Billwerder: Wissens- und Sehenswertes

Billwerder: Wissens- und Sehenswertes Ländliches Eldorado an der Bille

Obwohl Billwerder im Laufe der Zeit kleiner geworden ist, lässt sich vieles in dem grünen Straßen- und Marschhufendorf unternehmen. Hier kann man nicht nur reiten und wandern, sondern auch die traditionsreiche Geschichte des Malerhandwerks erkunden. Auch der neue Stadtteil Oberbillwerder soll hier entstehen. 

Wissens- und Sehenswertes in Billwerder

BezirkBergedorf
Einwohner1.784*
Einwohner pro km²400*
Fläche9,5 km²*
Öffentlicher NahverkehrS-Bahn:
S2, S21 (Haltestellen: Billwerder-Moorfleet, Mittlerer Landweg, Allermöhe)

Fläche geschrumpft

Romantisch schlängelt sich der Billwerder Billdeich durch einen ganz besonderen Stadtteil Hamburgs: Noch vor dem Zweiten Weltkrieg galt Billwerder, ausgedehnt auf 17 Kilometer, als längstes Straßendorf Europas. Doch da diverse Abschnitte an angrenzende Stadtteile abgegeben und unbenannt wurden – etwa in Billbrookdeich –, ist der Billwerder Billdeich heute „nur“ noch rund acht Kilometer lang. Fast parallel zu ihm windet sich die Bille durch die Landschaft, südlich des Naturschutzgebietes Boberger Niederung mit seinen riesigen Sanddünen.

Billwerder beträgt heute nur ein Drittel seiner ehemaligen Fläche. Denn im vergangenen Jahrhundert benötigte Hamburg große Gebiete für Gewerbe- und Industrieansiedlungen sowie Wohnbau und benannte diese Viertel um, zum Beispiel in Billbrock (seit 1913), Neu-Nettelnburg (1931) oder Neu-Allermöhe (1984). Auf den verbliebenen 9,5 Quadratkilometern werden noch Landwirtschaft mit Ackerbau, Viehzucht und Blumenbau betrieben.

Neuer Stadtteil Oberbillwerder

Das zweitgrößte Stadtentwicklungsprojekt nach der HafenCity entsteht im Bezirk Bergedorf. Oberhalb von Billwerder ist auf rund 120 Hektar ein neuer Stadtteil geplant. Insgesamt entstehen dort rund 7000 neue Wohnungen, die ab 2023 bezugsfertig sein sollen. Außerdem sind für die Lebensqualität vor Ort Arbeits- und Freizeitangebote, Bildungsmöglichkeiten und Sport- und Kulturangebote geplant. Bis zum Ende der Planungsphase im September 2018 soll der Masterplan für den neuen Stadtteil Oberbillwerder abgeschlossen sein, bevor es an die architektonische Umsetzung geht. Insgesamt sind für das Projekt 10 bis 15 Jahre Planungs- und Realisierungsprozess veranschlagt.

Glockenhaus mit Malerexponaten

Passend dazu stehen an der bebauten Straßenseite des Billwerder Billdeichs alte Bauernhäuser und ehemalige Landhäuser wohlhabender Hamburger, die dort bis Mitte des 18. Jahrhunderts residierten. Eins von ihnen, 400 Jahre alt, wird nach seinem Dachreiter mit Glockenturm als Glockenhaus bezeichnet. Mit seinem schönen Fachwerk und Barockgarten ist es nicht nur von außen ein Schmuckstück: In den Räumen gibt es weitere Schätze zu entdecken, denn sie beherbergen seit mehr als 30 Jahren das einzige Deutsche Maler- und Lackierermuseum.

Ob Pinsel, Lehrlingsrollen oder Gesellen- und Meisterbrief: Das Museum dokumentiert die 800-jährige Geschichte des Malerhandwerks. Dort werden Arbeitstechniken wie Glasätzungen und Lebensweisen verschiedener Malergenerationen veranschaulicht.

Hinter den Häusern erstrecken sich Weiden und Wiesen. Das Flair der Gegend wissen die Menschen zu schätzen: Die meisten der knapp 1.300 Einwohner sind mit Billwerder eng verbunden. Zudem zieht es viele Ausflügler in diesen grünen Ort der Marschlande. Sie steuern im Sommer gerne den Badesee an, der 1959 für den Bau der nahen Autobahn 1 ausgebaggert wurde. Für Wanderfreunde gibt es zahlreiche schöne Wege. Mit etwas Glück lassen sich nicht nur Rehe, Füchse und Kaninchen blicken, sondern auch seltene Vogelarten wie die Sumpfohreule oder Haubenlerche.

Reiterhof im Hufnerhaus

Deutlich stärker wird Billwerder von Pferden bevölkert: Der Stadtteil gilt als Hamburgs Pferde- und Reiterhochburg. Auf den Reiterhöfen stehen rund 150 Tiere, oft in Besitz von Dressur- und Springreitern der Hansestadt. Für sie ist zum Beispiel Peter Graumann da, der als Pächter den mehr als 400 Jahre alten „Graumannhof“ am Billwerder Billdeich führt. In dieser Straße sind auch der Reit- und Fahrverein Billwerder sowie der Boberger Reitverein zu Hause. Letzerer teilt sich gemeinsam mit dem Restaurant und Café Deichmamsell ein Hufnerhaus, in dem noch bis ins frühe 18. Jahrhundert der Michel-Pastor den Sommer verbrachte.

Graumann und andere Bewohner waren erleichtert, als in den 1970er-Jahren das Bauprojekt „Ballermöhe“ der Baugenossenschaft Neue Heimat nicht verwirklicht wurde. Damals sah der Flächennutzungsplan vor, alle Höfe in Billwerder und Allermöhe dem Wohnungsbau zu opfern. Den dörflichen Charakter Billwerders zu erhalten, dafür engagiert sich seit 1988 auch die Dorfgemeinschaft Billwärder an der Bille. Sie schreibt sich übrigens mit „ä“, da der Ort auch früher so geschrieben wurde. Daneben fördert der Verein das ländliche Leben durch kulturelle Veranstaltungen.

Zum Ort gehören natürlich außerdem die St.-Nikolai-Gemeinde mit ihrem architektonisch interessanten Backsteingebäude, der Billwerder Turnverein sowie der Landfrauenverein Billwerder-Boberg, der seit 2005 – nach dem Eintritt von 20 Boberger Landfrauen – einen Doppelnamen trägt.

Riesiger Mast

Auch für Experten des Meteorologischen Instituts ist der Ort bedeutsam: Sie messen in Billwerder Wetter- und Klimadaten, um Vorgänge in der atmosphärischen Grenzschicht zu erforschen. Dazu sind Messgeräte am 300 Meter hohen Sendemast des Norddeutschen Rundfunks (NDR) installiert.

Nicht ganz so weit in die Höhe ragen die Portalkräne der Umschlaggesellschaft Duss. In ihren Glaskästen, rund zwölf Meter über dem Boden, sitzen Kranführer und transportieren per Gerät Ladeneinheiten von den Güterzügen herunter oder setzen die Einheiten auf die Züge herauf.

Das 1993 errichtete Terminal Hamburg-Billwerder ist eine Schnittstelle für den Umschlag von Ladeeinheiten zwischen Straße und Schiene sowie im nationalen und internationalen Umsteigeverkehr zwischen Güterzügen. Es verknüpft verschiedene Verkehre und Routen von Operateuren von Südeuropa bis nach Skandinavien, teilweise mit mehr als 20 Zügen pro Tag.

Auch Frauen im Gefängnis

In Billwerder gibt es eine weitere wichtige Einrichtung, jedoch ganz anderer Art: In der Justizvollzugsanstalt (JVA) werden Gefangene untergebracht, die kürzere bis mittlere zeitige Freiheitsstrafen zu verbüßen haben. Seit 2016 leben in dem Gefängnis auch rund 60 Frauen und einige kleine Kinder.

Nach jahrelanger Diskussion und dem Umbau eines Hafthauses sind die Frauen vom Gefängnis Hahnöfersand im Landkreis Stade nach Billwerder umgezogen. Draußen gibt es einen Spielplatz für die Kinder. Sie dürfen gesetzlich bis zum Alter von fünf Jahren mit ihrern Müttern im Gefängnis leben, in der Praxis wird aber meist nach einer anderen Lösung gesucht.

Die Anstalt Billwerder wurde 2003 als Gefängnis für Männer eröffnet. Die mit rund 800 Plätzen ausgestattete Anstalt ersetzte die Justizvollzugsanstalt Neuengamme, die zum Teil auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme stand. Da die Haftplätze nicht ausgelastet waren, wurde das Haus 3 zu einer Teilanstalt für Frauen umgebaut. Männer und Frauen nutzen Sporthalle, Arztzimmer, Besuchszentrum und weitere Einrichtungen gemeinsam, aber zu unterschiedlichen Zeiten.

Geänderter Ortsname

Der Name Billwerder leitet sich von Bilnawerthere, Billna und Billenkercken her, was „Insel in der Bille“ bedeutet. Bis 1949 hieß der Ort Billwärder an der Elbe. Etwa um 1150 siedelten sich Sachsen an der Elbinsel an. Sie bauten Deiche auf dem Bill- und Ochsenwerder nach holländischem Vorbild, entwässerten die Gegend und betrieben Landwirtschaft. Der Ort wurde 1162 erstmals urkundlich erwähnt. 1320 verwüsteten schwere Sturmfluten die Dörfer Billwerder, Allermöhe und Moorfleet. 1331 verkauften die Dörfer ihre Kirchenglocken, um einen neuen Deich zu finanzieren.

Im Jahr 1385 erwarben zunächst die Hamburger Ratsherren Albert Hoyer und Johannes Hoyer Nutzungsrechte an Billwerder. Zehn Jahre später kaufte die Stadt Hamburg Billwerder und andere Dörfer auf dem Gebiet der heutigen Marschlande für 2.400 Mark dem Grafen Otto I. von Schauenburg ab, um die Elbschifffahrt und den Handel zu sichern. Hamburg richtete die Landherrenschaft Bill- und Ochsenwerder ein, die die Verwaltung Billwerders übernahm.

Dies bedeutete, dass ein Hamburger Ratsherr als Landherr die Rechte der Stadt wahrnahm; dabei unterstützten ihn Land- und Bauernvögte mit hoheitlichen Befugnissen. Die Stadt errichtete und finanzierte neue Deiche, so dass Billwerder im 15. Jahrhundert weitgehend gesichert war. Um 1550 wurde Billwerder wegen seiner landschaftlichen Vorzüge ein beliebter Sommersitz wohlhabender Hamburger.

Von Getreide zu Gemüse

Wie auch in Moorfleet bauten die meisten Bauern Hopfen und Getreide an, wobei sie den Hopfen an die Hamburger Brauereien zur Herstellung des Bieres verkauften. 1675 durchzogen dänische Truppen den Ort, 1686 besetzte der Herzog von Braunschweig-Lüneburg Billwerder. Aufgrund der militärischen Auseinandersetzungen verarmten viele Einwohner. Das änderte sich erst wieder, als die Billwerder von Getreide- auf Gemüseanbau umstellten. 1830 bildete sich die Landherrenschaft der Marschlande, in die Billwerder überging.

Nach 1850 entwickelte sich im Nordosten Billwerders ein großes Gewerbe- und Industriegebiet, das 1913 zum eigenen Stadtteil Billbrook wurde. Im Nordwesten entstand ein dicht besiedeltes Gebiet, das 1871 zum Vorort Billwerder Ausschlag wurde, 1894 den Status eines Stadtteils erhielt und 1938 zumindest zum Teil in Rothenburgsort umbenannt wurde. 1962 erlitt Billwerder durch die Flutkatastrophe schwere Schäden. 

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*Quelle: Hamburger Stadtteilprofile, Statistikamt Nord (Stand: Jan 2019)

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