Altengamme: Wissens- und Sehenswertes Reihendorf mit Tradition

Eine Mühle ohne Flügel, Häuser mit Reetdach und eine atemberaubende Naturlandschaft: Altengamme, der östlichste Stadtteil Hamburgs, präsentiert sich malerisch am Nordufer der Elbe. Seine Bewohner bewahren und pflegen das reiche Kulturerbe. 

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Wissens- und Sehenswertes in Altengamme

BezirkBergedorf
Einwohner2.246*
Einwohner pro km²144*
Fläche15,6 km²*

Schmuckstücke am Deich

Altengamme, ein zwölf Kilometer langes Reihendorf in den Vierlanden. Dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, wie die Fachwerkhäuser zeigen. Manche mit Reetdach bedeckt, farbenkräftig verschönert und sehr nah am Deich gelegen. Eins von ihnen steht am Altengammer Hauptdeich 82: ein denkmalgeschütztes Hufnerhaus, in der Gegend auch als „Voßsches Haus“ bekannt. Mit Räucherkammer unterm Dach, verzierten Beschlägen an den Türen, Alkovenresten. Bereits 1646 wurde das Halbkreuzhaus geschichtlich erwähnt. Die jungen Eigentümer Tatiana und Stefan Timmann erwecken das alte Gebäude seit jüngstem wieder zum Leben und planen neben Wohnräumen auch Gästeunterkünfte – natürlich mit Elbblick.

Der nah am Haus vorbei fließende Strom hat die Landschaft geprägt. Früher lebten im östlichsten Stadtteil Hamburgs viele Menschen vom Gartenbau und der Landwirtschaft, inzwischen ist die Zahl der Betriebe stark zurückgegangen. Nur noch wenige Bewohner bauen hauptberuflich Blumen an und verkaufen sie auf Wochenmärkten: Maiblumen, Pfingstrosen, Tulpen, Stiefmütterchen. Auf großzügigen Feldern sieht man auch Windräder und Pferde. Am Elbdeich liegt das älteste Trabergestüt Deutschlands, gegründet 1888 von Hinrich Heitmann. Noch heute befindet sich der Hof in Familienbesitz.

Norddeutsche Gebräuche erhalten

Viele Menschen sind mit dem Ort fest verwurzelt. Der Sinn der Zusammengehörigkeit ist unter den Einwohnern stark ausgeprägt. Man kümmert sich gemeinsam um das historische Erbe und hält das Brauchtum der Gegend lebendig. So veranstaltet der Vierländer Kultur- und Heimatverein „De Latücht“ beispielsweise Klönabende, plattdeutsche Lesungen und heimatkundliche Fahrradtouren. Das Anliegen des Vereins steht unter dem Motto: Vierlandens gewachsene Kulturwerte dürfen nicht verloren gehen.

Mehr als 50 Jahre alt ist der „Häkelbüdelclub“, in dem sich Frauen des Dorfes zusammengeschlossen haben und unter anderem Vierländer Trachten sowie Kissenhüllen mit Vierländer Stichelei, so nennen die Menschen dort die Stickerei, fertigen. Ihre Werke verkaufen sie zum Beispiel auf dem traditionellen Adventsbasar im Gemeindehaus an der Kirchenstegel.

Der Verein „Speeldeel Fründschaft“ führt Theaterstücke in plattdeutscher Sprache auf. Er wurde 1949 unter dem Namen Unterhaltungsklub Freundschaft gegründet. Viele Einwohner sind natürlich Mitglied im SV Altengamme von 1928, der Freiwilligen Feuerwehr, dem Landfrauenverein, den Gesangsvereinen Harmonie und Loreley sowie den Kinderchören.

Schmiedeeiserne Zylinderständer

Einen Dorfkern? Gibt es am ehesten in der Gegend rund um die Grundschule, den Friedhof, dem Pastorat und die St. Nicolai-Kirche, die aus dem 13. Jahrhundert stammt. Ihr Fundament soll sogar bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen. Geweiht wurde sie dem Heiligen Nikolaus von Myra, Schutzpatron der Kinder, Fischer, Seefahrer und Händler.

Im Jahr 1747 stürzte die Kirche durch ein Unwetter ein, wurde aber in heutigem Stil wieder aufgebaut. Den Barockstil brachten die wandernden Handwerker nach Altengamme, und den hohen Stand ihres Könnens zeigen die Intarsien im Gestühl. In den vorderen Reihen – dort, wo die Männer saßen – zeugen 59 prunkvolle Hutständer aus Metall vom Reichtum der einzelnen Bauern. Die Gebilde waren anfangs wohl als Kerzenständer gedacht, wurden später jedoch zu Ständern für die empfindlichen Zylinder der Männer umfunktioniert.

Die Glocke „Celsa“ ist der ganze Stolz der Kirchengemeinde: Sie ist die letzte erhaltene Glocke des Hamburger Doms, der 1804 abgerissen wurde. Die Glocke läutet noch heute zur Altengammer Messe.

Sturm zerstört Flügel

Ein besonderes Wahrzeichen des Orts ist die Borghorster Mühle. Sie wurde 1876 von Peter Timmann und seiner Frau Beke als Galerieholländer erbaut. 1927 ruinierte ein Sturm die Flügel so stark, dass diese schließlich abmontiert wurden und der Mühlenbetrieb auf Elektrizität umgestellt wurde.

Die Feinmühle im Anbau von 1939 lief während des Kriegs 24 Stunden am Tag, denn die Familien benötigten Mehl für das tägliche Brot und die Großmühlen waren zerbombt. Das Mehl erhielten sie von Gertrud und Hans-Ernst Voß, die die Altengammer Mühle bis zum Tod des Ehemanns 2007 zusammen betrieben.

Heute steht die Mühle unter Denkmalschutz. Der neue Eigentümer Martin Villinger hat die Mehlböden zu großzügigen Wohnräumen umbauen lassen, die ersten Mieter sind inzwischen eingezogen. Den ursprünglichen Charakter des Lagerhauses hat der Hausherr liebevoll bewahrt, wie unter anderem die Holzbalken unter den Wohnungsdecken zeigen.

Außerdem gibt es ein Künstleratelier. Dafür wurde kurzerhand der ehemalige Schweine- und Hühnerstall der Mühle leer geräumt, neue Fenster eingesetzt, die Wände gestrichen und Teppichboden verlegt. Im Sechskant des Mühlengebäudes soll noch ein zweigeschossiges Café entstehen, in das die technische Ausstattung der Mühle inklusive der Motormühle als anerkanntes Industriedenkmal integriert wird.

Einstiges Fährgebäude

Die angrenzende Hornkate war übrigens mal ein Fährhaus mit Gastwirtschaft. Dort wurde in ein Horn geblasen, wenn die Fähre jemanden auf die andere Seite der Elbe bringen sollte. Ein weiteres Zeugnis alter Zeit ist der hölzerne Turmspeicher von 1562 am Horster Damm – das älteste, noch im ursprünglichen Zustand erhaltene Gebäude im Ort.

Das Sommerbad Altengamme wurde in den 1930er-Jahren gebaut. Es ist eines der wenigen Freibäder in Hamburg, das keinen Eintritt verlangt. Seine Besucher können in einem aus Grundwasser gespeisten Becken schwimmen und sich auf Liegeflächen mit schattigen Bäumen entspannen.

In Altengamme lässt es sich ansonsten gut wandern und radeln, zum Beispiel entlang der längst aufgegebenen Marschbahn oder auf dem Deich. Eine Idylle ist das Naturschutzgebiet Borghorster Elblandschaft, das aus den drei Teilgebieten Altengammer Elbwiesen, Borghorster Dünen und dem durch einen Deichbruch entstandenen großen Borghorster Brack besteht.

Paradies für Fische

Inzwischen stellt das Brack wieder einen Rückzugsort für typische Fischarten dar. Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan setzte im Mai 2016 je 15 Kilogramm Schleien, Rotfedern, Karauschen und 1.000 Moderlieschen in das frisch sanierte Gewässer. Auch die als stark gefährdet eingestuften Fischarten Steinbeißer und Schlammpeitzger waren zuvor dorthin zurückgesetzt worden.

Dank EU-Fördergeld konnte die Hansestadt das Gewässer aufwendig vom Schlamm befreien. Dabei wurde ein umweltschonendes Verfahren das erste Mal in Hamburg angewendet: Ein Saugspülbagger pumpte den Schlamm in riesige spezielle Geotextilsäcke und durch natürliche Filtration wurde das Wasser vom festen nährstoffreichen Bodenmaterial getrennt. Das ausgebaggerte Sand- und Schlammgemisch ist chemisch unbelastet, hat einen hohen organischen Anteil und kann als stichfeste Masse Kompost zugemischt werden.

Das Technische Hilfswerk musste zuvor 14.000 Kubikmeter Wasser ins Brack pumpen, damit der Saugbagger überhaupt im Gewässer eingesetzt werden konnte. Die durchschnittliche Wassertiefe beträgt nun 1,5 Meter. Somit dient das Brack auch in heißen Sommermonaten Fischen und Amphibien als Lebensraum.

Lebewesen anderer Art tummeln sich am Borghorster Hauptdeich: In der Diensthundeschule der Polizei Hamburg werden Schäferhunde und Bayerische Gebirgsschweißhunde als Super-Schnüffler ausgebildet. Sie lernen dort, Drogen, Brandbeschleuniger, Blut oder Leichen aufzuspüren.

Historische Fundstücke

Damit haben die Entdeckungen am Heidberg nichts zu tun: Bronzeschwerter, Schmuckstücke sowie weitere archäologische Funde aus der Stein-, Bronze- und Eisenzeit deuten darauf hin, dass dort schon lange vor der Gründung Altengammes Menschen lebten.

Bei Abgrabungen von Sand für den Maiblumenanbau wurde 1931 ein prunkvoller Gürtel aus Eisen und Bronze entdeckt, 2.000 Jahre alt. Der sogenannte Holsteiner Gürtel von Hamburg-Altengamme kann inzwischen in der Dauerausstellung des Archäologischen Museums Hamburg in Harburg bewundert werden.

Die Menschen gaben ihre Siedlung einst wohl auf, als der Nordseespiegel stieg und die Landschaft verschlickte. Nachdem sich das Wasser nach mehr als 1.000 Jahren wieder zurückgezogen hatte, siedelten sich Menschen dort erneut an und errichteten die ersten Anwesen auf Warften.

Erde als Namensgeber

Im Jahr 1188 wurde Altengamme erstmals urkundlich als „Gamma“ erwähnt, 1237 hieß es „antiqua gamma“. Der Name Altengamme bedeutet „Alte Erde“. Es leitet sich aus dem indogermanischen Wort „Gham“ oder „Ghama“ ab, welches übersetzt „Erde“ heißt.

Hamburg und Lübeck erlangten 1420 zusammen die Herrschaft über das Dorf. Ab 1868 gehörte Altengamme durch die Landherrenschaft Bergedorf zum Hamburger Landgebiet. Die vollständige Eingemeindung nach Hamburg erfolgte 1938 durch das Groß-Hamburg-Gesetz.

Viele ältere Bewohner erinnern sich an das Hochwasser im Februar 1962. Orkanböen und eine Fernwelle vom Atlantik trieben die Wassermassen die Elbe hinauf. In Altengamme stand das Wasser bis unter der Deichkrone etwa 5,50 Meter hoch. Nach 1962 wurde der neue Deich gebaut, wesentlich breiter und mit acht Metern auch höher.

Seit 1997 ist Altengamme zusammen mit dem angrenzenden Stadtteil Curslack eines von inzwischen fünf Hamburger Wasserschutzgebieten. Aufgrund seiner historischen Schönheit verweilen nicht nur Tagesausflügler, sondern auch Übernachtungsgäste gerne in Altengamme, die dort urige Privatunterkünfte vorfinden – auch schon mal in einem alten Reetdachhaus.

Karte

*Quelle: Hamburger Stadtteilprofile, Statistikamt Nord (Stand: Jan 2019)

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Reihendorf mit Tradition
Eine Mühle ohne Flügel, Häuser mit Reetdach und eine atemberaubende Naturlandschaft: Altengamme, der östlichste Stadtteil Hamburgs, präsentiert sich malerisch am Nordufer der Elbe. Seine Bewohner bewahren und pflegen das reiche Kulturerbe. 
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