Behörde für Schule und Berufsbildung

Frauenbios

Gertrud Johanna Alsberg

( Gertrud Johanna Alsberg, geb. Feiss )
(15.1.1895 in Mussbach - 28.10.1944 in Auschwitz)
Kreisführerin der Frauengruppe des Kreises IV der Deutschen Staatspartei; Mitbegründerin des Jüdisch-Liberalen Vereins in Hamburg
Werderstraße 7 (Wohnadresse)
Grubesallee 21 (Wohnadresse)
Schäferkampsallee 29 (Wohnadresse und Wirkungsstätte, Stolperstein)
Gertrud Johanna Feiss wurde in dem kleinen Ort Mussbach an der Weinstraße geboren, wo 1933 noch 15 jüdische Gemeindemitglieder gezählt wurden. Seit ihrer Eheschließung mit Ernst Siegfried Alsberg im Januar 1920 in Cassel lebte sie in Hamburg. Im Ersten Weltkrieg hatte sie als Hilfskrankenschwester für das Rote Kreuz gearbeitet und anschließend eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert. Nach ihrer Eheschließung gab sie den Beruf auf, war aber ehrenamtlich tätig und engagierte sich politisch und sozial. Die Deutsche Staatspartei wurde zu ihrer politischen Heimat. In der Hamburger Presse wurde im Dezember 1932 gemeldet, dass Gertrud Alsberg „in einstimmiger Vertrauenskundgebung durch Akklamation zur Kreisführerin der Frauengruppe des Kreises IV der Deutschen Staatspartei wiedergewählt“ wurde. Aber auch innerhalb der Jüdischen Gemeinde übernahm sie diverse Aufgaben, wobei ihre Haltung bürgerlich-liberal war. Im März 1930 trug sie den Wahlaufruf zur Repräsentanten-Wahl der Gruppe der „Religiös-Liberalen“ mit. Als Mitbegründerin des „Jüdisch-Liberalen Vereins“ in Hamburg gehörte sie seit 1937 dem geschäftsführenden Vorstand an. Von 1933 bis 1935 war sie Mitglied in der Kommission der Deutsch-Israelitischen Gemeinde für die Wilhelminenhöhe, und 1937/38 zählte sie zur Geschäftsführung der Frauengruppe des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens.
1938 sah sie sich aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, ihren Beruf wieder aufzunehmen, wurde Fürsorgerin der Jüdischen Gemeinde und leistete Nachtdienste im Jüdischen Krankenhaus und in Privathaushalten. Bis 1939 hatten Alsbergs in der Werderstraße 7 gewohnt, vermutlich ihr letzter frei gewählter Wohnsitz. Im Laufe des Jahres 1939 zogen sie nach Rahlstedt in die Grubesallee 21, bevor sie 1941 in die Schäferkampsallee umzogen. Dort wurde Gertrud Alsberg Leiterin des Jüdischen Altersheims.
Ernst Siegfried Alsbergs Eltern waren Siegmund und Jeanette Alsberg, geb. Rosenstein. Er war 16 Jahre älter als seine Frau und lebte seit 1902 in Hamburg. Als Frontsoldat im Ersten Weltkrieg wurde er mit dem EK II und dem Frontsoldatenkreuz ausgezeichnet. Im Dezember 1920, fast ein Jahr nach der Heirat, erwarben Ernst Siegfried Alsberg und seine Ehefrau Gertrud Johanna die Hamburgische Staatsangehörigkeit. Damals wohnten sie in der Schenkendorffstraße 22 II. Das Ehepaar bekam zwei Töchter, die beide die Shoah überlebten, weil sie 1938 bzw. 1939 nach England ausreisen konnten. Regina Elfriede Franziska Alsberg, verheiratete Rose (der deutsche Name ihres Ehemannes vor der Emigration war Rosenbaum) kam 1920 zur Welt. Margot Emmy Alsberg, verheiratete Jones, wurde 1924 geboren. Die ältere Tochter Franziska, genannt Fränzi, war in Hamburg Mitglied im Deutsch-Jüdischen Wanderbund „Kameraden“. Da sie bei ihrer Emigration schon fast erwachsen war, konnte sie in einem englischen Krankenhaus als Lehrschwester arbeiten. Später ging sie in die USA, während die jüngere Tochter Margot in England blieb. Margot Alsberg war bei ihrer Emigration noch minderjährig. Sie musste einen Fragebogen bezüglich ihrer Auswanderung ausfüllen und gab als Ziel Holland an. Der Vater jedoch schrieb im Mai 1939, seine Tochter sei zu einem der nächsten Kindertransporte nach England angemeldet. In den Akten des Oberfinanzpräsidenten findet sich noch die Liste mit dem Umzugsgut, das Margot mitnehmen wollte. Daraus geht hervor, wie fürsorglich alles vorbereitet wurde, um ihr möglichst alles mitzugeben, was zu einem Kind aus bürgerlichen Verhältnissen gehörte. Für einige Besteckteile aus Silber wurde eine Expertise von Juwelier Zimmermann im Grindelberg angefertigt. Demnach hatten die Teile ein Gewicht von 146 Gramm. Aufgeführt in der Liste waren neben Kleidungsstücken auch ein Fahrrad und Schlittschuhe. Am 8. Juni 1939 wurde das Umzugsgut formal genehmigt. Ob Margot Alsberg ihr Fahrrad in England tatsächlich nutzen konnte?
Ernst Alsberg war Handelsvertreter für „Drogen und Chemikalien“. Von 1911 bis 1919 war er in der Firma Schönfeld & Wolfers tätig, für die er Gesamtprokura besaß. Die Ehefrau des Firmengründers Eduard Wolfers hieß Natalie Wolfers und war eine geborene Alsberg. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass Ernst Alsberg in der Firma von Verwandten gearbeitet hat, bis er sich selbstständig machte. Im Fernsprechbuch 1920 bis 1922 taucht Ernst Alsberg mit dem Zusatz i. Fa. Alsberg & Katz auf. Auch der Name Katz deutet auf verwandtschaftliche Beziehungen hin, denn in Mussbach gab es eine Anna Katz (geb. 1878), die wie Gertrud Alsberg eine geborene Feiss war. Auch Anna Katz wurde ein Opfer der Shoah. Die Firma Ernst Alsberg wurde am 28. Juli 1923 ins Handelsregister eingetragen. Am 16. Januar 1941 erlosch die Firma, als sie aufgrund der zunehmenden Entrechtung aufgegeben werden musste. Als Geschäftsadresse finden sich in der Kultussteuerkartei die Große Reichenstraße 63 und Brodschragen 19/20. Ernst Alsberg vertrat verschiedene chemische Fabriken im Ausland. Er reiste nach Süd- und Osteuropa, aber auch in den Nahen Osten und nach Nordafrika. Schwerpunkte seiner Tätigkeit waren der Balkan und Südfrankreich. So konnte er seiner Familie ein Leben in gutbürgerlichen Verhältnissen bieten. Bis 1937 stiegen seine Einkünfte an und gingen dann zurück. Wahrscheinlich musste er das Geschäft 1938 verkaufen. Seine Tochter gab an: „Sein Einkommen muss ein großes gewesen sein, gemessen an unserer Lebenshaltung. Wir wohnten in einer sehr luxuriösen Wohnung. Meine Schwester und ich besuchten teure Privatschulen.“
Im Sommer 1939 wurde das Ehepaar wegen eines Devisenvergehens angeklagt. Der Hintergrund war, dass in drei Geheimfächern eines Sekretärs, der der älteren Tochter zusammen mit anderem Umzugsgut nach England geschickt werden sollte, Gold- und Silbergegenstände entdeckt wurden, die nicht angemeldet worden waren. Die Schmuckstücke wie z. B. eine Damenarmbanduhr, Manschettenknöpfe und silberne Löffel waren nicht sehr wertvoll, besaßen für die Familie aber einen emotionalen Wert. Das Ehepaar war erschrocken, wurde Ernst Alsberg doch eine Freiheitsstrafe angedroht, wenn er sich nicht sofort bereit erklärte, eine hohe Geldstrafe von 5000 Reichsmark (RM) zu entrichten. Seine wirtschaftliche Lage hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits so verschlechtert, dass er nicht wusste, wie er das Geld aufbringen sollte. Ende September kam es zur Verhandlung vor dem Landgericht, wo das Verfahren eingestellt wurde, weil ein Gnadenerlass vom 9. September 1939 zur Anwendung kam. Nach Einstellung des Verfahrens konnte Familie Alsberg den Schmuck zurückkaufen. In der ersten Jahreshälfte hatte Ernst Siegfried Alsberg einen Pass beantragt, der ihm jedoch unter Hinweis auf das laufende Strafverfahren verwehrt wurde. Möglicherweise hegten Alsbergs zu dieser Zeit Auswanderungspläne.
Gertrud Alsberg und ihr Ehemann wurden am 15. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 28. Oktober 1942 nach Auschwitz. Ihre Namen waren schon in der Deportationsliste für die zweite Deportation am 8. November 1941 nach Minsk aufgeführt, wurden aber gestrichen, vermutlich wegen Alsbergs Auszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg.
Am 1. September 1942 wurden in Hamburg zwei kleine silberne Gabeln und zwei Teelöffel aus dem Besitz der Alsbergs versteigert, deren Bruttoversteigerungserlös 12 RM betrug.
Text: Susanne Lohmeyer
Quellen: 1; 2 (Str. 559 136/1938; FVg 2874; FVg 2011; R1940/492); 4; 5; 8; Hamburger Fernsprechbücher; StaH 214-1 Gerichtsvollzieherwesen, 107; StaH 231-7 Amtsgericht Hamburg, Handels- und Genossenschaftsregister, B 1982–104 Band 1 (Schönfeld & Wolfers); StaH 332-7 Staatsangehörigkeitsaufsicht B III + 149563; StaH 351-11 AfW AZ 151295 und AZ 080679; StaH 522-1, Jüdische Gemeinden, 992e2 Bd. 2; StaH 522-1, 838 Jüdisch-liberaler Gemeindeverein; Jahrbuch für die jüdischen Gemeinden in Schleswig-Holstein, Hamburg usw. 1933/34 ff.; Israelitischer Dreigemeinden-Kalender Hamburg, Wandsbek, Altona für das Jahr 1937/38, Hamburg 1937; www.alemannia-judaica.de/mussbach; Hamburger Anzeiger 45 (1932), Nr. 283 (2.12.) S. 3; Ina Lorenz, Juden, S. 235; Wegweiser …, Heft 2, Hamburg 1985; Sybille Baumbach u. a., „Wo Wurzeln waren …“.
 

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