Ziel war es, zentrale Herausforderungen in der medizinischen Versorgung von Menschen mit Behinderungen zu identifizieren und Lösungsansätze für eine inklusivere Gesundheitsversorgung zu diskutieren.
Ein Schwerpunkt der Veranstaltung lag auf der gynäkologischen Versorgung für Frauen mit Mobilitätseinschränkungen. In diesem Zusammenhang stellte die Münchner Fachreferentin für Frauen- und Gesundheitspolitik Vreni Steinack das Modell einer spezialisierten gynäkologischen Sprechstunde vor, die seit 2021 in der bayerischen Landeshauptstadt angeboten wird. Die Evaluation der Sprechstunde zeigt eine hohe Zufriedenheit der Patientinnen, da sie dort auf gut geschultes Personal und eine barrierefreie Ausstattung treffen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass es Herausforderungen gibt – etwa lange Wartezeiten, begrenzte finanzielle Mittel und fehlende Möglichkeiten für eine fortlaufende Betreuung. Dennoch gilt das Modell als wertvoller Impuls für andere Städte und könnte als Vorbild für ähnliche Angebote dienen.
Aus wissenschaftlicher Perspektive beleuchtete die Bremer Gesundheitswissenschaftlerin Dr. Monika Urban die Ergebnisse einer aktuellen Studie zur barrierefreien gynäkologischen Versorgung. Sie zeigte auf, dass trotz der seit Jahren bestehenden Verpflichtung zur gleichwertigen medizinischen Versorgung gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland erhebliche Defizite bestehen. Ihre Untersuchung ergab, dass nur 24 Prozent der gynäkologischen Praxen vollständig barrierefrei sind und lediglich 16 Prozent über höhenverstellbare Untersuchungsstühle verfügen. Viele Patientinnen berichteten zudem von unangemessenen oder respektlosen Erfahrungen in den Praxen, die nicht selten dazu führten, dass sie gynäkologische Untersuchungen ganz vermieden. Gleichzeitig wiesen die befragten Ärzt*innen darauf hin, dass sie sich oft nicht ausreichend auf diese Patientinnengruppe vorbereitet fühlen und der zusätzliche Zeitaufwand kaum finanziell abgedeckt wird. Urbans Fazit war daher eindeutig: Es braucht gezielte finanzielle und strukturelle Maßnahmen, um die gynäkologische Versorgung inklusiver zu gestalten und bestehende Barrieren konsequent abzubauen.
Auf die praktische Ebene brachte das Thema die Hamburger Frauenärztin und Psychotherapeutin Silke Koppermann, die aus eigener Erfahrung über die Realität in gynäkologischen Praxen berichtete. Sie machte deutlich, dass viele Barrieren nicht nur baulicher Natur sind, sondern auch durch fehlendes Wissen und mangelnde Vorbereitung im Praxisalltag entstehen. Ärztinnen und medizinische Fachkräfte seien oft unsicher im Umgang mit Patientinnen mit Behinderungen, weil entsprechende Schulungen fehlen und das Thema in der Ausbildung kaum behandelt wird. Gleichzeitig betonte sie, dass bereits mit einfachen Maßnahmen, wie einer besseren Terminplanung oder niedrigschwelligen Schulungsangeboten, viel erreicht werden könnte. Allerdings, so Koppermann, sei es nicht damit getan, auf freiwilliges Engagement einzelner Ärztinnen zu setzen – es brauche klare gesetzliche Vorgaben und finanzielle Anreize, um eine umfassende Veränderung zu bewirken.
In den anschließenden Workshops wurde die Thematik weiter vertieft. Anhand eines Fallbeispiels einer Rollstuhlfahrerin, die aufgrund ihrer Behinderung eine notwendige Operation verweigert bekam, wurden zentrale Problembereiche identifiziert. Die Teilnehmenden diskutierten Lösungen zur Verbesserung der Barrierefreiheit in Arztpraxen, zur besseren Schulung von medizinischem Personal und zur Stärkung der Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen. Es wurde deutlich, dass strukturelle Veränderungen notwendig sind, um eine nachhaltige Verbesserung zu erreichen. Dazu gehören nicht nur gesetzliche Vorgaben für barrierefreie Arztpraxen, sondern auch eine angemessene Honorierung des Mehraufwands für Ärzt*innen sowie der Ausbau von Beratungs- und Unterstützungsangeboten.
Die Veranstaltung machte deutlich, dass es bereits gute Ansätze gibt, die Versorgung von Frauen mit Behinderungen zu verbessern. Doch um eine umfassende und flächendeckende Inklusion im Gesundheitswesen zu erreichen, sind weitergehende Anstrengungen notwendig. Die Erkenntnisse aus der Veranstaltung werden nun von der Senatskoordination für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen aufgegriffen, um gemeinsam mit relevanten Akteur*innen konkrete Maßnahmen für Hamburg zu initiieren.