In der Zeit des Nationalsozialismus wurden auf dem Gelände des 1904 eröffneten Versorgungsheims Farmsen über zweitausend Hilfsbedürftige größtenteils zwangsweise untergebracht. Diese Menschen wurden als „asozial“ bezeichnet, weil sie obdachlos, arm, arbeitslos, strafentlassen, süchtig waren oder als „sittenlos“ galten. Die meisten der Insassen wurden entmündigt und verloren somit ihre persönlichen Rechte. Gegen weit über tausend von ihnen wurden von ihren Vormündern wie Dr. Käthe Petersen Zwangssterilisationen veranlasst, da sie nach deren Meinung schwachsinnig oder minderwertig wären. Der Anstaltsarzt Dr. Hans Buchta war „fast ausschließlich mit erb- und rassehygienischen Aufgaben“ beschäftigt. Auch Wanda Hoffmann gehörte zu deren Opfern.
Das Versorgungsheim Farmsen entwickelte sich mehr und mehr zu einem Arbeitshaus. Die von der Verwaltung als arbeitsfähig eingestuften Insassen mussten Zwangsarbeit leisten. Das Versorgungsheim Farmsen verfügte hierfür über verschiedene eigene Betriebe wie eine Gärtnerei, eine Dampfwäscherei, eine Schneiderei, eine Tütenkleberei, eine Wergzupferei (alte Taue wurden zur Weiterverwendung aufgedröselt), eine Schlachterei und eine Bäckerei sowie über 300 Hektar Landwirtschaft. Dr. Käthe Petersen, leitend in der Hamburger Fürsorgebehörde tätig, formulierte 1938 die Ziele der zwangsweisen Unterbringung und der Zwangsarbeit im Versorgungsheim Farmsen: „Die Notwendigkeit einer solchen Anstaltsunterbringung entspringt dem Bedürfnis, diese Personen (Berufsverbrecher, Landstreicher, Zuhälter, Dirnen, Rauschgiftsüchtige und so weiter) daran zu hindern, weiterhin die Volksgemeinschaft zu schädigen. Die Bewahrung hat das Ziel, diese gemeinschaftsschädlichen Personen aus der Volksgemeinschaft zu asylieren und den Versuch zu machen, sie nach ihren Kräften zu nützlicher Arbeit anzuhalten und nach Möglichkeit zur zuchtvollen Einordnung in die Volksgemeinschaft.“ Um diese Ziele umzusetzen, wurden mehr und mehr geschlossene Stationen geschaffen. Das Versorgungsheim war von einem hohen Zaun umgeben. Die Insassen mussten Anstaltskleidung tragen. Fluchtversuche wurden durch vergitterte Fenster und metallbeschlagene Türen erschwert. Bei Arbeitsverweigerung kam es zu Essensentzug, bei Flucht zu Arrest, zu Isolierhaft bei wiederholten Fluchtversuchen. Wer sich ständig dem Arbeitszwang verweigerte, konnte in ein Konzentrationslager eingewiesen werden.
Zeitweise waren auch Jüdinnen und Juden im Versorgungsheim Farmsen untergebracht. Diese wurden wie Wanda Hoffmann in die Anstalt Langenhorn verlegt und mit weiteren Menschen aus anderen norddeutschen Anstalten am 23. September 1940 in die Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel verbracht. Dort wurden sie noch am selben Tag durch Giftgas ermordet. Auch andere – zumeist arbeitsunfähige oder sozial auffällige – Insassen des Versorgungsheims Farmsen wurden ab 1940 über die Sammelanstalt Langenhorn in die Mordanstalten der „Euthanasie“ wie nach Meseritz-Obrawalde in der Provinz Posen (heute: Międzyrzecz in Polen) verschleppt und dort ermordet.
Die Verbrechen im Versorgungsheim Farmsen wurden nach dem Ende des NS-Regimes nicht als nationalsozialistisches Unrecht gesehen, eingestuft und gesühnt. Viele der damals Verantwortlichen blieben in ihren Ämtern. Der Direktor des Versorgungsheims Farmsen Georg Steigertahl wurde – ebenso wie Dr. Käthe Petersen – als „entlastet“ entnazifiziert und blieb in seinem Amt als Direktor der Hamburger Wohlfahrtsanstalten bis zu seiner Pensionierung. Bemühungen der im Versorgungsheim Farmsen zwangsweise Untergebrachten entlassen und wieder bemündigt zu werden, scheiterten auch nach 1945. Weder die britische Besatzungsbehörde noch die neuen Hamburger Gesundheitssenatoren nach der NS-Zeit beachteten ihre Beschwerden. Stattdessen verließen sie sich auf die Angaben der ehemals Verantwortlichen. Dr. Käthe Petersen argumentierte ohne jede Reue. Sie gab an, dass die Insassen wegen „Arbeitsverweigerung“, „unsolidem Lebenswandel“ und „heimlicher Prostitution“ nach Farmsen gekommen wären. Sie bedürften auch in der Nachkriegszeit weiterhin „dringend der Erziehung zur ordentlichen Lebensführung“. Petersen arbeitete erneut als Sammelvormund. Zwang statt Hilfe bestimmte immer noch ihre Einstellung. Petersen wurde als Leiterin des Landesfürsorgeamtes in den 1950er Jahren zur Leitenden Regierungsdirektorin befördert. Sie engagierte sich an der Entwicklung des bundesdeutschen Sozialhilferechts. Der Abschnitt „Gefährdetenfürsorge“ im Bundessozialhilfegesetz (BSHG) wurde von ihr konzeptioniert. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen erhielt sie 1973 das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einrichtung für psychisch kranke Erwachsene im Stadtteil Hummelsbüttel wurde nach ihr benannt. Erst nach massiven Protesten der Beschäftigten wurde das Heim umbenannt.
Die Bezirksversammlung Wandsbek bemüht sich seit vielen Jahren um ein öffentliches Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Sozialpolitik, die im ehemaligen Versorgungsheim Farmsen eingesperrt waren. Ziel ist, auf dem Gelände einen Gedenk-, Lern- und Begegnungsort beim ehemaligen Wasserturm zu schaffen.
Buchempfehlungen
Allgemein
- Stefan Romey: „Widerstand in Wandsbek 1933-1945“. Herausgegeben von der Bezirksversammlung Wandsbek. Zweite erweiterte Auflage. Hamburg 2021
- Stefan Romey und andere: „Wandsbek erinnert an 1933-1945. Wegweiser zu den Gedenkstätten“. Herausgegeben von der Bezirksversammlung Wandsbek. Zweite erweiterte Auflage. Hamburg 2022
Wanda Hoffmann
Timo Berlinghoff / Nadine Beck und andere: 400 Jahre Pflegen & Wohnen Hamburg. München 2018
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