion. Gerade bei den großen US-Tech-Konzernen sehen wir, wie gefährlich das Rollback ist. Ich habe Angst, dass unser breites Verständnis für Transformation verloren geht. Soziale Themen gehören unbedingt dazu.
Frau Edinger-Schons, regionale Netzwerke gelten als wichtige Treiber der Transformation. Wie ist Hamburg hier aktuell aufgestellt?
Hamburg hat starke lokale Netzwerke – zum Beispiel unter großen Unternehmen oder den stadtwirtschaftlichen Betrieben. Dazu gibt’s Round Tables, Fachkreise oder Formate wie „Wirtschaft gestaltet Zukunft“ der Umweltbehörde. Das ist sehr besonders und mit dem Zukunftsentscheid gab es noch einmal Rückenwind.
Bei Fragen wenden Sie sich gerne an:
Dr. Jennifer Kowallik, Referentin Green Economy & Sustainable Finance
jennifer.kowallik@bukea.hamburg.de