Senatskanzlei

Technologischer Klimaschutz Innovativ und klimafreundlich: Senat und Industrie beschließen Bündnis

Neues „Bündnis für die Industrie der Zukunft“ soll Rahmenbedingungen für die Industrie in Hamburg weiter verbessern, Investitionshemmnisse identifizieren und beseitigen sowie die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie stärken. Der Senat und der Industrieverband Hamburg (IVH) einigten sich heute auf ein neues „Bündnis für die Industrie der Zukunft“. Auf Einladung des Ersten Bürgermeisters Peter Tschentscher wurde mit Spitzenvertretern des IVH ein Arbeitsprogramm erarbeitet, mit dem die heute bereits klimafreundliche Produktion noch weiter entwickelt und gefördert werden wird.

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Innovativ und klimafreundlich: Senat und Industrie beschließen Bündnis

Hamburg ist, nach Bruttowertschöpfung, die größte Industriestadt Deutschlands und einer der größten Industriestandorte Europas. Die Industrie in Hamburg steht aufgrund ihrer Energiebedarfe vor großen Aufgaben, um die Hamburger Klimaziele zu erreichen. Gegenüber dem Wert von 1990 müssen die CO2-Emissionen bis 2030 um 50 Prozent und bis 2050 um 80 Prozent reduziert werden. Zugleich muss die Industrie national und international wettbewerbsfähig bleiben. Bereits heute trägt die Hamburger Indus-trie durch freiwillige Beiträge maßgeblich zum Erreichen der Senatsziele bei.

Das heute zwischen dem Senat und dem IVH beschlossene Bündnis für die Industrie der Zukunft soll die Hamburger Industrie weiter stärken, um den Weg zu einer noch klimafreundlicheren und weiterhin ökonomisch erfolgreichen Industrie gemeinsam zu gestalten. Hierzu wurde eine Abschlusserklärung unterzeichnet. Folgende drei Handlungsfelder werden bis Ende 2019 bearbeitet:

  1. Gute Rahmenbedingungen für die Industrie in Hamburg: Die Bündnispartner wollen dem Masterplan Industrie neuen Schwung geben und die Handlungsfelder „Flächen für die Industrie“ und „Akzeptanz der Rahmenbedingungen für Industrie“ besonders in den Blick nehmen. Hierzu sollen neue Impulse gemeinschaftlich entwickelt werden, unter anderem die Position eines „Industriekoordinators“.
  2. Investitionshindernisse: Unternehmensinvestitionen stellen die Grundlage für technologischen Fortschritt dar. Investitionen können aber nur erfolgen, wenn diese zu wirtschaftlichen Bedingungen möglich sind. Dafür müssen die Rahmenbedingungen auf lange Sicht verlässlich sein. Der bestehende Rechtsrahmen verhindert oder erschwert die für die Energiewende erforderlichen Veränderungen in der Energiewirtschaft. Die Bündnispartner wollen gemeinsam konkrete Investitionshemmnisse identifizieren, um Reformen auf Bundesebene anzuregen.
  3. Stärkung der Zusammenarbeit von Industrie und Forschung: Ein wirksamer Klimaschutz durch neue Technologien ist nur möglich, wenn der Staat die Anstrengungen der Industrie durch technologieoffene Förderung im Bereich Forschung und Entwicklung flankiert. Wichtige Impulse für mehr Energieeffizienz, Smart Grids, Smart Mobility, Smart Buildings oder Sektorenkopplung können auch durch die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz entstehen. Die Bündnispartner haben vereinbart, dass die erfolgreich durch den Senat verfolgte Innovationsstrategie mit einem stärkeren Blick auf die Bedürfnisse der Industrie neu aufgelegt wird.

Bürgermeister Peter Tschentscher: „Mit dem „Bündnis für die Industrie der Zukunft“ erarbeiten wir konkrete Maßnahmen, um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu stärken und klimafreundliche Produktionsprozesse zu fördern. Nur eine starke Industrie kann die hierfür erforderlichen Investitionen leisten. Wir führen daher die gute Zusammenarbeit des Senats mit der Industrie fort und gehen dabei auch neue Aufgaben an, die sich aus den Anforderungen des Klimaschutzes ergeben. Im Interesse der künftigen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie ist es erforderlich, die Entwicklung klimafreundlicher Technologien gezielt zu fördern, um sie effizienter und wirtschaftlicher zu machen. Hierfür gibt es in Hamburg viele Erfolg versprechende Ideen, Initiativen und Projekte, die unseren Standort im weltweit wachsenden Markt nachhaltig hergestellter Güter stärken können.“

Matthias Boxberger, Vorstandsvorsitzender IVH: „Gemeinsam mit dem Senat werden wir noch mehr für die Zukunft unserer Industrie in Hamburg tun. Wichtig dafür ist unser gemeinsames und verbindliches Bekenntnis zum Masterplan Industrie und zu den darin vereinbarten qualitativen und quantitativen Zielen. Diese betreffen unter anderem leistungsfähige Infrastrukturen, verfügbare Flächen und Akzeptanz für Industrie. Gemeinsam werden wir Hamburgs Attraktivität als Standort für Industrieunternehmen im internationalen Vergleich stärken und ausbauen. Für die Industrie gehören Umweltschutz, Energieeffizienz und letztlich Nachhaltigkeit zu den unternehmerischen Tugenden. Wir schließen mit dem Senat ein ‚Bündnis für die Industrie der Zukunft‘ und werden Hamburgs führende Position im technischen Umweltschutz und als Industrie-Metropole weiter ausbauen.“

Senator Michael Westhagemann, Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation: „In Hamburg zeigen wir mit dem Bündnis auf, wie uns klimafreundliche Technologien helfen, die industrielle Entwicklung für morgen zu denken und entsprechend zu handeln. Der enge Schulterschluss mit der heimischen Industrie ist die Grundlage der erfolgreichen Weiterentwicklung. Nur mit der Industrie gemeinsam können wir den Einklang aus zukunftssicheren Arbeitsplätzen, starker Wertschöpfung und nachhaltiger Produktion am Standort gestalten.“

Jens Kerstan, Senator für Umwelt und Energie, erklärt: „Mit dem Klimaplan hat sich die Stadt Hamburg das Ziel gesetzt, die CO2-Emissionen bis 2030 gegenüber 1990 zu halbieren. Damit dies gelingt, ist von allen Akteuren großes Engagement gefordert. Der Industrie fällt eine Schlüsselrolle zu, wenn es darum geht, konkret und zeitnah messbare Maßnahmen für eine CO2-Minderung in beträchtlicher Größenordnung zu erreichen. Hamburg ist ein wichtiger Industriestandort. Hier liegt ein großes Einsparpotenzial – sowohl für das Klima als auch monetär für die Unternehmen. Wir haben gerade Anfang des Monats mit dem Industrieverband das neue Energieeffizienz-Netzwerk mit dem IVH gestartet. Als Schirmherr bin ich froh, dass in diesem Rahmen schon ein erstes konkretes Einsparziel von 75.000 Tonnen CO2 vereinbart wurde. Wir wollen hier weiterhin eng zusammenarbeiten, damit das Ziel erreicht wird.  Die Industrie ist und bleibt ein Schlüsselpartner beim Klimaschutz, ich setze große Hoffnungen in neue Technologien wie Power-to-X, Speicherung oder Wasserstoff, um in Hamburg weitere Einsparungen zu erreichen, die der Umwelt nützen und ökonomisch tragfähig sind. Ich bin sicher, dass gemeinsam noch weitere Erfolge für den Klimaschutz erreicht werden können. Trotz aller bereits erzielten Erfolge müssen alle Sektoren – darunter auch die Industrie – noch Quantensprünge erbringen, um die Klimaziele bis 2030 zu schaffen." 

Bereits heute engagieren sich Hamburger Industrieunternehmen im technologischen Klimaschutz. Vier innovative Projekte zum Thema „Industrie 2050“ präsentierten Unternehmer heute und diskutierten sie mit dem Ersten Bürgermeister.

Produktion: CO2-freies Stahlwerk im Test (ArcelorMittal)

Die Vision einer CO2-freien Stahlerzeugung basierend auf grüner Energie scheint technisch möglich zu sein. Entsprechende Technologien sollen im Hamburger Werk von ArcelorMittal im industriellen Maßstab getestet werden. Dafür sollen die Direktreduktion von Eisenerz mit Hilfe von Wasserstoff sowie der Einsatz von grünem Strom zur Stahlherstellung in einem Elektrolichtbogenofen die zentralen Bausteine sein. Stahl verfügt über eine hervorragende Recyclingfähigkeit und eine bessere Umweltbilanz als viele andere industrielle Werkstoffe. Diese Vorzüge gilt es zu nutzen, denn Stahl ist unabdingbar für das Gelingen der Energiewende. Ohne Stahl dreht sich kein Windrad und fährt kein Elektroauto. Das Unternehmen weist darauf hin, dass unter den von der Bundespolitik vorgegebenen Rahmenbedingungen erhebliche Zweifel an der ökonomischen Umsetzbarkeit des CO2-freien Stahlwerks bestehen. Hier sei die Politik gefordert, Hindernisse für den Einsatz von volatil zur Verfügung stehender Energie aus regenerativen Quellen abzubauen. Immerhin müsse man mit Stahlerzeugern außerhalb Europa konkurrieren, die unter anderen Rahmenbedingungen arbeiten. 

Gebäude: mit Eisspeicher klimaneutral arbeiten und forschen (GALAB Laboratories)

Das international tätige Labor für Qualitätskontrolle setzt für die Gebäude-Klimatisierung und zur Kühlung der technischen Anlagen die selbst entwickelte Eisspeicher-Technik ein. Unter dem Parkplatz liegt ein mit 1.000.000 Liter Wasser befüllter Tank und dient als Energiespeicher für Wärme und Kälte. Im Winter wird dem Wasser die Energie über eine Wärmepumpe zum Heizen der klimatisierten Laborluft entzogen und der Eisspeicher friert zu. Im Sommer wird die gespeicherte Kälte ins Gebäude geleitet, um es zu kühlen. Außerdem sind speziell beschichtete Fenster im Einsatz, die die Sonneneinstrahlung reflektieren oder diese bei Bedarf für die Raumheizung nutzen. Dieses besondere Konzept zur Energieverteilung bewirkt bis zu 70 Prozent Einsparung gegenüber konventionell klimatisierten Gebäuden. Mit diesen Erfahrungen plant das Unternehmen an seinem Sitz in Hamburg-Bergedorf den Neubau eines 20.000 m² großen Life-Sciences-Campus für 40 Mio. Euro. Auf dem Dach des „GALAB SciencEconomy HUB“ wird ein 3000 m² großes Gewächshaus 100 Prozent regenerativ betrieben werden. Das Zukunftsprojekt für Forschungseinrichtungen, Industrie und Startups entsteht in unmittelbarer Nachbarschaft zum Energiecampus Bergedorf.

Versorgung: Industriewärme für die Hamburger Innenstadt (Aurubis)

Nachdem die östliche HafenCity als erstes Hamburger Stadtquartier inzwischen vollständig mit CO2-freier Industriewärme von Aurubis versorgt wird, ist eine Ausweitung des Projekts in Vorbereitung. Zur Versorgung des benachbarten Wohnquartiers koppelt Aurubis Abwärme aus, die in einem chemischen Nebenprozess der Kupfererzeugung entsteht und über eine 3,7 km lange Wärmeleitung ins Zielgebiet transportiert wird. Derzeit liefert Aurubis die Wärme nur aus einem der drei möglichen Prozessstränge. Somit besteht das Potenzial für eine Verdreifachung des heutigen Industriewärme-Beitrags. Aurubis könnte das Hamburger Fernwärmenetz beliefern und damit ein Zehntel des gesamten Hamburger Fernwärmebedarfs mit CO2-freier Wärme abdecken. Dadurch ließen sich bis zu 140.000 Tonnen CO2 jährlich einsparen. Schon heute werden rund 20.000 Tonnen CO2 im Jahr vermieden. Damit ist das Projekt in seiner Größe und Komplexität einzigartig in Deutschland.

Entsorgung: mit industriellen Abfällen Rohstoffe gewinnen (Indaver)

Um der wachsenden Komplexität von industriellen Abfällen gerecht zu werden, bietet Indaver ein europaweites Netzwerk von Behandlungsanlagen mit hoch spezialisierten thermischen und chemisch-physikalischen Verfahren. Dabei werden vormals toxische Komponenten bei Temperaturen bis zu 1300°C unschädlich gemacht und gleichzeitig Energie erzeugt. Indaver ist damit ein Grundversorger für das Fernwärmenetz der Stadt Hamburg. In der modernen „Circular Economy“ entwickelt Indaver, als Partner der Industrie, Verfahren zur Rückgewinnung wichtiger Rohstoffe aus Abfällen auf molekularer Ebene. Damit können wertvollen Metalle, Chlor oder anderen Stoffe dem Wirtschaftskreislauf wieder zur Verfügung gestellt werden. 

Fotos zu den Projekten sind online verfügbar unter https://www.skyfish.com/p/fhh/1498377 sowie unter www.bdi-hamburg.de

Hintergrundinformationen

Bürgermeister Peter Tschentscher plädierte mit seiner Rede vor dem Überseeclub am 5. Februar 2019 für einen technologiebasierten Klimaschutz. Dadurch leiste man nicht nur einen großen Beitrag zu mehr Umweltschutz, sondern sichere einerseits die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und andererseits die nötige Wertschöpfung, um Investitionen in die Infrastruktur der Stadt sowie ein gelingendes Miteinander der Bürgerinnen und Bürger leisten zu können. In dieser Rede regte ein „Bündnis für die Industrie der Zukunft“ an.

Der IVH vertritt als rechtlich selbständige Landesvertretung des Bundesverbands der Deutschen Industrie e.V. (BDI) die Interessen von produzierenden Unternehmen und deren industrienahen Partnern am Standort Hamburg und Deutschland. Der IVH hat 260 Mitglieder und wächst weiter. 1963 wurde unser Verband gegründet.