Nur knapp ein Prozent der Bevölkerung im Deutschen Reich war zu Beginn der Weimarer Republik jüdischen Glaubens. In Wandsbek war der Anteil jüdischer Bürger mit 0,7 Prozent noch geringer. Die Volkszählung 1925 ergab für Wandsbek und Umgebung 225 sogenannte Glaubensjuden. In der beruflichen Zusammensetzung überwogen Kaufleute und Einzelhändler neben Ärzten und Rechtsanwälten.
In der Weimarer Republik wurde Juden erstmals in Deutschland die vollständige staatsbürgerliche Gleichstellung zugesprochen. Einerseits gab es zu dieser Zeit ein unproblematisches Mit- und Nebeneinander, andererseits stieg der vorhandene Antisemitismus aufgrund des sozialen Elends und der politischen Unsicherheit stark an. Juden wurden zu Sündenböcken für die Kriegsniederlage, die wirtschaftliche Not und die Unruhen und Aufstände gemacht. Der Mythos von der „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“ gegen Deutschland wurde nationalistisch aufgeladen. Prominente politische Akteure wie die Sozialistin Rosa Luxemburg (1919), der Politiker der katholischen Zentrumspartei Matthias Erzberger (1921) und der jüdische Außenminister Walter Rathenau (1922), Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei, wurden von Rechtsradikalen ermordet. Mit Beginn der 1930er Jahre häuften sich Überfälle und Anschläge auf jüdische Bürger und Geschäfte, vorwiegend durchgeführt von der SA (Sturmabteilung der NSDAP). Es gab zahlreiche Terroranschläge von Nationalsozialisten gegen Synagogen und andere jüdische Einrichtungen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde der Antisemitismus nunmehr Staatsideologie. Mit systematisch
vorbereiteten Aktionen wie dem sogenannten Judenboykott bereits am 1. April 1933 gegen Geschäfte, Ärzte und Anwälte veränderte der NS-Staat das politische Klima grundlegend. Mit dem nationalsozialistischen „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 wurden jüdische und politisch missliebige Staatsbedienstete entlassen. Mit den sogenannten Nürnberger Gesetzen 1935 war es Juden und Nicht-Juden verboten zu heiraten. Sexuelle Beziehungen wurden unter Strafe gestellt. Es folgten immer schneller neue antijüdische Ausschlussbestimmungen. Kinos, Parkanlagen und Gaststätten durften von Juden nicht mehr betreten werden. Jüdisches Vermögen musste angemeldet werden, später sollte es eingezogen werden. Unternehmen, die jüdische Besitzer hatten, wurde durch Maßnahmen zur „Ausschaltung der Juden“ ihre Existenzgrundlage genommen. Sie wurden ohne Ausnahme „arisiert“.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam es zu einem groß angelegten Pogrom gegen jüdische Mitbürger im Deutschen Reich. Passend zu den geplanten Zerstörungen von Synagogen, Geschäften und Privathäusern wurde dieser massive Angriff zynisch „Reichskristallnacht“ genannt. Auch am Eingang der Wandsbeker Synagoge wurde Feuer gelegt, die Leichenhalle auf dem Wandsbeker Jüdischen Friedhof wurde verwüstet. Noch bestehende jüdische Unternehmen wie das Bekleidungsgeschäft „Geschwister Korn“ in der Lübecker Straße 1 (heute: Wandsbeker Markstraße 57) wurden demoliert. Juden wurden verhaftet und eingesperrt. Juden durften jetzt keinen Handel, kein Gewerbe und kein Handwerk mehr betreiben. Diskriminierungen und Verbote bestimmten das Alltagsleben der noch in Deutschland lebenden Juden. Viele flohen, so auch der Wandsbeker Rabbiner Simon Bamberger mit seiner Familie. Bereits vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges eskalierten die Verfolgungsmaßnahmen. Reisepässe von Juden wurden eingezogen, dadurch wurde die Ausreise erschwert. Ab 1.Januar 1939 mussten Juden Schmuck und Edelmetalle abliefern. Viele verarmten und hatten nicht mehr die Mittel, um ins Ausland zu gelangen. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde eine allgemeine Ausgangsbeschränkung für
Juden verordnet. Juden mussten ihre Radioapparate abliefern. Ihnen wurden die Telefonanschlüsse gekündigt. Zwangsweise mussten sie die jüdischen Vornamen Sara beziehungsweise Israel führen. Ab 1. September 1940 wurden sie gezwungen, den „Gelben Stern“ zu tragen. Juden mussten „arische“ Wohnhäuser verlassen und wurden in sogenannten Judenhäusern zusammengepfercht. Ab Oktober 1940 begannen Massendeportationen in den Osten. Nach der sogenannten Wannseekonferenz im Januar 1942 wurde der begonnene Holocaust auf die gesamte jüdische Bevölkerung in den von der deutschen Wehrmacht eroberten und beherrschten Ländern Europas erweitert.
Viele Wandsbeker Juden emigrierten aufgrund der erlittenen Verfolgungsmaßnahmen. Andere konnten nicht mehr rechtzeitig fliehen. Mindestens hundert Wandsbeker Gemeindemitglieder wurden seit 1941 in die nationalsozialistischen Vernichtungslager deportiert. Die jüdische Gemeinde und Kultur in Wandsbek wurden vollständig zerstört. Erst Jahrzehnte später wurde die Geschichte der Jüdischen Gemeinde Wandsbek aufgearbeitet.
Der Gedenkstein für die ehemalige Wandsbeker Synagoge wurde 50 Jahre nach der Reichspogromnacht 1988 durch das Bezirksamt Wandsbek und die Bezirksversammlung Wandsbek eingeweiht. Als Schlusssatz ist dort zu lesen:
„ACHTE ALLZEIT GLAUBEN UND DENKEN ANDERER“.
Buchempfehlungen
Allgemein
- Stefan Romey: „Widerstand in Wandsbek 1933-1945“. Herausgegeben von der Bezirksversammlung Wandsbek. Zweite erweiterte Auflage. Hamburg 2021
- Stefan Romey und andere: „Wandsbek erinnert an 1933-1945. Wegweiser zu den Gedenkstätten“. Herausgegeben von der Bezirksversammlung Wandsbek. Zweite erweiterte Auflage. Hamburg 2022
Simon Bamberger
- Astrid Louven: Die Juden in Wandsbek 1604 – 1940. Spuren der Erinnerung. Hamburg 1991
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