Zentraler Koordinierungsstab Flüchtlinge

Unterbringung Erstaufnahme „Neuer Höltigbaum“ schließt: alles auf Anfang

Vier unscheinbare Wohnblöcke waren über zwei Jahre ein Zuhause auf Zeit für Menschen, die aus ihrer Heimat vor Krieg, Gewalt oder Verfolgung geflohen sind. Was der Malteser Hilfsdienst im Oktober 2016 auf dem Gelände der Erstaufnahme „Neuer Höltigbaum“ in Rahlstedt begonnen hat, geht nun zu Ende. Die letzten Bewohnerinnen und Bewohner sind im November ausgezogen, im Januar 2019 wird die Erstaufnahme offiziell geschlossen. Allerdings wird die Einrichtung als Reservestandort erhalten bleiben.

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Erstaufnahme „Neuer Höltigbaum“ schließt: alles auf Anfang

17.12.2018 - Olav Stolze blickt auf den verlassenen Spielplatz. Hier und da liegt noch ein zurückgelassenes Förmchen im nassen Sand. Stolze leitet für den Malteser Hilfsdienst im Auftrag der Stadt Hamburg die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge „Neuer Höltigbaum“ im gleichnamigen Rahlstedter Gewerbegebiet. Die letzten vier Bewohnerinnen und Bewohner, eine albanische Familie, haben am 29. November ihre Koffer gepackt. „Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl“, sagt der 51-Jährige. „Sonst herrschte hier viel Leben und Trubel, die Kinder haben auf dem Rasen Fußball gespielt.“ Aber das ist jetzt vorbei. Hamburg braucht die Unterkunft nicht mehr. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind in andere Erstaufnahmen oder Folgeunterkünfte gezogen. „Die einstige Kleinstadt ist jetzt unbewohnt.“

Drei Jahre seines Lebens hat Stolze der Arbeit für Menschen in Not gewidmet – zusammen mit dem Jahr als Leiter der Erstaufnahme in Hamburg-Osdorf zu Beginn des Flüchtlingsansturms im September 2015. Aus den chaotischen Verhältnissen der Notunterkunft in einer Turnhalle auf dem Gelände einer Bundeswehr-Kaserne kamen Stolze und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an „schöne, sehr gut strukturierte Arbeitsplätze“. Gemeinsam hätten sie die Kleinstadt der 2016 neu geschaffenen Erstaufnahme mit Leben gefüllt und dabei viel Pionierarbeit geleistet.

„Bei uns stand immer der Mensch und nicht die Verwaltung im Mittelpunkt“, sagt Stolze. Die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen, sei wichtig gewesen. Es habe keine nennenswerten körperlichen Auseinandersetzungen zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern gegeben. Den Grund darin sieht in seinem Arbeitsansatz: „Immer ein Ohr auf der Schiene. So wussten wir vorher, wo es brennen könnte.“ In dieses Konzept band Stolze alle Mitarbeitenden ein, auch den Sicherheitsdienst und das Reinigungspersonal. Die verschiedenen Stimmungen der Geflüchteten einzufangen, habe wie ein Frühwarnsystem funktioniert. Klar habe es Unzufriedenheiten gegeben, das Essen oder Containerbelegung seien Dauerbrenner gewesen. Durch Geduld, Gespräche und lange Sprechzeiten hätten Stolze und seine Mannschaft die Stimmung gar nicht erst hochkochen lassen. Das habe aber nur funktioniert, weil alle das Konzept mitgetragen hätten.

„So etwas geht nicht ohne Ehrenamt“, sagt Stolze. Er meint damit den Betrieb einer Erstaufnahme, zu dem mehr gehört, als den Menschen nur ein Dach über dem Kopf und etwas zu Essen zu bieten. Ein buntes Ehrenamtsprogramm habe es gegeben: Musik, Basteln, Theater, Nähen, Sport- und Bewegungsangebote und Ausflüge. Auch die Deutschkurse für alle Bewohnerinnen und Bewohner unabhängig ihres Aufenthaltsstatus starteten ehrenamtlich. „Das war nicht nur reine Beschäftigung“, so Stolze. Die Fahrradwerkstatt beispielsweise habe die Flüchtlinge mobilgemacht. Die Kinder hätten sich gefreut, dass sie die Räder beim Auszug mitnehmen konnten. „Das hat zur Gesamtstimmung beigetragen“, ist Stolze sicher.

Viele von Stolzes Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind Quereinsteiger, auch Geologen und Filmemacher sind darunter. Entscheidend bei der Arbeit sei ein gesunder Menschenverstand gewesen und immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Bewohnerinnen und Bewohner. „Damit kommt man wahnsinnig weit. Wer das Hauptaugenmerk auf Verwaltung legt, wird damit nicht erfolgreich sein.“ Flüchtlinge seien Menschen in einer besonderen Situation. „Da hilft viel menschliche Nähe, welches vieles erträglicher macht. Das ist aber auch der schwerere Weg und das haben wir ganz gut hinbekommen.“

Noch ist die Arbeit in der Unterkunft nicht erledigt. Mitarbeitende, Handwerker und der Sicherheitsdienst gehen noch ihrer Arbeit nach. Stolze und sein Team müssen jetzt 560 Schlafplätze wiederherrichten, reinigen und desinfizieren. Alle Matratzen müssten getauscht, Steckdosen und Betten repariert, gestrichen und die IT ausgebaut werden. „Die Anlage wieder in den Urzustand zu versetzen ist ein großer Kraftakt. Alles muss so hergerichtet werden, dass das Gelände als Reservestandort innerhalb kurzer Zeit wieder in Betrieb genommen werden kann.“