Ludwig Baumann wuchs in Hamburg als Sohn eines Tabakhändlers auf. Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, war er zwölf Jahre alt. In die Hitlerjugend trat er nicht ein. „Ich wollte da nicht mitmachen. Und das ging sehr wohl“, sagte er später. Er träumte von einem „normalen“ Leben. Seine Lehre als Maurer gefiel ihm. Er wollte ein Tiefbaustudium anschließen. Nach dem bestandenen Vorsemester musste er aber zum Reichsarbeitsarbeit (RAD) und wurde beim Deichbau in Ostpreußen eingesetzt. Dort schufteten auch polnische Zwangsarbeiter. Er fand diese sympathisch und konnte nicht verstehen, warum sie in der NS-Propaganda als „Untermenschen“ bezeichnet wurden. Nach dem RAD wurde er zur Kriegsmarine einberufen. Hier fiel er bereits in der Grundausbildung durch seine rebellische Art auf. So weigerte er sich, die Stiefel seiner Vorgesetzten zu putzen. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Frankreich wurde er nach Bordeaux versetzt und war dort Wachsoldat in einer Hafenkompanie. Mit dabei war Kurt Oldenburg, der auch aus Hamburg kam. Die beiden wurden enge Freunde. Sie lernten französische Hafenarbeiter kennen und hielten mit diesen Kontakt.
Ausgerechnet ein Propagandafilm der „Deutschen Wochenschau“ über das Verhalten der Wehrmacht in Russland und das massenweise Sterben der sowjetischen Kriegsgefangenen bewirkte, dass sich Ludwig Baumann und Kurt Oldenburg nicht an den Verbrechen im Krieg beteiligen wollten. Sie beschlossen zu desertieren und über Marokko nach Amerika zu fliehen. Es gelang ihnen nicht. Sie wurden verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt. Das Urteil lautete Todesstrafe. Zehn Monate lang saßen sie in der Todeszelle, ohne zu wissen, dass sie „zur Bewährung an der Front“ begnadigt worden waren. Zunächst wurde Ludwig Baumann in das KZ Esterwegen überstellt, von dort in das Wehrmachtsgefängnis Torgau und schließlich zum Bewährungsbataillon 500 an die Ostfront. Nur wenige überlebten solcherart Himmelfahrtskommando. Ludwig Baumann hatte „Glück“. Durch einen Schuss in die Schulter wurde er verletzt und kam ins Lazarett. Sein Freund Kurt Oldenburg hingegen starb Anfang 1945 als Soldat eines solchen Strafbataillons.
In den letzten Kriegstagen konnte sich Ludwig Baumann von seiner Truppe absetzen. Wenig später wurde er in russische Kriegsgefangenschaft genommen.
Als Ludwig Baumann danach zurück nach Hamburg kam, war er schwer traumatisiert. Als ehemaliger Deserteur galt er in der deutschen Nachkriegsgesellschaft als „Feigling“ und „Verräter“. Er wurde alkoholkrank. Seine Familie konnte er nur mühsam ernähren. Als seine Frau Waltraud bei der Geburt ihres sechsten Kindes starb, änderte Ludwig Baumann sein Leben von Grund auf und übernahm Verantwortung für sich und seine Kinder. Es gelang ihm, seine Suchtkrankheit zu überwinden.
Anfang der 1980er Jahre veränderte sich in Deutschland die Einstellung zur nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland. Ludwig engagierte sich fortan in der Friedensbewegung und wurde ein gefragter Redner. Er kämpfte für seine Anerkennung als NS-Verfolgter, die ihm bisher verwehrt wurde. 1990 gründete er mit anderen Überlebenden die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, um Wehrmachtsdeserteure zu rehabilitieren und Unrechtsurteile aufheben zu lassen. 1998 wurden mit dem Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege die meisten NS-Urteile aufgehoben, 2002 wurden auch die Deserteure rehabilitiert. Seitdem gilt Ludwig Baumann auch im juristischen Sinne nicht mehr als vorbestraft.
Es war ihm eine große Freude, als im Juli 2009 für seinen Freund Kurt Oldenburg ein Stolperstein in der Walddörferstraße in Hamburg verlegt wurde. Es war der erste Stolperstein für einen Wehrmachtsdeserteur.
Am 8. September 2016 enthüllte Ludwig Baumann im Neubaugebiet Jenfelder Au während einer Gedenkveranstaltung der Bezirksversammlung Wandsbek das Straßenschild für Kurt Oldenburg.
Seinen Kampf für den Frieden, für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen und besonders für die Rehabilitierung der Opfer der NS-Militärjustiz setzte Ludwig Baumann unermüdlich bis zu seinem Lebensende 2018 fort. In über 40 deutschen Städten war er an der Errichtung von Denkmälern für Deserteure beteiligt. So weihte er gemeinsam mit dem damaligen Bürgermeister Olaf Scholz den Gedenkort für Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz am Hamburger Stephansplatz ein.
Anlässlich seines 100. Geburtstages erfolgte am 13. Dezember 2021 auf Einladung der Bezirksversammlung Wandsbek die symbolische Benennung des Ludwig-Baumann-Parks in der Jenfelder Au. Andrè Schneider, Vorsitzender der Bezirksversammlung Wandsbek: „Mit dem Ludwig-Baumann-Park schaffen wir eine besondere Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft: Wir ehren einen Menschen, der selbst Opfer der NS-Militärjustiz wurde, sich für die Rehabilitierung seiner Schicksalsgenossen eingesetzt hat und erfolgreich war. Als gebürtigem Hamburger steht ihm der Dank der Stadt Hamburg für sein Engagement zu.“
Der Ludwig-Baumann-Park liegt in der Jenfelder Au in unmittelbarer Nähe zur Kurt-Oldenburg-Straße, eine gewollte Nähe zweier Freunde, die den Krieg und die Verbrechen der Nazis ablehnten.
Buchempfehlungen
Allgemein
- Stefan Romey: „Widerstand in Wandsbek 1933-1945“. Herausgegeben von der Bezirksversammlung Wandsbek. Zweite erweiterte Auflage. Hamburg 2021
- Stefan Romey und andere: „Wandsbek erinnert an 1933-1945. Wegweiser zu den Gedenkstätten“. Herausgegeben von der Bezirksversammlung Wandsbek. Zweite erweiterte Auflage. Hamburg 2022
Ludwig Baumann
- Ludwig Baumann: Niemals gegen das Gewissen. Plädoyer des letzten Wehrmachtsdeserteurs. Freiburg im Breisgau 2014
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