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Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern (KESS 10/11) - Ergebnisse der Längsschnittstudie für die Klassenstufen 10/11

Längsschnittstudie für die Klassenstufen 10/11

Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern (KESS 10/11) - Ergebnisse der Längsschnittstudie für die Klassenstufen 10/11

Die Ergebnisse der Längsschnittstudie „Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern“ (KESS) für die Klassenstufen 10/11, in der die Lernstände und die Leistungsentwicklung eines gesamten Schülerjahrgangs im Leseverständnis, in Mathematik, Englisch, Orthografie und in den Naturwissenschaften untersucht wurden, ist heute veröffentlicht worden.

 

Nach 2003 (KESS 4), 2005 (KESS 7) und 2007 (KESS 8), waren die Schülerinnen und Schüler dieses Jahrgangs zum vierten Mal in ausgewählten Kompetenzbereichen getestet und zu ihren fachbezogenen Einstellungen befragt worden. Die Erhebung, an der rund 13.300 Jugendliche teilgenommen haben, war im Juni 2009 (am Ende der Sekundarstufe I) bzw. im September 2009 (zu Beginn der gymnasialen Oberstufe) unter der Regie der Abteilung Qualitätsentwicklung und Standardsicherung des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) durchgeführt worden.

 

Hinweis: Zum Erhebungszeitraum bestanden in Hamburg neben den Gymnasien noch Integrierte Gesamtschulen, Kooperative Gesamtschulen, Integrierte Haupt- und Realschulen (IHR), Realschulen,Aufbau-Gymnasien und Berufliche Gymnasien. Die Stadtteilschulen gingen erst mit dem Schuljahr 2009/10 an den Start.

 

Schulsenator Ties Rabe erklärte bei der Vorstellung:

 

"1. Die Daten bieten eine Vielzahl von wichtigen Informationen; 2. Die Schulbehörde wird die Ergebnisse jetzt sorgfältig auswerten und prüfen, was gut läuft und was besser werden kann; 3. Auf den ersten Blick erkennbar sind eine Reihe von Erfolgen und Handlungsfeldern: Im Fach Englisch sind Hamburgs Schülerinnen und Schüler erstaunlich erfolgreich. Hier sind sie in der Spitzengruppe Deutschlands.

 

Umgekehrt überrascht der hohe Anteil schwacher Leistungen in den Naturwissenschaften: Hier muss sich etwas ändern.

 

Sehr positiv wirkt sich die verdichtete Unterrichtszeit an den G8-Gymnasien aus: Ihre Schülerinnen und Schüler haben vor allem in Englisch einen deutlichen Leistungsvorsprung gegenüber dem Vergleichsjahrgang von vor 7 Jahren (LAU-Studie).

 

Es macht auch Mut, dass im Vergleich zu damals wesentlich mehr Schülerinnen und Schüler die Oberstufe besuchen und das Abitur anstreben. Dieser deutliche Anstieg geht entgegen vieler öffentlicher Vermutungen insgesamt gesehen nicht zu Lasten der Leistung. Dennoch zeigen die Zahlen, dass der Anteil an Jugendlichen mit ungünstigen Lernausgangslagen in der Klasse 11 zu groß ist und viele Schülerinnen und Schüler absehbar das Abitur kaum schaffen werden.

 

Wir brauchen deshalb - wie im gesamten Schulsystem - klarere Standards, was Schülerinnen und Schüler können müssen. Angesichts der vielfältigen Möglichkeiten, das Abitur auch im Rahmen der Berufsschule oder einer beruflichen Ausbildung nachzuholen, wäre für einige Schülerinnen und Schüler ein anderer Bildungsweg vermutlich sinnvoller als die Oberstufe der allgemeinen Schulen."

 

Die zentralen Ergebnisse:

 

Lernstände am Ende der Sekundarstufe I und Lernentwicklungen im Verlauf der Jahrgangsstufen 9 und 10 (KESS 10)

 

Erwartungsgemäß verzeichnen die Gymnasien am Ende der Sekundarstufe I in allen untersuchten Kompetenzbereichen einen beträchtlichen Leistungsvorsprung vor den Gesamtschulen und den Realschulen (einschließlich der Integrierten Haupt- und Realschulen und der Realschulzweige an den Kooperativen Gesamtschulen), insbesondere in Englisch – das verdichtete Curriculum des achtstufigen Gymnasiums (G 8) bildet sich hierin deutlich ab. Demgegenüber finden sich lediglich in den Kompetenzbereichen Leseverständnis und Naturwissenschaften moderate Leistungsvorsprünge der Gesamtschulen vor den IHR- und Realschulen.

 

Erwartungswidrig sind die geringen Leistungsunterschiede im unteren Leistungsviertel der Gesamtschulen und der Realschulen, zumal etwa ein Viertel der Schülerschaft an den Gesamtschulen die Sekundarstufe I mit dem Hauptschulabschluss beendet, während die Realschulen ihre Schülerinnen und Schüler auf den Mittleren Schulabschluss vorbereiten.  Dieser Befund ist nicht zuletzt auf die unterschiedlichen sozialen Zusammensetzungen der Schülerschaften beider Schulformen zurückzuführen. Auf der anderen Seite  ist der Leistungsvorsprung des oberen Leistungsviertels der Gesamtschulen vor dem oberen Leistungsviertel der Realschulen deutlich geringer ausgeprägt als erwartet –  immerhin erreichen über 40 Prozent der Gesamtschülerinnen und Gesamtschüler die Versetzung in die gymnasiale Oberstufe.

 

Insgesamt sind die Lernzuwächse im Verlauf der Jahrgangsstufen 9 und 10 in den untersuchten Kompetenzbereichen beachtlich – mit einer Ausnahme: Die Lernzuwächse im Bereich der naturwissenschaftlichen Grundbildung fallen in allen drei Schulformen vergleichsweise gering aus.

 

Im Unterschied zu den vorausgegangenen KESS-Erhebungen sind die Geschlechterdifferenzen in der Lernentwicklung diesmal vergleichsweise gering – an den Gymnasien erreichen die Jungen in allen Kompetenzbereichen sogar etwas höhere Lernzuwächse als die Mädchen. Gleichwohl verzeichnen die Mädchen am Ende der Sekundarstufe I in allen Schulformen in den sprachlichen Kompetenzbereichen einen Leistungsvorsprung, insbesondere in der Orthografie, die Jungen in Mathematik und in den Naturwissenschaften, der an den Gymnasien deutlich ausgeprägt ist.

 

Mit Blick auf die sozialen Hintergrundmerkmale finden sich insgesamt eher geringe Unterschiede in der Lernentwicklung zwischen Jugendlichen aus „bildungsnahen“ und „bildungsfernen“ Elternhäusern. Das bedeutet allerdings auch, dass die in den vorausgegangenen Erhebungen festgestellten Leistungsdifferenzen vor allem an den Gesamtschulen und an den Gymnasien auch am Ende der Sekundarstufe I Bestand haben – der Zusammenhang zwischen der sozialen Lage der Familien und den am Ende der Sekundarstufe I erreichten Lernständen ist in beiden Schulformen nach wie vor sehr eng, während soziale Hintergrundmerkmale an den Realschulen offenbar eine untergeordnete Rolle spielen.

 

Im Hinblick auf die fachbezogenen Einstellungen und Selbstkonzepte der Jugendlichen finden sich auffällige Geschlechterdifferenzen vor allem in Mathematik und Physik: Der Anteil der Mädchen mit eher negativen Einstellungen und Selbstkonzepten ist in beiden Fächern erheblich höher als der der Jungen.

 

Lernausgangslagen zu Beginn der gymnasialen Oberstufe (KESS 11)

 

Ein Vergleich der Lernausgangslagen zu Beginn der Jahrgangsstufe 11 bestätigt die erwartete erhebliche Leistungsdifferenz zwischen den Schülerinnen und Schülern, die in die zweijährige Oberstufe an den grundständigen Gymnasien eingetreten sind, und den Schülerinnen und Schülern, die in eine dreijährige Oberstufe (Gesamtschule, Aufbaugymnasium, Berufliche Gymnasien) eingetreten sind. Sie übertreffen den Lernzuwachs, den die Jugendlichen in den beiden vorausgegangenen Schuljahren erzielt haben.

 

Gleichwohl gibt es in allen Kompetenzbereichen beachtliche Überlappungen in den Leistungsverteilungen. So erreichen immerhin 46 Prozent der Jugendlichen in den dreijährigen Oberstufen in den Basiskompetenzen Leseverständnis und Mathematik Lernstände, die denen der Schülerinnen und Schüler in der zweijährigen Oberstufe entsprechen. Umgekehrt verzeichnen 14 Prozent der Jugendlichen an den grundständigen Gymnasien Lernstände, die eher den Jugendlichen in den dreijährigen Oberstufen entsprechen.

 

In den Kompetenzbereichen Leseverständnis, Englisch, Mathematik und insbesondere Naturwissenschaften finden sich in den dreijährigen Oberstufen beträchtliche Anteile an Jugendlichen, die unter dem mittleren Lernstand des KESS-Jahrgangs am Ende der Jahrgangsstufe 8 liegen. Mit Blick auf die curricularen Anforderungen der gymnasialen Oberstufe verzeichnen diese Schülerinnen und Schüler so erhebliche Leistungsrückstände, dass das Erreichen des Abiturs fraglich erscheint.

 

Vergleich des KESS-Jahrgangs mit dem LAU-Jahrgang

 

Ein Vergleich zwischen den Lernausgangslagen des KESS-Jahrgangs mit denen des sieben Jahre zuvor getesteten LAU-Jahrgangs ergibt, dass die Schülerinnen und Schüler des KESS-Jahrgangs in der zweijährigen Oberstufe der grundständigen Gymnasien im Kompetenzbereich Englisch einen erheblichen Leistungsvorsprung vor dem LAU-Jahrgang aufweisen. Auch in Mathematik verzeichnen sie einen

– allerdings deutlich geringer ausgeprägten – Leistungsvorsprung. Demgegenüber bleiben sie im Bereich der Lesekompetenz hinter dem LAU-Jahrgang merklich zurück.

 

Dieser Befund ist vor dem Hintergrund der erheblich höheren Bildungsbeteiligung im KESS-Jahrgang bemerkenswert – die Zahl der Jugendlichen, die in die Oberstufe des achtstufigen Gymnasiums eingetreten sind, liegt um 62 Prozent über dem LAU-Jahrgang.

 

Demgegenüber verzeichnen die Jugendlichen, die in die dreijährige Oberstufe an den Gesamtschulen und Aufbaugymnasien eingetreten sind, sowohl im Bereich der Lesekompetenz als auch in der mathematischen Grundbildung deutliche Leistungsrückstände gegenüber dem LAU-Jahrgang. Dies geht einher mit erheblich gestiegenen Anteilen an Jugendlichen mit Migrationshintergrund und aus „bildungsfernen“ Elternhäusern. Vor diesem Hintergrund ist es beachtlich, dass sich ihre Lernausgangslagen im Kompetenzbereich Englisch nicht von denen des LAU-Jahrgangs unterscheiden.

 

Link zum KESS 10/11-Bericht: http://bildungsserver.hamburg.de/bildungsqualitaet/

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Peter Albrecht, Pressesprecher
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