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Altstadt und Neustadt

Der Aufstieg der NSDAP in der Altstadt und in der Neustadt

1. Die Reichstagswahl am 5. März 1933

Die letzte Reichstagswahl, für die das Wahlrecht der Weimarer Republik galt, fand am 5. März 1933 statt, fünf Wochen nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler und sechs Tage nach dem Berliner Reichstagsbrand. Am Tag nach dem Reichstagsbrand hatte Hindenburg die „Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat“ unterzeichnet, die die Weimarer Verfassung teilweise außer Kraft setzte und die Verfolgung und Verhaftung politischer Gegner des NS-Regime, die mit der „Machtübernahme“ eingesetzt hatte, „legitimierte“. Der KPD-Vorsitzende und Reichstagsabgeordnete Ernst Thälmann aus Hamburg und mit ihm fast die gesamte Reichstagsfraktion der KPD und viele weitere Partei-Funktionäre der KPD waren bereits verhaftet, in „Schutzhaft“ genommen und in eines der neu errichteten Konzentrationslager verschleppt worden. Die Mandate der kommunistischen Reichstagsabgeordneten wurden vor, die der neu in den Reichstag gewählten drei Tage nach der Wahl annulliert. Die Annullierung der Mandate der SPD-Abgeordneten folgte nur kurze Zeit später. Trotzdem fand am 5. März 1933 noch einmal eine Reichstagswahl statt, bei der zum letzten Mal auch deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger jüdischen Glaubens wahlberechtigt waren und zum letzten Mal, neben der NSDAP, die demokratischen Parteien der Weimarer Republik und die KPD teilnahmen.

Bei dieser Wahl erzielte die NSDAP in Hamburg 38,7 Prozent der abgegebenen Stimmen, etwa fünf Prozent weniger als im Deutschen Reich. Die NSDAP wurde zwar stärkste Partei, verfehlte die absolute Mehrheit aber deutlich. In den Hamburger Stadtteilen differierten die Wahlergebnisse der NSDAP erheblich. Zu dieser Zeit war Hamburg in 29 selbstständige, unterschiedlich große Stadtteile untergliedert, Barmbek und Eimsbüttel mit mehr als 100.000, Klein Borstel und Billbrok-Moorfleth mit kaum mehr als 1000 Einwohnern. Altona und Wandsbek, Harburg und Wilhelmsburg gehörten vor dem Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 noch nicht zur Stadt Hamburg. Schon der Vergleich zwischen der Altstadt und der benachbarten Neustadt spiegelte die Unterschiede der Wahlergebnisse der NSDAP innerhalb Hamburgs.

In der Altstadt entfielen zur Reichstagswahl am 5. März 1933 auf die NSDAP 48,2 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen, 9,5 Prozent mehr als im Hamburger Durchschnitt. Größer als in der Altstadt war die Zahl der NSDAP-Wählerinnen und -Wähler in Hamburg nur in Eilbek (48,5 Prozent), Finkenwärder (49,1 Prozent), Fuhlsbüttel (49,8 Prozent), Klein Borstel (50,9 Prozent) und in Hohenfelde, wo die NSDAP mit 51,6 Prozent der abgegebenen Stimmen ihr höchstes Wahlergebnis in Hamburg erzielte. Außer Eilbek und Hohenfelde waren dies kleine Stadtteile, (Fuhlsbüttel mit etwa 9000, Finkenwärder mit weniger als 3000 und Klein Borstel mit kaum über 1000 Wahlberechtigten). Die absolute Mehrheit erreichte die NSDAP nur in Hohenfelde und im (im wörtlichen Sinne „kleinen“) Klein Borstel. Mit einem Stimmenanteil, der um ein Viertel über dem Hamburger Durchschnitt lag, erzielte die NSDAP am 5. März 1933 in der Altstadt einen ihrer größten Wahlerfolge in der Hansestadt.

In der Neustadt entfielen auf die NSDAP am 5. März 1933 dagegen „nur“ 32,7 Prozent der abgegebenen Stimmen, 6 Prozent weniger als im Hamburger Durchschnitt und 15,5 Prozent weniger als in der benachbarten Altstadt. Weniger Stimmen als in der Neustadt entfielen auf die NSDAP nur in Langenhorn (29,2 Prozent), Billbrok-Moorfleth (26,2 Prozent), auf der Veddel (24,9 Prozent), dem Kleinen Grasbrok (23,9 Prozent) und – vor allem – in Billwärder-Ausschlag, wo die NSDAP bei dieser Wahl mit 22,9 Prozent der Stimmen ihr „schlechtestes“ Wahlergebnis erzielte. Bis auf Billwärder-Ausschlag (einem damals noch selbstständigen Stadtteil in Hamburg mit knapp 38.000 Wahlberechtigten, der später im Stadtteil Rothenburgsort aufging) waren dies kleine Stadtteile mit weniger als 7000 Wahlberechtigten und sie lagen, bis auf Langenhorn, auf Elbinseln. In diesen fünf Stadtteilen wurde am 5. März 1933 die SPD zur stärksten Partei, mit jeweils etwa 40 Prozent der Wählerstimmen. Erst auf den Plätzen zwei und drei folgten die NSDAP und/oder die KPD. So stimmten in Billwärder-Ausschlag 39,7 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die SPD, 27,4 Prozent für die KPD und, wie erwähnt, weniger als ein Viertel für die NSDAP.

Der einzige Hamburger Stadtteil, in dem die KPD am 5. März 1933, mit 33,4 Prozent der abgegebenen Stimmen, zur stärksten Partei wurde, war die Neustadt, allerdings nur mit einer hauchdünnen Mehrheit von 276 Stimmen vor der NSDAP.

2. Die Reichstagswahlen in der Weimarer Republik

Wie haben die Wählerinnen und Wähler der Alt- und der Neustadt vor 1933, in der Weimarer Republik, gewählt? Über Gewinne und Verluste der – gemessen an ihrer Stimmenzahl – wichtigsten Weimarer Parteien in Hamburg informieren im Folgenden drei Tabellen. Sie fassen die Hamburger Ergebnisse der acht Reichstagswahlen, die zwischen 1920 und 1933 stattfanden, zusammen, die Tabelle 1 für die Stadt Hamburg, die Tabelle 2 für die Hamburger Altstadt und die Tabelle 3 für die Hamburger Neustadt. Ihre Grundlage bilden die Berichte des Statistischen Landesamts über die Ergebnisse der Reichstagswahlen 1920–1933 in Hamburg. Die Tabellen informieren in der ersten Spalte über die Termine der acht Reichstagswahlen, die in einem Zeitraum von nur dreizehn Jahren aufeinander folgten, in der zweiten über die Zahl der Wahlberechtigten, die zwischen 1920 und 1933 in der Neu- und vor allem in der Altstadt sank, während sie in Hamburg insgesamt deutlich stieg. Die dritte Spalte informiert über die steigende Wahlbeteiligung und die folgenden sieben Spalten über die Gewinne und Verluste der wichtigsten Parteien der Weimarer Republik in Hamburg. Dies waren, von „links“ nach „rechts“: die KPD, die USPD und die SPD, die DDP/DStP, die DVP, die DNVP und schließlich die NSDAP. In der letzten Spalte sind die – insgesamt wenigen – Stimmen zusammengefasst, die bei den Wahlen 1920–1933 auf „andere“ Parteien entfielen. In Hamburg zählte dazu u. a. auch das katholische Zentrum.

Tabelle 1
Reichstagswahlen in Hamburg 1920–1933

Wahl

Zahl der

von den gültigen Stimmen entfielen auf die … (in %)

am

Wahl-berechtigten

gültige Stimmen

KPD

USPD

SPD

DDP/
DStP

DVP

DNVP

NSDAP

andere

6.6.1920

711.162

74,5

0,5

15,2

38,6

17,4

14,6

12,4

1,3

4.5.1924

758.175

77,8

18,8

0,5

27,5

13,1

11,7

19,4

6,1***

2,9

7.12.1924

780.342

76,1

14,7

0,2

32,1

12,7

12,7

21,5

2,3***

3,8

20.5.1928

817.992

79,4

17,3

36,8

11,8

13,2

12,6

2,6

5,7

14.9.1930

839.519

83,7

18,7

0,1

31,8

8,7*

9,0

4,0

19,0

8,7

31.7.1932

877.275

80,0

18,3

31,5

6,2

1,9

5,0

33,9

3,2

6.11.1932

871.610

81,5

22,6

28,3

5,5

3,2

9,0

27,0

4,4

5.3.1933

877.169

87,3

18,1

26,7

3,6

2,4

7,7**

38,7

2,8

* Die DDP schloss sich 1930 mit der, nach damaligem Verständnis, „gemäßigt“ antisemitischen „Volksnationalen Reichsvereinigung“ zur „Deutsche Staatspartei“ (DStP) zusammen.

** Noch im Februar 1933 schloss die DNVP ein Wahlbündnis mit dem Frontkämpferverband „Stahlhelm“ und kandidierte zur Wahl am 5. März 1933 als „Kampffront Schwarz-Weiß-Rot“.

*** Während des Verbots der NSDAP kandidierte an deren Stelle am 4. Mai 1924 ein „Völkisch-Sozialer Block“ und am 7. Dezember 1924 eine „Nationalsozialistische Freiheitsbewegung“.

Tabelle 2
Reichstagswahlen in der Altstadt 1920–1933

Wahl

Zahl der

von den gültigen Stimmen entfielen auf die … (in %)

Am

Wahl-berechtigten

gültigen
Sttimmen

KPD

USPD

SPD

DDP/
DStP

DVP

DNVP

NSDAP

andere

6.6.1920

15.657

67,3

0,5

15,6

36,2

16,3

18,5

11,9

1,0

4.5.1924

15.311

70,5

20,5

0,7

23,6

12,3

14,3

20,2

5,4***

3,0

7.12.1924

15.758

70,6

17,4

0,3

28,3

10,8

13,8

23,3

2,2***

3,9

20.5.1928

15.164

70,2

20,9

31,9

9,5

15,2

12,2

3,5

6,8

14.9.1930

12.274

84,9

19,3

0,1

24,1

7,6*

12,5

3,5

25,2

7,7

31.7.1932

12.635

78,8

17,9

23,8

5,5

2,0

4,9

42,0

3,9

6.11.1932

12.521

77,2

22,6

21,2

5,0

4,0

9,2

33,7

4,3

5.3.1933

12.824

88,5

12,9

19,0

2,7

2,5

7,1**

48,2

3,6

*, ** und *** siehe Anmerkungen zu Tabelle 1.

Tabelle 3
Reichstagswahlen in der Neustadt 1920–1933

Wahl

Zahl der

von den gültigen Stimmen entfielen auf die … (in %)

am

Wahl-berechtigten

gültigen
Stimmen

KPD

USPD

SPD

DDP/
DStP

DVP

DNVP

NSDAP

andere

6.6.1920

48.595

63,8

1,0

21,9

41,3

15,9

9,5

8,9

1,5

4.5.1924

49.217

68,0

28,9

0,6

26,8

12,2

8,7

15,1

4,4***

2,5

7.12.1924

51.994

62,5

23,7

0,3

32,3

11,0

9,1

17,4

1,6***

4,6

20.5.1928

53.458

70,6

32,5

33,7

8,2

8,6

8,9

2,5

5,6

14.9.1930

50.895

74,5

35,3

0,1

26,1

6,1*

6,15

3,0

16,8

6,5

31.7.1932

49.164

76,4

36,1

25,3

4,4

1,0

2,6

27,0

3,6

6.11.1932

48.022

76,3

41,5

22,5

3,9

1,7

5,0

21,5

3,9

5.3.1933

47.979

81,2

33,4

22,8

2,3

1,4

4,6**

32,7

2,8

*, ** und *** siehe Anmerkungen zu Tabelle 1.

Vor der ersten Reichstagswahl am 6. Juni 1920 fand, noch während der revolutionären Kämpfe nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, die Wahl zur „Verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung“ statt. Für sie galt bereits das Wahlrecht der Weimarer Republik und damit, zum ersten Mal in Deutschland, das Frauenwahlrecht. Für die Wahl zur Nationalversammlung (deren Ergebnisse die Tabellen nicht enthalten), kandidierten in Hamburg fünf Parteien: die aus der Arbeiterbewegung hervorgegangene Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), die fortschrittlich-liberale „Deutsche Demokratische Partei“ (DDP) und die national-konservative „Deutsche Volkspartei“ (DVP), die von der SPD abgespaltene „Unabhängige Sozialdemokratische Partei“ (USPD) und die „Deutschnationale Volkspartei“ (DNVP). Die KPD, nur wenige Tage vor dieser Wahl, zum Jahreswechsel 1918/19, gegründet, nahm an dieser Wahl noch nicht teil. Die Gründung der NSDAP folgte erst später. (Andere kleine Parteien, auf die zusammen 1,3 Prozent der abgegebenen Stimmen entfielen, können hier vernachlässigt werden.)

Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 entfielen in Hamburg auf die SPD 51,6 Prozent, auf die DDP 26 Prozent und auf die DVP 11,7 Prozent der abgegebenen Stimmen. Fast 90 Prozent der Wählerinnen und Wähler in Hamburg stimmten also zu diesem Zeitpunkt für Parteien, die für die Weimarer Republik als Parlamentarische Demokratie eintraten. Auf die USPD, die am Rätesystem festhielt, entfielen 6,8 Prozent und auf die republikfeindliche, monarchistische DNVP nur 2,6 Prozent der abgegebenen Stimmen.

Zur ersten Reichstagswahl am 6. Juni 1920, nur wenige Monate nach dem (von der DNVP unterstützten) Kapp-Putsch, entfielen in Hamburg auf die SPD, die DDP und die DVP zusammen 70 Prozent der abgegebenen Stimmen, 20 Prozent weniger als siebzehn Monate zuvor anlässlich der Wahl der Verfassunggebenden Nationalversammlung. Seit dem 6. Juni 1920 sank der Stimmenanteil der drei Parteien in Hamburg von Wahl zu Wahl, auf zuletzt nur noch 32,7 Prozent zur Reichstagswahl am 5. März 1933 (vgl. Tabelle 1). Während die Zahl der SPD-Wählerinnen und -Wähler in Hamburg zwischen 1920 und 1933 um etwa 31 Prozent (von 38,6 auf 26,7 Prozent) sank, sank die der DDP/DStP und DVP, zusammengefasst, um 81 Prozent (von 32 im Jahr 1920 auf 6 Prozent im Jahr 1933). Ohne den Zerfall der bürgerlichen Weimarer Parteien, wäre der Aufstieg der -NSDAP, den die Tabelle 2 für die Altstadt dokumentiert, unmöglich gewesen; und ohne die Verluste der SPD hätte es den Aufstieg der KPD, den die Tabelle 3 für die Neustadt belegt, nicht gegeben.

Unterbrochen wurde der Stimmen-Rückgang der drei „Weimarer Parteien“ nur in der Reichstagswahl am 20. Mai 1928. In dieser Wahl stieg die Zahl der Wählerinnen und Wähler von SPD, DDP und DVP noch einmal auf 61,8 Prozent. Zusammen gewannen sie erstmals eine deutliche absolute Mehrheit der Stimmen in Hamburg. Nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise allerdings sank ihr Stimmenanteil erneut, auf unter 50 Prozent bei der Wahl am 14. September 1930 und auf weniger als ein Drittel der Wählerstimmen in Hamburg während der letzten Reichstagswahl am 5. März 1933.

Eine Mehrheit der demokratischen Parteien gegenüber der NSDAP existierte in Hamburg seit 1930 nicht mehr. Auch die nationalsozialistischen Stimmenverluste bei der Reichstagswahl am 6. November 1932, in Hamburg waren es immerhin 8,3 Prozent, stärkten vorübergehend die KPD auf der linken und die völkisch-antisemitische DNVP auf der rechten Seite des politischen Spektrums, nicht aber die SPD und die DStP, höchstens die konservative DVP, in einem kaum merkbaren Rahmen.

Die NSDAP wurde auch in Hamburg bereits Anfang der 1920er Jahre gegründet. Nach dem gescheiterten Putschversuch Adolf Hitlers gegen die Weimarer Republik wurde sie 1923 reichsweit verboten und bis 1925 von allen Wahlen ausgeschlossen. An ihrer Stelle kandidierte zur Reichstagswahl am 4. Mai 1924 ein „Völkisch-Sozialer Block“ und zur Wahl am 7. Dezember desselben Jahres eine „Nationalsozialistische Freiheits-bewegung“. Verluste der Parteien der Weimarer Koalition infolge der Inflation kamen 1924 noch der DNVP zugute. Deren Stimmenanteil stieg bei der Wahl am 7. Dezember 1924 in der Altstadt auf 23,3 Prozent, in Hohenfelde sogar auf 35,8 Prozent.

Die erste Reichstagswahl, an der die NSDAP teilnahm, war die vom 20. Mai 1928, die Wahl, bei der SPD, DDP und DVP zusammen in Hamburg noch einmal eine deutliche Mehrheit erhielten. Die DNVP dagegen verlor annähernd die Hälfte ihrer Stimmen. Die NSDAP ging aus dieser Wahl als „Splitterpartei“ hervor, mit einem Stimmenanteil von durchschnittlich 2,6 Prozent in Hamburg, in der Altstadt immerhin 3,5 Prozent. Nur zwei Jahre später, zur Reichstagswahl am 14. September 1930, nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, wurde die NSDAP in der Altstadt, mit 25,2 Prozent der abgegebenen Stimmen, bereits zur stärksten Partei (vgl. Tab. 2). Sie blieb es dort, mit steigender Tendenz, auf zuletzt 48,2 Prozent der Stimmen am 5. März 1933. Sie hielt diese Position auch bei der Wahl am 6. November 1932, nach einem Rückgang ihres Stimmenanteils um immerhin 8,3 Prozent. Auch in der Altstadt profitierten von den Verlusten der NSDAP die KPD und, weniger stark, die völkische DNVP. Wer von den Verlusten der NSDAP dort nicht profitierte, waren SPD und DStP; die DVP nur in geringem Maße.

Nach ihrer Gründung zum Jahreswechsel 1918/19 spielte die KPD bei der ersten Reichstagswahl am 6. Juni 1920, mit 0,5 Prozent der Stimmen in Hamburg, zunächst nur eine marginale Rolle. Vier Jahre später, nach ihrem Zusammenschluss mit dem „linken“ Flügel der USPD im Dezember 1920, stieg ihr Stimmenanteil in Hamburg bei der Reichstagswahl am 4. Mai 1924 auf durchschnittlich 18,8 Prozent.

In der Hamburger Neustadt wurde die KPD bei dieser Wahl, mit 28,9 Prozent der abgegebenen Stimmen, zur stärksten Partei, wenn auch nur mit knappem Vorsprung vor der SPD. Wenige Monate später gewann die SPD in der Reichstagswahl am 7. Dezember desselben Jahres die Stimmenmehrheit in der Neustadt vorübergehend zurück. Sie blieb dort auch bei der Reichstagswahl am 20. Mai 1928, die die „Weimarer Verhältnisse“ noch einmal stabilisierte, stärkste Partei, allerdings mit einem sehr knappen Vorsprung vor der KPD. (Vgl. dazu die Tabelle 3)

Schon zwei Jahre später, nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, wurde die KPD wieder zur stärksten Partei in der Neustadt, mit 35,3 Prozent der Stimmen und einem Stimmenvorsprung vor der SPD von annähernd 10 Prozent. Seit der Reichstagswahl vom 14. September 1930 blieb sie dort die stärkste Partei, mit steigenden Wählerzahlen bis zur Wahl am 6. November 1932. Parallel dazu allerdings wuchs auch die Zahl der NSDAP-Wählerinnen und -Wähler in der Neustadt um das 15-fache, von 2,5 am 4. Mai 1928 auf 32,7 Prozent am 5. März 1933. Allein die Reichstagswahl vom 6. November 1932, bei der sie in der Neustadt 5,5 Prozent verlor und auf „nur“ noch 21,5 Prozent kam, unterbrach dort ihren rasanten Aufstieg. Parallel zu den Verlusten der NSDAP am 6. November 1932, gewann die KPD 5,4 Prozent hinzu und erzielte bei dieser Wahl, mit 41,4 Prozent aller Stimmen, ihren größten und zugleich letzten Wahlerfolg in der Neustadt. Kaum drei Monate nach dieser Wahl wurde Adolf Hitler Reichskanzler und weitere fünf Wochen später fand am 5. März 1933 die letzte Reichstagswahl statt. In dieser Wahl ging auch in der Neustadt der Anteil der KPD-Stimmen um 8 Prozent zurück, während die NSDAP um 11 Prozent zulegte. Zwar blieb die KPD am 5. März 1933 die stärkste Partei in der Neustadt, doch war die Zahl der NSDAP-Wählerinnen und -Wähler (fast) so groß wie die der KPD.

3. Fazit

„Es ist richtig“, so Jürgen W. Falter kürzlich in der FAZ, „Adolf Hitler ist nicht durch Wahlen an die Macht gekommen. Aber ohne die rasanten Wahlerfolge der NSDAP“ – denen in der Altstadt, auch denen im Kampf gegen die KPD errungenen in der Neustadt – „hätte Reichspräsident Hindenburg nicht am 30. Januar 1933 den Führer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei zum Reichskanzler ernannt. Keiner anderen deutschen Partei zuvor und danach ist es in so kurzer Zeit gelungen, von einer unbedeutenden Splitterpartei zu der mit Abstand stärksten Parlamentspartei aufzusteigen.“

Nicht nur in der Altstadt gab es unter den Wählerinnen und Wählern seit 1930 keine demokratische Mehrheit mehr für den Erhalt der Parlamentarischen Demokratie. Auch in der Neustadt, in der noch 1933 „nur“ etwa ein Drittel der Wählerinnen und Wähler für die -NSDAP stimmte und etwa ebenso viele für die KPD, existierte zwar eine rechnerische Mehrheit gegen die NSDAP, zusammen mit den verbliebenen Wählerinnen und Wählern von SPD, DStP und DVP, eine Mehrheit für den Erhalt der Parlamentarischen Demokratie aber gab es nicht.

Spätere Veränderungen in der Neu- und Altstadt während des Nationalsozialismus wurden nicht länger durch Wahlen gespiegelt. Dies leisten die in diesem Band enthaltenen Biographien.

Autor:  Jost v. Maydell

Quellen
Die Religionszugehörigkeit der Wohnbevölkerung in der Stadt Hamburg im Jahr 1933, in: Aus Hamburgs Verwaltung und Wirtschaft, Monatsschrift des Statistischen Landesamts, 11. Jahrgang 1934 Nr. 7, S. 155ff.; Statistik des hamburgischen Staates Heft XXXIII, Die Volks-, Berufs- und Betriebszählung vom 16. Juni 1925 – 2. Teil: Die Berufszählung, hrsg. vom Statistischen Landesamt, Hamburg 1928, S. 76ff.; Statistisches Jahrbuch für die Freie und Hansestadt Hamburg, 1935/36, hrsg. vom Statistischen Landesamt, Hamburg 1936, S.8ff.; Statistische Mitteilungen über den hamburgischen Staat, , Nr. 7 (1919), 10 (1920), 11 (1924), 16 (1924), 23 (1928), 25 (1930), 29 (1932), 30 (1932), 31 (1933), Hamburg 1919ff.

Weitere Literatur
Büttner, Aufstieg der NSDAP, in: FZH (Hrsg.) Hamburg im „Dritten Reich“, S. 27ff.; Das Jüdische Hamburg hrsg. vom IGdJ; Falter, Volkspartei des Protestes, FAZ vom 19. Juni 2017, S. 8; Geiger, Die soziale Schichtung des deutschen Volkes, Stuttgart 1932 (Nachdruck Darmstadt 1972), S. 100ff.; Krause, Hamburg wird braun, Hamburg 1987; Meyer, „Goldfasane“; dies. (Hrsg.) Verfolgung; Stolpersteine in Hamburg Grindel I und Grindel II; Winkler, Der lange Weg nach Westen, Bd I, S. 475ff., Bd. II, S. 1–22.
 

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Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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