Sehr geehrter Präsident des Europäischen Rates, Herr António Costa,
sehr geehrte Bundeskanzlerin a. D., Frau Dr. Merkel,
sehr geehrte Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche,
Frau Bischöfin Fehrs, und Herr Erzbischof Heße,
Leiterinnen und Leiter der konsularischen Vertretungen,
Mitglieder des Europäischen Parlaments,
des Deutschen Bundestags und der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrter Ehrenbürger Prof. Neumeier,
sehr geehrte Damen und Herren,
herzlich willkommen zum Matthiae-Mahl 2026!
Als Dank für die gute Zusammenarbeit lädt die Stadt seit 670 Jahren zum Matthiae Mahl „wohlgesonnene Mächte“ ein. Heute würden wir sagen: Freunde und Partner.
Der Ursprung dieser Tradition liegt im Jahr 1356, in der Blütezeit der Hanse. Der Matthiae-Tag am 24. Februar war der Beginn des Geschäftsjahres der Kaufleute und damit ein guter Zeitpunkt, bestehende Kontakte zu pflegen und neue Verbindungen zu knüpfen oder – um es mit den Worten von Donald Trump zu sagen – neue Deals einzufädeln.
Doch die Mission der Hanse ging weit über den eigenen Profit hinaus: Das damals geschlossene Bündnis der Städte und Kaufleute beruhte auf einvernehmlichen Regeln, gemeinsamen Gremien, einer akzeptierten Gerichtsbarkeit und einer Sicherheitspartnerschaft. Dahinter stand die Überzeugung, dass Wohlstand und Sicherheit, Frieden und Freiheit am besten in einer starken Gemeinschaft mit gleichgesinnten Partnern erreicht werden können.
Genau dieser Gedanke liegt der Europäischen Union zu Grunde, die unter der Überschrift „Souveränität Europas in der geopolitischen Zeitenwende“ das Thema des heutigen Matthiae Mahls ist.
Die Europäische Union vereint 450 Millionen Menschen in 27 Mitgliedsstaaten und bildet nach den USA den zweitgrößten Wirtschaftsraum der Welt.
Ihre Bedeutung für Deutschland und Hamburg wird umso größer, je offensiver und unfreundlicher die großen Mächte der Welt – China, Russland, die USA – ihre eigenen Interessen in den Vordergrund stellen.
Wir haben heute zwei Ehrengäste mit außerordentlicher politischer Erfahrung auf nationaler und internationaler Ebene, die uns in einer komplexen geopolitischen Lage Einordnung und Orientierung geben können.
Bitte begrüßen Sie noch einmal sehr herzlich
- den Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa und
- die langjährige Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Angela Merkel.
Angela Merkel hat unser Land über 16 Jahre in dem bedeutendsten und schwierigsten politischen Amt der Bundesrepublik Deutschland durch schwere Krisen geführt. Dazu gehören die europäische Staatsschuldenkrise, die Flüchtlingsbewegungen ab 2015 und die Corona-Pandemie.
In ihre Amtszeit fiel auch die erste Präsidentschaft von Donald Trump, der seit dem 20. Januar 2025 in seiner zweiten Amtszeit Vieles in Frage stellt, worauf wir uns in den letzten Jahrzehnten der transatlantischen Partnerschaft verlassen haben.
Sehr geehrte Frau Merkel,
vielen Dank, dass Sie die Einladung des Senats zum Matthiae Mahl nach 2009 und 2016 zum dritten Mal angenommen haben, diesmal befreit von der staatspolitischen Verantwortung des Amtes, so dass Sie Ihren Gedanken freien Lauf und uns daran teilhaben lassen können.
Lieber António Costa,
Sie sind seit dem 1. Dezember 2024 Präsident des Europäischen Rates. Sie leiten die gemeinsame Arbeit der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union, arbeiten mit internationalen Partnern zusammen und legen Gewicht auf eine Stärkung der europäischen Verteidigungsfähigkeit und unserer gemeinsamen wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit.
Als früherer Premierminister Portugals und langjähriger Bürgermeister von Lissabon stützen Sie sich dabei auf Ihre umfassende politische Erfahrung auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene.
Sehr geehrter Herr Ratspräsident,
Sie waren zuletzt im April 2025 zu einem mehrtägigen Besuch in Hamburg, um sich über Themen der Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie zu informieren. Vielen Dank, dass Sie uns heute beim Matthiae Mahl die Ehre geben.
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Freie und Hansestadt Hamburg sieht sich in einer ihr durch Geschichte und Lage zugewiesenen besonderen Verantwortung gegenüber Deutschland und Europa. So steht es in der Präambel unserer Verfassung.
Als Welthafenstadt will Hamburg im Geiste des Friedens eine Mittlerin zwischen allen Erdteilen und Völkern der Welt sein und seinen Beitrag leisten zu einer starken und demokratischen Europäischen Union.
Mit anderen Worten: Hamburg hat nicht nur Interesse an einem starken, souveränen Europa, sondern ist auch bereit, seine Kompetenzen und Stärken einzubringen.
Gemeinsam mit Rotterdam und Antwerpen dient unser Hafen der Versorgung von 500 Millionen Europäerinnen und Europäern und der logistischen Anbindung unserer Wirtschaft an die internationalen Märkte. Produkte „Made in Europe“ werden von hier aus in alle Welt transportiert. Hamburgs Wirtschaft ist gekennzeichnet durch einen breiten Branchenmix mit einer starken industriellen Komponente. Unsere globalen Verbindungen machen unsere Stadt und damit auch Europa stark.
Hamburg ist in Deutschland das Bundesland mit der höchsten Wirtschaftsleistung pro Einwohner und gehört zu den zehn wirtschaftsstärksten Regionen Europas. Das BIP pro Kopf beträgt rund 85.000 € pro Einwohner und ist damit so hoch wie in Singapur.
Aber, um zu hanseatischer Bescheidenheit und kaufmännischem Risikobewusstsein zurückzukommen: Mit ihrem hohen Grad an internationaler Verflechtung ist unsere Wirtschaft auch empfindlich für geopolitische Krisen, Schwankungen der Weltwirtschaft und Störungen der Lieferketten.
Wir spüren jede Sanktion, Blockade oder Handelsbarriere, die aus politischen, militärischen oder protektionistischen Gründen verhängt wird.
Um nicht missverstanden zu werden: Es gibt viele gute Gründe und Notwendigkeiten, wirtschaftliche Beziehungen mit politischen und strategischen Interessen in Einklang zu bringen.
Es gibt sogar das hanseatische Prinzip Ehrbarer Kaufleute, das jedes Geschäftsmodell und jede wirtschaftliche Beziehung auch an moralischen Maßstäben der Fairness und Nachhaltigkeit beurteilt. Aber es gibt eben auch die eindeutige Jahrhunderte alte Erfahrung, dass freier Handel auf Augenhöhe zu Wertschöpfung, wirtschaftlicher Entwicklung und Wohlstand aller Beteiligten beiträgt.
Deswegen liebt man in Hamburg den internationalen Handel und die Freihandelsabkommen der Europäischen Union.
Gerade in Zeiten eines verschärften Wettbewerbs zwischen den großen Wirtschaftsmächten der Welt und der Notwendigkeit der Diversifizierung und Vermeidung kritischer Abhängigkeiten sind sie ein wichtiges Instrument, um Europas Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
Deshalb freue ich mich, dass die Europäische Kommission darauf drängt, das Mercosur-Abkommen nach langen Jahren der Verhandlungen jetzt auch tatsächlich in Kraft zu setzen und dass weitere Abkommen wie zum Beispiel mit Indien geschlossen werden.
Was wir nicht so gerne mögen, sind protektionistische Tendenzen und die aktuelle US-Zollpolitik.
Die USA gehören neben China zu unseren wichtigsten Handelspartnern: Mehr als die Hälfte der norddeutschen Betriebe exportieren Waren in die USA, jeder fünfte bezieht Güter von dort.
Nach den Zollbeschränkungen der neuen US-Administration verzeichnete Hamburgs Wirtschaft in den ersten drei Quartalen 2025 bei den Exporten in die USA einen Einbruch von über 60 Prozent. Das ist ein echter Schlag ins Kontor.
Zugleich zeigt die Handelsstatistik aber noch etwas anderes, das im positiven Sinne bemerkenswert ist: Obwohl die US-Exporte der Hamburger Wirtschaft um über 60 Prozent gesunken sind, sind ihre Exporte insgesamt sogar gestiegen.
Das bedeutet, den Hamburger Unternehmen ist es gelungen, den Einbruch im US-Geschäft mit höheren Exporten in andere Länder sogar mehr als zu kompensieren. Das bezieht sich auf alle anderen Kontinente. Die Exporte nach Asien, nach Afrika, nach Australien und vor allem in andere europäische Länder sind deutlich gestiegen.
Das ist auch eine gute Botschaft für Europa: Wir sind bereit und in der Lage, unsere Außenwirtschaft durch neue Handelsabkommen zu diversifizieren und uns neben China und den USA neue Märkte und starke Partner zu erschließen.
Wir brauchen verlässliche Partnerschaften und breit aufgestellte ökonomische Beziehungen, um globalen Handelskonflikten standhalten zu können und Europas Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität zu stärken.
Und genau das ist in der geopolitischen Zeitenwende, wie es Bundeskanzler Scholz nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine formuliert hat, auch notwendig.
Kanadas Premierminister Mark Carney hat es in einer sehr beachteten und viel zitierten Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos auf den Punkt gebracht. „Wir wissen“, sagt er, „dass die alte Ordnung nicht zurückkehren wird. Wir sollten ihr nicht nachtrauern. Nostalgie ist keine Strategie. Aber wir glauben, dass wir aus diesem Bruch etwas Besseres, Stärkeres und Gerechteres aufbauen können.“
Bei dieser Gelegenheit möchte ich sehr herzlich Herrn Pierre Poilièvre begrüßen, Mitglied des kanadischen Parlaments und Vorsitzender der Fraktion der Conservative Party of Canada.
Sehr geehrter Herr Poilièvre,
vielen Dank, dass Sie heute als Gast bei uns sind. Bereichern Sie die internationale Politik weiter mit dem Spirit Kanadas und legen Sie ein gutes Wort für Hamburg ein.
Wir würden Sie gerne begleiten auf Ihrem Weg zur Energy Super Power, den wir auf unserer Delegationsreise nach Quebec, Neufundland und Labrador kennengelernt haben und auf dem wir uns mit Kooperationsprojekten im Bereich der Erneuerbaren Energien gerne einbringen würden.
Das Freihandelsabkommen und die Partnerschaft mit Kanada sind ein gutes Beispiel dafür, wie Europa seinen Weg in die Zukunft gestalten kann.
Mit starken Partnern und auf Augenhöhe.
Mit verlässlichen und vertrauenswürdigen Partnern, die unsere Werte von Demokratie und Freiheit teilen, die im Vertrag von Lissabon beschrieben sind, der am 13. Dezember 2007 unterschrieben wurde, als Angela Merkel Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland und Antonio Costa Bürgermeister von Lissabon war.
Herzlichen Dank, dass Sie heute unsere Ehrengäste sind.
Wir sind gespannt auf Ihre Reden und freuen uns auf anregende Gespräche und einen schönen Abend zum Matthiae Mahl 2026.
Herzlichen Dank.