Dr. Jennifer Kowallik ist Bankkauffrau und Betriebswirtin. Sie hat bei einer Bank Finanzprodukte konzipiert, auf Unternehmensseite das Produktmanagement verantwortet und an Hochschulen zu nachhaltigen Finanzierungsinstrumenten gelehrt und geforscht. Bei der UmweltPartnerschaft Hamburg möchte sie vor allem kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) die Scheu vor dem Thema Sustainable Finance nehmen und konkreten Support bieten.
Frau Kowallik, was ist eigentlich Sustainable Finance?
Bei Sustainable Finance geht es um das nachhaltige Finanzwesen. Das betrifft somit zuerst das Finanzsystem: Hier müssen jetzt Strukturen und Instrumente geschaffen werden, die dafür sorgen, dass das Kapital in zukunftsfähige, also nachhaltige Geschäftsmodelle bei Unternehmen gelenkt wird. Aber neben der Finanzwirtschaft betrifft es ganz zentral die Unternehmen. Denn die Banken geben die Anforderungen weiter und fragen: Wo kommen deine Rohstoffe her? Wie behandelst du deine Mitarbeiter:innen? Welche Umweltwirkungen haben deine Produkte? Nachhaltigkeit ist ein riesiges Thema – es geht hier um Fragen wie Klimaschutz, Biodiversität, Umgang mit Beschäftigten etc. Jetzt und in naher Zukunft wird sich immer konkreter ausdifferenzieren, was da alles dazugehört.
Betrifft das vor allem die großen Unternehmen oder muss sich auch die Tischlerei mit 10 Mitarbeitenden darauf vorbereiten?
Egal wie groß oder klein ein Betrieb ist – alle sollten sich darauf vorbereiten. Bei den großen Unternehmen ab 500 Beschäftigten ist das schon angekommen, denn für sie gelten bereits unterschiedliche Berichtspflichten. Kleine und mittlere Betriebe sind aber auch betroffen – und zwar direkt und indirekt. Durch das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz sind große Unternehmen verpflichtet, bei ihren Zulieferbetrieben nachzufragen, wie nachhaltig ihre Geschäftsmodelle sind. Deshalb trifft es auch die kleine Bäckerei, die Brötchen an die Betriebskantine eines großen Unternehmens verkauft. Außerdem werden auch Zwei-Mann-Betriebe bei Kreditverhandlungen nach Nachhaltigkeit gefragt, denn dazu sind die Banken verpflichtet. Und auch bei Förderbanken ist das Thema jetzt Standard. Die IFB Hamburg zum Beispiel vergibt laut ihrer Ausschlussliste keine Kredite mehr an Unternehmen, die mit verbotenen Pestiziden arbeiten oder gegen Menschenrechte bzw. Tierschutzgesetze verstoßen.
Was ist jetzt die Herausforderung gerade für kleinere und mittlere Betriebe?
Das Thema Sustainable Finance ist komplex. Die Herausforderung für kleinere Unternehmen ist, sich neben dem Tagesgeschäft damit zu beschäftigen – denn sie haben keine Stabsabteilungen mit Spezialist:innen wie große Konzerne oder größere Mittelständler. Schwierig ist auch, dass wir eine Vielzahl an Berichtsmethoden haben, mit denen man Nachhaltigkeit belegen kann. Bisher hat sich aber keiner der Standards durchgesetzt. Daran wird noch an vielen Stellen gearbeitet.
Wie unterstützt die UmweltPartnerschaft Unternehmen?
Die UmweltPartnerschaft will besonders die KMU befähigen, handlungsfähig zu bleiben und für die größeren Unternehmen dabei vernetzend wirken. Wir informieren zu dem Thema mit unserem Webangebot und mit Veranstaltungen. Wir verknüpfen zum Beispiel über unseren neuen Fachkreis Sustainable Finance Unternehmen, um die Herausforderungen zusammen anzugehen. Gerade unsere UmweltPartner sind an vielen Stellen schon gut aufgestellt. Viele nutzen zum Beispiel das kostenlose E-Tool, mit dem sich die energierelevanten Betriebsdaten erfassen lassen. Das könnte ein Tool sein, um zu zeigen, wie nachhaltig ein Unternehmen in Sachen Energie arbeitet. Außerdem wollen wir die Hamburger Akteure zusammenbringen – also die Unternehmen und die Finanzwirtschaft.
Frau Kowallik, was geben Sie Unternehmen mit auf den Weg, die sich noch gar nicht mit dem Thema beschäftigt haben?
Das Entscheidende im Moment ist: einfach anfangen. Nehmen Sie Ihr Unternehmen unter die Lupe – Ressourcen, Energieverbrauch, C02-Emissionen, Arbeitnehmer:innenrechte, Nachhaltigkeitsstrategie usw. Denn wer Antworten parat hat, muss auch keine Angst z. B. vor dem nächsten Finanzierungsgespräch bei den Banken haben und bekommt perspektivisch sogar bessere Kreditkonditionen.