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Landeszentrale für politische Bildung Hamburg

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Friedrich Lensch

(10. August 1898 Neugalmbüll/Südtondern - 5. Januar 1976 Hamburg)
Pastor und Direktor der Alsterdorfer Anstalten in Hamburg
Adresse: Sengelmannstraße 51
Wirkungsstätte: Alsterdorfer Anstalten, Alsterdorfer Straße 440

Foto: Archiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf
Friedrich Lensch wurde am 10.08.1898 als Sohn eines Pastors in Neugalmbüll/Südtondern geboren. Nach dem Ablegen des Abiturs studierte er zunächst Theologie in Marburg und wurde im Sommer 1918 zum Kriegsdienst eingezogen. Das als „sinnlos“ empfundene Kriegsende –nicht die Sinnlosigkeit des Krieges selbst –beeinflusste ihn nachhaltig. Er setzte sein Studium in Halle, Tübingen und Kiel fort. Seine Ordination fand am 11.11.1923 in Kiel statt. Danach trat er sein Privinzialvikariat in Kiel an.

Zwischen 1924 und 1927 war Lensch als Seemannspastor mit dem Wiederaufbau der deutschen evangelischen Gemeinde in South-Field (England) beschäftigt. Danach wurde er wieder Seemannspastor aber in Hamburg. 1930 wurde der 32jährige Lensch Direktor der Alsterdorfer Anstalten. Zudem war er Mitglied in der Deutschen Arbeiterfront (DAF) und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). Zu Beginn seiner Amtszeit in den Alsterdorfer Anstalten gab sich Lensch in guter Tradition der Anstalten, indem er sich auf die Seite der Behinderten stellte und ihren Lebenshunger und ihre Daseinsfreude hervorhob. Trotzdem war Lensch ein großer Verfechter der Asylierung von Behinderten, damit das „Erbkranke“ aus dem Volk gehalten werde und es nicht zu deren Fortpflanzung komme. Lensch galt auf seinem Gebiet als Experte für Eugenik.

Stand er doch zunächst der Sterilisation skeptisch gegenüber, wurde mit dem Machtantritt Adolf Hitlers sein Standpunkt ein anderer, denn dies wurde für Lensch ein religiöses Ereignis. Lensch fühlte sich angezogen von der Stilisierung Hitlers zum Erlöser und dem Nationalsozialismus als Heilslehre. So wurde für ihn die Sterilisation annehmbar, weil er an den Meinungen und Ansichten Hitlers nicht zweifelte. Unter Lensch wurden Patienten in dafür vorgesehene Krankenhäuser überstellt und dort zwangssterilisiert.

Er brachte auch, als der Diskurs um die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ geführt wurde, den Gedanken der Einsetzung von Staatsärzten ein, die die Entscheidung über die Tötung verantworten sollen. So bliebe zum einen die Verantwortung beim Staat und das Vertrauen der Menschen in die Ärzte werde nicht getrübt. Gleichzeitig äußerte Lensch aber auch, dass es ihm als Christ innerlich unmöglich sei, sich auf diese Weise eines Problems zu entledigen.

Hierin trat ein wichtiger Aspekt hervor. Lensch war keine sonderlich starke Führungspersönlichkeit. Dies zeigte sich z.B. auch im Fall der Schwesternschaft in den Alsterdorfer Anstalten. Um einer möglichen Gleichschaltung der Schwesternschaften zu entgehen, sollte eine eigene Schwesternschaft gegründet werden. Bisher gab es zwei: den Alsterdorfer Schwesternkreis, welcher keine wirkliche Schwesternschaft war, sowie die Schwesternschaft des landeskirchlichen Amalie-Sieveking-Diakonissenmutterhauses aus Hamburg-Volksdorf.

Lensch machte beiden Seiten Zusagen. Volksdorf machte er die Zusage, dass sie die einzige Schwesternschaft in Alsterdorf werde. Dem Alsterdorfer Schwesternkreis sicherte er die Existenz zweier selbstständiger Schwesternschaften zu. Doch kam es unter Lensch zu keiner Einigung. So traten die Alsterdorfer Schwestern einzeln der Schwesternschaft der Inneren Mission bei und der Vertrag mit Volksdorf wurde gekündigt. Lensch war es nicht an Konflikten gelegen. Der Historiker Harald Jenner konstatierte ihm ein „starkes Harmoniebedürfnis.“

Lenschs Haltung gegenüber seinen Patienten kann durch einen Blick auf das von ihm gestaltete Altarbildnis in der St. Nicolaus-Kirche auf dem Gelände der Alsterdorfer Anstalten erkannt werden. Das Bild zeigt Jesus am Kreuz und 15 Personen, die sich um ihn versammeln. Zwölf dieser Personen tragen einen Heiligenschein, drei nicht. Unter den zwölf Personen finden sich Johannes der Täufer, Martin Luther und auch Pastor Lensch selbst. Die drei Personen ohne Heiligenschein sind Menschen mit Behinderung. Dies lässt sich dahingehend deuten, dass für Lensch die Menschen mit Behinderung, also seine Patienten, nicht zur Gemeinde gehörten. Sie standen außerhalb der Gruppe der vollwertigen Gemeindeglieder. Sie wurden als minderwertig dargestellt, wie Michael Wunder bemerkt. Die nationalsozialistische Ideologie hinter diesem Altarbildnis tritt deutlich hervor.

Ab dem Jahr 1937 begann die Abschiebung der jüdischen Anstaltsbewohner. Grund hierfür war für Lensch ein Urteil des Reichsfinanzhofes, wonach Einrichtungen der Status der Gemeinnützigkeit entzogen werden könne, wenn dadurch der Erhalt und die Verbreitung der Wissenschaft des Judentums gefördert werde. Die Urteilsbegründung betraf aber nicht die Arbeit der Alsterdorfer Anstalten. Lensch bezog sich lediglich darauf und wurde selbstständig aktiv, so dass bis 1940 alle jüdischen Patienten verlegt worden waren. Es wurden auch keine neuen jüdischen Patienten aufgenommen. Für Lensch war dabei nicht die Religionszugehörigkeit von Belang. Er handelte nach den „Nürnberger Gesetzen“, denn sein Augenmerk lag auf der „Rassenzugehörigkeit“. Die Verlegung der jüdischen Patienten erfolgte in andere Hamburger Versorgungsheime. Am 23.09.1940 wurden die verlegten jüdischen Patienten in die Tötungseinrichtung Brandenburg/Havel gebracht und dort ermordet. Lensch bezeichnete die Verlegung der jüdischen Patienten nach 1945 als „Schutzmaßnahme.“

1940 erreichten die Meldebögen für die T4-Aktion die Alsterdorfer Anstalten. Es war klar, dass diese Bögen dazu dienen sollten, jene Menschen, deren Leben als „lebensunwertes Leben“ galten, für eine spätere Ermordung zu erfassen. Lensch und sein Oberarzt waren zu dem damaligen Zeitpunkt zum Dienst „im Feld“ eingezogen. Auf dem Rückweg aus „dem Feld“ informierte sich Lensch in den v. Bodelschwinghsche Anstalten Bethel bei Pastor von Bodelschwingh über die Euthanasiemaßnahmen des Staates. Daraufhin erarbeitete Lensch ein ausführliches Memorandum mit seiner ablehnenden Haltungen gegenüber dieser Maßnahme. Es bedurfte drei Fassungen, bis der Vorstand der Alsterdorfer Anstalten es billigte. Nun war es aber keine eindeutige Ablehnung mehr. Von den ausgefüllten Meldebögen wählte Lensch 465 aus, die restlichen behielt er ein, und schickte sie mit einer Gewissenserklärung des Vorstandes, wonach der Vorstand jede Verantwortung für den weiteren Gebrauch der Meldebögen als den wirtschaftlichen ablehne. Dies war wohl lediglich zur Erleichterung des Gewissens, war doch allen Beteiligten klar, dass es zu Ermordungen kommen würde, was auch geschah. Ab 1943 gab es weiter Räumungstransporte in andere Einrichtungen und Anstalten, die offiziell mit Bombenschäden begründet wurden.

Mit dem Kriegsende und der nahenden Entnazifizierung stellte Lensch sein Amt zur Verfügung, um einer Entlassung zuvor zu kommen. Schnell wurde aber die Weiterverwendung Lenschs in der Landeskirche beschlossen. Durch seinen Nachfolger Hauptpastor D. Dr. Volkmar Herntrich wurde Lensch 1947 eine Stelle an der Christuskirchengemeinde in Hamburg-Othmarschen vermittelt. Dort blieb er bis zu seiner Emeritierung 1963.

Eine kircheninterne Aufarbeitung des Falls Lensch zeigte sich als schwierig. Zwar strebte der Vorstand der Alsterdorfer Anstalten 1960 eine Disziplinarverfahren gegen Lensch an. Gerade war das Thema Euthanasie in der Öffentlichkeit durch den Heyde/Sawade-Skandal – es war bekannt geworden, dass der ehemaliger Obergutachter der T4-Aktion, Werner Heyde, nach dem Kriegsende in Flensburg unter dem Namen Fritz Sawade als Arzt praktizierte und dies behördlich bekannt war – sehr präsent. Aber dies scheiterte an der Kirchenleitung in Kiel. Zum einen war da die persönliche Freundschaft von Lensch und dem Bischof für Holstein, Wilhelm Halfmann, und zum anderen hätte die Aufarbeitung den damaligen Kirchenamtspräsidenten, Dr. Oscar Epha, in Mitleidenschaft gezogen. Epha war Leiter der Ricklinger Anstalten gewesen und hatte sich mit Lensch in Bezug auf das Verhalten gegenüber jüdischen Patienten abgestimmt.

Im Jahr 1973 wollte die Hamburger Staatsanwaltschaft gegen Lensch wegen der Beteiligung an der Krankenhauseuthanasie während der NS-Zeit Anklage erheben. Dieses Verfahren wurde aber eingestellt, weil von Seiten der Alsterdorfer Anstalten die Ermittlungen behindert wurden. Außerdem war einer der Richter am Hamburgischen Oberlandesgericht ab 1938 juristischer Sachverstand im Vorstand der Alsterdorfer Anstalten gewesen. Offiziell hieß es, dass Lensch kein Vorsatz nachgewiesen werden könne.

Friedrich Lensch starb am 05.01.1976 in Ahrensburg.

Siehe zu Friedrich Lensch auch die Biografie von Helga Jutta Heidelmann unter www.stolpersteine-hamburg.de

Text: Benjamin Hein M.A.

Siehe dazu auch in dem Buch "Stolpersteine in Hamburg Altona", aktualisierte Auflage Hamburg 2015 von Birgit Gewehr: Julius Gottschalk (Seite 68); Selma Baresch (Seite 212); Käthe Vollmers (Seite 244); Rolf Haubenreisser (Seite 348 und 350)
Das Buch ist erhältlich in der Landeszentrale für politische Bildung.

Verwendete Quellen und Literatur:
Landeskirchliches Archiv Kiel, 12.03 (Nordelbische Kirche-Kirchenamt/Personalakten) Nr. 737-740, 1618.
Landeskirchliches Archiv Kiel, 32.03.01 (LK Hamburg -Personalakten der Pastoren) Nr. 468.
Linck, Stephan: Neue Anfänge? Der Umgang der Evangelischen Kirche mit der NS-Vergangenheit und ihr Verhältnis zum Judentum. Die Landeskirchen in Nordelbien. Band 1: 1945-1965. Kiel 2013.
Wunder, Michael; Genkel, Ingrid; Jenner, Harald; Genkel, Ingrid (Hrsg.): Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr. Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus. Hamburg 1987.
Wunder, Michael: Euthanasie in den letzten Kriegsjahren. Die Jahre 1944 und 1945 in der Heil-und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn. Husum 1992.
Wunder, Michael: Von der Anstaltsfürsorge zu den Anstaltstötungen. In: Ebbinghaus, Angelika; Linne, Karsten (Hrsg.): Kein abgeschlossenes Kapitel: Hamburg im „Dritten Reich“. Hamburg 1997, S. 394-407.
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Februar 2019: 716 Kurzprofile und 276 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startet online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen, wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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