Hintergrund

Toxische Männlichkeit

"Toxische Männlichkeit" beschreibt ein bestimmtes Verhalten von Männern, das anderen und ihnen selbst schadet. Ursache dieses Verhaltens sind dabei insbesondere Rollenbilder, die die tatsächlichen Bedürfnisse der Männer außer Acht lassen.

  • Sozialbehörde
    • Sie lesen den Originaltext
Jorg Greuel via Gettyimages

Was ist Toxische Männlichkeit?

Den Begriff „toxische Männlichkeit" gibt es bereits seit den 1980ern. Er stammt aus der damaligen Männerbewegung, die sich für ein neues Rollenverständnis eingesetzt hat. Größere Bekanntheit erlangte er aber erst in den letzten 10 Jahren. Er meint ein bestimmtes Verhalten von Männern, das auf schädlichen Rollenbildern und Vorstellungen von Männlichkeit in der Gesellschaft basiert.

Über viele Jahrhunderte wurde der Mann als Familienoberhaupt, als Herrscher über die Familie und als Versorger wahrgenommen. Härte, Strenge und Gefühlskälte wurden als wichtige männliche Attribute angesehen. Auch wenn es zwischenzeitlich immer wieder Phasen gab, in denen sich abweichende Männlichkeitsvorstellungen entwickelten (z.B. der empfindsame, schwärmerische Mann in der Romantik im 19. Jhd.), war das allgemeine Männlichkeitsbild nicht zuletzt durch die Bedeutung des Militärs in der Gesellschaft auch weiterhin von Stärke und Dominanz geprägt.

Die heutige Situation stellt sich für viele Männer differenzierter dar. Sie sehen sich in einem Spannungsfeld zwischen Versorgerrolle und Familienleben und haben oft den Eindruck, sowohl gefühlvoll als auch stark und dominant sein zu müssen.

Schaden für Körper und Psyche

Toxische Männlichkeit ist in erster Linie selbstverletzend und das auf vielen verschiedenen Ebenen. Emotional suchen auch Männer wie alle Menschen nach Halt und Dazugehörigkeit. Durch ihr auf Stärke und Dominanz ausgerichtetes Verhalten bringen sie sich aber ins Abseits, erfahren Ablehnung und Liebesentzug - das Gegenteil von dem, was sie sich wünschen. Toxische Männlichkeit hindert Jungen und Männer daran sich zu fragen, was sie wollen und brauchen. Und wie sie es in Einklang mit ihrem Umfeld erreichen können. Der größte Druck zu toxischem Verhalten kommt dabei von anderen Männern und Jungen, indem emotionale „Ausbrecher“ aus diesen Verhaltensweisen lächerlich gemacht und ausgegrenzt werden.

Toxische Männlichkeit schadet aber auch dem Körper und der Psyche der Männer. Viele Männer glauben, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Sie holen sich seltener Hilfe, wenn sie psychische Probleme haben. Traurige Folge: Drei Viertel der Selbstmorde werden von Männern verübt. Dazu gehen Männer im Schnitt deutlich seltener zum Arzt, haben weniger soziale Kontakte - weil sie das als „Stärke" und „Unabhängigkeit" definieren.

Hilfe bei Suizid-Gedanken

Wenn es Ihnen nicht gut geht oder Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein, es gibt aber auch Hilfsangebote. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 erreichbar.

Es gibt auch die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung oder eines Hilfe-Chats. 

Weitere Informationen finden Sie hier (PDF)

Hilflosigkeit, die in Gewalt umschlägt

Toxische Männlichkeit trifft aber auch andere Menschen, insbesondere Frauen. Denn das toxische Selbstbild, sich immer durchsetzen zu müssen, wird dann zur Gefahr, wenn sich Männer entgegen ihrer von Stärke und Dominanz geprägten Selbstwahrnehmung plötzlich ratlos fühlen. Ihr Selbstverständnis wackelt, sie fühlen sich bedroht.

In diesen Momenten verlieren sie entgegen ihrer Vorstellung die Kontrolle, sie sind nicht mehr derjenige, der alles im Griff hat. In Konflikten sind es oft noch die Frauen, die ihre Gefühle und Bedürfnisse besser kennen und beschreiben können. Männer, die sich nicht mit ihren Gefühlen auseinandersetzen oder diese komplett ignorieren, sind in diesen Situationen hilflos und überfordert. Dies führt oft zu einer Gewaltreaktion:

„Vor der Gewalt kommt die Hilflosigkeit. Mit der Gewalt hole ich mir die Macht und die Kontrolle über die Situation zurück. Ich habe nun wieder das Sagen.“
Thorsten Brakemann - Beratungsstelle für Täter*innen häuslicher Gewalt und Stalking (BeTA)

Resultat: 75 Prozent aller Fälle häuslicher Gewalt in diesem Land werden von Männern begangen und 70 Prozent der Opfer sind Frauen.

Was hilft, gesund männlich zu sein?

Toxische Verhaltensmuster sind weit verbreitet und seit Jahrhunderten fest verankert. Sie zu überwinden erfordert viel Selbstreflektion und Durchhaltevermögen. Kinder lernen dabei von Erwachsenen. Damit Jungen und junge Männer ein gesundes Männlichkeitsverständnis entwickeln können, brauchen sie Vorbilder mit einem gesunden Selbstwertgefühl. Hier braucht es Erzieher und Grundschullehrer, die den Jungen bereits in jungem Alter im Alltag einen offenen Umgang mit ihren Emotionen vorleben können.

Gleichzeitig bietet sich für Männer aber durch die Auseinandersetzung mit ihren Männlichkeitsidealen die Möglichkeit, ein zufriedeneres Leben zu führen und sich einmal frei zu überlegen, was für ein Mensch sie sein möchten. Und dieser auch zu werden - unabhängig davon, ob das irgendwelchen Rollenbildern entspricht oder nicht.

Was hilft, gesund männlich zu sein, ist, immer wieder in sich hineinzufühlen, sich zu spüren und sich zu fragen: Ist das gut für mich und ist das gut für die anderen, wenn ich dies oder das tue? Oder wenn ich etwas lasse? Und sich immer wieder zu fragen: Mache ich etwas, weil ich denke, dass es von mir erwartet wird? Oder weil ich davon wirklich überzeugt bin und es gut finde?" 
Björn Nagel – comMIT!ment des Jungenarbeit Hamburg e.V.

Zum Weiterlesen

Stadionleinwand mit Schriftzug "Nachspielzeit: 600 Minuten"
HSV
Echte Männer holen sich Hilfe

Gemeinsam gegen häusliche Gewalt

Studien zeigen, dass Männer nach Fußballspielen vermehrt häusliche Gewalt gegenüber Frauen ausüben. Dabei ist aber nicht der Fußball selbst das Problem, sondern der damit verbundene Alkoholkonsum. Mit unserer Kampagne wollen wir Täter und potenzielle Täter mit den passenden Hilfsangeboten...

Erleuchtetes Fenster in einer ansonsten dunklen Hochhausfassade
Jordan Lye via Gettyimages
Hintergrund

Was ist häusliche Gewalt?

Häusliche Gewalt beginnt nicht erst bei körperlicher Gewalt, sondern oft viel früher.

Umgestürzte Glasvase mit einer Blume
Soren Hald via Gettyimages
Hintergrund

In der Gewaltspirale

Häusliche Gewalt verfestigt sich schnell zu einer dauerhaften Spirale der Gewalt.