Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen

Service & Presse Diebsteich / Mitte Altona aktuell

Die Zeitung „Diebsteich / Mitte Altona aktuell“ hat zum Ziel, die Chancen und Herausforderungen zu vermitteln, die die beiden Entwicklungsgebiete mit sich bringen. Sie informiert über den aktuellen Fortschritt und soll aufzeigen, wie Bürgerinnen und Bürger bei den anstehenden Planungen mitreden können. Gleichzeitig stellt sie aber auch bemerkenswerte Besonderheiten in und um die Entwicklungsgebiete Diebsteich und Mitte Altona vor und lässt Beteiligte zu Wort kommen. Schmökern Sie hier in vergangenen und aktuellen Ausgaben.

Diebsteich / Mitte Altona aktuell

Mitte Altona aktuell



Auszug aus Ausgabe 5: Interview mit Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz

„Eine große Chance für die Hamburg Stadtentwicklung“


Hamburger Erster Bürgermeister Olaf ScholzHamburgs Erster Bürgermeister über die Bedeutung Mitte Altonas für ganz Hamburg

Ende September verabschiedete die Hamburgische Bürgerschaft mit großer Mehrheit den Masterplan für Mitte Altona. Im größten Stadtentwicklungsareal nach der HafenCity sollen insgesamt 3.500 neue Wohnungen entstehen. Allerdings gab es auch Kritik an dem Beschluss. In unserem Interview bewertet Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) die Lage des Projekts nach der Verabschiedung der Planungsgrundlage.

Herr Bürgermeister Scholz, Sie wohnen seit langem in Altona und sind hier auch Abgeordneter gewesen. Was macht den Bezirk aus Ihrer Sicht einzigartig?
Altona ist vielfältig und spannend, die einzelnen Stadtteile sind sehr unterschiedlich. Zum Bezirk gehören das urbane Kerngebiet, ebenso Großwohnsiedlungen und auch die Villenviertel der Elbvororte. Die Lebensqualität ist hoch, weil alles vorhanden ist, was man sich in einer Großstadt wünscht: Ein breites kulturelles Angebot, zahlreiche Cafés, Restaurants und gute Einkaufsmöglichkeiten, eine gute Verkehrsinfrastruktur, viele Plätze und Grünanlagen. Und die Lage an der Elbe ist einzigartig.

Wird das Projekt Mitte Altona diese Eigenarten Altonas verändern? 
Im Gegenteil. Mitte Altona soll diese Eigenschaften nicht verändern, sondern aufgreifen und weiterentwickeln. Wir haben mit dem neuen Stadtteil sogar die Möglichkeit für positive Ergänzungen. So ist beispielsweise ein neuer Stadtteilpark geplant, der den vorhandenen Grünzug zwischen Altonaer Rathaus und Bahnhof fortsetzen und die Nachbarstadtteile besser als heute miteinander verbinden wird. So eine Gelegenheit bietet sich in der Stadtentwicklung heute nicht mehr oft.

Der jetzt verabschiedete Masterplan legt die groben Linien, aber noch keine Details der Planung fest. Wo sehen Sie den dringendsten Konkretisierungsbedarf?
Mit dem Masterplan haben wir im Moment eine grobe Struktur, einen Rahmen. Dieser muss nun in den Verhandlungen mit den Grundeigentümern und in den nächsten Planungsschritten ausgefüllt werden. Dabei stellen sich sehr verschiedene Aufgaben: Wie soll beispielsweise ein innovatives Mobilitätskonzept für den Stadtteil aussehen? Wie wird die neue Stadtteilschule einmal aussehen und wo sollen Kitas entstehen? Welcher Lärmschutz ist wann wo erforderlich und wo könnten Nahversorgung und Gastronomie am besten ihren Platz finden? Wie soll der Park ausgestaltet sein? Und dies ist nur ein kleiner Ausschnitt der Fragestellungen, die nun nach und nach zu beantworten sind.

Was antworten Sie Kritikern des Plans, die einen höheren Sozialwohnungs-Anteil als das angekündigte Drittel fordern?
Wir möchten einen wirklich gemischten Stadtteil und keine Monostrukturen, wie wir sie in Hamburg ja an anderer Stelle auch kennen. Sozialwohnungen, freier Mietwohnungsbau und Eigentumswohnungen zu je einem Drittel sind hierfür ein vernünftiger Planungsansatz.

Manche sagen, die Stadt selbst hätte die Flächen kaufen sollen, um mehr Einfluss auf das Gebaute zu haben. Warum hat man das nicht gemacht?
Solange die Eigentümer und Projektentwickler unsere Forderungen umsetzen, gibt es keinen Grund, städtisches Geld zur Zwischenfinanzierung einzusetzen. Das ist der Maßstab.Die Verlegung des Bahnhofs ist ein wichtiger Teil des Projekts. Hat die Politik Möglichkeiten, auf die Entscheidung der Bahn Einfluss zu nehmen?  Die Idee, den Bahnhof zu verlegen, stammt von der Deutschen Bahn und die abschließende Prüfung findet statt. Selbstverständlich sind wir mit der Bahn im Kontakt. Die mit der Verlagerung frei werdenden Bahnflächen wären eine große Chance für die Hamburger Stadtentwicklung, für Altona und für die weitere Umsetzung des Wohnungsbauprogramms.

Der Masterplan ist so angelegt, dass er verschiedene Szenarien berücksichtigt.  Aber merkwürdig ist die Vorstellung für einen Altonaer schon, keinen Fernbahnhof mehr zu haben, oder?
Der S-Bahnhof Altona – und nur dieser wird von den meisten Fahrgästen regelmäßig genutzt – bleibt unverändert bestehen. Ein künftiger Fernbahnhof am Diebsteich wäre ebenfalls in Altona angesiedelt und nur eine weitere Station entfernt.

Wenn Sie von dem Projekt so überzeugt sind: Wird Olaf Scholz im Jahr 2020 in Mitte Altona wohnen?
Ich wohne nun schon seit vielen Jahren gern in Altona – und meine Wohnung gefällt mir unverändert.






Auszug aus Ausgabe 2: Interview mit Altonas Bezirksamtsleiter Jürgen Warmke-Rose


„Die Republik wird altern, Altonas Mitte nicht“


Altonas Bezirksamtsleiter Jürgen Warmke-RoseAltonas Bezirksamtschef Jürgen Warmke-Rose im Gespräch über Verantwortung im Planungsgebiet, Bürgerdialoge und einen Spaziergang im Jahr 2025.

Merkwürdige Begriffe aus dem Planer- und Bürokratendeutsch geistern durch die Debatte um Mitte Altona: „Vorbehaltsgebiet“ und „kooperatives Verfahren“. Manche munkeln, man habe Altona mit diesen Rechtsmitteln das Planungsverfahren komplett aus den Händen gerissen. Doch Jürgen Warmke-Rose, Altonas Bezirksamtsleiter, ist da ganz entspannt. Beim Interviewtermin erläutert er zunächst einmal in Umgangssprache, was da eigentlich passiert ist: Für größere Stadtbereiche kann in Hamburg ein „Vorbehaltsgebiet“ nach § 7 Bauleitplanfeststellungsgesetz eingerichtet werden. Damit wird die Zuständigkeit für die Bebauungsplanung und Baugenehmigungen, die normalerweise beim Bezirk liegt, auf den Senat übertragen. Eine gesamtstädtisch so bedeutsame Fläche wie Mitte Altona mit allen Anbindungen an die angrenzenden Quartiere vollständig neu zu überplanen, würde die Ressourcen eines Bezirksamts überfordern (siehe Interview). Deshalb übernimmt eine Fachbehörde die Zuständigkeit und bündelt die Umsetzung des Projekts: die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU).

Doch das macht sie nicht zum „Alleinherrscher“ – und dafür sorgt das „kooperative Verfahren“: Für Mitte Altona wurde ein besonderes Verfahren entwickelt, das den Bezirk eng in die Planungs- und Genehmigungsverfahren einbindet: Die Bezirksversammlung entscheidet zwar nicht mehr abschließend über alle Planungsschritte, kann aber sehr viele privilegierte Kommunikationswege nutzen, um dennoch mitzuwirken. So verpflichtet sich die BSU etwa, vor wichtigen Entscheidungen die Gremien der Bezirksversammlung intensiv einzubinden und deren Forderungen und Anregungen in die Entscheidungsfindung einzubringen. Warmke-Rose, der „Häuptling von Altona“, wirkte beim Interview denn auch alles andere als unzufrieden mit dieser Lösung.

Herr Warmke-Rose, natürlich ist zunächst der Bezirk gefragt, wenn es um Altona geht. Ist es dennoch sinnvoll, dass die planerische Zuständigkeit für Mitte Altona in Zukunft zentral bei der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt liegt?
Ja, zum Glück ist die Bezirksversammlung auch dieser Auffassung. Wenn ich mir vorstelle, wir müssten den Masterplan, einen oder mehrere Bebauungspläne, alle Baugenehmigungen, die Erschließung, die soziale Infrastruktur und die Verhandlungen mit den Grundeigentümern alleine stemmen – mit der begrenzten Kapazität eines Bezirksamtes hätte das schlicht nicht funktioniert. Im „Vorbehaltsgebiet“ ist das Bezirksamt jetzt nicht mehr federführende Behörde, sondern mitwirkender „Träger öffentlicher Belange“. In dieser Rolle weisen wir die BSU an der einen oder anderen Stelle mit einer gewissen Penetranz auf Wesentliches hin: etwa, dass der Bau von Infrastruktur wie Schulen, Kindergärten oder Parks und Wasserflächen langfristig vernünftig ausgelegt sein muss. Denn nach Abschluss der Bauarbeiten fällt die Verantwortung wieder komplett an uns zurück, und dann wollen wir keinen Problem-Stadtteil vorfinden.

Wird der Bezirk im „kooperativen Verfahren“ also weiterhin ausreichend in die umfangreichen Planungen einbezogen?
Gerade als Träger öffentlicher Belange kann man die wichtigen Fragen besonders nachdrücklich vertreten, denn man hat nicht die Schere im Kopf: Ist man Genehmigungsbehörde, muss man immer auch daran denken, die Grundeigentümer nicht zu überfordern und trotzdem zum Beispiel die Schule zu bauen. Wir hingegen dürfen jetzt viel mehr Partei sein, also ausschließlich die Belange Altonas verfolgen. Wir sind die Partei der jetzigen Nachbarn und zukünftigen Bewohner dieses Gebiets.

Erkennen Sie den Willen der Bürger Ihres Bezirks im Entwurf des Masterplans für Mitte Altona wieder, der im Dezember vorgestellt wurde?
Obwohl ein Masterplan ja noch sehr allgemein gehalten ist, erkenne ich hier viele Aspekte, die Bürgerinnen und Bürger zurecht eingefordert haben: die Grünflächen, die Schule, den Erhalt denkmalgeschützter Gebäude und des Wasserturms als ganz wichtiger Landmarke. Es ist auch unumstritten, dass es auf solch einer Brachfläche Wohnungsbau geben muss, aber auch Gewerbe, das mit dem Wohnen kompatibel ist. Und am Ende müssen auch die wirtschaftlichen Interessen der Grundeigentümer und Bauherren berücksichtigt werden. Die wollen ja auch keine roten Zahlen schreiben.

Wurde an genügend erschwinglichen Wohnraum gedacht?
Günstiger Wohnraum ist erstens die erklärte Politik des Senats: Ein Drittel aller neu gebauten Wohnungen in Hamburg soll öffentlich gefördert werden. Das haben die Grundeigentümer dieser Flächen schon verstanden und zum Beispiel Kontakt mit der SAGA/GWG als einen möglichen Bauherren aufgenommen. Und wenn der Senat dazu aufgerufen hat, in dieser Legislaturperiode möglichst 24.000 neue Wohnungen in Hamburg zu genehmigen, dann greifen irgendwann auch die Marktgesetze: Dann wird auch das frei finanzierte Wohnen nicht immer teurer wie zurzeit aufgrund des Bedarfs.

Wird Altona ein grünerer Stadtteil werden?
Es wird im ersten Bauabschnitt eine eher unspektakuläre Grünfläche zwischen der Bebauung ganz im Norden und den Güterhallen geben. Aber am zweiten Abschnitt, der nach Aufgabe der Bahnflächen realisiert wird, hat mich eines besonders begeistert: dass der Platz der Republik quasi auf den alten Bahngleisen als Grünanlage nach Norden fortgeführt wird. Und das wird meines Erachtens die Parkanlage sein, die städtebaulich prägend sein wird. Denn damit wird sich die „grüne Strecke“, die am Altonaer Balkon anfängt und nach Norden verläuft, ungefähr verdoppeln.

Selten gab es so viele Bürgerdialoge wie seit der Auftaktveranstaltung zu Mitte Altona im Mai 2010: Bürgerforen, Anwohnerinterviews, öffentliche Workshops, Thementage und Fokusgruppen – wie viel Dialog braucht ein solches Projekt?
Bei einem Vorhaben dieser Größe muss man mehr tun als gesetzlich vorgeschrieben. Das machen wir und das macht auch die BSU. Gleichwohl bedeutet Kommunikation am Ende nicht Konsens. Das ist ein Lernprozess: Wir wollen ins Gespräch kommen, informieren und Transparenz herstellen. Dennoch wird es immer eine Anzahl Bürger geben, die das Projekt ablehnen und das auch zunehmend lautstark deutlich machen. Aber dies ist ein Kommunikationsprozess und kein System, in dem am Ende basisdemokratisch entschieden wird. Wir müssen aber alle, die mit vernünftigen Argumenten an bestimmten Aspekten Kritik üben, einbinden und mitnehmen. So habe ich zum Beispiel kürzlich mitbekommen, dass die Erschließung der Stadtteilschule möglicherweise noch deutlich verbessert werden muss. Das haben uns nicht die Planer übermittelt, sondern die Bürger.

Versetzen wir uns kurz ins Jahr 2025: Was erhoffen Sie sich für Altonas Mitte nach Abschluss der Neuentwicklung und der letzten Bauarbeiten?
Es wird uns zweifellos gelingen, mit der Bebauung und dem Park die Brache zwischen Altona und Ottensen wieder zu füllen und zu einem lebendigen Stadtteil zu machen. Ich will da keine Schlafstadt haben. Da müssen auch Elemente von Ottensen herüberwachsen. Und auf einer Strecke beginnend südlich der Stresemannstraße wird man im Grünen bis zur Elbe wandern können. Wenn das alles fertig ist, wird die ganze Republik zwar ein deutliches Stück gealtert sein, aber Altonas Mitte nicht. Die ganze Republik wird deutlich leerer sein, dieser Teil nicht – im Gegenteil. Und das wird ihn ausgesprochen lebenswert machen.

Das Interview führte Oliver Driesen (urbanista).