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Interview Einzigartige Ruheorte im urbanen Raum

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Über die besondere Dachlandschaft in der Hamburger Leo-Leistikow-Allee haben wir mit Remigiusz Mudlaff vom Architekturbüro Mudlaff & Otte und Jim Ulrici von der Conplan Projektentwicklungsgesellschaft gesprochen.

Ein Bild mit Solarmodulen auf einem Gründach. Schlau genutzt: 1.400 m2 misst die Dachfläche. 950 m2 davon sind begrünt, 35 % sind mit PV belegt, drei Reihen Module im Abstand von 1,10 Metern. Der Rest sind Lüftungsöffnungen und Verkehrsfläche.

Ruheorte im urbanen Raum

Die Leo-Leistikow-Allee verläuft in Nachbarschaft zum Kunst- und Mediencampus Finkenau sowie zur Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Der lange Reihenhauszug sieht aus wie eine Zeile aus 22 Stadthäusern, gilt rechtlich und baulich aber als ein einzelnes Mehrfamilienhaus. Es wurde von drei Architekturbüros für die Baugemeinschaft StadtFinken entworfen und 2019 fertigstellt. Dabei handelt es sich um ein wichtiges Prestige- und Vorbildprojekt: Die Häuserzeile erzeugt mehr Energie als sie verbraucht und wird somit zum Plusenergiegebäude.

Zur Deckung des Energiebedarfs von Heizung, Warmwasser und Strom sind ein Biogas-Blockheizkraftwerk, die Photovoltaik (PV) auf dem Gründach und die  Sole-Wasser-Wärmepumpen installiert, die von achtzehn in 110 Meter tiefen Bohrungen unter der Tief­garage und dem Garten gelegenen Erdsonden gespeist werden. Die Erdwärmeleitungen dienen auch zur Kühlung: In den Sommermonaten wird Raumwärme über die Fußbodenheizung aufgenommen und ins Erdreich zurückgegeben. Zur Effizienzsteigerung wurde zusätzlich eine Abwasserwärmerückgewinnungsanlage eingebaut, die die Restwärme aus dem Warmwasser zieht. Dieses System ist hier zum ersten Mal in einem Wohnungsbau zu finden. Den erzeugten Strom verkauft die Gemeinschaft als Strommodell für Mieterinnen und Mieter und speist damit zusätzlich gemeinschaftlich genutzte E-Bikes.

Das Dach wurde mit einer extensiven Dachbegrünung in Mehrschichtbauweise sowie einer Substratdicke von zehn Zentimetern bedeckt und mit Sedumarten bepflanzt. Das Gründach schützt die darunterliegende Dachdichtung, so dass diese doppelt so lange hält, und reduziert die Niederschlagswassergebühr auf 50 Prozent der Kosten. Das Projekt wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem „Bundespreis für Umwelt & Bauen 2020“ sowie mit Platz eins in der Kategorie Neubau des „KfW Award Bauen 2020“.

Das Bild zeigt den Architekten Architekt Remigiusz Mudlaff und den Bauplaner Jim Ulrici. Dreamteam: Architekt Remigiusz Mudlaff (l.) und Bauplaner Jim Ulrici entwickelten zusammen mit weiteren Partnerinnen und Partnern das einzigartige Projekt.

Was ist das Außergewöhnliche an diesem Solargründach?

Remigiusz Mudlaff: Die Geometrie des Daches war bereits vorgegeben, als die Planung begann. Wir haben dort eine sehr schmale Reihenhausarchitektur. Die Herausforderung war daher, alle gewünschten und nötigen Komponenten unterzubringen, ineinanderzufügen und trotzdem das Maximum aus den PV-Anlagen herauszuholen. Das gesamte Projekt leistet einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz in Hamburg, denn durch die Stromgewinnung der Solaranlage kann mindestens ein Drittel des Verbrauchs der 42 Haushalte gedeckt werden.

Jim Ulrici: Außerdem kann dieses Dach bei Starkregen große Mengen an Wasser speichern und dann wieder sukzessive an die Umwelt abgeben, was gut fürs Klima ist.

Welche Leistung hat die PV-Anlage? 

Remigiusz Mudlaff: 81 Kilowatt Peak. Wir haben von Januar bis Juni 2020 allein schon 42 Megawattstunden erwirtschaftet. Das entspricht einer CO2-Reduzierung von 50 Tonnen, was gleichzusetzen ist mit 1.500 neu gepflanzten Bäumen.

Was muss man bei der Kombination von Gründach und PV-Anlage unbedingt beachten?

Remigiusz Mudlaff: Entscheidend ist, die Unterkonstruktion so zu wählen, dass die Vegetation unter den Panelen durchgeführt werden kann. Früher arbeitete man dort mit Plattenmaterial, um die Modultische zu beschweren. Das ist heute nicht mehr nötig.

Was sind die Vorzüge eines Solargründachs? 

Jim Ulrici: Es hat einen sehr positiven Einfluss auf das Gebäudeklima und die Artenvielfalt. Insbesondere für Insekten und Vögel, die in der Begrünung auch Bereiche finden, die sie
regelmäßig ansteuern können. 

Welche Standortfaktoren sind wichtig bei Projekten wie diesem?

Remigiusz Mudlaff: Vor allem die Gebäudeausrichtung und die Dachgeometrie sind bei der Planung entscheidend.

Welche Pflege erfordert solch ein Dach? 

Jim Ulrici: Ein Solargründach braucht ein- bis zweimal im Jahr eine Pflege und Wartung, um es von Bewuchs zu befreien, der dort nicht hingehört oder vor den Modulen zu hoch wurde. Die Entwässerungseinrichtungen werden gereinigt und die PV-Anlage wird gewaschen. Zudem werden die Paneele regelmäßig überwacht, um Veränderungen vorzunehmen, wenn sie zum Beispiel defekt sind.

Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Remigiusz Mudlaff: Das gesamte Bauprojekt mit diesem 
Solargründach würden wir genauso wieder umsetzen! 

Was bedeutet Ihnen dieses Konzept persönlich?

Jim Ulrici: Nachhaltigkeit. Ein Teilaspekt davon ist das Grün im urbanen Umfeld. Das ist essentiell für die Menschen, um einen Naturbezug im städtischen Raum zu gewinnen.

Remigiusz Mudlaff: Grün im städtischen Raum sollte insbesondere auf Dachflächen erweitert werden.

Wie sieht Ihr Zukunftsszenario aus?

Remigiusz Mudlaff: Ich stelle mir die Dächer in Hamburg zukünftig sehr stark aktiviert vor. Das heißt, dass man noch mehr Kombinationen vornimmt, die einerseits energetisch genutzt werden können und andererseits Bewohnerinnen und Bewohner auf die Dächer bringen. Gerade auf höheren Gebäuden ist das Dach dann ein ganz einzigartiger Ort der Ruhe, Erholung und Naturerfahrung.

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