18. November 2025

Senatsempfang zu 150 Jahre Allgemeine Deutsche Schiffszimmerergenossenschaft

18. November 2025

Rede des Ersten Bürgermeisters Dr. Peter Tschentscher im Rathaus. Es gilt das gesprochene Wort.

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Bürgermeisters Dr. Peter Tschentscher im Rathaus
Bürgermeisters Dr. Peter Tschentscher im Rathaus Senatskanzlei

Sehr geehrter Herr Saß,
sehr geehrter Herr Brügmann, 
sehr geehrter Herr Breitner, 
sehr geehrte Damen und Herren,

herzlich willkommen zum Senatsempfang anlässlich des 150. Jubiläums der Schiffszimmerer-Genossenschaft.

Die Genossenschaft ist nach Ihrer langen Geschichte heute fest dem Thema „gutes und bezahlbares Wohnen“ verbunden. Doch das ursprüngliche Ziel ihrer Gründung war ein anderes.

Die Gründung der Schiffszimmerer-Genossenschaft fiel in eine Zeit des Wandels in der Schifffahrt. Mit Kohle betriebene Dampfschiffe aus Eisen ersetzten damals schrittweise die seit Jahrhunderten üblichen Großsegelschiffe aus Holz. 

Das Wandbild hinter mir zeigt diese Transformationsphase in der Schiffstechnik mit einem beeindruckenden Blick in den Hamburger Hafen. Die schnelleren und leistungsfähigeren Dampfschiffe ließen die Welt zusammenrücken. Sie revolutionierten den Handel und die Kommunikation über Ländergrenzen und Kontinente hinweg. 

Doch für die Schiffszimmerer bedeutete diese Entwicklung eine Bedrohung für ihre berufliche Zukunft und die Sicherung ihres Lebensunterhalts. Aufträge wurden knapp, und um dem Verfall ihrer Löhne entgegenzuwirken, nahmen sie ihr Schicksal selbst in die Hand, gründeten eine Genossenschaft und bauten eine eigene Schiffswerft auf, wo sie auf eigene Rechnung arbeiten konnten.

Was die Initiatoren bewegte, beschrieb der Gründer Heinrich Grosz in seinem Buch über die „Geschichte der Schiffszimmerer“ so:

„Die Gründung dieser Genossenschaft ist lediglich aus Begeisterung erfolgt, um den Schiffszimmerleuten in Deutschland in dem ihnen aufgedrungenen wirtschaftlichen Kampfe in der Not mit außerordentlichen Mitteln zu Hilfe zu eilen.“

Dabei galt auch schon damals der Grundsatz: Arbeiten und Wohnen gehören zusammen. Und nachdem im Zuge der Industrialisierung immer mehr Menschen in die Großstädte und auch nach Hamburg zogen, waren die Wohnverhältnisse prekär.

Um auch dieses Problem mit Solidarität und Gemeinschaftssinn anzugehen, änderten die Schiffszimmerer 1889 die Satzung ihrer Genossenschaft so, dass der Unternehmenszweck auf den Ankauf von Grundstücken erweitert wurde, mit denen auch der Erwerb und Bau von Wohnungen möglich war.

1890 kaufte die Genossenschaft auf St. Pauli ihre ersten beiden Häuser in der Talstraße und in der Erichstraße. Sie sind bis heute in ihrem Besitz. Zehn Jahre später folgte der erste eigene Bau mit 136 Wohnungen in der Neustadt - mit Licht, Luft und Sonne, so wie es die damalige Wohnreform-Bewegung forderte. Die Wohnungen hatten Balkone und Bäder – ein Novum, was der heutigen Wohnanlage „Gebhardhof“ im Volksmund die Bezeichnung „Arbeiterschloss“ einbrachte. 

Während die Zeit über den Bau großer Holzschiffe hinweggegangen ist, hat sich der genossenschaftliche Bau und die Nutzung von Wohnungen zu einem Erfolgsmodell entwickelt.

Heute ist jede fünfte Mietwohnung in Hamburg in Genossenschaftseigentum, das sind über 135.000 Wohnungen. 

Die Schiffszimmerer-Genossenschaft ist dabei nicht nur Hamburgs älteste Wohnungsbau-Genossenschaft, sondern auch eine der größten. Mit fast 17.000 Mitgliedern und gut 9.000 Wohnungen in Hamburg und Umgebung bietet sie vielen Hamburgerinnen und Hamburgern ein bezahlbares und lebenswertes Zuhause.

Mit einer durchschnittlichen Netto-Kaltmiete – bzw. Nutzungsgebühr - von weniger als 8 Euro pro Quadratmeter liegen die Preise der Schiffszimmerer-Genossenschaft deutlich unter dem Mietspiegel. 

Die Genossenschaft kümmert sich um alles, was zum Wohnen dazugehört: Generationengerechte Grundrisse und barrierefreie bzw. barrierearme Gebäude, ambulante Versorgungsdienste und eine lebendige Nachbarschaft. Quartiersvertreter und andere Freiwillige organisieren Quartiersfeste und Angebote der Freizeitgestaltung. 

Das Sommerfest zum 150. Jubiläum der Genossenschaft im Schuppen 52 war ein besonderes Ereignis, über das wir gleich noch einen Film sehen. Dieses Engagement fördert den Zusammenhalt in den Quartieren und die gute Nachbarschaft, was in Zeiten zahlreicher Krisen, sozialer Belastungen und gesellschaftlicher Konflikte eine große Bedeutung hat. 

Sehr geehrte Damen und Herren, 

in den 150 Jahren ihres Bestehens hat die Schiffszimmerer-Genossenschaft in Hamburg und im Hamburger Umland Wohnraum geschaffen, der über Generationen hinweg vielen Menschen eine hohe Lebensqualität gesichert und der die Stadtentwicklung mitgeprägt hat. 

Von der Bauhaus-Architektur der 1920er Jahre bis zu innovativen urbanen Quartieren in der heutigen HafenCity, wo die Genossenschaft zu ihren Ursprüngen in die Nähe des Hafens und der Elbe zurückgekehrt ist.

Die Schiffszimmerer sind gemeinsam mit anderen Wohnungsbau-Genossenschaften und dem VNW wichtige Partner im „Hamburger Bündnis für das Wohnen“, das deutschlandweit Vorbildcharakter hat. 

Im Schulterschluss haben wir es seit 2012 geschafft, über 100.000 neue Wohnungen in Hamburg zu bauen und nach dem bundesweiten starken Einbruch des Wohnungsbaus im Jahr 2024 wieder einen Anstieg der Fertigstellungszahlen auf über 8.000 Wohneinheiten zu erreichen.

Auch in den kommenden Jahren müssen wir uns den schwierigen Bedingungen für den Wohnungsbau in Deutschland entgegenstellen.

Mit dem Hamburg-Standard setzen wir neue Maßstäbe für bezahlbares Bauen und Wohnen. Mit umfassender Wohnraumförderung und Förderbarwerten von vielen Hundert Millionen Euro pro Jahr unterstützt der Senat den Bau und die Sanierung bezahlbarer Wohnungen in Hamburg.

Die Schiffszimmerergenossenschaft verwirklicht schon lange ökologisches Bauen – mit Niedrigenergiehäusern, Dachbegrünung und Blockheizkraftwerken. 

2024 hat die Genossenschaft über 20 Mio. Euro in die Instandhaltung und Instandsetzung von Wohnanlagen investiert und rund 2,6 Mio. Euro für die energetische Modernisierung eingesetzt.

Im Grunde macht sie damit genau das, was wir für die Erreichung der Klimaziele unserer Stadt benötigen. Der sogenannte Hamburger Zukunftsentscheid hat die Erwartungshaltung zur klimafreundlichen Transformation des Gebäudebestandes noch einmal erhöht.

Doch der Klimaentscheid hat nicht nur das Ziel der Klimaneutralität Hamburgs von 2045 auf 2040 vorgezogen, er hat zugleich festgelegt, dass die dafür ergriffenen Maßnahmen sozialverträglich sein müssen.

„Jetzt wird Klimaschutz bezahlbar“ war ein zentraler Slogan der Kampagne der Initiatoren, und darauf werden wir in den kommenden Jahren achten, damit der Volksentscheid auch so umgesetzt wird, wie er formuliert war, und sich niemand getäuscht fühlt von dem, was ihm zur Entscheidung vorgelegt wurde. 

Doch wir haben unabhängig davon noch ein zweites Thema, auf das wir achten müssen: Die Neufassung der EU-Gebäuderichtlinie (EPBD), die zahlreiche Neuerungen enthält und bis Mai 2026 in nationales Recht umgesetzt werden muss.

Auch dabei drängen wir gegenüber dem Bund darauf, dass die Grundsätze beachtet werden, die wir zur energetischen Sanierung des Hamburger Gebäudebestandes mit umfassenden Erhebungen und fundierten fachlichen Gutachten aufgestellt haben:

Die Schritte müssen so erfolgen, dass die vorhandenen Ressourcen für den Neubau und die Sanierung des Bestandes optimal eingesetzt werden – optimal im Sinne des Klimaschutzes und der Sozialverträglichkeit, also in diesem Fall der Bezahlbarkeit der Mieten. 

Für diesen Kurs brauchen wir die politische Unterstützung und die umfassende Erfahrung der Wohnungswirtschaft und der Wohnungsbaugenossenschaften, die wie die Allgemeine Deutsche Schiffszimmerer-Genossenschaft seit 150 Jahren dafür sorgen, dass die Menschen ein sicheres, bezahlbares, gutes Zuhause haben – eine Heimat, um es poetisch zu sagen.

Die Geschichte der Genossenschaften zeigt, dass man den großen Anforderungen der jeweiligen Zeit am besten mit Tatkraft und Entschlossenheit, mit Solidarität und Zusammenhalt begegnen kann.

Mit anderen Worten: Die Schiffszimmerer waren überzeugt:

„Gemeinsam sind wir stark – stärker als die Zeit.“

Ich gratuliere der Schiffszimmerer-Genossenschaft im Namen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg sehr herzlich zum 150-jährigen Jubiläum und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und alles Gute. 

Vielen Dank.

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