Zur Sturmflut 1962.

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Wir haben heute den 17. Februar '92! Es sind also 30 Jahre her, daß die große Sturmflut Hamburg und insbesondere Wilhelmsburg heimsuchte – und das direkt vor meinen Augen und Ohren, kaum 500 Meter von der Stelle entfernt, am Spreehafendeich, wohnend, wo die meisten Menschen damals ertranken (200 Menschen). […]

Zur Sturmflut 1962.

Der Spreehafendeich vor meinen Augen war für mich der „Zollzaun vom Freihafen“. Den wertete ich nicht als Deich, waren doch auf ihm Kleingärten angelegt und es wohnten Menschen in kleinen Häusern darauf.

Wenn ich nun die geschichtlichen Geschehnissen von Deichbrüchen las, frug ich meinen Mann, ob sowas heut auch noch passieren könnte und er meinte, ja natürlich. „Wie hoch kann denn das Wasser kommen? So hoch wie unser Haus?“ Dazu muss ich sagen, dass dies ein Zweifamilienhaus mit Mansarden ist – und er meinte, na klar! „So hoch wie der 5-stöckige Block gegenüber?“ Nein, so hoch wohl nicht.

Nun kam also der 16./17. Februar 1962. Es hatte wohl eine Woche lang Sturm und Orkan gegeben. In verschiedenen Straßen meines Stadtteils waren ganze Dächer mit Ziegeln abgedeckt, sodass man sich nur in den ruhigen Abständen rauswagte, um einzuholen. […]

Der Orkan heulte und dauernd hörte man die Sirenen der Feuerwehr – da war wohl wieder ein Baum umgekippt. Fernsehen wollten wir nicht, Radio (batteriebetrieben) stellten wir nicht an. „Ach, lass uns zu Bett gehen.“ Es ist sonderbar, alle Leute, die ich nach dieser Nacht frug, sagten, dass sie besonders fest geschlafen hätten. Unser Schlafzimmer war im Parterre und als es gegen ½ 1 Uhr klingelte, fragten wir uns schlaftrunken, wer da sich noch so spät meldete. Es war ein Verwandter, der als Elektromeister bei Stül[c]ken auf der Werft die Laufkatze warten musste, mit den Worten: „Mein Gott, Ihr schlaft und vor Euch ersaufen die Leute wie die Ratten?“ Welche Leute? In der Tür stehend war nur der Orkan zu hören und als wir 2 Schritte vortraten und um die Ecke hörten, da hörten wir Hunderte Leute aus den Kleingärten um Hilfe schreien! Wasser? Und woher? Vor uns konnten wir eben, schwach erhellt durch die Georg-Wilhelm-Straße den Ernst-August-Kanal liegen sehen und der war so wie immer. […]

Da kreischte es plötzlich durchdringend – der Zollzaun auf dem Spreehafendeich war gebrochen und der Riesendurchbruch ganz in unserer Nähe war passiert. Im selben Moment brachen auch die 2 Seitentüren der Werkstatt und ein Schwall des Wassers ergoss sich in den Keller und da erst wusste ich ganz klar das war ein Deichbruch! Und alles mal Erzählte spulte sich in meinem Gehirn ab. Ich raste rauf und holte aus der Mansarde meine schlafende Tochter aus dem Bett, wickelte sie in eine Wolldecke und raste mit ihr runter, mit dem Gedanken, ich muss sie in den Wohnblock gegenüber bringen!

Draußen, die paar Schritte zum Deich hochgehend, kam mir das Wasser, darin Pflastersteine, bis zu den Hüften gehend, entgegen. Ich schrie meinem Schwager zu, mich festzuhalten und kam – die Straße war den Moment noch trocken, rüber. Inzwischen war der Strom aus- gefallen, es ging keine Klingel. Zum Glück schaute ein Nachbar – ein ehemaliger Schiffer – zum Fenster raus. – Reinkommend, flitzte ich mit meinem Kind auf dem Arm die 5 Stockwerke hoch – ich glaube, wenn es 10 gewesen wären, ich hätte auch dafür die Kraft gehabt. […] 

Oben aus dem Fenster sah ich nun, dass von den vielen Häuschen, 3 lichterloh brannten (war der Ofen umgekippt?) Ein Riesenfeuer brannte im Freihafen, die Gaswerke fackelten ab, wegen des Überdrucks. Der Orkan heulte, die vielen Menschen schrien um ihr Leben, dazwischen polterten die vielen Fässer, die sich losgerissen hatten. Es war das Inferno!! […]

Heut' denk' ich manchmal „du hättest das Bild für die Nachwelt erhalten können“, ich hatte einen Logenplatz um den mich jeder Reporter beneidet hätte. Darnach machten viele Fotos – aber das Entsetzen ließ den Gedanken bei mir gleich wieder verschwinden.


Olga Zirwes (Auszug aus ihrem Bericht vom 17. Februar 1992); Archiv der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen

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