11. September 2026

Verleihung des Siegfried Lenz Preises an Norbert Gstrein

11. September 2026

Rede des Ersten Bürgermeisters Dr. Peter Tschentscher. Es gilt das gesprochene Wort.

  • Senatskanzlei
Laudator Daniel Kehlmann, Bürgermeister Tschentscher, Preisträger Norbert Gstrein, Günter Berg, Vorstand Siegfried Lenz Stiftung (v. l. n. r.).
Senatskanzlei

Sehr geehrter Herr Gstrein,
Herr Berg,
Her Kehlmann,
Herr Staatssekretär,
Mitglieder des Konsularischen Korps,
Frau Ehrenbürgerin,
Herr Ehrenbürger,
sehr geehrte Damen und Herren,

herzlich willkommen im Hamburger Rathaus zur Verleihung des Siegfried Lenz Preises 2026.

Der Preis wurde 2014, also vor zwölf Jahren, zum ersten Mal verliehen und gehört zu den bedeutendsten und höchstdotierten Literaturpreisen in Deutschland, auch wenn seine Geschichte noch jung ist. Mit dem Preis zeichnet die Stiftung alle zwei Jahre international bedeutende Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus, deren Wirken dem Geist von Siegfried Lenz nah ist.

Sechs Autorinnen und Autoren haben ihn bisher erhalten:

  • Die irische Schriftstellerin Claire Keegan,
  • die US-amerikanische Autorin Elizabeth Strout,
  • die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja, die mittlerweile in Berlin lebt,
  • der US-amerikanische Autor Richard Ford,
  • der britische Schriftsteller Julian Barnes
  • und der 2018 verstorbene israelische Autor Amos Oz.

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Werk von Siegfried Lenz ist geprägt von gesellschaftspolitischen Themen. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Zivilisationsbruch der Nationalsozialisten setzte der gebürtige Ostpreuße auf Vernunft, Aufklärung und Humanität.

Er suchte das Maßvolle, das Verbindende und Verbindliche. In seinen Werken verknüpfte er – meist in einem zurückhaltenden und nachdenklichen Ton – menschliche Schicksale mit den großen Fragen der Gesellschaft.

Diesen Weg schlägt auch Norbert Gstrein mit seinen Werken ein.

Die Jury des Siegfried Lenz Preises beschreibt seinen Stil so: „Sein rund 20 Romane und Essays umfassendes Werk kreist um große erkenntnistheoretische und moralische Fragen.
Es geht um ‚Identität‘, ‚Wahrheit‘ und ‚Schuld‘.“ Gstreins Prosa handele vom Nicht-Auslotbaren, Nicht-Fixierbaren des Lebens im Kontext der historischen Zerwürfnisse des 20. und 21. Jahrhunderts.

Er selbst sagt über seine Themen: „Es gibt zwei Dinge, die für einen Schriftsteller von Interesse sein können: die Welt und das Ich – und in Folge natürlich alles, was zwischen der Welt und dem Ich stattfindet.“

Siegfried Lenz und Norbert Gstrein verbindet die Überzeugung, dass die Vergangenheit ein Teil der Gegenwart ist. Beide zeigen in ihrer Literatur, wie der Lauf der Welt Entwicklungen von Personen beeinflusst, und wie Kriege, Krisen und politische Gewalt den individuellen Lebensweg prägen.

Ihre Figuren sind keine Helden, sondern Menschen, die mit Fragen der Schuld und Loyalität oder mit Identitätskrisen ringen und deren Entscheidungen oft moralisch ambivalent sind.

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Vielfalt der Perspektiven und literarischen Formen gilt als charakteristisch für das Werk von Siegfried Lenz, dessen 100. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern.

Im März widmete sich das stadtweite Literaturfestival unserem Ehrenbürger unter dem Titel „Hamburg liest Lenz“. In über 35 Lesungen, Ausstellungen, musikalischen Inszenierungen, Stadtrundgängen und Filmvorführungen wurden Stationen aus dem Leben des Autors nachgezeichnet und sein Werk erlebbar gemacht. Eine Comic-Ausstellung im Foyer des Rathauses zeichnete Stationen seines Lebens nach.

Auch die heutige Preisverleihung steht im Zeichen des 100. Geburtstags von Siegfried Lenz, der als Autor die deutsche Gegenwartsliteratur entscheidend mitgeprägt hat.

Sehr geehrter Herr Gstrein,

die Jury des Siegfried Lenz Preises bezeichnet Sie als „großen europäischen Erzähler“, der „eigenständig an die Literatur der klassischen Moderne anknüpft und deren Motive und Themen konsequent weiterentwickelt“.

Sie haben an vielen Orten gelebt, recherchiert und gearbeitet, darunter in Ihrer Heimat Tirol, in Wien und Paris, in der Schweiz, Kroatien und Kalifornien.

Seit 26 Jahren wohnen Sie in Hamburg. In einem Interview vor einigen Jahren sagten Sie, dass Sie in Hamburg ungestört und anonym Ihrer literarischen Arbeit nachgehen könnten. Sie seien hier „fremd genug“.

Als Bürgermeister darf ich Ihnen sagen: Sie sind uns in Hamburg herzlich willkommen – nicht zuletzt, weil eine gewisse nüchterne Distanz zur hanseatischen Lebensart gehört.

Im Namen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg danke ich der Siegfried Lenz Stiftung für die heutige Veranstaltung und ihr Engagement in der Literaturförderung und ich danke der Jury des Siegfried Lenz Preises für ihre Arbeit und die sorgfältige Auswahl des Preisträgers.

Ihnen, Herr Gstrein, gratuliere ich zum Siegfried Lenz Preis 2026. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg für Ihre literarische Arbeit und auch persönlich alles Gute.

Herzlichen Dank.

Zum Weiterlesen

Portrait Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher
Senatskanzlei Hamburg / Jan Pries

21. September 2026 Jahresdinner des Konsularischen Korps

Rede des Ersten Bürgermeisters Dr. Peter Tschentscher beim Jahresdinner des Konsularischen Korps.

21. September 2026
Sara Wickström (Mitte) zeigt die Auszeichnung. Daneben Patrick Cramer, Eva Nemela, beide Körber-Stiftung, Bürgermeister Tschentscher, Thomas Paulsen, Körber Stiftung (v. l. n. r.).
Senatskanzlei

18. September 2026 Preisverleihung der Körber-Stiftung 2026

Rede des Ersten Bürgermeisters Dr. Peter Tschentscher bei der Verleihung des Körber-Preises für die Europäische Wissenschaft an Sara Wickström.

18. September 2026
Eine Stabkerze brennt.
IMAGO / Martin Wagner

10. September 2026 Trauerfeier für Klaus-Michael Kühne

Rede des Ersten Bürgermeisters Dr. Peter Tschentscher im Michel.

10. September 2026