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Zeitzeugenbericht von Heino Wenzel (damals 9 Jahre alt)

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Herr Schulz, der Nachbar, weckte uns. Er klopfte ans Fenster und rief: „Das Wasser kommt.“ Wir stiegen aus dem Bett und zogen uns an. Meine Tante, Oma, Vati und Mutti rasten ’raus. Sie räumten den Kühlschrank und den Küchenschrank aus. Vati konnte schon nicht mehr die Gummistiefel erreichen, denn das Wasser war kalt. Er nahm einen Stuhl. So erst konnte er sie erreichen.

Zeitzeugenbericht von Heino Wenzel (damals 9 Jahre alt)


Die Hühner im Stall gackerten, die Kaninchen quiekten. Es war traurig, aber man konnte ihnen nicht helfen, denn das Wasser war draußen hoch und drückte gegen die Tür, die nach draußen führte. Wir brachten, so viel wir tragen konnten, ins erste Stockwerk. Wir kriegten fast alles, bis auf die sehr großen Sachen, nach oben in Omas Wohnung. Mir war ganz schaurig zumute. Wir konnten im Dunkeln nichts sehen. Ein Glück, daß wir Kerzen hatten. Meine Tante weinte. Ich wusste nicht, warum.

Am Tage konnte man sehen, was draußen los war. Es kamen Bretter, Kisten und Kasten angeschwommen. Leider schwammen die Bohlen, die mein Vater besorgt hatte, auch weg und unsere Leiter.
Wir hatten den Stall mit Eternit gedeckt. Die Torfballen hoben das Dach ab. Die Kaninchenställe waren unter Wasser. Auch von den Wäschepfählen konnte man nur die Kappen noch sehen. Wir sprachen durchs Fenster mit den Nachbarn. Viele hatten gar nichts gerettet. Unsere Hühner schwammen tot zwischen dem Küchenschrank und den Stühlen umher. Das Wasser hatte die Türen ausgehängt. Im Keller machte es immer – bong – blub – blub –. „Das sind die leeren Gläser und Flaschen“, sagte Vati. Auf meinem Bett lagen hochgetürmt die Matratzen. Die Gardinen waren mit einem Band hochgebunden. Auf dem Ofen stand die Musiktruhe. Tisch und Stubenschrank standen schon tief unter Wasser. Und oben sah es aus! Sofa, Sessel, Bücher, Schubladen voll Wäsche, Kleider, Anzüge, Teppiche, Läufer und eine nasse Henne, Eier, Wurst, Marmeladengläser, Briketts, Holz und sechs Personen, alles drunter und drüber!

Wir sahen immer aus dem Fenster, wie das Wasser stieg. Wir sahen in der Wilhelmsburger Zeitung nach, wann Ebbe und Flut war. Doch bei Ebbe stand das Wasser nur kurze Zeit, dann stieg es wieder. Wir merkten uns immer Zeichen an den Obstbäumen. Und der Sturm wehte immer noch. Wir konnten bis 3 Uhr in unsere Stube gehen. Dann war zuviel Wasser drinnen. Mittags hatten wir ein karges Mahl. Es bestand aus Butterbrot, Kuchen und kalter Milch, denn Feuer anzumachen, wagten wir nicht. Die Hubschrauber flogen überall. Es wurde schon dunkel, da hörten wir ein Rumoren. Ein Hubschrauber flog über unser Haus. Er setzte auf ein Dach auf und holte Leute ab.

Obwohl das Wasser da war, hatte ich großen Hunger. Die Ratten schwammen quer durch den Garten. Nachts hatte meine Mutti Wache. Da hörte sie immer ein Hauruck! Das wiederholte sich. Da sahen wir Pioniere im Schlauchboot. Wir zogen uns an, denn wir hatten im Bett gelegen. Wir stiegen aufs Dach und dann in ein herangekommenes Schlauchboot. Auf dem Rethweg fuhren wir jetzt entlang. Omi fragte einmal, wo wir wären. So sah alles im Wasser anders aus, obwohl der Mond hell schien. Es waren neun Pioniere und zwölf Leute im Boot. Alles Nachbarn. Wir kamen zur „Alten Schmiede“. Dort war alles noch trocken. Dann ging es mit einem Mannschaftswagen der Bundeswehr über Jenerseitedeich zur Autobahn. Dort erwartete uns ein Bus der HHA. Er brachte uns in eine Schule. Wir bekamen etwas zu trinken, aber ich hatte keinen Durst. Wir wurden in einen Raum gebracht, da schliefen wir in Schlafsäcken.


Heino Wenzel; Aus: Wilhelmsburger Heimatvereine (Hg.): Wilhelmsburg 1962. Hamburg o. J., S. 93 f.

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