Rechtsextremismus „Autonome Nationalisten“ (AN) auch in Hamburg

Die rechtsextremistische 1. Mai-Demonstration 2008 in Hamburg wurde von einem ungewöhnlich starken und massiv auftretenden „Schwarzen Block“ geprägt, der sich  überwiegend aus schwarz gekleideten „Autonomen Nationalisten“ zusammensetzte. In Hamburg waren bis dahin keine „Autonomen Nationalisten“ bekannt, und die meisten Teilnehmer kamen auch nicht aus Hamburg. Jetzt allerdings gibt es „Autonome Nationalisten Hamburg“, die sich im Internet präsentieren.

„Autonome Nationalisten“ (AN) auch in Hamburg

Seit Ende 2003 sind bei mehreren rechtsextremistischen Demonstrationen auch Personengruppen aufgefallen, die dem in der Öffentlichkeit verbreiteten Bild von Neonazis nicht entsprachen. Ihr Auftreten lehnt sich an den Stil linksextremistischer Autonomer an und ist von diesen in Kleidung und Parolen kaum zu unterscheiden. Der autonome Habitus bietet insbesondere jüngeren Rechtsextremisten Gelegenheit, sich der Stigmatisierung als Neonazis zu entziehen. Gleichzeitig wird durch diesen „revolutionären Chic“ - in der Regel schwarzer Kapuzenpullover, schwarze Sonnenbrille, schwarze Kleidung bis zu den Schuhen - die Hemmschwelle Gleichaltriger gesenkt, sich einem solchen Personenkreis anzuschließen.

Der Begriff „Autonomer Nationalismus“ (ursprünglich „Autonome Rechte“) ist eine Wortschöpfung Christian WORCHs, der damit in den letzten Jahren eine konzeptionelle Neuorientierung der Neonaziszene als Reaktion auf die Vereinsverbote in den 80er-Jahren umschrieben hatte. WORCH kam zu ähnlichen Ergebnissen wie 1998 Thomas WULFF, dessen Begriff „Freie Nationalisten“ sich letztlich als Sammelbegriff für die Entwicklung der weitgehend organisationsunabhängigen Kameradschaftsszene durchsetzte. WORCH betonte 2005 in seiner Publikation „Gedanken über freien und autonomen Nationalismus“, jener sei möglicherweise auch Ausdruck eines Generationswechsels. Mit Blick auf die „Volksfront von Rechts“, wie sie von der NPD, WULFF und anderen führenden Kameradschaftsvertretern konzipiert worden war, um ihre Kräfte zu bündeln, vertrat WORCH hingegen die Auffassung, mit der Ersetzung des Wortes „frei“ durch „autonom“ grenze man sich vom „Volksfront“-Kurs ab, durch den der Begriff „Freie Nationalisten“ „verwässert“ werde.

WORCH ist ein bundesweit aktiver Neonazi, der eine eher skeptische Distanz zur "Volksfront" und NPD hat. WULFF, Mitglied des NPD-Bundesvorstands, ist auch im Landesverband der NPD in Schleswig-Holstein aktiv.

Die Verfassungsschutzbehörden ordnen die AN dem neonazistischen Personenpotenzial in Deutschland zu und schätzen ihren Anteil daran auf etwa zehn Prozent.

Bereits unmittelbar nach der 1. Mai-Demonstration 2008 in Hamburg hat das LfV Hamburg darauf hingewiesen, dass der „Schwarze Block“ im Kern aus auswärtigen AN-Gruppen bestand. Es sei jedoch wahrscheinlich, dass das martialische Auftreten während der Veranstaltung anziehend auf junge Rechtsextremisten wirken könne. Diese Prognose hat sich durch das Entstehen der „Autonomen Nationalisten Hamburg“ (ANH) bestätigt.

Bei den auf der Internetpräsenz der Gruppe dargestellten politischen Überzeugungen handelt es sich weitgehend um bekannte Grundlagen neonazistischer Ideologie. Sie unterscheiden sich hiervon allerdings durch den Verzicht auf revisionistische Themen und die ausdrückliche Bezugnahme auf Agitationskonzepte, die auch von der linksextremistischen Szene verwendet werden. Die „Autonomen Nationalisten Hamburg“ weisen im Internet darauf hin, dass der „Schwarze Block“ auf Demonstrationen als Mittel zur Wahrung der Anonymität des einzelnen Demonstranten, aber auch als Druckmittel gegenüber der Polizei aufgestellt wird. Neben zahlreichen Links zu anderen AN-Internetseiten gibt es auch einen Verweis auf einen „Black Block Shop“. Der für die Internetseite presserechtlich Verantwortliche ist eine minderjährige Person aus Hamburg. Die im „Black Block Shop“ bestellbaren Kleidungsstücke tragen überwiegend provokative Slogans und Motive, die denen der Hooliganszene ähnlich sind. Der „Schwarze-Block-Lifestyle“ ist primär nicht politisch ausgerichtet, so dass nicht nur Angehörige von AN-Gruppen, sondern generell gewaltbereite Jugendliche als Käuferpotenzial angesehen werden. „Schwarze Blöcke“ setzen sich nicht nur aus AN-Angehörigen, sondern ebenso aus aktionsorientierten Mitläufern zusammen. Die Aktionsform „Schwarzer Block“ ist also nicht mit dem Organisationskonzept „Autonome Nationalisten“ gleichzusetzen.

Die szeneinterne Stellung der ANH wird auf der Internetseite des neonazistischen „Aktionsbüros Norddeutschland“ deutlich, das eine Schlüsselrolle in den überregionalen Vernetzungsbestrebungen der neonazistischen Szene spielt: Die Nennung der Gruppierung neben der Homepage des „Kameradenkreises Neonazis in Hamburg“ und dem NPD-Landesverband zeigt eine offensichtliche Akzeptanz der neuen Organisationsform. Tobias THIESSEN, gleichzeitig Leiter des „Aktionsbüros“ und Führungsfigur des traditionell neonazistischen Kameradenkreises, zeigt damit, dass er auf die Einbindung der „Autonomen Nationalisten“ nicht verzichten will. Trotz jahrelanger Bemühungen im Rahmen der Kampagne „Jugend zu uns“ ist es seiner Kameradschaft nicht gelungen, Nachwuchs im größeren Umfang längerfristig zu binden. THIESSEN scheint klar geworden zu sein, dass er mit seinen auf Disziplin, politische Schulung und Einsatz basierenden Anforderungen jugendliche Interessenten nicht dauerhaft begeistern kann. Das LfV Hamburg geht davon aus, dass Angehörige der ANH zunächst durch die „Jugend zu uns“-Kampagne an die neonazistische Szene herangeführt wurden. Die Akzeptanz der AN könnte aktionsorientierte Jugendliche dauerhaft an die Szene binden und später in die Kameradschaftsarbeit einsteigen lassen. THIESSEN und andere Neonazikader haben das Druckpotenzial eines „Schwarzen Blocks“ gegenüber den Einsatzkräften der Polizei erkannt. Darüber hinaus werden sie sich das öffentliche - vor allem mediale - Interesse an den Autonomen Nationalisten zunutze machen wollen.

Daher ist zu erwarten, dass die AN in der Hamburger Neonaziszene dauerhaft akzeptiert werden, so lange sie sich für die langjährigen Kader als steuerbar erweisen und den historischen Nationalsozialismus nicht in Frage stellen.

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