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Max Bonz

(12.11.1887 Potsdam - 6.6.1968)
Stellvertretender Schulleiter der Charlotte-Paulsen-Schule
Jüthornstraße 30 (Wohnadresse 1955)

Dr. Hans-Peter de Lorent hat über Max Bonz ein Portrait verfasst, das in Hans-Peter de Lorents Buch: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz. Band. 3. Hamburg 2019 erschienen und im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg erhältlich ist. Hier der Text:

„Der Widerstand gegen eine aktive Mitarbeit in der Partei war für mich umso schwieriger, als die Geschäftsstelle der Partei direkt neben meiner Wohnung lag und jede meiner Handlungen kontrolliert wurde.“
Einer derjenigen, die am 1.5.1933 in die NSDAP eintraten und daraufhin im Bereich der höheren Schulen eine Stellvertretende-Schulleiter-Stelle bekamen, war Max Bonz. Nach Ende der NS-Herrschaft behauptete er, kein Profiteur des Nationalsozialismus gewesen zu sein und führte Beispiele an, wie in anderen Entnazifizierungsverfahren auch, dass er seiner christlichen Überzeugung treu geblieben sei und stets in Auseinandersetzung mit der NSDAP und der HJ gestanden habe. Wie viele andere auch wurde er als Studienrat nach einer relativ kurzen Phase der Überprüfung wieder in den Schuldienst übernommen.
Max Bonz wurde am 12.11.1887 in Potsdam geboren. Zum „Stand des Vaters“ gab er in einem Fragebogen 1951 an: „Lederzurichtereibesitzer“.[1]
Auch von Max Bonz ist keine Personalakte mehr erhalten, sodass sein Werdegang mithilfe anderer Quellen rekonstruiert werden muss.
Max Bonz hatte seine Schulausbildung mit dem Abitur an der Oberrealschule in Berlin-Steglitz abgeschlossen, anschließend an der Universität in Berlin Mathematik, Physik und Chemie studiert und am 29.1.1912 die erste Staatsprüfung abgelegt. 1912 wurde auch seine Untauglichkeit für den Kriegsdienst festgestellt.
Max Bonz war verheiratet und hatte zwei Kinder.[2] In der Zeit der Weimarer Republik gehörte er dem schleswig-holsteinischen Philologenverein für die höheren Schulen an. In seinem Entnazifizierungsfragebogen vermerkte er, 1908–1909 der Christlich-sozialen Partei angehört zu haben.[3]
Eine feste Anstellung fand Max Bonz am 1.4.1914.[4]
Am 1.5.1933 trat Bonz in die NSDAP ein, in der er zeitweise als Blockleiter fungierte. Mitglied im NSLB wurde er ebenfalls 1933, dem VDA gehörte er seit dem 1.11.1933 an.[5] Auf der Liste der Schulleitungen, die der neue Schulsenator Karl Witt im Sommer 1933 vorlegte, war Max Bonz als Stellvertretender Schulleiter der Charlotte-Paulsen-Schule verzeichnet.[6] Der Zusammenhang zwischen dem Parteieintritt und der Benennung als stellvertretender Schulleiter wurde damit augenscheinlich.
Am 12.9.1945 wurde Max Bonz von Schulsenator Heinrich Landahl suspendiert, am 23.11.1945 entlassen.[7] Bonz hatte in seinem Entnazifizierungsfragebogen am 30.11.1945, der von OSR Heinrich Schröder als Zeuge gegengezeichnet war, seine Mitgliedschaften aufgelistet. Darin notierte er auch, am 1.8.1939 zum Oberstudienrat befördert worden zu sein, als der amtierenden Schulleiter, Walter Lohse in den Krieg zog und Max Bonz die Schule bis Mai 1945 kommissarisch leitete.[8]
Überraschend war dabei die Haltung von Heinrich Schröder. Am 10.7.1946 verfasste er ein Gutachten über Bonz, in dem es hieß:
„Herr Bonz trat bereits 1933 in die Partei ein. Damals glaubte er an den ­Nationalsozialismus. 1934–1935 war er sogar aktiv als Blockleiter tätig. Ob seine Beförderung zum Oberstudienrat 1939 auf politische Zuverlässigkeit oder auf seine fachliche und pädagogische Tüchtigkeit zurückzuführen ist, ist nicht festzustellen. Auf jeden Fall hat er in religiöser Beziehung, wie aus dem Gutachten hervorgeht, keine nationalsozialistischen Ansichten vertreten und sich auch in seinem Amt duldsam und tolerant gezeigt. Er ist zur Gruppe der Mitläufer zu rechnen. Darum wird als Sühnemaßnahme die Versetzung in das Amt des Studienrats vorgeschlagen und, da er ein besonders tüchtiger Lehrer ist, auch seine Wiederbeschäftigung in diesem Amt.“[9]
Möglicherweise war Max Bonz Heinrich Schröder bekannt gewesen. Der Berufungsausschuss unter Vorsitz von Clara Klabunde folgte am 7.8.1946 der Auffassung des Personalreferenten nicht und lehnte die Berufung ab. Er begründete das damit, dass Bonz schon am 1.5.1933 Parteigenosse war, Blockleiter 1934/35 sowie Mitglied in drei anderen nationalsozialistischen Organisationen. Weiter hieß es:
„Als politischer Leiter und Pg. von 33 müsste Bonz besonders überzeugende Entlastungserklärungen beibringen. Er bringt aber vor allen Dingen Erklärungen, die seine kirchliche Einstellung und seine pädagogische Befähigung nachweisen. Mit seiner politischen Einstellung befassen die Entlastungserklärungen sich kaum. Bonz war 33 bereits fest angestellt, brauchte also wirtschaftliche Befürchtungen nicht zu haben. Er ist auch 39 zum Oberstudienrat ernannt worden, was immerhin politische Zuverlässigkeit voraussetzte. Daher kann die Wiedereinstellung nicht befürwortet werden.“[10]
Tatsächlich waren die eingereichten Leumundszeugnisse sehr positiv, was die Persönlichkeit und den „menschlichen Charakter“ von Max Bonz betraf. So schrieb Pastor Bernhard Bothmann am 22.11.1945, dass Bonz „bewusst kirchlich eingestellt war und sich manches Mal im Gegensatz zur NSDAP mutig für die Belange der evangelisch-lutherischen Kirche eingesetzt hat und verschiedene Maßnahmen der Partei scharf missbilligte. Als stellvertretender Direktor des hiesigen Lyzeums, welches auch meine älteste Tochter besucht hat, hat er auch die Jugend im christlichen Sinne unterrichtet und erzogen.“ Bothmann wies auch darauf hin, dass seine Frau „nach den Nürnberger Gesetzen als Volljüdin galt, und Bonz stets freundschaftlich zu uns eingestellt war“.[11]
Auch das Kollegium der ehemaligen Oberschule für Mädchen in Wandsbek, jetzt Charlotte-Paulsen-Schule, gab eine Stellungnahme ab mit dem Ziel, dass Max Bonz in sein Amt als Studienrat wieder eingesetzt werden sollte. Realistisch wurde wohl eingeschätzt, dass er nicht wieder Oberstudienrat und stellvertretender Schulleiter werden könnte. Es hieß:
„Wir haben Herrn Bonz in langjähriger Zusammenarbeit als äußerst gewissenhaften, pflichtbewussten Menschen und sehr befähigten Lehrer kennen und schätzen gelernt. In den schwierigen Kriegsjahren hat er als stellvertretender Leiter sich besondere Verdienste um die Schule erworben. Obwohl Herr Bonz seit dem 1. Mai 1933 Parteimitglied war, hat er nie nationalsozialistische Propaganda betrieben und niemanden seiner Ansichten wegen verfolgt. Er hat auch niemals die beiden einzigen Kolleginnen, die nicht in der Partei waren, zum Eintritt in diese zu veranlassen versucht. Er war etwas über ein Jahr Blockleiter, aber da er aus religiösen Gründen öfter Schwierigkeiten mit dem Ortsgruppenleiter hatte, legte er den Posten nieder. Eine Beförderung zum Zellenleiter lehnte er ab.“[12]
Die Frage ist, welchen Stellenwert eine solche Eingabe hatte, die von 15 Personen des Kollegiums unterschrieben worden war, von denen selbst 13 Personen der NSDAP angehört hatten.
Und welchen Aussagewert hatte das Gutachten der zwischenzeitlichen Oberstudiendirektorin in der Elise-Averdieck-Schule, an der Max Bonz „für nur gut einen Monat als Studienrat tätig gewesen war“, wie Frau Happel-Rohwedder in ihrem Leumundszeugnis voranstellte. Auf dieser knappen empirischen Basis urteilte sie weitreichend:
„Herr Bonz hat sich sehr schnell das volle Vertrauen des Kollegiums und der Schülerschaft erworben. Seine vorbildliche Bescheidenheit und Treue in der Pflichterfüllung, seine natürliche Freundlichkeit, gepaart mit sicherem Wissen gewannen ihm ungewöhnlich schnell unser aller Achtung und Zuneigung. Darum traf uns seine Entlassung aus dem Schuldienst wie ein schwerer Schlag, denn er war in diesen kurzen Wochen schon völlig mit der Schule verwachsen. Wir bedauern es außerordentlich, ihn verloren zu haben umso mehr, als wir vermuten, dass er in den vergangenen Jahren keineswegs besonders aktivistisch in der Partei tätig gewesen ist.“[13]
Vermutungen nach dem einmonatigen Kennenlernen, was sollte ein Entnazifizierungsausschuss damit anfangen?
Max Bonz hatte natürlich auch Stellung genommen und versucht, sich zu erklären und zu verteidigen. So schrieb er über die Motive seines früheren Eintritts in die NSDAP:
„Ich glaubte in dieser Partei die sozialistischen und vor allem religiösen Anschauungen verwirklicht zu sehen, die ich schon als Student durch meine Zugehörigkeit zur christlich-sozialen Partei (Stöcker-Partei) vertrat, denn Punkt 24 des Programms der NSDAP gibt das ,positive Christentum‘ als Grundlage der Partei an. Ich konnte damals nicht wissen, dass die Partei unter ,positivem Christentum‘ etwas ganz anderes verstand.“[14]
Bonz äußerte sich auch zu seiner kurzen Funktionärstätigkeit und gab eine ungewöhnliche Erklärung dafür ab, warum es ihm schwer gefallen war, sich zu distanzieren:
„Erst nach wiederholten Aufforderungen des Ortsgruppenleiters erklärte ich mich schließlich Ende Januar 1934 bereit, als Blockleiter Beiträge einzusammeln und Karten für Festlichkeiten zu verkaufen. Eine politische Tätigkeit habe ich weder in dieser Zeit, noch später ausgeübt, besonders deshalb nicht, weil zu dieser Zeit schon eine innere Einstellung gegen die Partei einsetzte. Infolge meiner christlichen Einstellung ergaben sich sofort Schwierigkeiten mit dem Ortsgruppenleiter und anderen Parteigenossen, so dass ich meine Beförderung zum Zellenleiter ablehnte und wegen meiner durch das Christentum bedingten Einstellung gegen die Partei einen schriftlichen Antrag auf Entlassung aus meiner Stellung als Blockleiter einreichte. Der Widerstand gegen eine aktive Mitarbeit in der Partei war für mich umso schwieriger, als die Geschäftsstelle der Partei direkt neben meiner Wohnung lag und jede meiner Handlungen kontrolliert wurde. Da ich selbst als alt-eingesessener Wandsbeker schon vor 33 zur Mitarbeit an öffentlichen Einrichtungen herangezogen worden war, sah man meine Weigerung zur Mitarbeit als Gegnerschaft zur NSDAP an.“[15]
Absurd auch eine andere Behauptung von Max Bonz:
„Meine Beförderung zum Oberstudienrat am 1.8.1939 steht in keinem Zusammenhang mit meiner Zugehörigkeit zur NSDAP, denn sie war mir schon eineinhalb Jahre vorher bei der Übernahme der stellvertretenden Leitung der Oberschule für Mädchen in Wandsbek durch den Präses der Schulverwaltung in Hamburg, Herrn Oberschulrat Dr. Oberdörffer, zugesagt worden.“[16] Warum wohl?
Es ist auffällig, wie sehr die Blockleiter-Tätigkeit marginalisiert wurde. Sie war sicherlich auch in Wandsbek nicht darauf zu reduzieren, lediglich Beiträge zu sammeln und Karten zu verkaufen.
Max Bonz zeigte früh seine Verzweiflung:
„Da ich selbst 59 Jahre alt bin, durch die Kriegseingriffe in meine Familie körperlich und seelisch gebrochen, bedeutet die rechtlose Entlassung aus meinem Beruf, den ich mir unter den schwierigsten Verhältnissen, da mein Vater Arbeiter war, erschaffen habe, für meine Familie die Zerstörung. Ich betone dabei immer wieder, dass ich mich nie politisch in der NSDAP betätigt habe, im Gegenteil habe ich dauernd Schwierigkeiten mit der Partei gehabt.“[17]
Der Beratende Ausschuss für die höheren Schulen Hamburgs urteilte zu Gunsten von Max Bonz: „Wir bleiben bei unserer Äußerung vom 15.7.1946 und halten ihn für tragbar in der Stellung eines Studienrates. Herr Oberschulrat Merck schildert ihn als pflichtgetreu und überkorrekt, gelegentlich sogar pedantisch. Er ist ein selbstloser, fähiger Lehrer, ein im innersten unpolitischer Mensch, der beim Wiederaufbau eine gute Arbeit wird leisten können.“[18]
Dem schloss sich dann der Berufungsausschuss 17 für die Ausschaltung von Nationalsozialisten unter Vorsitz von Rechtsanwalt Soll an, der für milde Urteile bekannt war. Einerseits wurde auf den frühen Parteieintritt von Max Bonz hingewiesen, aber auch vermerkt: „Zu seinen Gunsten spricht jedoch, dass er Schülern jüdischer Abstammung geholfen und sich manches Mal mutig gegen die NSDAP für die Kirche eingesetzt hat.“[19] Und weiter:
„In Übereinstimmung mit der Stellungnahme der Schulverwaltung und des Beratenden Ausschusses war der Berufungsausschuss daher der Auffassung, dass Bonz als Studienrat tragbar sei und hat ihm lediglich die 1939 erfolgte Beförderung zum Oberstudienrat aberkannt. Seine Einstufung in die Kategorie IV erfolgte wegen des frühen Beitritts zur NSDAP im Mai 1933 und weil der Berufungsausschuss der Ansicht war, dass der frühe Beitritt und die Tätigkeit als Blockleiter bei seiner Beförderung zum Oberstudienrat im Jahre 1939 von Bedeutung gewesen sind.“[20]
Daraufhin wurde Bonz wieder als Studienrat eingestellt und ab dem 1.4.1951 an der Klosterschule tätig.21
1951 stellte er noch einmal den Antrag, in Kategorie V überführt zu werden, wie alle anderen Personen zum Abschluss der Entnazifizierung, um wieder als Oberstudienrat anerkannt und besoldet zu werden.[22] Da seine Personalakte nicht mehr vorhanden ist, kann nur vermutet werden, dass dies, wie in anderen Fällen auch, wieder so vollzogen wurde.
Max Bonz wurde am 1.4.1953 pensioniert[23] und starb am 6.6.1968.[24]
Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1 StA HH, 362-2/36_25 Bonz
2 Ebd.
3 Entnazifizierungsakte Bonz, StA HH, 221-11_Ed 1210
4 Hamburgisches Lehrer-Verzeichnis für das gesamte Stadt- und Landgebiet Schuljahr 1938–1939, herausgegeben vom NSLB, Gauwaltung Hamburg, S. 10.
5 Entnazifizierungsakte a. a. O.
6 Schulleiterliste der höheren Schule vom 11.7.1933.
7 Entnazifizierungsakte a. a. O.
8 Entnazifizierungsakte a. a. O. Siehe auch die Biografie Walter Lohse in diesem Band.
9 Gutachten vom 10.7.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
10 Empfehlung des Berufungsausschusses vom 7.8.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
11 Bescheinigung vom 22.11.1945, Entnazifizierungsakte a. a. O.
12 Eingabe vom 27.11.1945, Entnazifizierungsakte a. a. O.
13 Gutachten vom 29. Januar 1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
14 Einspruch von Max Bonz gegen seine Entlassung vom 1.7.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
15 Ebd.
16 Ebd.
17 Schreiben vom 8.9.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
18 Beratender Ausschuss vom 24.1.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
19 Berufungsausschuss vom 18.2.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
20 Ebd.
21 StA  HH, 362-2/36_25 Bonz
22 Schreiben vom 13.7.1951, Entnazifizierungsakte a. a. O.
23 Nach Auskunft der Altregistratur der Behörde für Schule und Berufsbildung in Hamburg vom 12.2.2017.
24 Charlotte-Paulsen-Gymnasium, Hamburg 1991, S. 105.
 

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Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Dezember 2020: 828 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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