Symbol

Vortragsreihe Gewaltstrukturen, Militär und Gesellschaft in der Türkei

Filmstill: Zwei Bündel Haare - Die verschollenen Töchter Dersims Filmstill: Zwei Bündel Haare - Die verschollenen Töchter Dersims

Gewaltstrukturen, Militär und Gesellschaft in der Türkei

Der jüngste Putschversuch von 2016 hat einmal mehr das Interesse auf ein Phänomen gelenkt, das die Geschichte der Türkei seit ihrer Gründung durchzieht: der massive Einfluss des Militärs wie auch anderer Gewaltstrukturen auf Politik und Gesellschaft. Die internationale und interdisziplinäre Vortragsreihe des TürkeiEuropaZentrums in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung behandelt das Themenfeld in seinen vielfältigen Dimensionen. Beginnend mit einem historischen Überblick untersuchen weitere Vorträge verdeckter wirksame Gewaltstrukturen vom „tiefen Staat“ über die kurdische PKK bis hin zu den privaten Sicherheitsdiensten. Schließlich nimmt die Vortragsreihe auch die gesellschaftlichen Folgen in den Blick, die durch die Militarisierung und Paramilitarisierung erzeugt werden.

Neben wissenschaftlichen Vorträgen umfasst die Reihe auch Filmvorführungen und Lesungen. An der Vortragsreihe beteiligen sich auch aus der Türkei geflüchtete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Veranstaltungstermine

Mittwoch, 08.01.2020, 18:00 bis 20:00 Uhr
Dokumentarfilm und Gespräch

„Zwei Büschel Haare – Die verschollenen Töchter von Dersim“

Universität Hamburg, Flügel Ost, Edmund-Siemers-Allee 1, 20146 Hamburg, Raum 221

Kazım und Nezahat Gündoǧan widmen sich mit ihrem Film aus dem Jahr 2010 der Geschichte der Mädchen aus Dersim, heute Tunceli, die während der massenhaften Zwangsumsiedlungen und Massaker 1938 verschleppt und in türkisch-sunnitische Familien von Militärangehörigen gegeben wurden. Ihre Zahl wird auf mehrere Hundert geschätzt. Der Film erzählt zwei Familiengeschichten: Die erste Geschichte handelt von zwei zwangsadoptierten Mädchen, Cousinen zweiten Grades, von denen die eine ihre Ursprungsfamilie nach zehn, die andere erst nach 65 Jahren wiederfindet. Die zweite Geschichte erzählt von einer Familie, die ihre verschleppten Töchter nie wieder gefunden hat. Die Familienmitglieder verschiedener Generationen beschreiben die vergebliche Suche und ihren Umgang mit dem Verlust.

Im Anschluss an die Filmvorführung stellt die Pädagogin Deniz Karakaş das „Dersim 1937-38 Oral History Project“ vor. Im Rahmen dieses Projekts wurden seit 2009 – in Anlehnung an die Dokumentation der Shoah History Foundation – die letzten noch lebenden Zeitzeugen des Dersim-Massakers interviewt, um ihre Erlebnisse zu dokumentieren und ein oral history Archiv zu Dersim zu schaffen.

 

Mittwoch, 22.01.2020, 18:00 bis 20:00 Uhr

“Paramilitary dynamics in Turkey throughout the Unionst, Kemalist and post-Kemalist eras”

Universität Hamburg, Edmund-Siemers-Allee 1, Hauptgebäude, Flügel Ost, Raum 221

Referent:

Prof. Dr. Hamit Bozarslan, Ecole des hautes études en sciences sociales (EHESS), Paris.

Der Vortrag von Hamit Bozarslan untersucht in historischer Tiefe von der spät-osmanischen Zeit bis in die türkische Gegenwart die Struktur der Konflikte um die Durchsetzung zentralstaatlicher Kontrolle insbesondere in den anatolischen Ostprovinzen. Neben den regulären Streitkräften treten hier verstärkt paramilitärische Verbände als Akteure in Erscheinung, was zu einer besonderen Dynamik der Gewalt in der Gesellschaft führt.

Prof. Dr. Hamit Bozarslan ist seit 1998 Professor an der renommierten École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris und international einer der profiliertesten Spezialisten zu Themen der kurdischen Geschichte und spätosmanischen Gewaltgeschichte.