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Seemannsmission Hamburg "Die Seefahrt ist immer noch wahnsinnig gefährlich"

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2018 feierte die Seemannsmission 125-jähriges Jubiläum. Wir haben mit Fiete Sturm über die Hamburger Institution, das harte Leben der Seefahrer und seine Arbeit als Diakon gesprochen. 

Portrait von Fiete Sturm am Hafen Mit Schiffstattoo und Vollbart: Fiete Sturm von der Seemannsmission Hamburg-Altona 

Interview mit Fiete Sturm von der Seemannsmission Hamburg

Fiete Sturm. Der Name passt fast zu gut, um wahr zu sein…
Ich werde öfters gefragt, ob das ein Künstlername ist. Aber ich heiße tatsächlich so. 

Du bist Diakon bei der Seemannsmission. Was genau ist die Mission? 
Die Seemannsmission ist ein kirchlicher Verein. Wir kümmern uns um die Seeleute, die hier in Hamburg ankommen. Die Seefahrt ist eine sehr belastende Arbeit und meine Kollegen und ich bieten vor allem Seelsorge an. Außerdem treten wir als Vermittler auf, wenn es mal Probleme mit den Reedern gibt, zum Beispiel wenn es um Bezahlung oder rechtliche Dinge geht. Wir haben drei Standorte. Einen hier am Fischmarkt, einen am Michel und einen direkt am Hafen. In der Seemannsmission hier in Altona können die Seeleute auch übernachten. 

Warum schlafen die Seeleute nicht an Bord in der Koje? 
Es ist nicht mehr so wie früher, dass die Seeleute in der Heimat aufs Schiff steigen, einmal um den Globus fahren und dann wieder aussteigen. Heutzutage werden die meisten Seeleute von den Philippinen oder aus Osteuropa eingeflogen. Und wenn sie hier ankommen, dann können sie noch ein paar Stunden in der Seemannsmission schlafen, bevor es am nächsten Morgen aufs Schiff geht. Auch die, die hier vom Schiff runtergehen, brauchen einen Schlafplatz. Wir sprechen von Onsignern und Offsignern. 

Wie finanziert sich die Seemannsmission? 
Wir bekommen Fördermittel von der Kirche und vom Staat. Wir erwirtschaften einen gewissen Teil durch die Unterkünfte selbst. Die Reeder bezahlen für die Zimmer von ihren Seeleuten. Aber einen großen Teil müssen wir letztendlich immer noch über Spenden decken. Ohne kommen wir nicht aus. 

Luv & Lee Gin hat eine Spendenaktion für die Seemannsmission gestartet. Wofür soll gesammelt werden?
Die Aktion von Luv & Lee soll uns eine neue WLAN Anlage finanzieren. Das ist für die Seeleute enorm wichtig, denn sie sind über Monate weg von zu Hause und haben an Bord oft keine Möglichkeit, mit der Familie in Kontakt zu treten. Internet ist oft das erste, wonach sie fragen. Aktuell haben wir eine relativ alte Anlage. Wir wollen eine Glasfaseranbindung legen, aber das kostet ungefähr 10.000 Euro. Luv & Lee hat eine Spende von 3000 Euro gemacht. Außerdem wird für jede online verkaufte Flasche Luv und Lee Gin ein Euro an die Seemannsmission gespendet. Man kann aber natürlich auch so spenden.

Als Diakon hast du engen persönlichen Kontakt zu den Seeleuten. Worüber sprechen sie mit dir? 
Heimweh, Trennung von der Familie und Erschöpfung sind zentrale Themen. Auch Vereinsamung kann eine Rolle spielen, weil man in Schichten arbeitet und die anderen kaum sieht. An Bord werden die Seeleute auch nicht mit ihrem Namen angesprochen. Sie sprechen sich mit ihrer Funktion oder mit ihrem Rang an. Das macht etwas mit Menschen. Sie fühlen sich irgendwann nicht mehr menschlich. Es gibt eine hohe Dunkelziffer an Suiziden. Einer der Seeleute hat mir erzählt, wenn ein Kollege über Bord gegangen ist, gucken sie als erstes, ob die Schuhe noch an Deck stehen. Wenn sie noch da sind, war es Selbstmord. Wenn sie nicht mehr da sind, ist er runtergespült worden. Dass sie ein solches Bild dafür haben, zeigt, dass Todesfälle keine Seltenheit sind. 

Wie gefährlich ist die Arbeit auf einem Schiff heutzutage?
Die Seefahrt ist immer noch wahnsinnig gefährlich. Containerschiffe sind 400 Meter lange Stahlgiganten. Da passen tausende Container drauf, aber da arbeiten nur 25 Menschen. Wenn die Schiffe mitten auf dem Atlantik in einen Sturm geraten, sind sie Spielball der Gewalten. Unfälle passieren immer wieder. Gerade sind in der Nordsee wieder 200 Container über Bord gegangen. Wenn ein Container sich losreißt und auf einen Seemann fällt, ist es vorbei. Wenn ein Tau reißt und jemand danebensteht, ist das Ding wie eine Stahlpeitsche. Es kann dir eine ganze Hand abtrennen. 

Ist Piraterie auch ein Thema? 
Ja, insbesondere vor der afrikanischen Küste. Ein Kollege berichtete mir von einem Kapitän, der in fünf Jahren siebenmal von Piraten angegriffen wurde. Die nehmen die Besetzung als Geiseln und verlangen Geld von den Reedereien. Das kommt regelmäßig vor. 

Kommen die Seeleute auch in Kontakt mit Flüchtlingen? 
Ja. Das Problem ist nur, dass so ein Frachtschiff nicht darauf ausgelegt ist, Flüchtlinge an Bord zu nehmen. Die Schiffe haben eine 30 Meter hohe Stahlbordwand. Die Seeleute versuchen zu retten, aber die Flüchtlinge kommen nicht an der Leiter hoch. Sie müssen zusehen, wie Menschen vor ihren Augen ertrinken. In der Hinsicht sind wir politisch. In der Seefahrt galt immer schon: wer in Seenot war, wurde gerettet. Das ist ehernes Gesetz. Die Seeleute und die Reedereien bitten darum, dass wir zusammen als Europa diese Verantwortung wahrnehmen. 

Das alles klingt schlimm. Gibt es überhaupt noch Seefahrer, die den Beruf gerne machen? 
Die gibt es durchaus. Die Seeleute sind stolz auf ihre Arbeit. Sie wissen, dass ohne sie die gesamte Weltwirtschaft brachliegen würde. 90 Prozent aller Waren weltweit werden über Containerschiffe transportiert. Sie haben ein gewisses Berufsethos und einen Berufsstolz. 

Wie bist du eigentlich zur Seemannsmission gekommen? 
Durch Zufall. Ich habe 10 Jahre lang in der Jugendhilfe in Bielefeld gearbeitet. Irgendwann wollte ich mich umorientieren und bin aus Zufall darauf gestoßen, dass ein Hausleiter für die Seemannsmission gesucht wurde. Mein Vater kommt aus der Hamburger Ecke und hat bei Blohm und Voss Schiffsschlosser gelernt. Dementsprechend habe ich die Verbindung in den Norden immer gehabt. 

Was gefällt dir an der Arbeit mit den Seeleuten? 
Es ist eine sehr erfüllende Arbeit. Es ist nicht nur ein Job, sondern auch eine Berufung. Diese Arbeit macht man mit Leib und Seele, viel Idealismus und manchmal auch ein bisschen Improvisation. Man bekommt viel Dankbarkeit von den Seeleuten zurück. Das war in der Jugendhilfe nicht so. Ich mache diese Arbeit wirklich gerne.

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