Food-Kolumne - Die Gastro-Insiderin Julklapp mit der Kochbox

Antonia Wien liegt die Gastronomie im Blut: Seit 20 Jahren schreibt sie über die Hamburger Restaurantszene. Die Autorin und Restaurantkritikerin schreibt jeden Monat für uns in der Food-Kolumne über Hamburgs heißeste Gastro- und Food-Trends. 

Die Hamburger Food-Kolumne von Antonia Wien

Ein Experiment beginnt

Bevor jetzt Einwände kommen – nein, Kochboxen sind kein neuer Trend, sondern im Grunde Uralt-Lavendel, ich weiß. Ich habe aber bisher einen großen Bogen um sie gemacht und mich mit Hören-Sagen zufriedengegeben. Das ist natürlich für eine neugierige Food-Journalistin ein No-Go, schon klar. Urteile habe ich mir dafür aber bisher immer verkniffen. Was ich nicht selber ausprobiert habe, kann ich nicht beurteilen – so simpel ist das.

Als dann bei einer Hamburger Food-Messe diese hübsche Studentin mit den langen Haaren und der kecken Nase vor mir stand und mit einem Kochlöffel wedelte, nahm das Kochboxen-Unheil seinen Lauf.

Es lebe die Bequemlichkeit

In der Manier eines engagierten Staubsauger-Vertreters erklärte sie mir das Kochboxen-Prinzip. Sie war mehr als überzeugend, weil sie mir in schönsten Farben ausmalte, wie entspannt es doch sei, für die leckeren Gerichte nicht mehr einkaufen zu müssen. Keine langen Schlangen, kein Rumgesuche, kein Geschleppe. Alles kommt dem jeweiligen Rezept entsprechend portioniert, dosiert und gut verpackt am Wunschtermin nach Hause und man muss nur noch kochen. „Herrlich!“ sagt sie. „Dekadent!“ denke ich.

Sie: „Alles ganz easy, glaub mir!“ - Abo abschließen, man bezahlt nur, was man auch erhalten hat, Essen auswählen, Tage festlegen, warten, bis der Postmann klingelt, kochen und dann hoffentlich total entspannt und zufrieden sein. „Aha.“ sage ich, schaue in ihr strahlendes Gesicht, bekomme den Kochlöffel geschenkt und unterschreibe den Abo-Vertrag: 3 Lieferungen in der Woche. Ich weiß schon jetzt, dass ich wieder aussteige. 

Wenn der Postmann zweimal klingelt

Am heimischen Rechner klicke ich mich durch bunte Bildchen, lauter ansprechend fotografierte Gerichte. Meine Familie ist irritiert – eine leidenschaftliche Einkäuferin und „Töpfeklapplerin“ macht es sich plötzlich bequem? „Alles nur Recherche.“ beruhige ich. Ich entscheide mich für ein asiatisches Reis-Huhn-Curry, eine vegetarische Suppe mit Linsen und Gemüse und einen Hack-Braten mit Ei (den ich sonst nie kochen würde). Drei Klicks und fertig. 48 Stunden später….es klingelt….der Postmann….ich kann ihn nicht sehen, weil er hinter einem riesigen Karton verschwindet. Drei Gerichte für drei Personen – da kommt Einiges zusammen. Es ist kurz vor Weihnachten und ich komme mir vor wie beim Julklapp….ein großer Karton, in dem sich lauter weitere verstecken. Ich wühle, reiße Tüten auf, öffne Kühltaschen, sortiere und baue alles auf.

Zero Waste war gestern – heute ist Müll angesagt

Das Gemüse kommt glücklicherweise unverpackt und sieht frisch und knackig aus. Das Bio-Siegel beruhigt das Gewissen, während ich Paprika, Zucchini und Möhren befühle.

Die Eier wiederum sind etwas ramponiert, der Karton verklebt und sein Inhalt nicht Bio, sondern aus konventioneller Bodenhaltung, womit ich ein Problem habe. Noch schlimmer wird es beim Fleisch. Hack und Huhn eingeschweißt und ganz sicher von weniger glücklichen Tieren – ich bereue schon jetzt, dass ich mich darauf eingelassen habe. Und dann folgen lauter kleine Tütchen, wie im Flugzeug. Essig im Minibeutel, Barbecue-Sauce im Mini-Schlauch, Salz und Pfeffer ebenso, Kräuter (etwas schlapp) in Plastik gezwengt….meine Küche gleicht inzwischen einer Müllhalde. Zero Waste? Wie war das noch? Verstehen Sie mich nicht falsch, das hier ist kein repräsentativer Kochboxen-Test. Es ist das Ergebnis eines großen Herstellers und jeder ist verschieden. Es wird auch Gute geben. Aber mit jedem weiteren Plastik-Paket, das ich auspacke und mit jedem weiteren Karton, der meine Altpapier-Tonne verstopft, schwindet auch meine Lust aufs Kochen. Ich verstaue alles im Kühlschrank, schnipple nur das Gemüse und schmeiß es mit meinem Lieblings-Olivenöl und den griechischen Kräutern aufs Blech.

Ökobilanz gleich null

Ja, es mag bequem sein, auf die vielen Kochboxen-Anbieter zurückzugreifen, wenn man nicht gerne kocht und sich besser ernähren will, als mit Pizza, Döner und Asia-Einerlei vom Lieferdienst. Es erspart einem wirklich den Gang in den Supermarkt und das Zusammensuchen von Zutaten. Es nimmt einem aber auch jede sinnliche Freude – kein Geruch von frischen Rispen-Tomaten auf dem Markt, kein Klatsch und Tratsch beim örtlichen Schlachter, keine Inspiration in der Gemüseabteilung. Dafür jede Menge Müll, was in Zeiten wie diesen im Grunde ein Unding ist, da nützt auch die Bio-Paprika nichts. Ökobilanz? Ich sag jetzt lieber nichts.  

Ich muss nicht erklären, dass ich diese Recherche mit einem Mausklick abgebrochen habe – Abo adé. Ich mags doch lieber unbequem bequem und lauf mit Büdel und Korb über den Markt oder durch meinen altvertrauten Supermarkt. In diesem Sinne…ich gehe dann mal einkaufen. 

Mit herzlichen Grüßen, Ihre Antonia Wien
Und beim nächsten Mal (wie passend): Zero Waste – unverpackt und ohne Müll. Geht das?

Antonia Wien Hamburg genießen Cover Antonia Wien ist Gastrokritikerin, Food-Journalistin und freie Autorin und präsentiert ihre persönlichen Tipps auf Hamburg Genießen von Antonia Wien. Bis 2018 war sie Herausgeberin des Magazins "Hamburg Genießen von 7bis7", Hamburgs ältestem Restaurantführer, der seit 1966 jährlich erschienen ist. (Bild: Antonia Wien)

Julklapp mit der Kochbox
Antonia Wien liegt die Gastronomie im Blut: Seit 20 Jahren schreibt sie über die Hamburger Restaurantszene. Die Autorin und Restaurantkritikerin schreibt jeden Monat für uns in der Food-Kolumne über Hamburgs heißeste Gastro- und Food-Trends. 
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