Die Reise der Pollen

 Die Reise der Pollen

Die Reise der Pollen

Botanisches Kauderwelsch von Helge Masch

Botanisches Kauderwelsch vom 4. März 2020 Die Reise der Pollen - Vom Winde verweht!

Die Natur lässt sich nicht einsperren. Sie ist ständig in Bewegung. Das bekommen wir zurzeit eindrücklich demonstriert. Nicht alle dieser Naturkreaturen erfüllen uns mit Entzücken. Wir folgen Sicherheitsempfehlungen der Gesundheitsexperten, decken uns für den Notfall ein, halten Abstand zu anderen und machen ausgiebige Spaziergänge an der frischen Luft. Und genau dort werden sie uns in den nächsten Tagen und Wochen auflauern. Einige Personen bleiben völlig unbehelligt, anderen wird richtig böse mitgespielt. Geschwollene und gerötete Augen und Nasen, von weitem erkennt man die Qualen, die der Pollenallergiker aushalten muss.

Auch ohne das World Wide Web verlieben sich jetzt im Frühling Millionen von Pflanzen, denen es nicht vergönnt ist, durch ihre duftenden und strahlend schönen Blüten aufzufallen.

Die Partnerbörse für die „Mauerblümchen“ hat begonnen.

Der Wind sorgt für eine effektive Verbreitung. Der Pollen aus den männlichen Blüten von Hasel, Erle, Birke, Eibe, Kiefer, Tanne und anderen macht sich auf die Suche nach den noch unscheinbareren weiblichen Blüten. Es ist die erste Reise ihres Lebens. Unter günstigen Bedingungen kann ein Birken-Pollen 700 km weit fliegen. Er muss dann jedoch feststellen, dass die weiblichen Blüten am Zielort schon bestäubt sind oder noch nicht bereit sind, je nachdem, in welche Richtung er geflogen ist. Doch auch kürzere Reisen müssen nicht zum Ziel, dem klebrigen Stempel in der weiblichen Blüte führen. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Die einen landen zwar auf einem Stempel, aber in der Blüte einer anderen Gattung. Fremdgehen führt im Pflanzenreich nicht zum Ziel. Andere kommen in einem Regenschauer ums Leben und ertrinken jämmerlich in einer Pfütze oder der Kanalisation. Auch Waschstraßen, die von Pollen bepuderte Autos waschen, beenden die Reise zur Liebsten jäh.

Und dann sind da noch die Nasen. Schwungvoll werden die Pollen inhaliert und landen auf Schleimhäuten und in der Lunge. Bei Allergikern kommt es jetzt zu einer hysterischen Überreaktion, um die Bösewichte aus der rasselnden Lunge und der verstopften Nase heraus zu befördern.

Pollen die im Schoß des Fruchtknotens landen konnten, verbandeln sich mit der Eizelle und treten dann im Herbst die zweite und letzte Reise ihres Lebens an. Davon wird später zu berichten sein.

Hierzu passt: Die Reise der Pollen - im Fell verfangen! Diese Geschichte wird erklärt, wenn Bienen und Hummeln durchstarten.

Botanisches Kauderwelsch vom 22. April 2020 Die Reise der Pollen - Im Fell verfangen!

„Summ, summ, summ“ ist eines der beliebtesten und noch bekannten deutschen Kinderlieder. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben verfasste den Text 1835.

„Summ summ summ!
Bienchen summ’ herum!
ei! wir thun dir nichts zu Leide,
flieg’ nun aus in Wald und Heide!
Summ summ summ!
Bienchen summ’ herum!“

Doch heute ist die heile Insektenwelt von 1835 nicht mehr vorhanden. „ei! Wir thun dir nichts zu Leide“ können wir leider nicht mehr singen. Pflanzenschutzmittel bekämpfen nicht nur Schadinsekten, sondern sorgen auch dafür, dass das Bienchen nicht mehr herumsummt.

„Summ summ summ!
Bienchen summ’ herum!
kehre heim mit reicher Habe,
bau’ uns manche volle Wabe!
Summ summ summ!
Bienchen summ’ herum!“

Damit diese dritte Strophe heute wahr wird, müssen „wir viel thun“. Die Wildbienen fliegen rund 300 m um ihre Gelege herum und suchen vor allem heimische Wildpflanzen. Honigbiene und Hummel fliegen bis zu 5 km aus und suchen vor allem nicht gefüllte Blüten mit viel Nektar und Pollen.

Der Pollen verfängt sich im Pelz der Tiere oder wird aktiv gesammelt. Beim Besuch der nächsten Blüte bleiben einige Pollen an dem klebrigen Stempel in der Mitte der Blüte hängen. Die Bestäubung ist erfolgt. Die restlichen Pollen werden von den Tieren zum Teil sicher in sogenannten Höschentaschen verstaut. Diese dienen dann zur Ernährung des Nachwuchses.

Bei einem kleinen Picknick in der Blüte stärken sich die Tiere mit einem kräftigen Schluck Nektar.

ei! wir thun dir nichts zu Leide“ und die Bienen „thun“ auch uns nichts zu leide. Wir brauchen nicht mit Panikattacken zur reagieren, wenn wir eine Biene oder Hummel sehen. Es ist nicht ihr Ansinnen uns zu stechen. Sollte es dennoch dazu kommen, fühlte sich das Tier von uns bedroht – manchmal ist es auch ein Missverständnis.

Hierzu passt: Die Reise der Pollen – In Aarons Fängen! Diese Geschichte wird erklärt, wenn Schmetterlingsmücken gefangen werden.

Botanisches Kauderwelsch vom 29. April 2020 Die Reise der Pollen – In Aarons Fängen!

Wir Menschen leben und erleben mit allen Sinnen. Unsichtbar, aber betörend sind die Düfte. "Duftmanagement" wird im Einzelhandel und in der Hotellerie eingesetzt, damit wir uns wohlfühlen und mehr konsumieren, als wir eigentlich geplant hatten.

"Duftmanagement" kennen wir natürlich auch im Pflanzenreich. Die Blüten betören ihre Bestäuber mit genau auf ihre Nasen abgestimmten Wohlgerüchen. Soweit sollte alles bekannt sein. Die Tatsachen, von denen ich heute berichten möchte, passen durchaus auch in unsere Rubrik: "Unglaublich, diese Pflanzen" und würden in einem Gerichtsprotokoll wie folgt beschrieben werden:

Verbrechen: Prostitution in Tateinheit mit Geiselnahme und Beförderungserschleichung.

Angeklagt wird die hier heimische Staude Aronstab (Arum maculatum). Es wird ihm zur Last gelegt, unzählige Schmetterlingsmücken ohne Vergütung, gegenseitiges Einverständnis und bis zum Tode für das eigene Liebesspiel missbraucht zu haben.

Was ist geschehen? Die Schmetterlingsmücken wurden vorsätzlich auf der Suche nach für die Eiablage geeigneten, frischen Fäkalien durch das "Duftmanagement" des Aronstabes vom rechten Weg abgebracht. Der angenehme durch Thermogenese erwärmte Fäkalgeruch ließ die arg- und wehrlosen Opfer in die Falle - genau gesagt - in die Kesselfalle tappen. Die erwachsenen Schmetterlingsmücken befanden sich in dem letzten Abschnitt ihres Lebens, der bis zu sieben Tage andauert und die Eiablage zur Arterhaltung zum Ziel hat. Nahrung wird in diesem Zeitraum nicht aufgenommen.

Zurück zur Kesselfallenblüte. Unzählige Tiere wurden bereits gefangen. Eine Flucht ist aufgrund der öligen Wände und feinen nach unten gerichteten Haare am Eingang der Falle aussichtslos.  

Plötzlich überziehen die männlichen Blüten die Tiere mit einer Staubwolke aus Pollen. Den über und über bepuderten Tieren gelingt jetzt die Flucht, da der Ausgang nicht mehr verstellt ist. Kaum in Freiheit werden die Tiere erneut durch den betörenden Duft in eine andere Aronstabkesselfallenblüte gelockt. Hier sind nun die weiblichen Blüten begierig dabei, den Pollen von den Tieren zu entfernen und in sich aufzunehmen. Der Liebesakt ist vollbracht. Anschließend machen sich wieder die männlichen Blüten über die Tiere her.

Es ist davon auszugehen, dass es sich um eine nicht endende bandenmäßige Ausnutzung der armen Geschöpfe handelt.

Hierzu passt: Die Reise der Pollen – Pollinien. Das Liebesdrama rund um die Pollinien wird erklärt, wenn die Orchidee verblüht ist.

Botanisches Kauderwelsch vom 26. August 2020 Die Reise der Pollen – Pollinien

Den Partner fürs Leben zu finden, ist nicht leicht, besonders wenn Amor keinen Pfeil zur Verfügung stellt. Genauso geht es auch den Orchideen auf unseren Fensterbänken. Wir als Zimmergärtner:innen sind natürlich über die Blühfreudigkeit der Pflanzen hocherfreut.

Für die Pflanze jedoch ist es ein amouröses Fiasko.

Nehmen wir als Beispiel die auf Fensterbänken weitverbreitete Schmetterlingsorchidee. Ihr fehlt in unseren norddeutschen Wohnungen einfach Amors Pfeil in Form von geeigneten Bestäubern. So blüht sie abwartend, bis sie nach rund drei Monaten enttäuscht aufgibt.

Doch Sie können der Enttäuschung ein Ende setzen.

In der Mitte der Blüte befindet sich eine kleine „Nase“. Die Nasenspitze lässt sich mit einer Kugelschreiberspitze mit einer Bewegung von unten nach oben leicht entfernen. Die Nasenspitze fällt ab und zwei Pakete mit Pollinien kleben auf dem Kugelschreiber. Diese führen Sie in die „Nasenlöcher“ hinter der „Nasenspitze“ einer anderen Blüte ein. Am nächsten Tag ist die Blüte verwelkt und in den darauffolgenden Wochen bildet sich eine Frucht.

Was ist ein Pollinium?

Es ist ein Pollenpaket, das aus einer klebrigen Pollenmasse besteht. So werden viele Tausend Pollen kompakt zur gleichen Zeit transportiert. Die Früchte der Orchideen sind die Saatkornreichsten im Pflanzenreich. Die können Sie sich leicht vor Augen führen, wenn Sie sich eine Vanilleschote von innen betrachten.

Hierzu passt: Die Reise der Pollen – Bestäubung und Befruchtung. Der Weg des Pollens zu seiner Geliebten wird erklärt, wenn die Efeublüten den Abschuss der Blühsaison einläuten.

Themenübersicht auf hamburg.de

Aktivitäten des Botanischen Sondergartens

Anzeige
Branchenbuch