Wer in Hamburg genau hinschaut, entdeckt sie überall. Auf Bahnhöfen und Balkonen, in Innenhöfen und Fußgängerzonen. Dabei sind Stadttauben keine Wildtiere, sondern vor allem Nachkommen ehemals domestizierter Haus-, Brief- oder Rassetauben. Sie leben dort, wo sie zurückgelassen wurden, und sind auf Fürsorge angewiesen. Für Stadttauben sind die Lebensbedingungen hart: Durch Fütterungsverbote, bauliche Abwehrmaßnahmen und fehlende Rückzugsorte leiden viele Tiere an Hunger, Verletzungen und Krankheiten. Ein Thema, das durch das menschliche Zusammenleben in der Stadt entstanden ist.
Beim Hamburger Stadttauben e.V. engagieren sich Menschen, die etwas bewegen möchten. Rund 400 Personen gehören inzwischen zum Netzwerk - etwa 300 Mitglieder geben den Tieren durch ihre Mitgliedschaft eine Stimme, während zahlreiche Ehrenamtliche und Unterstützerinnen und Unterstützer in der täglichen Arbeit aktiv sind. Sie versorgen verletzte oder geschwächte Tauben, helfen beim Eiertausch in verschiedenen Stadtteilen, betreuen Schläge, übernehmen Patenschaften und unterstützen die Öffentlichkeitsarbeit.
Wenn eine Taube gemeldet wird - sei es durch Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen oder über das Kontaktformular des Vereins - übernehmen freiwillig Engagierte die Sicherung, bringen das Tier zum vogelkundigen Tierarzt und in eine Pflegestelle. Sind alle Pflegeplätze belegt, übernimmt das Tierheim Süderstraße.
Die Zahl der Meldungen steigt stetig, während Pflegeplätze begrenzt zur Verfügung stehen. Häufig geht es um Verschnürungen an den Füßen, Brüche, Anflugtraumen oder um die Folgen des dauerhaften Nahrungsmangels – denn viele Stadttauben finden in der Stadt kein artgerechtes Körnerfutter.
Der Verein kann keine 24/7-Tiernotrettung anbieten, sondern arbeitet als engagiertes Netzwerk von Freiwilligen mit begrenzten Ressourcen und viel Herzblut. Viele der freiwillig Engagierten bringen eigene Herausforderungen mit und finden in der Arbeit mit den Tauben eine Aufgabe, die sie stärkt, verbindet und Sinn stiftet.
Zusätzlich engagieren sich freiwillig Engagierte in der Päppel- und Pflegestellenarbeit: Wenn Tauben sich in der Stadt nicht mehr selbst versorgen können, werden sie gesichert, medizinisch versorgt und in Pflegestellen aufgepäppelt, bis sie wieder stabil leben können. So wird nachhaltiger Tierschutz möglich – im Kleinen, konkret und wirkungsvoll.
Ein sicherer Hafen für die, die bleiben dürfen
Im vereinseigenen kleinen Lebenshof in Steilshoop leben rund 60 Tauben mit besonderen Bedürfnissen - ein Ort, der für Zusammenhalt, Achtsamkeit und Verantwortung steht. Viele Tiere haben Einschränkungen oder chronische Erkrankungen und zeigen dennoch Lebensfreude, Neugier und Charakter. „Sie sind unglaublich anpassungsfähig“, erzählt eine freiwillig Engagierte. „Auch mit nur einem Flügel oder fehlenden Zehen zeigen sie uns täglich, dass sie ein glückliches Taubenleben führen.“
Betreute Schläge - eine tragfähige Lösung
Der Hamburger Stadttauben e.V. betreut aktuell vier Taubenschläge nach dem bewährten „Augsburger Modell“: In diesen urbanen Habitaten finden Stadttauben Futter, Wasser und sichere Nistplätze. Ihre Eier werden tierschutzgerecht gegen Attrappen getauscht, um den Bestand zu regulieren. Ein Beispiel: Im Bramfelder Parkhaus wurden bereits über 1.500 Eier ersetzt. Dank der Unterstützung von Bruhn Living Places Management und der Marktplatz Galerie wurde dort ein neues Taubenloft aufgestellt, dass der Verein künftig betreut.
Das Engagement der Hamburger Stadttauben zeigt, dass freiwilliges Handeln oft klein beginnt - aber für jedes einzelne Tier eine neue Chance bedeutet.
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Einblick in das Leben von Stadttauben in Hamburg und die Arbeit des Vereins:
Die Nordreportage: Tauben in der Großstadt – Vertreiben oder füttern? - hier anschauen