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Albert Schäfer

(1881-1971)
Dr. jur. h.c.; Vorstandsvorsitzender der Harburger Phoenix AG von 1933-1949, Präses der Handelskammer von 1946-1956, maßgeblich beteiligt bei der Übergabe Hamburgs an die Engländer zum Kriegsende 1945
Kapellenweg , Winsener Straße , Gaststätte Eißendorfer Schweiz und Am Radeland , auf Höhe der Hangstraße : Zwangsarbeit erlager der Phoenix AG während der NS-Zeit
Hannoversche Straße 100, Phoenix AG (Wirkungsstätte)
Adolphsplatz 1, Handelskammer (Wirkungsstätte)
Albert-Schäfer-Weg , Eißendorf (2003)

Albert Schäfer wurde am 13.1.1881 in Köln geboren. In Hamburg lebte er in der Akazienallee 7. Von 1929 bis 1932 arbeitete er als Geschäftsführer der Gummi und Reifen Industrie Continental. Von 1932 bis nach der Befreiung vom Nationalsozialismus war er als Fabrik/Werksdirektor der Harburger Phöenix AG. beschäftigt.

In der Zeit des Nationalsozialismus trat er nicht der NSDAP bei. Er war damals seit dem 6.12.1933 Mitglied der DAF ( Deutsche Arbeitsfront).[1] Die DAF wurde am 10.5.1933 gegründet, war der NSDAP angeschlossen und „mit ca. 23 Mio. Mitgliedern (1938) die größte NS-Massenorganisation. Als Einheitsgebilde ‚aller schaffenden Deutschen‘ konzipiert, schuf ihr Reichsleiter Robert Ley ein vielgliedriges, bürokratisch aufgeblähtes Organisationsimperium, mit dem er in nahezu alle Felder der nat.soz. Wirtschafts- und Sozialpolitik einzudringen trachtete. Entscheidender Einfluß auf materielle Belange in diesem Bereich blieb der DAF jedoch verwehrt, vielmehr musste sie sich im wesentlichen auf die allgemeine Betreuung und weltanschauliche Schulung ihrer Mitglieder beschränken. Die sich aus den Mitgliederzahlen ergebende enorme Finanzkraft der DAF (Beitragsaufkommen 1939: 539 Mio. RM) diente (…) v.a. der Finanzierung ihrer Wirtschaftsunternehmen. Hierzu gehörten u.a. Wohnungsbau- und Siedlungsgesellschaften, Banken, Verlags- und Druckereiunternehmen, Werften, (…) Volkswagen (…) Der zweite Pfeiler der Aktivitäten der DAF waren die unterhalb des Zentralbüros geschaffenen Ämter; hierzu zählte u.a. das Amt für Berufserziehung und Betriebsführung (…), das Amt Soziale Selbstverantwortung (…), sowie die NS-Gemeinschaft ‚Kraft durch Freude‘.“ [2]

Als Albert Schäfer in der NS-Zeit Vorstandsvorsitzender der Harburger Phoenix AG war, waren rund 1500 Zwangsarbeit er, „bei der Phoenix und der Internationalen Galalith eingesetzt (..). Die großen Lager der Phoenix, mit überwiegend Ukrainern, befanden sich Schützenplatz/ Ecke Lönsstraße (heute Kapellenweg ; 585 bzw. 100 Plätze) und an der Winsener Straße (100); daneben verfügte die Firma noch über ein Lager am Rande der Haake in der Gaststätte Eißendorfer Schweiz (120) sowie über ein mit anderen Betrieben genutztes Gemeinschaftslager (400) in der Straße Am Radeland , auf Höhe der Hangstraße .“ [3]

Auch war die Phoenix an der Kriegsführung der Nationalsozialisten wirtschaftlich beteiligt. Christian Gotthardt schreibt in seiner Abhandlung „Die politische Geschichte der Phoenix“: „So übernahm sie die große Gummifabrik Quadrats in Riga/ Lettland und ‚mietete‘ die ebenfalls ansehnlichen, erst 1933 errichteten Produktionsanlagen des französischen Michelin-Konzerns in Prag. Auch der französische Metallgummispezialist Paulstra, die Danske Galosche in Dänemark und die niederländische Hevea scheinen Zielobjekt der Phoenix gewesen zu sein. Verträge mit Gummikonzernen in den besetzten Ländern, die Phoenix auf Ersuchen der Reichsregierung abschloss, dienten der Belieferung dieser Betriebe mit Buna und ihrer Umstellung auf dessen Verarbeitung unter der Leitung der Phoenix. Als Gegenleistungen hatten die ausländischen Betriebe pauschale Beratungshonorare, Lizenzgebühren (mal in 1-2,5 % ihres Nettoerlöses, mal in 7-10% des Einkaufswertes Buna) sowie technische Dienstleistungen und Beraterspesen an Phoenix zu bezahlen. Als Gerichtsort bei Streitigkeiten wurde Hamburg bestimmt. Die Verträge enthielten ferner Klauseln über administrative Rechte und Übernahmeoptionen, in denen sich deutlich der Besatzerstatus der deutschen Seite dokumentiert. So formuliert etwa der Vertrag mit der norwegischen AS Gummiwarenfabrik Askim (Hauptwerk südöstlich von Oslo mit ca. 1200 Beschäftigten, Tochtergesellschaften in Stavanger und Mjoendalen) vom März 1941: ‚Artikel 1: Phoenix ist berechtigt, die zweck­entsprechende Auswertung der von ihr geleisteten Beratung und Unterstützung bei Askim in jeder ihr geeignet erscheinenden Form, und zwar auch durch eigene Beauftragte an Ort und Stelle, zu überwachen. Askim ist verpflichtet, der Phoenix jederzeit schriftlich und mündlich jede gewünschte Auskunft auf fabrikatorischem Gebiete zu erteilen und Beauftragten der Phoenix Zutritt zu allen Werkstätten zu gewähren.‘ (…) ‚Artikel 10: Askim verpflichtet sich während der Dauer dieses Vertrages und zwei Jahre darüber hinaus sich an keine andere (sic!) Gummiwarenfabrik ohne Zustimmung der Phoenix zu beteiligen. Falls Askim sich während derselben Zeit dafür entscheidet einer anderen Gummiwarenfabrik bei sich eine Beteiligung einzuräumen, ist Askim verpflichtet der Phoenix ein Vorkaufsrecht auf die Beteiligung zu gewähren.‘ Im im Oktober 1941 ge­schlossenen Vertrag mit der Société Générale des Établissements Bergougnan, Frankreich, finden sich Klauseln, die Phoenix eine Kaufoption für die Hälfte der Bergougnan-Anteile an dessen Tochter Bergougnan Belga Brüssel einräumten. Sollte Phoenix auf diese Option verzichten, würden sich im Gegenzug die von Bergougnan an Phoenix zu zahlenden Lizenzgebühren auf 10 bis 15 % des Buna-Einkaufswertes erhöhen. Lacroix-Riz zitiert eine Ermächtigung der deutschen Finanzverwaltung für das besetzte Frankreich, die Option durchzuführen, vom November 1941. Schäfer gab später, im Januar 1946, gegenüber den Alliierten an, diese Option sei nie gezogen worden. Der Spezialvertrag sei nur abgefasst worden, um die Reichsregierung, die unbedingt auf Beteiligungen drängte, zufriedenzustellen. Im übrigen hätten die Erlöse aus dem Vertrags­verhältnis für Phoenix kaum Bedeutung gehabt. Die konsequente Durchsetzung oder zumindest Vorbereitung von Aneignungen genau in jenen Ländern, die innerhalb der Nachkriegsvorstellungen der Reichsregierung zum erweiterten Deutschen Reich gehören sollten (Baltikum, Holland, Belgien, ‚Böhmen und Mähren‘), belegt allerdings eher die vollständige Übereinstimmung der Phoenix mit den faschistischen Kriegszielen. (…)“ [4]

In Albert Schäfers Erklärung vom 23.9.1946 gegenüber den Alliierten zu seiner politischen Einstellung und den wirtschaftlichen Aktivitäten der Phoenix in der Zeit des Nationalsozialismus , die sich in der Akte „Staatskommisser f. d. Entnazifizierung und Kategorisierung“ befindet, heißt es wie folgt: „Seit ich politisch denken kann, ist meine Einstellung eine rein demokratische gewesen. Diese demokratische Einstellung konnte ich vertiefen durch frühzeitige und häufig wiederholte Reisen durch ganz Europa, hauptsächlich auch nach England, Frankreich, Holland und Belgien, wodurch mir Gelegenheit geboten wurde, mit Wirtschaftlern und auch Politik ern politische Probleme zu erörtern.

Die Zuspitzung der politischen Verhältnisse seit 1908 habe ich in allen einzelnen Phasen verfolgen können und habe nach der ersten Marokko-Krise damit gerechnet, falls sich im letzten Moment die Hauptmächte Europas nicht verständigten, dass ein allgemeiner europäischer Krieg unvermeidbar war.

Da ich die Dinge in der Hauptsache vom wirtschaftlichen Standpunkt aus beurteilen konnte, gingen meine Bestrebungen seit 1908 dahin, überall im Ausland Interesse für eine Föderation der europäischen Staaten zu erwirken, da mir darin bei den sich bildenden Grossraum-Wirtschaftsgebieten das einzige Heil für Europa erschien.

Ich war auch bei Beginn des ersten Weltkrieges vom ersten Tag an davon überzeugt, dass es Deutschland niemals gelingen könne, gegen die Koalition seiner Feinde siegreich zu sein.

Das Ende des ersten Weltkrieges hat meinen Befürchtungen recht gegeben.

In der sog. Weimarer Republik war ich stets Anhänger einer freien demokratischen Entwicklung und habe alle Bestrebungen unterstützt, welche zum Zusammengehen der europäischen Völker dienlich sein konnten. In der Hauptsache war ich glühender Anhänger und Verteidiger der von Stresemann/Briand eingeleiteten Verständigungspolitik zwischen Deutschland und Frankreich, da ich darin den Schlüssel zu einer Konsolidierung der europäischen Verhältnisse sah.

Ich habe selbst zwei Unterredungen mit Briand geführt und mich auch mit Stresemann – ich erinnere nicht mehr in welchem Jahre – in Wiesbaden über die europäische Politik eingehend ausgesprochen.

Ich bin auch Anhänger des berühmtesten Wirtschaftspolitikers Englands, Lord Keynes gewesen und habe sein Wirken seit seiner Teilnahme am Versailler Vertrag aufmerksam verfolgt.

Keynes hat in seinem berühmten Buch ‚Die Folgen des Frieden s von Versailles‘ ja auch die kommende Entwicklung ziemlich klar vorausgesehen.

Es bedarf wohl keiner besonderen Herausstellung, dass ich nach dieser ganzen politischen Entwicklung und Betätigung von vornherein entschiedener Gegner der nazistischen Bestrebungen sein musste. Ich habe mit grosser Sorge der Entwicklung des Nationalsozialismus vom Jahre 23 an verfolgt und wurde deshalb auch kurz vor dem Umbruch entschiedener Anhänger der von Brüning betriebenen Politik . Die ganze Entwicklung hat meinen Befürchtungen recht gegeben.

Vom Jahre 1936 an war es mir klar, dass die von Hitler betriebene Politik auf einen neuen Weltkrieg hinaussteuerte. Ich habe infolgedessen das Amt des Fachgruppenleiter der Kautschukindustrie, welches ich, um meiner Sparte zu dienen, im Jahre 1934 übernommen hatte, auch im Jahre 1936 abgegeben und mich trotz wiederholter Aufforderungen der Berliner Zentralstellen nicht bereit finden lassen, das Amt wieder zu übernehmen. Die Versuche, mich zur Übernahme zu veranlassen, wurden zuletzt im Jahre 1938 wiederholt und wurden so dringend gemacht, dass höchste Beamte des Reichswirtschaftsministeriums mich mehrfach in Harburg aufsuchten, um mich persönlich zur Übernahme dieser Stellung zu bewegen.

Das Geschick nahm seinen Lauf. Der Krieg brach aus und ich habe in den mir zugänglichen Kreisen, vor allen Dingen meinen leitenden Herren gegenüber, nie ein Hehl daraus gemacht, dass dieser Krieg für Deutschland niemals zu gewinnen sei.

Lange vor Ausbruch des Krieges habe ich in einer Gesellschaft, in der – wie ich wusste – sehr viele Nazi-Anhänger vertreten waren, den Ausspruch getan, dass mir Hitler vorkäme wie ein Wahnsinniger, welcher mit einer brennenden Pechfackel in der Hand zwischen lauter offenstehenden Dynamitfässern herumspränge und nicht Ruhe liesse, bis der Funke in eines dieser Fässer geflogen sei. Wegen dieser und ähnlicher Äusserungen, deren ich mich im einzelnen nicht mehr erinnere, hat es scharfe Auseinandersetzungen gegeben, die schliesslich zum Auseinanderfallen dieser Vereinigung führten.

Ich war mir schon bei Beginn des Krieges darüber klar, da ich die einschlägige englische politische Literatur verfolgt habe, dass Amerika unter allen Umständen diesem Kriege gegen Deutschland beitreten würde.

Ich war mir auch darüber klar, dass Russland niemals erobert werden kann und habe immer wieder auf das klassische Buch von Clausewitz vom Kriege verwiesen, in dem diese Unmöglichkeit auch klar ausgesprochen ist.

Der Krieg nahm also seinen Gang. Auf Grund der Anfangserfolge wurde die deutsche Industrie gezwungen, zur Ausweitung des deutschen Rüstungspotentials die Verbindung mit der entsprechenden ausländischen Fachindustrie aufzunehmen, diese gewissermassen zu vergewaltigen und sog. Beteiligungsverträge mit mindestens 50% Beteiligung abzuschliessen. Ich habe den Abschluss solcher Verträge angelehnt und lediglich Lizenzverträge auf Verarbeitung von Buna abgeschlossen, die dann, obschon sie zuerst als ungeschickte Machwerke verworfen wurden, doch allgemein eingeführt worden sind. Der Erfolg dieser Massnahme war der, dass noch heute zwischen Phoenix und den massgebenden ausländischen Fabriken, auch denen der Feindstaaten, die besten persönlichen Beziehungen bestehen.

Die deutsche Kautschukindustrie wurde ferner gezwungen, und zwar mit der zunehmenden Gefahr der Bombardierung der deutschen Industriestandorte, in immer steigendem Ausmasse im Ausland Niederlassungen zu errichten. Es wurde uns der Auftrag gegeben, uns für Fabrikunternehmen in Lodz, Graudenz, Riga und Prag wie auch in Holland einzusetzen. Ich habe es erreicht, dass wir lediglich in Riga und Prag Fabrikationsstätten aufnahmen. Eine Verpflanzung unserer Abteilung Metallgummi nach Riga, welche von mir verlangt wurde, habe ich abgelehnt, konnte dagegen nicht vermeiden, nach Prag zu gehen, um dort Reifen und Metallgummi-Artikel fabrizieren zu lassen. Die Ausweitung der Prager Anlage habe ich nach Kräften sabotiert. Ich habe es z. B. verhindert, Maschinen, welche nach Prag abgestellt werden sollten, zum Versand zu bringen, in dem ich Anweisung gab, sie zunächst einer gründlichen Reparatur zu unterziehen und diese Reparatur möglichst überhaupt nicht zu beenden. Einzelne Spezialmaschinen sind deshalb überhaupt nie zur Ablieferung nach Prag gekommen.

In einer Aufsichtsratssitzung unserer Gesellschaft in Berlin während des Krieges habe ich meinen politischen Standpunkt und meine Einstellung zum Nazitum in einer so klaren und unverhüllten Weise dargelegt, dass ich mir dadurch die Feindschaft des Aufsichtsratsvorsitzenden zugezogen habe, der infolgedessen nichts unversucht liess, mich von meinem Posten zu entfernen, und der sich laut in meinem Besitz befindlicher Unterlagen lange mit dem Gedanken getragen hat, mich bei den Nazis wegen Defätismus und wegen der damals gefallenen Äusserung, dass ich Hitler für den grössten Verbrecher aller Zeiten halte, zur Anzeige zu bringen.

Der Betrieb wurde wegen meiner Einstellung von Berlin aus in keiner Weise unterstützt. So war es uns z. B. unmöglich, für eine dringend benötigte Kesselanlage überhaupt die Eisenkontingente zu bekommen, so dass wir noch heute in der Dampfzentrale durch diese Nichtbeachtung wichtigster Werksbelange zu leiden haben.

Ich habe das Werk so viel wie möglich aus direkten Kriegslieferungen herauszuhalten versucht. Tatsache ist, dass entgegen fast allen anderen deutschen Gummiwarenfabriken die Menge der verarbeiteten Mischungen bei der Phoenix im Jahre 1944 nicht höher war als im Jahre 1939. Ich habe die Entwicklung der Flugzeugreifen zu bremsen versucht, obschon die Phoenix vor dem Kriege auf diesem Sektor bahnbrechend gewesen ist.

Den Schutz der Werksangehörigen vor Naziangriffen habe ich mir zur vornehmsten Pflicht gemacht. Ich habe mich schützend vor die Mitglieder des Betriebsrates aus der Zeit vor 1933 gestellt. Ich habe Juden meinen besonderen Schutz angedeihen lassen, insbesondere dem Abteilungsleiter Tobar (Volljude), dem ich vielleicht sogar das Leben gerettet habe, dadurch, dass ich die Gestapobeamten, welche ihn abholen wollten, in meinem Zimmer unter nichtigen Vorwänden so lange hingehalten habe, bis Herrn Tobar Gelegenheit geboten war, das Werk zu verlassen und zu entfliehen. Trotz heftigsten Protestes der Kreisleitung habe ich bis Ende 1944 einen Abteilungsleiter, der Halbjude ist, gehalten. Eine halbjüdische Telefonistin, bei der sämtliche Telefongespräche und auch die Fernschreiben durchliefen, und die deshalb immer wieder angegriffen wurde, habe ich so lange gehalten, bis sie wieder nach der Kapitulation in ihre alte Stellung zurückkehren konnte.

Auch die Phoenix war verpflichtet, wie alle Grossbetriebe, während des Krieges ausländische Arbeitskräfte einzustellen. Meine Anweisungen gingen dahin, diese unglücklichen Menschen in jeder Beziehung menschenwürdig zu behandeln. Jede körperliche Misshandlung war von mir verboten. Für die Unterbringung, Verpflegung und Betreuung der Ausländer hat die Phoenix im Laufe der Jahre grosse Summen aufgebracht.

Mit der französischen Fachindustrie, deren Arbeiter bei uns eingesetzt waren, wurde eine Vereinbarung getroffen, die es dem Personalchef der französischen Leitfirma ermöglichte, seine bei der Phoenix eingesetzten Landsleute zu besuchen.

Irgendwelche Beanstandungen aus der Betätigung ausländischer Arbeitskräfte sind gegen die Phoenix niemals erhoben worden. Im Gegenteil, der Kommandeur der ersten britischen Rote-Kreuz-Brigade, der nach Harburg kam, und der die Läger der Phoenix überprüfte, äusserte sich sehr lobend über das Vorgefundene.

Man wollte mich ferner mit allen Mitteln zwingen, 500 KZ-Häftlinge zu beschäftigen und im Werk selbst unterzubringen. Der Leiter der zuständigen Abteilung erhielt von mir den Auftrag, dieses KZ zu bauen, worauf die ersten Massnahmen zur Herrichtung dieses Lagers in Angriff genommen wurden. Das Lager ist niemals fertig geworden, weil ich meinem Beauftragten erklärt habe, dass ich ihn zur Verantwortung ziehen würde, wenn das KZ jemals fertig würde.

Als im Jahre 1943 die Gross-Hamburger Katastrophe eingetreten war, habe ich im Werk der Phoenix eine ganz grosszügige Hilfsaktion aufgezogen. Am 4. oder 5. Tage erschien ein uniformierter Angehöriger der Partei mit einer Dame der NS-Frauenschaft mit der Erklärung, dass sie vom Kreisleiter beauftragt wären, das Hilfswerk der Phoenix unter ihre Leitung und Verwaltung zu nehmen. Ich habe erklärt, dass im Hause der Phoenix diese ihre Hilfsaktion allein allein durchführe, und dass auf dem Bahnhofsvorplatz Gelegenheit wäre, endlich das Hilfswerk der Partei aufzuziehen. Die Unterredung wurde von mir damit beendet, dass ich die Dame der NS-Frauenschaft mit ihrem Begleiter eigenhändig aus dem Verwaltungsgebäude der Phoenix an die frische Luft befördert habe.

Nach der Harburger Katastrophe vom 25. Oktober 1944 sollte ich als Opfer des Gauleiters fallen.

Der Gauleiter von Hamburg hat in öffentlicher Sitzung im Rathaus in Hamburg gegen mich agitiert. Er hat meine sofortige Abberufung verlangt. Dem Präsidenten der Gauwirtschaftskammer hat er den Auftrag gegeben, sofort einen Nachfolger für mich auszusuchen. Er hat ferner durch den hamburgischen Vertreter in Berlin offiziell den Antrag meiner sofortigen Abberufung gestellt. Dieser Abschlag konnte nur durch das Zusammenarbeiten mit meinem damals in Berlin tätigen Kollegen FRIEDRICH abgewendet werden.

Der Leiter der Industrieabteilung der Gauwirtschaftskammer hat den Versuch unternommen, mich während einer kurzen Abwesenheit von Harburg warnen zu lassen und dabei dem juristischen Mitarbeiter unseres Hauses auf dessen ausdrückliche Frage erklärt, dass es um meinen Kopf gehe und hinzugefügt, dass diese Warnung unter allen Umständen ernst zu nehmen sei. Ich bin dann noch in derselben Nacht gewarnt worden und habe die oben erwähnten Gegenmassnahmen eingeleitet.

Noch am 15. Februar 1945 bin ich von Werksangehörigen bei der Gestapo wegen Wirtschaftssabotage angezeigt worden. In diesem Verfahren haben verschiedentlich Vernehmungen stattgefunden. Es kam vermutlich deshalb nicht mehr zum Austrag, weil sich die Verhältnisse zu überstürzen anfingen.

Es waren bekanntlich umfangreiche Vorkehrungen getroffen, um bei einem Einmarsch feindlicher Streitkräfte die Industriebetriebe vollständig zu lähmen und evtl. zu sprengen. Ich habe Anfang April den ausdrücklichen Befehl gegeben, jede Sabotage oder Sprengaktion im Werk der Phoenix ganz gleich, von wem sie angeordnet oder durchgeführt werden sollte, zu verhindern und beim militärischen Eingreifen durch den bewaffneten Werkschutz mit Waffengewalt abzuwehren.

Als die Engländer bis kurz vor Harburg herangerückt waren und Harburg selbst unter dauerndem Art.-Feuer lag, bin ich unter einem Vorwand durch die Minenfelder, welche die deutschen und englischen Linien trennten, mit der weissen Fahne in der Hand hindurchgegangen und habe durch Fühlungnahme mit dem englischen Kommandeur die Kapitulationsverhandlungen eingeleitet.

Ich habe eingehenden Bericht über die Lage und Stimmung der Hamburger Bevölkerung gegeben. Der Erfolg der Verhandlungen war, dass mir die Kapitulationsbedingungen in Gestalt eines Briefes an den damals in Hamburg tätigen Kampfkommandanten General Wolz, übergeben wurden. Diesen Brief habe ich wiederum unter Einsetzung meines eigenen Lebens durch die inzwischen verstärkte Minensperre mitgebracht und hatte ihn, um ihn vor der auf deutscher Seite tätigen SS-Truppe zu verbergen, im Stiefel versteckt gehalten und dem General Wolz persönlich übergeben. Am selben Nachmittage wurden die Kapitulationsverhandlungen weitergeführt und führten dann zum Einmarsch der englischen Truppen 2 Tage später.

Von dem englischen Kommandanten wurde mir ausdrücklich erklärt, dass die Geduld Englands um Hamburg nun erschöpft sei, dass 6 evtl. auch 8.000 Flugzeuge zu einem letzten Angriff auf Hamburg bereitständen, und dass Hamburg zu wählen habe, ob es total zerstört und noch Hunderttausende sterben müssen oder ob es kapitulieren wolle. Auf das Beispiel von Bremen wurde dabei besonders hingewiesen.

Ich glaube also auch das Meinige dazu beigetragen zu haben, um das letzte sinnlose Hinschlachten von Menschen in Hamburg zu verhindern.

Unmittelbar nach dem Einmarsch der Engländer, d.h. noch im Monat Mai hab eich aus dem Betrieb der Phoenix, ehe eine Anordnung oder ein Gesetz vorhanden war, sämtliche mir bekannten aktiv tätigen Nationalsozialisten entfernt, weil ich sie als untragbar für die Firma angesehen hatte, im Gegensatz zu wohl fast allen anderen Firmen.

Ich habe selbst zwei Mitglieder des Vorstandes entfernt, darunter den Spezialisten für Metallgummi, der der beste Sachkenner auf diesem Gebiete in ganz Deutschland, vielleicht sogar in ganz Europa ist. Die Gesamtzahl de von mir entfernten Aktivisten beträgt 24.

Als die englischen Truppen einrückten, wurde selbstverständlich das Werk der Phoenix sofort besetzt. Der das Werk besetzende Offizier führte eine Liste sämtlicher leitender Persönlichkeiten mit sich. An erster Stelle figurierte mein Name. Hinter meinem Namen standen die beiden Buchstaben A.N. Ich machte darauf aufmerksam, dass ich mit Vornamen nur Albert hiesse. Der Offizier erklärte mir darauf, dass A. N. eine Abkürzung für Anti-Nazi sei.

Die Engländer waren also schon vor ihrem Einmarsch von meiner politischen Einstellung durch ihren Nachrichtendienst in vollem Umfange unterrichtet.“ [5]

Die Wissenschaft lerin Dr. Brigitta Huhnke beschäftigte sich in ihrem, am 8. Mai 2015 in den NachDenkSeiten [6] veröffentlichten Artikel mit Albert Schäfer. In ihrem Artikel unter der Überschrift „Wie in Hamburger Medien durch fragwürdige Heldenverehrung das Leid von NS-Opfern und deren Nachkommen 70 Jahre nach der Befreiung verdrängt wird“ schreibt sie u. a., dass es bei der Phoenix mindestens acht Zwangsarbeit erlager gab. Wie mit diesen Zwangsarbeit ern umzugehen sei, wird aus dem von Schäfer namentlich gezeichneten „Tagesbefehl Nr. 18“ vom 16. Oktober 1942 deutlich, den Brigitta Huhnke in ihrem Aufsatz zitiert: „Ostarbeiter:jeder persönliche Verkehr, jede Schenkung, Verkauf, Tausch usw. ist verboten. Das Werk hat die Auflage, alle Fälle der geheimen Staatspolizei mitzuteilen. Dasselbe gilt für Nachlässigkeiten der mit der Aufsicht betrauten Personen. Über Verstösse und Schwierigkeiten mit den Russen ist sofortige Mitteilung an den Werkschutz (Bergmann oder Fabrikpförtner) notwendig.“ (Brigitta Huhnke gibt als Quelle für dieses Dokument an: „Das Dokument befindet sich im Hamburger Museum der Arbeit/Phoenix-Archiv. Den wertvollen Hinweis und Kenntnisnahme der Quelle verdanke ich Jürgen Ellermeyer, langjähriger Kunst historiker des Museums.“) [7]

Weiter schreibt die Autorin in ihrem Artikel: „Bis zu 1000 Zwangsarbeit erinnen und Zwangsarbeit er aus Osteuropa sollen in den letzten Monaten in der Phoenix für die Kriegsproduktion geschunden worden sein.

Schäfer ist bestens in der Gemeinschaft der Täter vernetzt. Atmosphärisches dazu ist folgendem Artikel aus dem Harburger Anzeiger vom 29. Januar 1943 zu entnehmen: Drei Ritterkreuzträger sprachen zu Harburger Bevölkerung. Erlebnisreiche Stunden.

Der im neuen Verwaltungsgebäude der Phoenix eingerichtete prächtige Gemeinschaftsraum, geschmückt mit der Büste des Führers und Blumen, war bis auf den letzten Platz besetzt, als die drei Ritterkreuzträger, die vorher schon den genannten Betrieb besichtigt hatten , zusammen mit Kreisleiter Drescher, DAF Vogler und dem Stab der Kreisleitung erschienen. G e n e r a l d i r e k t o r S c h ä f e r hielt die Begrüßungsansprache, in der er betonte, es sei für die Phoenix eine Ehre, die drei Ritterkreuzträger in ihren Räumen begrüßen zu können: Schäfer warf die Frag auf, warum die Ritterkreuzträger zu den Werktätigen sprechen. Die Antwort sei klar. Die Männer von der Front wollen ihren täglichen Einsatz, ständig von Gefahren umlauert, vor Augen führen, der Heimat zeigen, was der Soldat vollbringe, um sie zu schützen. Und die Heimat erkläre, daß sie ihre ganze Kraft noch mehr als bisher einsetze, um der Front zu helfen.

Zur Gefolgschaft sich wendend, betonte Direktor Schäfer, daß unter ihnen viele ihr ganzes Wissen hergeben, um betriebstechnische Verbesserungen herbeizuführen. Im letzten Jahr seien von 56 Arbeitskameraden 79 Verbesserungsvorschläge eingegangen, von denen nur neun abgelehnt werden brauchten. Er freue sich , mitteilen zu können, daß heute 34 Gefolgschaftsmitglieder zusammen 12 Prämien erhalten hätten. 28 Arbeiten seien noch in der Prüfung begriffen. Die prämierten Arbeitskameraden wurden namentlich aufgerufen.

R i t t e r k r e u z t r ä g e r Feldwebel N ü r n b e r g e r gab fesselnde Bilder seiner Kriegserlebnisse unter Hervorheben der Leistungen der Infanterie. Er führte daher eine große Anzahl schwerer Kämpfe gegen die Bolschewisten vor Augen, die gewiss zäh und verbissen kämpfen, aber immer wieder trotz mehrfacher feindlicher Übernahme sein Ziel fest im Auge hat. , restlos jede ihnen aufgetragene Aufgabe erfüllt. Jeder einzelne Soldat sei Idealist, er baue auf die Heimat. Die Ritterkreuzträger hätten bei ihren Vorträgen erlebt, daß die Heimat fest zusammenhalte, und wenn sie wieder an der Front seien, werden sie erzählen können, daß in Deutschland gearbeitet werde, in dem unerschütterlichen Glaube an den Endsieg.

Major Briel erklärte, dass gewiss in der Heimat manche Entbehrungen hingenommen werden müßten, doch das alles sei nichts gegenüber dem, was der Soldat im Osten und in Afrika täglich, stündlich, ständig in Lebensgefahr leiste. Niemand in der Heimat könne sich einen Begriff von den ungeheuren Strapazen bei schlimmster Kälte im Osten und bei stärkster Hitze in Afrika machen. Persönlicher Einsatz sei stets die Hauptsache, und er werde auch von der Heimat gefordert. Wir kämpfen für eine große gemeinsame Sache. Totaler Krieg heiße, das Letzte hergeben, unter Einsatz des leben. Das müsse auch die Heimat beherzigen und alle Kräfte dem Vaterland zur Verfügung stellen. Es gebe nur eine Losung: ‚Führer befiehl, wir folgen.‘ Betriebsobmann S i e m a n schloß den Appell mit Dank an die Sprecher und dem Gelöbnis der Treue zum Führer.

Hier sprechen Taten
Zum zweiten Male war der Gemeinschaftssaal der Harburger Gummiwarenfabrik Phoenix voll besetzt, beim A p e l l d e r H i t l e r j u g e n d. Fanfarenruf, das gemeinsam gesungene Lied ‚Ein junges Volk steht auf‘. Trommelwirbel, ein Wort des Führers von der deutschen Infanterie und Begrüssungsworte des Bannführers T e l j u n g, der hervorhob, daß die Tat spreche, folgten die Darlegungen des R i t t e r k r e u z t r ä g e r s H a u p m a n n Klärmann.

Er machte die Feldzüge in Polen, im Westen, gegen de Bolschewisten und zuletzt in Afrika mit, wurde dreimal verwundet und konnte somit ein treffendes Bild von dem gewaltigen Kriegsgeschehen geben. Der Sprecher schälte besonders die die ungeheuren Aufgaben heraus, die an die Infanterie gestellt werden, die mit jeder Waffe vertraut sein müßte. Er wisse aus eigener Erfahrung bei vielen Kämpfen , wie die Infanterie immer wieder Schlachten entschied, sie diejenige war, die nach den Vorbereitungen der Artillerie die Stürme unternehmen und in die schwierigsten Kämpfe verwickelt werden. Hauptmann Klärmann pries seinen General von Briesen, den Generalfeldmarschall Rommel, die beide immer in vorderster Linie standen, er wies auf seine tapferen Männer darunter der anwesende Unteroffizier Wodrich hin, denen er zu verdanken habe, daß ihm das Ritterkreuz verliehen wurde. Er trage die Auszeichnung für seine Kameraden. Der Sprecher schloss mit der festen Zuversicht, daß eines Tages der Zeitpunkt kommen würde, an dem England alles heimgezahlt werde. Der Bannführer gelobte namens der Jugend, daß die bestrebt sein werden, auch tüchtige Kämpfer zu werden und daß sie auch jetzt ihre Aufgabe kennen und handeln.‘

Der Artikel umrahmt ein Foto, auf dem Albert Schäfer Major Briel, Kreisleiter Drescher, und Hauptmann Klärmann zu sehen sind. Die Phoenix ist zu dieser Zeit ein wichtiger Betrieb der Kriegswirtschaft.

Schäfer hat auch allerbeste Verbindungen nach Berlin, durch Otto A. Friedrich, seinen jahrelangen Stellvertreter und Ziehsohn, der später auch Direktor der Phoenix wird. Friedrich, eingetreten in den Vorstand der Phoenix 1939, schreibt 1956 sehr offen: Schäfer sei von der Reichsstelle Kautschuk gebeten worden, ihn Friedrich zu beurlauben, ‚um als Sachverständiger in der Reichsstelle Kautschuk mitzuwirken‘. [Als Quelle gibt B. Huhnke an: Friedrich, Otto A.(1956): Ein Werk im Spiegel der Weltwirtschaft. Zum 100jährigen Gründungstag der Phoenix Gummiwerke AG 1856-1956. Freiburg, S. S.35f.]

Friedrich schildert den Aufschwung durch die Kriegsproduktion. Die Phoenix sei ‚jetzt wieder eines der leistungsfähigsten deutschen Werke‘. Schäfer unterzeichnet Verträge mit Firmen in Norwegen, Belgien, Frankreich und Dänemark. Das genaue Zustandekommen ist bisher kaum erforscht. Und wie Schäfer später eingestehen wird, hat er ‚Lizenzverträge auf Verarbeitung von Buna‘ abgeschlossen.

Über das Konzentrationslager Buna – Monowitz, auch Auschwitz III genannt, informiert das Wollheim-Memorial folgendermaßen: ‚Ende Oktober 1942 eröffnete die I.G. Farben ihr firmeneigenes Konzentrationslager Buna/Monowitz zur Unterbringung der zumeist jüdischen Häftlinge, die auf dem Werksgelände der I.G. Auschwitz Zwangsarbeit leisten mussten. Das Lager entstand an der Stelle des polnischen Dorfes Monowice, dessen Einwohner vertrieben worden waren. Die ersten 2.100 Häftlinge kamen im Oktober und November 1942 aus den KZ Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau sowie aus den Niederlanden. In den folgenden zwei Jahren wurden von der SS aus den nach Auschwitz deportierten Juden ganz Europas zehntausende Männer zur Zwangsarbeit in Buna/Monowitz selektiert; ihre Angehörigen, Eltern, Frauen und Kinder, wurden zumeist direkt nach der Ankunft in Auschwitz ermordet. Die meisten Häftlinge des KZ Buna/Monowitz, etwa 25–30.000, gingen an der miserablen Ernährung und Kleidung und durch die harten Arbeitsbedingungen zugrunde, wurden auf der Baustelle ermordet oder bei einer Selektion in die Gaskammern nach Birkenau geschickt.‘ (zitiert nach: Wollheim Memorial)

Otto A. Friedrich wird 1943 (kommissarischer) Reichsleiter für Kautschuk und in der Eigenschaft war er auch in Buna/Monowitz vor Ort. Doch Jahre später, in einem Gespräch mit seinem Sohn, will er von den Vorgängen in Auschwitz überhaupt nichts gewusst haben. Die Hölle von Monowitz hat am eindringlichsten Primo Levi beschrieben, in seinem kurz nach dem Krieg niedergelegten Zeugnis ‚Ist das ein Mensch?‘, das aber erst Jahrzehnte später weltweit zur Kenntnis genommen wurde. Im Archiv der Gedenkstätte Auschwitz finden sich einige Aussagen Überlebender von Monowitz. Zu diesem Lager, erbaut zur Ausnutzung von Häftlingen für Buna-IG Farben, gehörte auch das sogenannte ‚Erziehungslager Monowitz‘. Hier wurden die Häftlinge besonders grausam misshandelt, viele starben unter der Folter und infolge der Sklavenarbeit.

Der Pole Jozef Jakubik berichtet 1947 über die Gewalt und auch über die Gegenwärtigkeit des Todes [Quellenangabe von B. Huhne: Das Zeugnis von Jozef Jakubik findet sich im Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau als Document No. NI-9818, unter der Signatur D-AIII Monowitz, Nr. inw. 151234.]

‚Von den 74 Mann in unserem Erziehungshäftlings Kommando waren jeden Tag 7-8 Mann tot. Dieser Ausfall wurde aber immer wieder ergänzt durch neue Häftlinge. Die auf dem IG Werksgelände verstorbenen Kameraden trugen wir abends durch das Bunawerk nach Monowitz, wo wir mit den Toten auf dem Appellplatz antreten mussten. Nach dem Appell wurden sie in ein Magazin gebracht, wo sie meist eine Woche gestapelt wurden, um dann – wenn es etwa 300 waren – mit dem Lastauto nach Birkenau zur Verbrennung gebracht zu werden.‘

Friedrichs Sohn, Paul J. Friedrich, gibt sich damit zufrieden, sein Vater sei zwar in Monowitz gewesen, aber habe nichts gesehen. Stattdessen schreibt er, der Vater habe sich zum ‚Kassiberschmuggel bereit erklärt‘. Wo er das in diesem ‚psychotischen Kosmos‘ Monowitz/ Auschwitz III, von dem er nichts gemerkt haben will, getan haben soll, wird nicht klar. Zur NSDAP – Mitgliedschaft seines Vaters weiß Paul J. Friedrich zu berichten: ‚Man mag vermuten, daß er zu jenem Zeitpunkt (1943) innerlich kein Anhänger des Nationalsozialismus mehr war. Andererseits war er seit Juli 1941 Mitglied der NSDAP.‘ [Quellenangabe von B. Huhnke: Berghahn, Volker, Friedrich, Paul J. (1993) Otto A. Friedrich, ein politischer Unternehmer . Frankfurt a. M., S. 20f.]

Schäfer, so schreibt der Sohn von Otto A. Friedrich, habe den Vater 1940/1941 zum Parteieintritt überredet, das habe dieser 1945 aufgeschrieben: ‚der [Schäfer] meinte, wenn er gebeten worden wäre, oder wenn er noch jung wäre, würde er auch eintreten. Junge Leute wie ich müßten in die Partei hineingehen, um in ihr zum Besseren zu wirken; auch verlange es die Sache des Werkes [d.h. Der Phoenix].‘ [Quellenangabe bei Huhnke: Ebenda, S. 21.]

Ein weiterer Befehl Schäfers, mit dem Vermerk ‘G e h e i m !‘, datiert vom 11. März 1944, gibt ‚Anweisung an die Lagerführer der Ausländerlager für das Verhalten bei schweren Schadensfällen (S-Fälle)‘ Generell verfügt Schäfer darin: ‚Das selbstständige Verlassen des Lagers durch Ausländer ist verboten. Nähere Anweisungen von mir oder meinen Beauftragten sind abzuwarten.‘“ [Quellenangabe von B. Huhnke: Das Dokument befindet sich im Museum der Arbeit/Phoenix-Archiv.] [8]

Während seines Entnazifizierungsverfahrens stufte der Beratungsausschuss (Advisory Com.) am 26.9.1946 Albert Schäfer als „unbedenklich“ ein. Einige Monate später kam der Fachausschuss 15 d (für die Ausschaltung von Nationalsozialisten) am 20.12.1946 zu dem Ergebnis: „politisch tragbar. Entgegen der Entscheidung des Advisory Committee kann der Fachausschuss Herrn Generaldirektor Schäfer nicht das Prädikat ‚unbedenklich‘ ausstellen, da Sch. zu seinen engstem Mitarbeiter ein belastetes Mitglied der NSDAP (Dr. Stegemann) berief und auch noch weitere Parteimitglieder in leitender Stellung bei sich duldete.“ [9]

Albert Schäfer schrieb dann am 9. 4. 1947 einen Brief an Bürgermeister Christian Koch: „Sehr geehrter Herr Bürgermeister!

Als Vorsitzender der ‚Vereinigung Hamburger Kautschuk-Asbest- und Kunst stoffverarbeiter‘ bin ich – neben den übrigen Mitgliedern des Vorstandes – verpflichtet, der Verwaltung für Wirtschaft und Verkehr nachzuweisen, dass gegen meine Person keine Bedenken in politischer Hinsicht bestehen.

Ich habe mich aus diesem Grunde an den für mich zuständigen Fachausschuss 15 d gewandt. Vom Büro der gewerblichen Fachausschüsse für die Ausschaltung von Nationalsozialisten – Fachausschuss 15 d – wird nun heute geschrieben, dass die Entscheidung der Militär regierung in meinem Falle dem Fachausschuss noch nicht vorliege. Ich kann also die verlangte politische Unbedenklichkeitserklärung – so eigenartig das mit Rücksicht auf meine stadtbekannte politische Vergangenheit auch ist – nicht beibringen und habe deshalb dem Vorstand der Kautschukvereinigung meinen Rücktritt übermittelt, was in Kürze auch in Bezug auf meine übrigen Ämter nicht ohne Auswirkung bleiben kann.

Der Fall zeigt, dass hier unbekannte politische Vorwürfe gegen mich erhoben werden. Bisher war mir das positiv noch nicht bekannt.

Ich bitte Sie, sich meines Falles anzunehmen, um eine umgehende Klärung herbeizuführen. Insbesondere lege ich Wert darauf, zu erfahren, was mir vorgeworfen wird und von wem die Vorwürfe ausgehen, damit ich mich rechtfertigen kann.“ [10]

Aus weiterer, in den Akten des Staatsarchives vorliegenden, Korrespondenz ist zu entnehmen, dass der Fachausschuss 15 d seine Beurteilung vom 20.12.1946 einen Tag später (21.121946) an die englische Dienststelle „Textiles & Light ind., Denacification“ weitergeleitet hatte, aber noch im Mai 1947 keine Rückmeldung von Militär regierung hatte. Dies wurde Albert Schäfer mitgeteilt, woraufhin er am 14. Mai 1947 an den Staatskommissar für die Entnazifizierung und Kategorisierung der Hansestadt Hamburg schrieb: „Ihrem Schreiben vom 7. Mai 1947 entnehme ich, dass Sie den sich betreffenden Vorgang bei der Militär regierung angemahnt haben. Ich bitte Sie, die Angelegenheit unbedingt weiter zu verfolgen, da ich auf schnelle Erledigung entscheidenden Wert legen muss.

Der augenblickliche Schwebezustand ist für mich untragbar und muss bei Fortdauer in absehbarer Zeit die Folge haben, dass ich zur Niederlegung meiner Ämter als Präses der Handelskammer und Vorstandsmitglied verschiedener Wirtschaftsorganisationen oder zum Bericht an den Regional Commissioner gezwungen werde. Beide Wege möchte ich mit Rücksicht auf den Staub, der aufgewirbelt werden würde, vermeiden.“ [11]

Der Staatskommissar antwortete eine Woche später am 23. Mai 1947 an Albert Schäfer, Präses der Handelskammer: „Auf Ihr Schreiben vom 14. Mai 1947 teile ich Ihnen mit, dass ich heute Gelegenheit hatte, Ihre Angelegenheit mit Mr. O’Horke Deputy Inspector General und Herrn Oberstleutnant Gill zu besprechen. Oberstleutnant Gill hat mir ausdrücklich zugesagt, dass er sich um die Angelegenheit persönlich kümmern wolle. Es muss aber mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass in diesem Fall eine Stellungnahme des Zentralausschusses verlangt wird. Ich werde die Angelegenheit im Auge behalten.“ [12]

Der Zentralausschuss erklärte Schäfer schließlich für „tragbar“ und stufte ihn die die Kategorie V ein. dazu erklärte der Ausschuss: „Herr Peter, Vors. Des Betriebsrates der Phönix, wurde gehört.

Der Vorwurf, dass Schäfer belastete Parteimitglieder bei sich duldete, kann nicht als stichhaltig angesehen werden, da dieses mit Einwilligung der Militär regierung geschehen ist, die für Ersatz sorgen wollte, sodass man also, um nicht die Arbeit des Werkes zu gefährden, die ehemaligen Pg’s in ihren Stellungen belassen musste.

Parteipolitisch war Schäfer nicht belastet, er hat sich im Gegenteil stets gegen den Nationalsozialismus gestellt (Aussage von Peter, der Schäfer schon aus der Zeit vor 1932 kennt).

Der Zentralausschuss erklärt Schäfer daher für tragbar, stuft ihn in die Kategorie V ein.“ [13]

2015 – 70 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus – strahlte der NDR am 23. April 2015 das Dokumentarspiel „Unsere Geschichte: Hamburg 1945 – Wie die Stadt gerettet wurde“ aus und kündigte es wie folgt an:„Das Dokumentarspiel von Autor Jobst Thomas schaut zurück auf die Schicksalstage, die der Kapitulation Hamburgs am 3. Mai 1945 vorausgegangen sind, und stellt deren dramatische Ereignisse in aufwendig inszenierten Spielsequenzen (Regie Torsten Wacker) nach. Im Mittelpunkt stehen dabei drei Männer, die damals wesentlich – auch unter Einsatz ihres Lebens – zur unblutigen Beendigung des Krieges beigetragen haben. In den Geschichtsbüchern kommen sie jedoch, wenn überhaupt, nur als Randfiguren vor. ‚Hamburg 1945 – wie die Stadt gerettet wurde‘ erzählt die Geschichte hinter der Geschichte. In den letzten Apriltagen haben die britischen Truppen Hamburgs südlichen Stadtrand erreicht. Ihre Artillerie eröffnet das Feuer auf den Stadtteil Harburg. Dabei werden die Phoenix-Werke, ein kriegswichtiger Reifenhersteller, mehrfach getroffen. Seit einem Bombenangriff wenige Monate zuvor sind bereits alle umliegenden Krankenhäuser vollkommen zerstört. Deshalb ist in den Kellern der Phoenix-Werke ein Reservelazarett eingerichtet worden, nicht nur für deutsche Verwundete, sondern auch für verletzte, in Gefangenschaft geratene britische Soldaten. Um das Lazarett vor weiteren Zerstörungen zu schützen, hat Stabsarzt Hermann Burchard eigenmächtig angeordnet, auf dem Werksdach ein weit sichtbares Rotes Kreuz anzubringen. Werksleiter Albert Schäfer, ein angesehener Hamburger Kaufmann , fühlt sich übergangen und stellt Burchard zur Rede. Er sieht in dem Roten Kreuz auf dem Werksdach einen Verstoß gegen die Genfer Konvention, weil in einigen Hallen noch gearbeitet wird. Burchard seinerseits wirft Schäfer vor, die Reifenproduktion trotz des eingerichteten Lazaretts nicht eingestellt zu haben. Der Streit endet unversöhnlich. Dennoch raufen sich die beiden zusammen, denn plötzlich verbindet sie ein verwegener Plan. Zu Fuß wollen sie sich an die Frontlinie heranwagen und die britischen Kommandeure um Verschonung des Lazaretts bitten. Als sie sich am 29. April morgens zu den britischen Stellungen aufmachen, beginnen ereignisreiche Tage voller Dramatik. Bevor am 3. Mai für die Hansestadt der Krieg – anders als befohlen – kampflos zu Ende geht, ist Hamburgs Schicksal gänzlich ungewiss.“

An diesem Dokumentarspiel und dem im März 2015 erschienenen und von dem Journalisten Uwe Bahnsen im Auftrag der Hamburger Handelskammer verfassten Buch: „Hanseaten unter dem Hakenkreuz. Die Handelskammer Hamburg und die Kaufmann schaft im Dritten Reich“, entzündete sich in der Öffentlichkeit eine kontrovers geführte Diskussion bezüglich u. a. der Rolle Schäfers zum Ende des Zweiten Weltkriegs, als er sich mit einer weißen Fahne zu den Alliierten durchschlug, um sie zu bitten, Hamburg vor weiteren Bombardements zu ver­schonen. Durch diese Tat wurde Schäfer 70 Jahre nach Kriegsende in vielen Medien als „Retter Hamburgs“ betrachtet. Die Journalistin Petra Schellen hingegen kritisierte am 16.6.2015 in ihrem, in der taz erschienenen, Artikel: „Handelskammer im Nationalsozialismus . Verbrechen hanseatisch ver­schleiert. Der Band ‚Hamburgs Handelskammer im Dritten Reich‘ stilisiert Hamburgs im Nationalsozialismus stark korrumpierte Kaufleute zu Helden.“ Kurz darauf beschäftigten sich am 28.6.2015 der damalige Direktor der Forschung sstelle für Zeitgeschichte Hamburg, Prof. Dr. Axel Schildt, und der Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Dr. Detlef Garbe, im Hamburg Teil der Wochenzeitschrift DIE ZEIT ebenfalls kritisch mit dem Dokumentarfilm und dem Buch von Uwe Bahnsen. Ihr Artikel erschien unter der Überschrift: „ Nationalsozialismus . Schöne Geschichte! Hamburg hübscht seine Vergangenheit auf: 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs dominiert die Mär von der aufrechten Wirtschaftselite, die den Nazis die Stirn bot. Detlef Garbe und Axel Schildt, zwei der angesehensten Historiker der Stadt, fordern mehr Ehrlichkeit. Ein Gastbeitragvon Axel Schildt und Detlef Garbe“ [14]

Am 5.7.2015 antwortete der Journalist und Autor Uwe Bahnsen ebenfalls in der Hamburg-Beilage der ZEIT auf den Artikel von Axel Schildt und Detlef Garbe mit einer Entgegnung: „ Nationalsozialismus Misslungene Geschichte! Hamburg hübscht seine NS-Vergangenheit auf, hieß es unlängst in der ZEIT. Eine Entgegnung. Ein Gastbeitragvon Uwe Bahnsen“ [15]

Und am 29.7.2015 hieß es dann in der Hamburg-Beilage der ZEIT „ Nationalsozialismus Ganz schön konstruktiv. Historiker sagen, das Buch ‚Hanseaten unter dem Hakenkreuz schöne die Geschichte‘. Nun liegt der ZEIT der Autorenvertrag vor. Er wirft neue Fragen auf von Hanna Grabbe und Oliver Hollenstein.“ [16]

Wie es mit der Kontroverse weiterging beschreibt der damalige Direktor der Forschung sstelle Prof. Dr. Axel Schildt in seinem Aufsatz „Rettung Hamburgs in letzter Minute. Zur Wiederauflage hanseatischer Legenden über NS-Herrschaft“ und nahm hier u. a. auch Bezug zur Rolle Schäfers in der NS-Zeit: „ (…)die Debatte wurde in der ZEIT nicht fortgesetzt; auch ansonsten blieb es ruhig. Insofern wurde auch unsere Antwort an Bahnsen nicht publiziert, die wir unter dem Titel ‚Misslungene Entgegnung‘ verfassten. Hier stellten wir drei konkrete Fragen: ‚Ist es richtig, dass die zu Hauptakteuren der Rettung Hamburgs 1945 erklärten Personen, namentlich Generalmajor Alwin Wolz und Generaldirektor Albert Schäfer, zuvor Mitverantwortung trugen für die Herrschaftsstabilisierung bzw. für Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit ereinsatz?‘ “[17]

Quellen:
1 Staatsarchiv Hamburg, 221-11, AD 7130
2 Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus . 2. Aufl. München 1998, S. 418f.
3 Christian Gotthardt: Die politische Geschichte der Phoenix, April 2015, unter: www.harbuch.de/index.php/frische-themen-artikel/die-politische-geschichte-der-phoenix.html
4 Ebenda.
5 Staatsarchiv Hamburg, 221-11, AD 7130
6 Brigitta Huhnke: Wie in Hamburger Medien durch fragwürdige Heldenverehrung das Leid von NS-Opfern und deren Nachkommen 70 Jahre nach der Befreiung verdrängt wird, in: NachDenkSeiten ( www.nachdenkseiten.de/wp-print.php?p=26010
7 ebenda.
8 ebenda.
9 Staatsarchiv Hamburg, 221-11, AD 7130
10 Ebenda
11 Ebenda
12 Ebenda
13 Ebenda
14Nationalsozialismus . Schöne Geschichte! Hamburg hübscht seine Vergangenheit auf: 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs dominiert die Mär von der aufrechten Wirtschaftselite, die den Nazis die Stirn bot. Detlef Garbe und Axel Schildt, zwei der angesehensten Historiker der Stadt, fordern mehr Ehrlichkeit. Ein Gastbeitrag von Axel Schildt und Detlef Garbe“ unter: www.zeit.de/2015/24/nationalsozialismus-vergangenheit-geschichte-hamburg
15Nationalsozialismus Misslungene Geschichte! Hamburg hübscht seine NS-Vergangenheit auf, hieß es unlängst in der ZEIT. Eine Entgegnung. Ein Gastbeitrag von Uwe Bahnsen“ unter: www.zeit.de/2015/25/nationalsozialismus-vergangenheit-geschichte-hamburg
16Nationalsozialismus Ganz schön konstruktiv. Historiker sagen, das Buch ‚Hanseaten unter dem Hakenkreuz schöne die Geschichte‘. Nun liegt der ZEIT der Autorenvertrag vor. Er wirft neue Fragen auf. von Hanna Grabbe und Oliver Hollenstein“ unter: www.zeit.de/2015/30/nationalsozialismus-geschichte-schoenung-handelskammer-hanseaten
17 Axel Schildt: Rettung Hamburgs in letzter Minute. Zur Wiederauflage hanseatischer Legenden über NS-Herrschaft, unter: www.zeitgeschichte-hamburg.de/files/fzh/pdf/fzh-jahresbericht-2015_web-1.pdf
 

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Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand März 2021: 834 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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