Begriffserklärungen

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Franz Oehlecker

(19.12.1874 Hamburg – 16.11.1957 Hamburg)
Arzt (Chirurg), Universitätsprofessor
Sierichstraße 55 8Wohnadresse 1943)
Oehleckerring (1963 benannt in Hamburg Langenhorn)
Fuhlsbüttler Straße 756, bestattet auf dem Ohlsdorfer Friedhof, C 33

Franz Oehlecker wurde im Dezember 1874 als Sohn eines Zahnarztes in Hamburg geboren.[1] Am Matthias-Claudius-Gymnasium in Wandsbek machte er Abitur, um in der Folge an den Universitäten Leipzig, Tübingen, Kiel, Berlin und Straßburg Medizin zu studieren. Im Juli 1901 absolvierte er die ärztliche Staatsprüfung in Straßburg und erlangte seine Approbation als Arzt. 1902/03 arbeitete er als Hilfsarzt am Städtischen Krankenhaus Friedrichshain in Berlin, wo er eine Ausbildung im pathologischen Institut und der inneren Abteilung absolvierte und im Januar 1903 promoviert wurde. In der Folge arbeitete er als chirurgischer Assistent im Städtischen Krankenhaus Urban (bis September 1905) und als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter im Kaiserlichen Gesundheitsamt in Dahlem (bis Mai 1907).[2]

1907 zog Oehlecker zurück nach Hamburg und begann als chirurgischer Assistent am Allgemeinen Krankenhaus (AK) Eppendorf zu arbeiten, wo er 1909 zum Sekundärarzt aufstieg. 1912 wechselte er an das AK Barmbek, wo er zwei Jahre später als Leitender Oberarzt die zweite Chirurgische Abteilung übernahm. Im Ersten Weltkrieg wurde er als „unabkömmlich“ vom Wehrdienst befreit. 1915 machte er als Facharzt für Chirurgie eine eigene Praxis auf. 1919 erhielt er an der neugegründeten Hamburgischen Universität die Lehrbefugnis. Im Juni 1923 ernannte ihn die Hochschulbehörde zum nichtbeamteten außerordentlichen Professor. Im Oktober desselben Jahres wurde er Leiter der ersten chirurgischen Abteilung am AK Barmbeck. Wissenschaft lich trat er mit zahlreichen Veröffentlichungen hervor, vor allem zur Bluttransfusion und Knochen- und Gelenktuberkulose.[3] Seit 1908 gehörte Oehlecker der Vereinigung Nordwestdeutscher Chirurgen an. Von 1930 bis 1932 fungierte er als Vorsitzender des Ärztlichen Vereins Hamburg. Im Juli 1932 trat er dem Verband der Krankenhausärzte Deutschlands bei.[4] Einer politischen Partei gehörte er vor 1933 nicht an.[5]

Franz Oehlecker unterzeichnete das „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“, das am 11. November 1933 auf einer NS-Feier vorgetragen wurde.[6] Zu diesem Zeitpunkt war er noch kein Parteimitglied, trat im selben Monat aber dem Nationalsozialistischen Lehrerbund bei. 1935 trat er auch der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und wohl auch der Deutschen Arbeitsfront (DAF) bei,[7] bevor er am 1. Juli 1937 seine Aufnahme in die NSDAP beantragte, die rückwirkend zum 1. Mai 1937 erfolgte. Damit war er einer der 13 Chefärzte des AK Barmbek – von insgesamt 15 –, die im „Dritten Reich“ NSDAP-Mitglied wurden.[8] 1938 wurde er Mitglied im NS-Altherrenbund. 1939 war er außerdem Mitglied im Reichsluftschutzbund und im Reichskolonialbund.[9]

Nachdem der nationalsozialistische Staat mit dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom Juli 1933 die Zwangssterilisierungen von vermeintlich „Erbkranken“ sowie von „schweren Alkoholikern“ auf den Weg gebracht hatte, wurden im Amtlichen Anzeiger Hamburgs vom 31. Dezember 1933 die für die Umsetzung zuständigen Krankenhäuser und Ärzte bestimmt. Darunter war auch Franz Oehlecker für das AK Barmbek.[10] In Hamburg wurden insgesamt rund 22.000 rassenhygienisch begründete Zwangssterilisationen von als „erbkrank“ stigmatisierten Personen durchgeführt.[11] Christine Pieper zufolge berichtete Oehlecker im September 1935 gegenüber einer Gruppe holländischer Ärzte und Fürsorgerinnen von 900 Sterilisationen, die seit Ende März 1934 im Krankenhaus, v.a. bei Patient/innen mit den Diagnosen „Schwachsinn“ oder Schizophrenie, durchgeführt worden seien.[12]

Oehlecker forschte auch zum Thema und hielt entsprechende Vorträge. 1934 diskutierte er in einem Artikel neben entsprechenden medizinischen Techniken auch die Frage von Sterilisationsindikatoren bei Männern, wobei er mit Blick auf angeborene körperliche Behinderungen („schwere erbliche Mißbildung“) eine öffentliche Fachdiskussion über Ausmaß und Handhabe von Sterilisationen einforderte.[13] Dabei sorgte er sich um den öffentlichen Ruf der Sterilisationspolitik im Falle von Komplikationen und plädierte er für ein ärztliches Selbstverständnis als Fachleute, die sich bereitwillig in den Dienst von Propaganda stellten, wenn er schrieb: „Wir Ärzte sind verpflichtet, den Eingriff der Unfruchtbarmachung möglichst schonend zu gestalten, […] damit bald ins Volk hinausgetragen wird, daß die Unfruchtbarmachung des Mannes ein leichter, ungefährlicher Eingriff ist, vor dem man sich nicht zu fürchten braucht.“[14]

Im September 1935 nahm Oehlecker an einem internationalen Kongress für Bluttransfusion in Rom teil.[15] Im Mai 1939 stellte er den Antrag an das Reichsministerium für Wissenschaft , ihn zum außerplanmäßigen Professor zu ernennen, was mit Verweis auf sein hohes Lebensalter abgelehnt wurde. Zuvor hatte der Dekan der Medizin ischen Fakultät zugunsten Oehleckers erklärt, dieser sei „ein sehr bekannter Chirurg, der hier in Hamburg größtes Ansehen genießt“.[16] Ein 1940 erfolgter Versuch der Fakultät, Oehlecker nach dem Erlöschen seiner Lehrbefugnis zum Honorarprofessor zu ernennen, scheiterte ebenfalls.[17] 1944 bemühte sich die Fakultät um eine Verleihung der Goethe-Medaille an ihn. Trotz Unterstützung des Hamburger Reichsstatthalters wurde auch aus dieser Ehrung nichts, da die Goethe-Medaille „im Zuge des totalen Kriegseinsatzes“ nicht mehr verliehen wurde. Zuvor hatte das Ministerium verschiedene Professoren nach ihrem Urteil über Oehlecker gefragt, das durchweg sehr gut ausfiel.[18] Im August 1939 wurde Oehlecker als Sanitätsoffizier der Reserve zum Wehrdienst einberufen, den er neben seiner Krankenhaustätigkeit ausübte. 1940 wurde er zum Oberstabsarzt und 1943 zum Oberfeldarzt ernannt.[19]

1945/46 wurde Franz Oehlecker kurzzeitig in ein Internierungslager für höhere Offiziere eingewiesen.[20] Im Anschluss beantragte er seinen Ruhestand am AK Barmbek. Angesichts von Oehleckers vergleichsweise spätem Parteibeitritt hatten Entnazifizierungsausschüsse und Militär regierung 1946 keine Bedenken, ihm die Pension zu bewilligen und eine Fortführung der privaten Arztpraxis zu gestatten.[21] Die Mitglieder des Beratenden Ausschusses erklärten sogar, Oehlecker sei ihnen bestens bekannt, dieser sei „nie ein aktiver Nazi“ gewesen.[22] Über eine etwaige Mitgliedschaft in DAF und NS-Dozentenbund war sich Oehlecker 1945/46 nicht mehr sicher, erklärte jedoch schließlich, beiden Organisationen nicht angehört zu haben.[23]

1950 wurde Oehlecker zum Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie ernannt.[24] 1954 erhielt er das Bundesverdienstkreuz und wurde von der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg zum Ehrendoktor ernannt. Im Jahr darauf wurde er auch Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Bluttransfusion.[25] Franz Oehlecker starb im November 1957 im Alter von 82 Jahren.[26] 1963 wurde der Oehleckerring nach dem Arzt benannt.[27] Zu seinem 100. Geburtstag würdigte ihn das Hamburger Ärzte blatt mit einem Artikel, die Neue Zürcher Zeitung sprach 1975 von einem „Pionier der Bluttransfusion“.[28] Die NS-Belastung Oehleckers wurde 2015 in der Hamburger Öffentlichkeit thematisiert, nachdem die an den Oehleckerring angrenzende Max-Nonne-Straße umbenannt worden war.[29]

Text: David Templin

Quellen:
1 Bei der folgenden biographischen Skizze handelt es sich um die leicht überarbeitete Fassung einer Kurzbiographie, die 2017 im Rahmen eines wissenschaftlichen Gutachtens für das Staatsarchiv Hamburg (StAHH) erstellt wurde. Das vollständige Gutachten ist einsehbar unter: www.hamburg.de/contentblob/13462796/1d4b36cbfb9adc7fca682e5662f5854d/data/abschlussbericht-ns-belastete-strassennamen.pdf (zuletzt aufgerufen am 14.4.2020).
2 Christine Pieper: Oehlecker, Franz Heinrich Friedrich, in: Franklin Kopitzsch/Dirk Brietzke (Hg.): Hamburgische Biografie. Personenlexikon, Band 4, Göttingen 2008, S. 258-259.
3 Ebd.; Christine Pieper: Die Sozialstruktur der Chefärzte des Allgemeinen Krankenhauses Hamburg-Barmbek 1913 bis 1945. Ein Beitrag zur kollektivbiographischen Forschung (Veröffentlichungen des Hamburger Arbeitskreises für Regionalgeschichte, 16), Münster/Hamburg/London 2003, S. 218-220; Dekan Bürger-Prinz an Rektor der Hansischen Universität, Prof. Dr. Keeser, 3.6.1944, in: StAHH, 113-5, B V 92 b UA 149; Prof. Dr. F. Oehlecker – 70 Jahre, in: Hamburger Anzeiger, 19.12.1944; Auszug aus Protokoll des Senats, 29.6.1923, in: StAHH, 361-6, I 307; Prof. Dr. Oehlecker/Prof. Dr. Treplin: Die chirurgischen Abteilungen, in: Festschrift zum 25jährigen Bestehen des Allgemeinen Krankenhauses Barmbeck in Hamburg 1913-1938, Hamburg 1938, S. 52-55.
4 Pieper, Die Sozialstruktur der Chefärzte, S. 219; Pieper, Oehlecker, S. 258.
5 Fragebogen Military Government of Germany, ausgefüllt von Prof. Dr. med. Franz Oehlecker, 18.1.1946, in: StAHH, 221-11, M 7202.
6 Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat, überreicht vom Nationalsozialistischen Lehrer-Bund Gau Sachsen, Dresden 1934, S. 130.
7 Pieper, Die Sozialstruktur der Chefärzte, S. 176; Fragebogen Military Government of Germany, ausgefüllt von Prof. Dr. med. Franz Oehlecker, 2.6.1945, in: StAHH, 221-11, M 7202; Fragebogen Military Government of Germany, ausgefüllt von Prof. Dr. med. Franz Oehlecker, 18.1.1946, in: ebd.
8 Bundesarchiv (BArch), R 9361-VII/IX KARTEI, Karteikarte „Oehlecker, Dr. Franz“; Pieper, Die Sozialstruktur der Chefärzte, S. 178.
9 Fragebogen zum Zwecke der Vervollständigung der Personalakte, ausgefüllt von Professor Dr. med. Franz Oehlecker, 2.8.1939, in: StAHH, 361-6, I 307; Fragebogen Military Government of Germany, ausgefüllt von Prof. Dr. med. Franz Oehlecker, 18.1.1946, in: StAHH, 221-11, M 7202.
10 Amtlicher Anzeiger. Beiblatt zum Hamburgischen Gesetz- und Verordnungsblatt, Nr. 308, 31.12.1933, S. 1292; Die Durchführung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, in: Hamburger Nachrichten, 2.1.1934, Abend-Ausgabe, S. 6.
11 Friedemann Pfäfflin u.a.: Die Krankenversorgung, in: Hendrik van den Bussche (Hg.): Medizin ische Wissenschaft im „Dritten Reich“. Kontinuität, Anpassung und Opposition an der Hamburger Medizin ischen Fakultät (Hamburger Beiträge zur Wissenschaft sgeschichte, 5), Hamburg/Berlin 1989, S. 267-380, hier S. 283. Vgl. Christiane Rothmaler: Sterilisationen nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933. Eine Untersuchung zur Tätigkeit des Erbgesundheitsgerichtes und zur Durchführung des Gesetzes in Hamburg in der Zeit zwischen 1934 und 1944, Husum 1991; Gisela Bock: Zwangssterilisation im Nationalsozialismus . Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik (Schriften des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin, 48), Opladen 1986.
12 Pieper, Oehlecker, S. 259.
13 Florian Julius Martin Max Mengele: Diskussion der männlichen Sterilisation in deutschsprachigen urologischen und chirurgischen Fachzeitschriften der Jahre 1931 bis 1947, Diss. Universität Ulm 2014, S. 32f., S. 45f., S. 61, S. 100f.
14 Franz Oehlecker: Zur Unfruchtbarmachung des Mannes, in: Zentralblatt für Chirurgie, 3/1934, S. 2883, zitiert nach Mengele, Diskussion, S. 117f.
15 Ebd., S. 258f.
16 Prof. Dr. F. Oehlecker an Reichsminister für Wissenschaft , Erziehung und Volksbildung durch Rektor der Hansischen Universität und Dekan der Medizin ischen Fakultät, 24.5.1939, in: StAHH, 113-5, B V 92 b UA 108; Dekan der Medizin ischen Fakultät der Hansischen Universität an Reichsminister für Wissenschaft , Erziehung und Volksbildung über den Rektor der Hansischen Universität, 3.8.1939, in: Bundesarchiv (BArch), R 4901, 25153; Mentzel (Reichsminister für Wissenschaft , Erziehung und Volksbildung) an Reichsstatthalter in Hamburg, 16.11.1939, in: StAHH, 113-5, B V 92 b UA 108.
17 Dekan Dr. Mühlens ( Medizin ische Fakultät der Hansischen Universität) an Reichsminister für Wissenschaft , Erziehung und Volksbildung über Rektor der Hansischen Universität, 23.2.1940, in: StAHH, 113-5, B V 92 b UA 108; Der Reichsminister für Wissenschaft , Erziehung und Volksbildung an Reichsstatthalter in Hamburg, 6.7.1940, in: BArch, R 4901, 25153.
18 Dekan Bürger-Prinz an Rektor der Hansischen Universität, Prof. Dr. Keeser, 3.6.1944, in: StAHH, 113-5, B V 92 b UA 149; Der Reichsminister für Wissenschaft , Erziehung und Volksbildung an Reichsstatthalter in Hamburg, 14.10.1944, in: BArch, R 4901, 25153; vgl. Medizin ische Fakultät an Rektor der Hansischen Universität, 3.6.1944, in: ebd.; Prof. Dr. Usadel (Direktor der Chirurgischen Universitäts-Klinik und Poliklinik Tübingen) an Reichsminister für Wissenschaft , Erziehung und Volksbildung, 19.8.1944, in: ebd.; Prof. Dr. A. W. Fischer (Chirurgische Universitäts-Klinik, Kiel) an Reichsminister für Wissenschaft , Erziehung und Volksbildung, 8.9.1944, in: ebd.; Prof. Dr. Killian (Chirurgische Universitätsklinik Breslau) an Reichsminister für Wissenschaft , Erziehung und Volksbildung, 17.9.1944, in: ebd.
19 Pieper, Oehlecker, S. 259.
20 Ebd.
21 Fragebogen Action Sheet, betr. Prof. Dr. med. Franz Oehlecker, 11./26.4.1946, in: StAHH, 221-11, M 7202; Fragebogen Action Sheet, betr. Prof. Dr. med. Franz Oehlecker, 8.4./24.5.1946, in: ebd.;
22 Fragebogen Action Sheet, betr. Prof. Dr. med. Franz Oehlecker, 13.9./1.10.1946, in: StAHH, 221-11, M 7202.
23 Prof. Oehlecker an Dekan der Medizin ischen Fakultät Universitätskrankenhaus Eppendorf, 15.5.1946, in: StAHH, 221-11, M 7202. In einem Fragebogen hatte er 1939 angegeben, dem NS-Dozentenbund nicht anzugehören, aber Mitglied der DAF zu sein; vgl. Fragebogen zum Zwecke der Vervollständigung der Personalakte, ausgefüllt von Professor Dr. med. Franz Oehlecker, 2.8.1939, in: StAHH, 361-6, I 307.
24 Hamburger Rundschau, in: Hamburger Abendblatt, 10.6.1950, S. 4; Ehrung für Prof. Oehlecker, in: Hamburger Freie Presse, 13.6.1950, in: StAHH, 361-6, I 307.
25 Prof. Dr. Dr. h.c. Franz Oehlecker 19.12.1874 – 19.12.1974, Sonderdruck aus „Hamburger Ärzte blatt“, 28. Jg., Nr. 12, Dezember 1974, in: StAHH, 731-8, A 764 Oehlecker, Franz; Prof. Oehlecker Ehrendoktor, in: Hamburger Abendblatt, 18./19.12.1954, S. 5; Pieper, Oehlecker, S. 259.
26 Prof. Oehlecker gestorben, in: Hamburger Abendblatt, 19.11.1957, S. 7.
27 Rita Bake: Ein Gedächtnis der Stadt. Nach Frauen und Männern benannte Straßen, Plätze, Brücken in Hamburg. Band 1: Überblick und Analyse, hg. von der Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg 2015, S. 172.
28 Prof. Dr. Dr. h.c. Franz Oehlecker 19.12.1874 – 19.12.1974, Sonderdruck aus „Hamburger Ärzte blatt“, 28. Jg., Nr. 12, Dezember 1974, in: StAHH, 731-8, A 764 Oehlecker, Franz; Ein Pionier der Bluttransfusion, in: Neue Zürcher Zeitung, 8.11.1975, in: ebd.
29 Matthias Schmoock: Straßenkampf in Langenhorn, in: Hamburger Abendblatt, 10.12.2015, S. 17. Vgl. Hannes Stepputat: Die Straßen der NS- Ärzte , in: Taz Nord, 24.1.2018; Freie und Hansestadt Hamburg, Bezirksamt Hamburg-Nord, Bezirksversammlung, Drucksachen-Nr.: 20-5499 vom 12.3.2018: „NS-belastete Straßen in Langenhorn: Umbenennungen prüfen – Erinnerungskultur pflegen! Stellungnahme der Behörde für Kultur und Medien“.
 

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Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand August 2021: 880 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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