Daran erinnere ich mich!

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Gegen 4.30 Uhr werde ich wach, es ist merkwürdig still. Gott sei Dank, der Sturm hat nachgelassen. Noch etwas verschlafen ziehe ich die Gardine zur Seite, um einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Es ist noch dunkel, eine Laterne leuchtet wie immer, aber irgendetwas ist merkwürdig.

Daran erinnere ich mich!


Silbrig glänzt die Straße, hat es gefroren? Ich begreife nur langsam die Situation und sehe, wie sich das „Glatteis“ bewegt. Ein Schreck fährt mir durch die Glieder, das ist ja Wasser, Wasser, das sich im Licht der Laterne spiegelt.

Wo mag das Wasser überall hingelaufen sein? Und meine Eltern und Geschwister! Sind sie auch betroffen? Ich stehe auf, ziehe mein Schwesternkleid an, öffne die Tür und wecke meine Freundin „Nun werde doch mal richtig wach, schau doch mal, überall Wasser, irgendetwas ist passiert!“ Völlig verstört kommt uns die Nachtwache entgegen, stotternd berichtet sie uns von der Katastrophe. „Die Deiche sind gebrochen, ganz Wilhelmsburg ist abgesoffen“, sagt sie, „keiner kann über die Elbe, im Radio geben sie laufend Berichte über die fürchterliche Situation durch.“ Die ersten „Aufsteher“ [Patienten] kommen vom Toilettengang zurück. Eine ältere Patientin kommt auf mich zu. Offensichtlich völlig fassungslos greift sie nach meinem Arm, die andere Hand hält sie an ihren Hals. Sie sagt: „Haben Sie schon gesehen? Überall ist Wasser, was für eine Katastrophe! Ich will auf der Stelle nach Hause!“ Und auch andere Patientinnen, die es nicht mehr auf der Station hält, belagern uns. Schluchzend betteln sie uns an, sie doch nach Hause gehen zu lassen.
Im ganzen Krankenhaus herrscht totale Unruhe. Wir erfahren erst jetzt immer mehr Einzelheiten. Die Kellerräume sind bis zur Decke überflutet, sämtliche untere Einrichtungen sind nicht mehr zugänglich: die Lebensmittelvorräte, die Waschküche mit den teuren Maschinen, die Heizung, Handwerkerräume, Röntgenabteilung, Labor, Apotheke, Hauswirtschaftsräume, Fahrstühle, alles ist zerstört.

Inzwischen ist die Bundeswehr eingetroffen. Die Soldaten kamen hinten durch den Kücheneingang, dort ist das Wasser nicht mal pfützentief. Einige Patienten werden von Bundeswehr-LKWs in  andere Krankenhäuser gebracht, weil ja hier nicht operiert werden kann. Ich höre, dass das Wasser nicht mehr gestiegen ist und manche Häuser mit Gummistiefeln erreicht werden können. Aber andere Straßen sind voll überflutet. 

Inzwischen weiß ich auch, dass meinen Eltern und Geschwistern nichts passiert ist, „nur“ die Keller und die Treppenhäuser sind vollgelaufen. Ein Hubschrauber fliegt ganz niedrig am Haus vorbei, so nahe habe ich noch nie einen gesehen. Fast in Schräglage saust er vorüber.

Einige Angehörige in Gummistiefeln sind jetzt vor dem Stationszimmer. Der Doktor und die Stationsschwester haben alle Hände voll zu tun, etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. Ich höre erregte Diskussionen, Ehemänner werden laut, die die Konsequenzen nicht sehen, was alles passieren kann, wenn die Patientinnen übereilt das Krankenhaus verließen.
Der Platz vor der St. Bonifatius-Kirche füllt sich mit Bundeswehrfahrzeugen und es kommen immer mehr Soldaten, auch um die Kellerräume leer zu pumpen. Dann heißt es: „Wer will helfen, unten sauber zu machen?“ Meine Freundin und ich melden uns zum Einsatz und bekommen Gummistiefel und Gummischürze, große Schaufeln und Besen. Dicker Schlamm hängt überall an den Wänden. Nun sehen wir erst so richtig, was das Wasser angerichtet hat. Mit großen Schläuchen werden die Wände abgespritzt, wir fegen und schrubben und schaffen so die Dreckmassen langsam nach draußen. Wir machen weiter, auch Frauen können was! Nach einer Woche normalisiert es sich langsam wieder alles. Ich glaube, alle Hamburger Krankenhäuser haben uns geholfen, denn noch immer sind unter den Wäschestücken, die uns auf die Station geliefert werden, Sachen, die uns nicht gehören. Bis alles wieder so richtig zügig und in aller Ordnung vonstatten geht, wird wohl noch einige Zeit vergehen.


Auszüge aus dem Zeitzeugenbericht von Sieglinde Seufert, damals Krankenschwester im Krankenhaus Groß Sand in Wilhelmsburg

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