Unglaublich, diese Pflanzen

 Gekämmter Baum | Parnaíba | Tamarindus indica

Unglaublich, diese Pflanzen

Botanisches Kauderwelsch von Helge Masch

Botanisches Kauderwelsch vom 29. Januar 2020 Unglaublich, diese Pflanzen - Thermogenese

Auch im Winter ist der Garten schön!
Schön kalt, feucht und ungemütlich.

Wir sitzen in unserem behaglich aufgewärmten Heim und blicken in den Garten und freuen uns auf die dortige Blütenpracht, wenn es auch im Freien wieder behaglich temperiert ist.

Doch dort im kalten, feuchten Garten ist es nicht überall ungemütlich. In den Blüten der Stinkendenden Nieswurz (Helleborus foetidus) wird der Nektar erwärmt und ist dabei jeweils 6 °C wärmer als die Umgebungstemperatur. Der warme Schluck Nektar ist ein Anreiz für die Insekten, durch den Garten zu fliegen.

Auch das galante Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) erzeugt in den Blattspitzen Temperaturen von 8 bis 10 °C, um sich bei Bedarf - in diesem Jahr in Hamburg nicht notwendig - durch eine geschlossene Schneedecke zu tauen.

Eine Höchstleistung vollbringt der Gefleckte Aronstab (Arum maculatum). Der Kolben wird auf 40 °C erwärmt, um mit seinem Aasgeruch Schmetterlingsmücken effektiv anzulocken. Diese werden dann bei behaglichen 25 °C in dem Blütenkessel gefangen.

Sogar Pflanzen, die in Ländern leben, in denen es für uns gefühlt immer kuschelig warm ist, sind zur Thermogenese (Wärmebildung) fähig. Die Blüten des Philodendron sind mit 42 °C wahre Heizdecken für Insekten. Diese können nur ausreichend aufgewärmt weiterfliegen. Die Indische Lotusblume (Nelumbo nucifera) beherrscht sogar die Thermoregulation. Während der Empfängnisbereitschaft herrschen konstant 30 – 35 °C auf der Narbe.

Hierzu passt: Unglaublich, diese Pflanzen - Karnivoren. Dieser Begriff wird dann erklärt, wenn im Gewächshaus des Sondergartens die Karnivoren-Ausstellung zu sehen ist.

Botanisches Kauderwelsch vom 12. Februar 2020 Unglaublich, diese Pflanzen - Windflüchter

Seit ein paar Tagen haut uns der Sturm alles um die Ohren, was leicht genug oder nicht ausreichend befestigt ist. Wahlplakate, Dachziegel, aber auch Pflanzenteile wie Totholz, Äste und ganze Bäume. Da wünscht sich sicherlich so mancher Baum, den heutigen Kauderwelsch-Begriff wörtlich nehmen zu können.

Im brasilianischen Bundesstaat Piauí - im Delta do Parnaíba - steht der „gut frisierte Baum“ (Arvore Penteado oder Arvore Cabelo Penteado). Das Delta do Parnaíba ist Brasiliens größtes offenes Meerdelta, in dem ständig eine steife Brise weht. Weit und breit steht nur dieser eine Baum – ein Tamarindenbaum (Tamarindus indica). Der senkrechte Stamm hat etwa eine Höhe von zwei Metern. Durch den Wind hat sich die Baumkrone wie eine Haartolle von Elvis parallel zum Erdboden entwickelt. Dies ist der schönste Windflüchter, den ich je gesehen habe.

Auch an den Küsten von Nord- und Ostsee können wir dieses Phänomen beobachten. Einzelne Bäume oder Baumgruppen wachsen  durch den beständigen Wind –wie gekämmt -vom Meer bogenförmig in Richtung Landesinnere.

Insofern können Bäume sich ohne weiteres mit Wind und steifen Brisen engagieren. Doch zu hohe Windgeschwindigkeiten und Orkanböen liegen außerhalb der erträglichen Beständigkeit. Wenn dann noch vom Regen durchgeweichter Boden hinzukommt, gibt es, im wahrsten Sinne des Wortes, kein Halten mehr.

Hierzu passt: Unglaublich, diese Pflanzen – Korkenzieherwuchs. Dieser Begriff wird dann erklärt, wenn Ostereier in die Zweige gehängt werden.

Botanisches Kauderwelsch vom 8. April 2020 Unglaublich, diese Pflanzen - Korkenzieherwuchs

Heute am 8. April können wir am Himmel den ersten Frühlingsvollmond bewundern. Somit feiern wir am kommenden Wochenende das Osterfest.

Zu Ostern werden Narzissen zu Osterglocken und mit bunten Eiern behängte Zweige zieren die Gärten und in Vasen auch die Wohnzimmer.

Während Indoor in diesem Jahr Forsythie und Kirsche schneller die Blütenblätter fallen lassen als ein Weihnachtsbaum die Nadeln im Dezember, werden vermutlich Zweige vom Apfelbaum ihre Blüten treiben.

Sehr dekorativ sind auch die verdrehten Zweige der Hasel (die um 1900 in England entdeckt wurde) und der Korkenzieher-Weide. Diesen Wuchs verdanken wir einer Laune der Natur, die Mutation genannt wird. 

Mutation (lat. mutare „ändern/verändern, verwandeln“)  =  spontan auftretende, dauerhafte Veränderung des Erbgutes.

Wären diese vom menschlichen Auge unerkannt geblieben und nicht in Kultur genommen, wären diese schwach wüchsigen Spielarten der Natur vermutlich bereits ausgestorben.

Hierzu passt: Unglaublich, diese Pflanzen – "bohnisch" und "hopfisch". Diese Begriffe stammen nicht aus der Linguistik der Pflanzenwelt und werden erklärt, wenn sich einige Pflanzen an der Stange räkeln.

Botanisches Kauderwelsch vom 3. Juni 2020 Unglaublich, diese Pflanzen - Karnivoren

Wenn die Nahrungsvorräte zur Neige gehen, beginnen die Menschen zu hamstern. Die Tiere machen sich auf den Weg zu neuen Weidegründen. Doch welche Chancen haben die im Boden verwurzelten Pflanzen?

  • Verhungern
  • Haushalten und  kleiner bleiben
  • Nahrungsumstellung

Die Karnivoren haben sich für eine Nahrungsumstellung entschieden. An ihren meist sehr feuchten, zum Teil moorigen Standorten werden die wenigen im Boden vorhandenen Nährstoffe durch das Wasser ausgespült. Karnivoren haben durch Meatamorphose ihre Blätter zu Fangorganen umgestaltet. Die Bekanntesten sind wohl der Sonnentau mit seinen klebrigen Blättern oder die Venusfliegenfalle. Letztere hat eine Fangstrategie entwickelt, die man einer Pflanze eigentlich nicht zutraut. In der Falle befinden sich Fühlhaare. Werden diese dreimal innerhalb von kurzer Zeit von einem Insekt berührt, löst die Falle aus und schließt sich. Jetzt beginnen die in einer Verdauungsflüssigkeit befindlichen Enzyme die Tiere zu zersetzen. Die tierischen Proteine und Stickstoff dienen so der Pflanze als Nahrung.

Doch es gibt auch "Vegetarier" unter den Karnivoren! Einige Kannenpflanzen haben sich auf eine Lebensgemeinschaft mit Fledermäusen eingelassen. Die Fledermäuse schlecken Nektar von dem Deckblatt über der Falle und verrichten ihre Notdurft anschließend in die Kanne. Der Kot wird zersetzt und als Dünger genutzt. Andere Kannenpflanzen hingegen begnügen sich nicht mit Insekten. Sie verzehren auch Ratten und kleine Affen.

In diesem Sommer können Sie eine Ausstellung mit fleischfressenden Pflanzen - wie Karnivoren auch bezeichnet werden - im Gewächshaus des Sondergartens besichtigen. Die Ausstellung mit vielen unterschiedlichen Pflanzen und informativen Postern ist das Jahresprojekt unser FöJlerin.

Hierzu passt: Unglaublich, diese Pflanzen – "bohnisch" und "hopfisch". Diese Begriffe stammen nicht aus der Linguistik der Pflanzenwelt und werden erklärt, wenn sich einige Pflanzen an der Stange räkeln.

Botanisches Kauderwelsch vom 17. Juni 2020 Unglaublich, diese Pflanzen - "bohnisch" und "hopfisch"

Für einen chronischen "Links-Rechts-Legasteniker", wie der Kauderwelsch-Autor einer ist, begeben wir uns in einen Bereich der absoluten Unverständlichkeit. Schon vor dem Kühlregal ist er mit den links- oder rechtsdrehenden Joghurtkulturen völlig überfordert. Jetzt halten die richtungsweisenden Wörter auch noch in seinem Lieblingsgebiet, der Pflanzenwelt, Einzug.

Die Ranken "bohnischer" Pflanzen winden sich von oben gesehen rechts um die Rankhilfe herum und die Ranken "hopfischer" Planzen links herum.

Die Rankpflanzen sind gerade jetzt im Sommer vielerorts gut zu beobachten. Schauen Sie einmal genau hin - Sie werden staunen! Sollten Sie im Begriff sein, Ihren Rankpflanzen Nachhilfe im Klettern zu geben, achten Sie auf die Rankrichtung. Die Pflanzen sind irritiert, wenn Sie sie umerziehen wollen. 

Hierzu passt, die nächste Ausgabe vom Botanischen Kauderwelsch nach der Sommerpause mit einem wie immer überraschenden und unglaublichen Thema.

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Aktivitäten des Botanischen Sondergartens

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