Zwei Monate nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im Deutschen Reich entstand am 31. März 1933 an der nördlichen Stadtgrenze im Wittmoor das erste Konzentrationslager in Hamburg.
Auf dem Gelände einer stillgelegten Torfverwertungsanlage sollten politische Gegner des Nationalsozialismus durch harte Arbeit „umerzogen“ werden. Am 10. April 1933 kamen die ersten zwanzig Gefangenen dort an, bis September 1933 waren es schon 140. Auf 800 Plätze sollte die Belegungszahl erhöht werden. Das Gelände war aber zu klein. Daher wurde das KZ Wittmoor im Oktober 1933 geschlossen, die Häftlinge kamen in das KZ Fuhlsbüttel (KolaFu). Für viele der Gefangenen begann ein langer Leidensweg.
Die Nationalsozialisten verheimlichten das Konzentrationslager Wittmoor nicht. Mehrfach besuchten Reporter das Lager. Sie berichteten von ihren Eindrücken unter anderem im „Hamburger Fremdenblatt“. Sie unterstützten das Vorgehen der NS-Regierung. Ihre Zeitungsberichte sollten zur Abschreckung dienen.
Emil Heitmann war wegen der Verteilung von Flugblättern im September 1933 verhaftet worden. Er kam ins KZ Fuhlsbüttel und musste als einer der politischen Gefangenen Zwangsarbeit im KZ Wittmoor leisten. Bis zum Dunkelwerden stach er tagsüber Torf. Dort lernte er unter anderen Willi Bredel kennen. Dieser verfasste über seine Haftzeit im KZ Fuhlsbüttel den dokumentarischen Roman „Die Prüfung“, der nach seiner Flucht aus Deutschland 1934 in London erschien. Er schildert wie Häftlinge entwürdigt, gequält und ermordet wurden. Es war der erste international beachtete Roman über ein deutsches Konzentrationslager. Aus dem Erinnerungsbericht von Emil Heitmann: „Wir sind genau in der Zeit mit Willi Bredel durch diese Prüfung gegangen, weshalb das Buch für mich von Bedeutung ist. Zeigt es doch bis ins Detail meine Erlebnisse und Erfahrungen auf. Wir saßen öfter gemeinsam in einer Durchgangszelle oder fuhren gemeinsam in dem „grünen August“ (später sagte man auch „grüne Minna“). In den Hohen Bleichen im vierten und fünften Stock war das „Kommando zur besonderen Verwendung“ (K.z.b.V.). Wir wurden mit Gebrüll wie Vieh die Treppen hinaufgetrieben.[…] In allen Räumen ging es brutal zu. Als wir hineinkamen, hörten wir Gebrüll, Schläge auf menschliche Körper. In den Ecken lagen geschundene Menschen. Männer, Frauen, Junge und Alte! Es kamen immer neue Gefangene dazu.“
Nach seiner Haftentlassung fand Emil Heitmann eine Anstellung in seinem erlernten Beruf als Elektriker und Konstrukteur beim Röntgenwerk C.H.F. Müller („Röntgen-Müller“).
Er führte seinen Widerstand gegen das NS-Regime fort. Bereits 1935 wurde er deshalb erneut verhaftet und wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Er kam in die Strafanstalt Bremen-Oslebshausen, deren Direktor, der SS-Sturmbannführer Werner, den Strafvollzug nach nationalsozialistischen Vorstellungen gestaltete: Abschreckung und Disziplinierung statt Wiedereingliederung. Als ausgebildeter Elektriker konnte Emil Heitmann erreichen, dass er einen Platz in der Elektriker-Kolonne bekommt. Abends kontrollierten die Wärter die Zellen, ob die Beleuchtung funktioniert. Wenn es etwas zu reparieren gab, schickten sie einen Elektriker aus der Arbeitsgruppe der Gefangenen. „Mit den Genossen waren wir uns einig, dass es gut wäre, wenn ein Genosse in die Elektriker-Kolonne käme, um den leidenden Einzelhäftlingen, insbesondere unseren jüdischen Genossen, solidarische Hilfe zu leisten. Da dachte ich an meinen Mitangeklagten, den jüdischen Freund Walter, der die Jahre auf Einzelhaft liegt, ohne jegliche Vergünstigung.“ Auf diese Weise gelang es ihm, seinem jüdischen Freund etwas zu essen in die Zelle zu schmuggeln.
Nach seiner Haft erhielt Emil Heitmann wieder eine Anstellung als Ingenieur bei „Röntgen-Müller“.
Im Herbst 1942 wurde er zur Wehrmacht einberufen, obwohl er zusammen mit vielen anderen NS-Gegnern aufgrund seiner politischen Vorstrafen als „wehrunwürdig“ galt. Diese Bestimmung wurde angesichts des Kriegsverlaufes aufgehoben. In geschlossenen Verbänden wie dem Bewährungsbataillon 999 (BB 999) sollten diese Männer in den Krieg ziehen. Sie wurden vor allem bei besonders gefährlichen Einsätzen, sogenannten Himmelfahrtkommandos, eingesetzt. Im Februar 1943 wurde Emil Heitmann zusammen mit vielen anderen politisch Verurteilten vom Hannoverschen Bahnhof in Hamburg zum Truppenübungsplatz Heuberg in Baden-Württemberg verbracht. Nach Einsätzen in Italien und Frankreich gelang es ihm, in Gefangenschaft bei US-amerikanischen Truppen zu kommen. Er engagierte sich dort beim „Komitee nationaler Antifaschisten“.
Nach dem Sieg der Alliierten kehrte er nach Hamburg zurück und nahm seine Arbeit bei „Röntgen-Müller“ wieder auf. Sein politisches Engagement blieb ungebrochen. Er engagierte sich in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und wurde Vorsitzender des Entnazifizierungsausschusses in seinem Betrieb. Emil Heitmann gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG). Maßgeblich war es seinem unermüdlichen Einsatz zu verdanken, dass die Gedenkstätte Plattenhaus in Poppenbüttel eingerichtet wurde. Er wollte die Erinnerung an die KZ-Häftlinge an seinem Wohnort Sasel stets wachhalten. Häufig wurde er als Zeitzeuge von Schulen und Jugendgruppen eingeladen, um über seine Erlebnisse in der NS-Zeit und seine Ansichten zur aktuellen Politik zu berichten. Die Moderatorin und Filmemacherin Lea Rosh benannte Emil Heitmanns Haltung für die Demokratie, gegen Faschismus und Neofaschismus zusammenfassend: „Emil ist unbeirrbar und felsenfest.“
Am 24. Juli 1995 verstarb Emil Heitmann im Alter von 82 Jahren.
Buchempfehlungen
Allgemein
- Stefan Romey: „Widerstand in Wandsbek 1933-1945“. Herausgegeben von der Bezirksversammlung Wandsbek. Zweite erweiterte Auflage. Hamburg 2021
- Stefan Romey und andere: „Wandsbek erinnert an 1933-1945. Wegweiser zu den Gedenkstätten“. Herausgegeben von der Bezirksversammlung Wandsbek. Zweite erweiterte Auflage. Hamburg 2022
Emil Heitmann
- Willy Klawe: „Im Übrigen herrscht Zucht und Ordnung…“. Zur Geschichte des Konzentrationslagers Wittmoor. Hamburg 1987
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