Erinnerungen an die schreckliche Flutnacht vom 16. auf den 17.Februar 1962

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Geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen bin ich in Waltershof, einer wunderschönen Elbinsel zwischen Elbe und Köhlbrandt.

Idylle hinterm Deich vor der Flut Idylle hinterm Deich vor der Flut

Erinnerungen an die schreckliche Flutnacht vom 16. auf den 17.Februar 1962

Die Häuser auf Waltershof waren in der Nachkriegszeit zu festen Behelfsheimen zum dauerhaften Bewohnen umgebaut worden. Einige Gärten lagen in etwa in Deichhöhe, andere lagen im eingedeichten „Grund“, etwa auf Deichsohlenniveau. Wir hatten einen großen Garten mit Obstbäumen, Gemüse- und Blumenbeeten direkt hinter dem Deich am Maakenwerder. Zwischen Maakenwerder und Athabaskahöft war das Schilfgelände mit den Bombentrichtern und dem großen Priel. Bei Flut stand dieses Gebiet unter Wasser, bei Ebbe war es Abenteuerland für uns Kinder. Am Segelschiffhafen war unser Strand „Eden“, hier haben wir schwimmen gelernt.

Im Februar 1962 wurde ich 10 Jahre alt und besuchte noch  die vierte Klasse der Volksschule Waltershof in einem ehrwürdigen Backsteingebäude direkt unter der späteren Köhlbrandtbrücke am Anleger Waltershof. Es war ein wichtiges Jahr für mich. Im Theaterstück für die neuen Erstklässler hatte ich die Hauptrolle. Ich sollte das Schneewittchen spielen. Und vor kurzem waren die Aufnahmeprüfungen für das Gymnasium gewesen – 14 Tage tägliche Dampfer- und U-Bahnfahrt zum Albrecht-Thaer-Gymnasium, damals noch am Sievekingplatz. Ich hatte gerade erfahren, dass ich die Aufnahmeprüfung bestanden und ab April – damals begann das Schuljahr noch im Frühjahr – an die neue Schule wechseln durfte.

In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar, vier Tage nach meinem 10. Geburtstag,  schliefen wir tief und fest, so dass mein Onkel Herbert sehr laut und ausdauernd klopfen und „Das Wasser kommt!“ rufen musste um uns zu wecken, zu warnen und mit meinen Eltern zusammen andere Nachbarn ebenfalls  zu warnen und ihnen zu helfen.

Wir Kinder mussten zu Hause warten. Meine Eltern gingen mit meinem Onkel durch die Gärten und halfen, wo sie nur konnten:

„Zuerst schauten wir natürlich bei Oma und Opa Treite gegenüber nach und weckten auch sie. Inzwischen wateten wir durch fast kniehohes Wasser, waren durch und durch nass, alle Wege und Flächen waren überflutet  und das braune Elbwasser stand auch schon in den Häusern.  Unsere Schwiegereltern packten möglichst viele Dinge auf höhere Tische und Schränke und kümmerten sich um die Kinder. Wir – Eddi, Herbert und ich – gingen durch die Gärten, weckten Nachbarn und liefen durch den Mittelweg zum Grund, den lauten Schreien und Hilferufen nach. Der Grund war völlig überflutet und nicht mehr wiederzuerkennen – er sah aus wie ein neuer Seitenarm der Elbe. Der Deich war gebrochen und die Flutwellen hatten alles haushoch überspült. Der Grund  war voller Wasser. Es schwammen Möbel, Geschirr, Decken, Tiere,  Menschen, Bäume, Äste und abgerissene Hölzer in den Fluten. Die Menschen waren von den Wassermassen im Schlaf überrascht worden. Viele saßen auf Dächern oder trieben in den Fluten. Wir halfen, sie an Land zu ziehen und zu höher gelegenen Nachbarhäusern zu bringen.

Die Nachbarn im Grund direkt vor dem Garten von Monis Freundin Marlies saßen auf dem Dach, schwammen und tauchten verzweifelt immer wieder  ins Elbwasser und suchten nach ihrem Neugeborenen. Es wurde nie gefunden.“

Meine Freundin Marlies wohnte mit ihrer Familie und den Großeltern direkt am Grund. Meine Eltern brachten  Marlies´ Eltern, Großeltern, Marlies und ihre Schwester Angie zu uns ins Haus und steckten die völlig durchfrorenen und nassen Nachbarn erst einmal in unsere Betten. Bei uns stand das Wasser nur etwa 40 cm hoch im Haus, denn wir wohnten fast auf Deichkronenhöhe. Wir hatten Glück gehabt und waren dort recht sicher gewesen.

Nachdem die Flut wieder abzog, setzte eine große Hilfswelle ein. Wir wurden mit vielen Dingen versorgt. Wir Kinder  hatten den Rest des Schuljahres schulfrei und wurden zur Erholung verschickt.

„Das Rote Kreuz versorgte uns mit Decken und anderen Hilfsmitteln. Es dauerte Tage, bis das Wasser wieder abgezogen war. Haus und Möbel waren voller Schlamm. Vieles war nicht mehr zu reparieren. Nun begann das Aufräumen, das Saubermachen.. .“

Viele Familien waren obdachlos und mussten umziehen. Nach und nach bekamen alle Bewohner neuen Wohnraum angeboten. Wir verließen diese schöne Elbinsel im Jahr 1965, Großeltern und Onkel und Tante folgten uns im Jahr 1966.


Monika Schlottmann – Online veröffentlicht am 03.02.2012

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