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Hella Beer

(16.9.1923 Harburg – deportiert aus dem Durchgangslager Mechelen (Belgien) nach Auschwitz am 19.4.1943)
Opfer des Nationalsozialismus
Julius-Ludowieg-Straße 48 (Wohnadresse)
Stolperstein vor dem Wohnhaus Julius-Ludowieg-Straße 48
Hella-Beer-Weg, Neugraben-Fischbek, seit 2020
"Das war das erste Mal, dass ich meinen Vater weinen sah," erinnerte sich Julius Beer 1989 an jenen Augenblick im Jahre 1935, als sein jüdischer Vater aus dem Harburger Rathaus herauskam, nachdem er dort seine militärischen Orden aus dem Ersten Weltkrieg nach Aufforderung wieder zurückgegeben hatte. Julius‘ Vater Robert Beer war zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Kind mit seinen Eltern aus Galizien nach Wien gelangt und hatte von 1914 bis 1918 in den Reihen der Innsbrucker Kaiserschützen für die österreichischen Fahnen gekämpft. Im Sommer 1918 war er schwer verwundet in italienische Gefangenschaft geraten.
Nach der Entlassung verließ er seine österreichische Heimat. Die nächste Station auf dem Lebensweg war Harburg, wo er bald seiner späteren Frau Salka Stapelfeld begegnete. Sie war Mitinhaberin des "Manufakturwaren- und Möbelgeschäfts Josef Stapelfeld" in der Linden¬straße 50 (heute: Julius-Ludowieg-Straße), das sie nach dem frühen Tod ihres jüdischen Vaters im Jahre 1915 mit ihren drei Geschwistern geerbt hatte (siehe Rachel [Rosa] Abosch und Cywia Linden). Als ihre Schwester Rosa und ihr Bruder Siegmund Stapelfeld als Mitinhaber der Firma ausschieden, traten Robert Beer und sein Schwager David Linden die Nachfolge an. Im Jahre 1928 erhielt der Zuwanderer Robert Beer die deutsche Staatsbürgerschaft.
Am 16.6.1922 freuten Robert und Salka Beer sich über die Geburt ihres Sohne Julius. Ein Jahr später folgte seine Schwester Hella. Die Familie wohnte in der Lindenstraße 48, d. h. direkt neben dem Manufakturwaren- und Möbelgeschäft.
Die beiden Geschwister verlebten eine glückliche Kindheit in Harburg. Julius Beer besuchte das Stresemann-Realgymnasium (heute: Friedrich-Ebert-Gymnasium) am alten Postweg und seine Schwester Hella die Mädchen-Mittelschule in der Eißendorfer Straße. Diese schönen Erinnerungen konnten auch nicht durch die leidvollen Geschehnisse, die die Familie später erschütterten, ausgelöscht werden. Als Julius Beer im Herbst 1991 noch einmal als Besucher in die Stadt zurückkehrte, die er 52 Jahre vorher tief verletzt und höchst verbittert verlassen hatte, bekannte er: "You can get a man out of Harburg, but you can’t get Harburg out of a man.”
Der 30. Januar 1933 wurde zu einem Wendepunkt im Leben der Familie Beer. Bereits zwei Monate später war auch das Kaufhaus "Geschwister Stapelfeld" am 1. April 1933 von dem reichsweiten Boykott betroffen, zu dem die NSDAP aufgerufen hatte. Hatte Robert Beer schon die Rückgabe aller Kriegsauszeichnungen als eine tiefe Erniedrigung empfunden, so galt das umso mehr, als ihm am 9. Mai 1935 die deutsche Staatsbürgerschaft wieder aberkannt wurde. Alle Mitglieder der Familie galten danach als staatenlos.
Nachdem Julius Beer schon auf der Schule unter antisemitischen Anfeindungen gelitten hatte, erfuhr er schockiert, dass er in Hamburg wegen seiner jüdischen Herkunft nicht zum Ingenieurstudium zugelassen wurde. Seine Schwester Hella begann nach ihrem Schulabschluss eine Lehre als Schneiderin und Modezeichnerin.
Zunächst hatten Salka und Robert Beer noch keinen nennenswerten Rückgang ihrer geschäftlichen Einnahmen zu verzeichnen; doch am Ende des Jahres 1935 mussten sie feststellen, dass sich das Blatt gewendet hatte. Viele ehemalige Kunden hatten sich anders orientiert. Der schwärzeste Tag ihres Berufslebens war für Salka und Robert Beer unbestritten der 10. November 1938, als die Harburger NSDAP das nachholte, was sich an vielen anderen Orten schon einen Tag zuvor abgespielt hatte. An die Geschehnisse jenes Abends erinnert Julius Beer sich voller Schmerz: "Am 9. [10.] November 1938 tobte sich der Mob in dem Geschäft meiner Mutter aus. … Der größte Teil der Ware [wurde] zerschlagen und zerschnitten … und [anschließend] auf die Straße geschleppt und dort entweder geraubt oder von der Menge zertrampelt. … Die vier großen Ladenfenster [wurden] vollständig zertrümmert. Auch die Theken und Kassen [wurden] in der Pogromnacht schwer beschädigt." Die "Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus den deutschen Wirtschaftsleben" besiegelte das endgültige Aus des Kaufhauses Stapelfeld in Harburg. Ein Treuhänder übernahm die Aufgabe, das Geschäft in "arischen" Besitz zu überführen.
Als die Lage immer hoffnungsloser wurde, erkannten Robert und Salka Beer, dass sie sich von dem, was sie besaßen und lieb gewonnen hatten, unverzüglich trennen und Deutschland auf schnellstem Wege verlassen mussten, um sich in Sicherheit zu bringen. Sie setzten alle Hebel in Bewegung, um in die USA auszuwandern. Sie hatten bereits eine Speditionsfirma mit der Verladung ihres Umzugsgutes beauftragt, als der Zweite Weltkrieg begann und sie vor neue Probleme stellte.
Robert Beer und sein Sohn befürchteten das Schlimmste und flohen über die grüne Grenze in das neutrale Belgien. Salka Beer und ihre Tochter versuchten in den folgenden Monaten, ihnen auf legalem Wege zu folgen. Sie beantragten eine neue Auswanderungsgenehmigung, deren Bearbeitung jedoch wieder lange auf sich warten ließ. Am 7. Mai 1940 meldete die zuständige Dienststelle der Gestapo, dass die beiden Harburgerinnen ihren Wohnsitz nach Antwerpen verlegt hatten.
Nach der Besetzung Belgiens durch die deutsche Wehrmacht wurden die geflohenen Emigranten wieder zu Gejagten. Weder Robert und Salka Beer noch ihre Kinder Julius und Hella erhielten eine Arbeitserlaubnis. Unter diesen Umständen verarmten sie zusehends, auch wenn sie hier und da Hilfe fanden. Abermals erlebten sie, wie die Rechte und Lebensbedingungen der Juden von der deutschen Militärverwaltung durch antijüdische Verordnungen Schritt für Schritt eingeschränkt wurden. Im Oktober 1940 mussten sich alle jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner des Landes registrieren lassen, ein Jahr später durften sie nur noch in vorgeschriebenen Orten wohnen. Im Mai 1942 wurde auch in Belgien die Kennzeichnungspflicht für alle jüdischen Männer, Frauen und Kinder eingeführt, und bald danach wurden alle, die arbeitslos waren, in Lager eingewiesen und zur Zwangsarbeit für die Organisation Todt verpflichtet.
Am 3. Februar 1943 betraten Robert, Salka und Hella Beer das große belgische Sammellager Mechelen (Malines) zwischen Antwerpen und Brüssel. Von dort wurden sie am 19. April 1943 mit 1628 Schicksalsgefährten nach Auschwitz deportiert. Sie gehörten nicht zu den 233 Deportierten, denen auf der dreitägigen Fahrt in das Vernichtungslager die Flucht aus dem Zug gelang (siehe Anna Apteker). Nach der Ankunft des "Todeszuges" wurden 879 Menschen sofort in die Gaskammern geschickt.
Julius Beer war bereits am 31. Oktober 1942 mit 1936 anderen Personen nach Auschwitz transportiert und dort mit 776 Leidensgenossen in das Lager aufgenommen worden, um als Häftling Nr. 72316 Zwangsarbeit zu leisten. Er gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg zu den 85 Überlebenden dieses Transports. Nach der Befreiung wartete er vergeblich auf seine Eltern und seine Schwester. Am 4. Februar 1952 wurden sie vom Amtsgericht Hamburg-Harburg auf den 31. Dezember 1945 für tot erklärt.
Text: Klaus Möller, aus www.stolpersteine-hamburg.de
Quellen:
Staatsarchiv Hamburg, 522-1, Jüdische Gemeinden, 992b, Kultussteuerkarte der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg.
Staatsarchiv Hamburg, 314-15, Akten des Oberfinanzpräsidenten (OFP 314-15, F 105, R 1939/2869, V 206).
Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Gedenkbuch, Veröffentlichung aus dem Staatsarchiv Hamburg, Bd. XV, bearbeitet von Jürgen Sielemann unter Mitarbeit von Paul Flamme, Hamburg 1995.
Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, bd. I-IV, herausgegeben vom Bundesarchiv Koblenz, Koblenz 2006.
Yad Vashem. The Central Database of Shoa Victims´ Names: www.yadvashem.org.
Bezirksamt Harburg [Hrsg.]: Harburger Opfer des Nationalsozialismus, Hamburg. Recherche: Matthias Heyl und Margit Maronde-Heyl. Hamburg 2002.
Staatsarchiv Hamburg (StaH), 351-11, Amt für Widergutmachung (AfW), Abl. 2008/1, 101196, 241294, 160622, 160923;
StaH, 430-5 Dienststelle Harburg, 1810-08, 430-74 Polizeipräsidium Harburg-Wilhelmsburg II, 60, 40.
StaH, 430-5 Dienststelle Harburg, Ausschaltung jüdischer Geschäfte und Konsumvereine, 1810-08, Bl. 89ff.
Matthias Heyl: „Vielleicht steht die Synagoge noch!“ Jüdisches Leben in Harburg 1933-45. Norderstedt 2009, S. 61.;
Jürgen Ellermeyer, Matthias Heyl, Günter Heymann: Schalom Harburg! Nicht nur ein Besuch. Jüdische ehemalige Harburgerinnen und Harburger in ihrer alten Heimatstadt. Hamburg-Harburg 1992, S. 51ff.
Eberhard Kändler, Gil Hüttenmeister: Der jüdische Friedhof Harburg. Hamburg 2004, S. 184. Marion Schreiber: Stille Rebellen. Der Überfall auf den 20. Deportationszug nach Auschwitz. Berlin 2001, S. 64ff.
Serge Klarsfeld, Maxime Steinberg: Le mémorial de la deportation des Juifs de Belgique. New York 1982
 

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Frauen, die in Hamburg Spuren hinterlassen haben
(Datenbank Stand: März 2021) Frauen stellen mindestens die Hälfte der Menschheit. Wenn es aber um Erinnerungen geht, sind es immer noch in der Mehrzahl Männer, die die Spitzenplätze einnehmen.

Hammonia

Hamburger Frauenbiografien-Datenbank

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Stand März 2021: 1231 Kurzprofile von Frauen und 434 sonstige Einträge z. B. Vereine, Aktionen, Zusammenschlüsse und Überblicksdarstellungen zu Themen der Frauenbewegungen.

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Januar 2021: Katherina Hanen, Ingeborg Hecht

Februar 2021: Anita Horz

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Die Zahlen allein für Hamburg sind ernüchternd: ca. 2545 Straßennamen sind nach Männern benannt, gegenüber 441, die nach Frauen benannt wurden. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Anzahl der Denkmäler und Erinnerungstafeln. Auch bei Ehrungen und Auszeichnungen wird oft an IHN und nur wenig an SIE gedacht.

Trotz aller Leistungen von Frauen scheint die Erinnerung an sie schneller zu verblassen, sind die Archive und Netze der Erinnerung besonders löchrig - erweist sich die Wertschätzung weiblichen Wirkens als gering. Wie oft heißt es, wenn auch Frauen geehrt werden könnten:

„Uns ist dazu keine Frau von Bedeutung bekannt!“

Ein Argument, das in Zukunft keine Chancen hat, denn es gibt jetzt diese Datenbank. Eine Bank, die ihren Anlegerinnen und Anlegern hohe Renditen verspricht, denn das Kapital ist das historische Wissen. Geschöpft aus Archivmaterialien, Lexika, Zeitungsartikeln und –notizen, aus veröffentlichten Biografien, zusammengetragen und erforscht von Einzelpersonen etc., bietet die Datenbank die beste Voraussetzung für eine hohe gesellschaftliche Wirksamkeit - im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit. Die Früchte dieser Datenbank sollen die Bedeutung von Frauen für Hamburgs Geschichte leicht zugänglich machen und selbstverständlich in den Alltag von heute tragen.

Im Mittelpunkt stehen verstorbene Frauen, die in Hamburg gewirkt und/oder gewohnt und die Spuren hinterlassen haben. Das können Autorinnen, Schauspielerinnen, Wohltäterinnen, Kneipenwirtinnen, Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen, bildende Künstlerinnen, Sängerinnen, Unternehmerinnen, Ärztinnen, Sozialarbeiterinnen, Juristinnen, Journalistinnen, Widerstandkämpferinnen gegen und Opfer des NS-Regime etc. sein – aber auch Täterinnen.

Wir stellen keineswegs nur „prominente“ Frauen oder hehre Vorbilder vor – sondern auch das Wirken und Leben der „kleinen Frau“ auf der Straße, die oft im Stillen gearbeitet hat, für die Familie, die Stadt, die Partei, die Kunst, für sich.

Darüber hinaus präsentieren wir Ihnen auch Orte, Einrichtungen, Vereine und Themen, die für Frauen von historischer Bedeutung waren und sind.

An dieser Datenbank wird kontinuierlich gearbeitet. Es werden laufend neue Namen und Rechercheergebnisse eingestellt.

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Die einzelnen Frauen sind in der Regel mit einer Adresse verzeichnet – für ihre Wohnung bzw. ihren Wirkungsort. Mehrere Umzüge und Ortswechsel können in der Regel nicht recherchiert werden.

Achtung: Die Namen und Verläufe von Straßen haben sich oft verändert. Wer wissen möchte, wo bestimmte Hausnummern heute zu finden sind, muss alte Stadtpläne oder u. U. Grundbucheintragungen einsehen. Es gibt beim Statistikamt Nord einen alte Kartei der so genannten "Hausnummerhistorien", in der sich alte und neue Hausnummern gegenüberstehen. Bei Umnummerierungen von Hausnummern aber auch bei Umbenennungen von Straßennamen kann hier eine raschere Auskunft möglich sein, als über den Vergleich von alten und neuen Lageplänen (freundliche Auskunft von Jörg-Olaf Thießen Staatsarchiv Hamburg). Wer dann noch nicht weiter kommt, sollte sich an das Staatsarchiv wenden. Viele Stadtpläne sind bereits online einsehbar.

Verantwortlich für die Datenbank:

Dr. Rita Bake
stellvertretende Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg a. D.
Gründerin des Gartens der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof

Die Datenbank wurde von ihr zusammengestellt und wird laufend von ihr ergänzt und erweitert.
Diverse Frauenbiografien sind von verschiedenen Autorinnen und Autoren verfasst worden. Die Namen der Autorinnen und Autoren finden Sie jeweils am Ende ihrer Beiträge. Es gibt auch eine Rubrik: Autorinnen und Autoren, in der Sie deren biografische Angaben finden.

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