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Hans-Paul Roloff

(28.8.1883 Demmin (Pommern) -. 18.9.1935)
Lehrer an der Hansaschule in Hamburg Bergedorf
Brauerstraße 71 (heute: Chrysanderstraße ) (Wohnadresse, 1935)

Dr. Hans-Peter de Lorent verfasste das Portrait über Hans-Paul Roloff und veröffentlichte es in seinem Buch „Täterprofile, Band 2“.

Einen ungewöhnlichen beruflichen Werdegang hatte Hans-Paul Roloff. Ursprünglich war er ein geförderter Mitarbeiter von Professor William Stern am Psychologischen Institut der Universität Hamburg gewesen mit der Perspektive auf eine akademische Karriere. Als sich dies aus verschiedenen Gründen nicht realisieren ließ, wendete Roloff seine Enttäuschung gegen den jüdischen Psychologieprofessor und dessen andere Mitarbeiterin, Martha Muchow. Hans-Paul Roloff steigerte dies in ein übles Denunziantentum. Es passte zusammen mit einer Hinwendung zur NSDAP schon 1932 und seinem intriganten Verhalten, als er nach seinem Ausscheiden an der Universität als Studienrat an der Hansaschule in Bergedorf arbeitete.

Am 28.8.1883 wurde er als Sohn des Stadtsekretärs Johannes Roloff in Demmin (Pommern) geboren. Nach Besuch der dortigen Volksschule und des humanistischen Gymnasiums bestand er die Reifeprüfung und studierte anschließend von 1901 bis 1905 in Greifswald, Berlin und Marburg Mathematik, Physik, Zoologie und Botanik. Die Lehramtsprüfung für die höheren Schulen bestand er 1905 in Marburg. Er kam nach Hamburg, absolvierte den Vorbereitungsdienst an der Oberrealschule auf der Uhlenhorst. Anschließend fand er 1907 eine Anstellung als Oberlehrer an der Hansaschule in Bergedorf.1

Hans-Paul Roloffs Personalakte dokumentiert seine gesundheitlichen Probleme. Immer wieder gab es Krankmeldungen und Kuren. Die Diagnose seines Krankheitsbildes: „Er leidet seit etwa einem Jahre, im Anschluss an eine Influenza, an einer Verdichtung und an einem Katarrh der linken Lungenspitze, verbunden mit einer gewissen Magenschwäche. Wenn auch sein Leiden sich offenbar schon wesentlich gebessert hat, so ist es doch noch nicht als ganz behoben zu betrachten. Es bestehen ärztliche Bedenken dagegen, daß er schon jetzt seinen Dienst wieder übernimmt und in unserem Klima lebt. Ich habe ihm daher dringend empfohlen, bis Ostern Urlaub zu nehmen und ein Hochgebirgsklima aufzusuchen (Arosa, Schweiz), da meines Erachtens nur dadurch einem baldigen Rückfall vorgebeugt werden kann.“2

Später tauchten immer wieder Krankschreibungen auf wegen Bronchialkatarrhs, Mandelentzündungen, Rippenfellentzündungen, Asthma und Magenproblemen, Kuraufenthalte in der Schweiz.3

Nach kurzer Einziehung zum Kriegsdienst 1915 wurde Roloff schon 1916 wieder entlassen und zurückgestellt.4

Nach dem Krieg begann Roloff das Studium der Psychologie und Philosophie an der Universität Hamburg, das er am 14.1.1923 mit dem Diplom abschloss. Parallel dazu bekam er eine Stelle als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Psychologischen Institut bei Prof. William Stern und wurde dafür vom Schuldienst beurlaubt.5

William Stern hatte zur Begründung geschrieben: „Die Pflege der modernen Begabungsforschung – eine der Hauptaufgaben des Psychologischen Laboratoriums der Hamburgischen Universität – setzt ständige Zusammenarbeit mit der Schule zur Bedingung. Der Vorteil aus dieser Arbeitsgemeinschaft liegt aber keinesfalls einseitig bei der Forschung : die Durchführung des Einheitsschulgedankens wird bekanntlich schon in naher Zeit der Schule Aufgaben stellen, bei deren Bewältigung sie der von der Begabungsforschung erarbeiteten wissenschaftlichen Hilfsmittel und Methoden kaum wird entraten können. Um die Kontinuität der begonnenen Arbeiten zu sichern (unter anderem leitet Herr Oberlehrer Roloff eine Arbeitsgemeinschaft hamburgischer Oberlehrer zur Untersuchung der Eigenart der mathematischen Begabung), bittet das Psychologische Laboratorium die Oberschulbehörde, auch Herrn Oberlehrer Roloff bis auf weiteres als ständigen Mitarbeiter für psychologische Fragen aus dem Gebiete des höheren Schulwesens an das Psychologische Laboratorium zu beurlauben.“6

Und 1922 begründete William Stern, warum die Beurlaubung Roloffs verlängert werden sollte: „Der Oberlehrer Dr. Hans-Paul Roloff ist seit Ostern 1919 an das Psychologische Laboratorium beurlaubt. Er hat durch seine ständige Mitarbeit auf den Gebieten der pädagogischen und der Berufspsychologie dem Laboratorium wertvolle Dienste geleistet, hat selbständig wissenschaftliche Untersuchungen angestellt und bei Demonstrationen, Übungen und Kursen mitgewirkt. Seit einiger Zeit ist ihm die Leitung der psychotechnischen Untersuchungen und Prüfungen übertragen, die der Feststellung der technischen Begabung von jugendlichen Berufsanwärtern dienen. Dieser sehr wichtige Zweig unserer Laboratoriumsarbeit könnte ohne die Mitwirkung Dr. Roloffs nicht fortgeführt werden. Dr. Roloff ist deshalb für die Durchführung der wissenschaftlichen und praktischen Arbeiten unseres Laboratoriums unentbehrlich, und ich bitte seinen Urlaub zu verlängern.“7

Am 22.11.1921 hatte Hans-Paul Roloff seine Promotion abschließen können.8

William Stern stützte sich bei seiner Arbeit ganz wesentlich auf Martha Muchow und Roloff, die beide als seine Assistenten von schulischen Verpflichtungen entbunden waren. „Um die Arbeiten des Instituts auf dem Gebiet der Jugendkunde und der industriellen Psychotechnik im bisherigen Umfange fortführen zu können, ist ihre hauptamtliche Mitarbeit unbedingt erforderlich. Ich bitte deshalb die Oberschulbehörde, Fräulein Dr. Muchow und Herrn Dr. Roloff auch weiterhin ohne Gehalt an das Psychologische Laboratorium der Hamburgischen Universität zu beurlauben.“9

Trotz zwischenzeitlich langwierigen krankheitsbedingten Ausfällen setzte sich William Stern immer wieder für die Verlängerung der Beurlaubung von Hans-Paul Roloff ein. Am 28.2.1927 reklamierte er erneut dessen Mitarbeit: „Die Weiterbeschäftigung des Studienrats Dr. Roloffs am Psychologischen Laboratorium ist dringend notwendig. Herr Dr. Roloff ist seit Jahren durch Halten von Vorlesungen und Übungen, Leiten von Arbeitsgemeinschaften, Durchführung von Eignungsuntersuchungen und aktive Teilnahme an der Forschung sarbeit sowohl mit der pädagogisch-psychologischen wie mit der psychotechnischen Arbeit unseres Laboratorium aufs engste verbunden, und diese Arbeitszweige würden durch sein Ausscheiden auf stärkste beeinträchtigt werden. Ich beantrage daher, daß er auch weiterhin am Psychologischen Laboratorium beschäftigt wird.“10

Die Oberschulbehörde genehmigte dieses erneut, allerdings nur bis zum 31.3.1928: „Einer weiteren Beurlaubung über diesen Zeitpunkt hinaus kann aber nicht mehr zugestimmt werden, da die infolge dieser Beurlaubung nicht besetzte Studienratsstelle nicht mehr entbehrt werden kann. Die Oberschulbehörde gibt anheim, die Hochschulbehörde möge, wenn das Psychologische Laboratorium einen wissenschaftlichen Mitarbeiter nötig hat, eine Stelle dafür einwerben.“11

Am 29.2.1929 genehmigte die Senatskommission für die Verwaltungsreform eine Stelle als „ Wissenschaft licher Rat am Psychologischen Laboratorium unter Fortfall der Stelle eines Studienrates bei der Oberschulbehörde“. Und: „In Frage für die neue Stelle kommt der bisher von der Oberschulbehörde beurlaubte Studienrat Dr. Roloff. Wenn auch die Oberschulbehörde mit Schreiben vom 31. Januar 1928 die Beurlaubung des Genannten letztmalig bis zum 31. März 1929 genehmigt hat, so darf wohl angenommen werden, daß unter den vorliegenden Umständen gegen seine Weiterbeschäftigung am Psychologischen Laboratorium bis zur Genehmigung der neuen Stelle durch die Bürgerschaft Bedenken nicht bestehen.“12 Viel Wohlwollen offensichtlich für Hans-Paul Roloff, insbesondere durch die stetige Fürsprache von Prof. William Stern.

Im Jahr 1928 war Roloff wegen einer Embolie und eines diagnostizierten Herzfehlers mit anschließender Rippenfellentzündung in längerer Krankenhausbehandlung.13 Eine sicherlich anstrengende und zermürbende Leidenszeit.

In der Oberschulbehörde gab es nicht nur Verständnis für Hans-Paul Roloff. Der für die höheren Schulen zuständige Oberschulrat Prof. Wolfgang Meyer hatte schon am 27.9.1922 bemerkt: „Nach eingezogenen Erkundigungen kommt Herr Roloff nur gelegentlich ins Laboratorium; seine Hauptarbeiten fertigt er im Hause an, führt also ein ganz bequemes Privatgelehrten-Dasein.“14

Prof. William Stern, der mit Roloff zehn Jahre eng zusammengearbeitet und ihn persönlich und wissenschaftlich stets gefördert hatte, rückte mit Hinweis auf Roloffs lang andauernden und immer wiederkehrenden Krankheiten davon ab, ihn auf die Stelle eines Wissenschaft lichen Rates zu berufen. Am 31.3.1930 schrieb er an die Hochschulbehörde: „Die Voraussetzungen, unter denen seinerzeit beantragt wurde, daß Herr Dr. Roloff, der seit elf Jahren von der Oberschulbehörde an das Psychologische Laboratorium als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter beurlaubt ist, die Stellung eines Wissenschaft lichen Rates erhalte, treffen heute nicht mehr zu. Im vergangenen Jahr haben sich die Anforderungen, die an Lehre und Forschung in unserem Institut gestellt werden müssen, derart gesteigert, daß nur Personen von robuster Gesundheit ihnen gewachsen sein können. Auf der anderen Seite hat Herr Dr. Roloff im vergangenen Winter eine sehr langwierige Rippenfellentzündung durchgemacht, die seine ohnehin labile Gesundheit stark erschüttert hat, und deren Folgen immer noch nicht ganz behoben sind. Er hat fast das ganze Wintersemester hindurch seine Tätigkeit aussetzen müssen und wird voraussichtlich auch noch April und Mai zu pausieren haben. Über diese Erkrankung wird eine ärztliche Bescheinigung beigelegt.

Es ist unter diesen Umständen zu befürchten, daß die zarte Gesundheit von Herrn Dr. Roloff durch die hohen Arbeitsanforderungen am Psychologischen Institut ständig bedroht sein würde, und daß das Institut nicht auf die ununterbrochene Wirksamkeit dieses Mitarbeiters rechnen könnte. Ich bitte daher die Behörde, zunächst die weitere Beurlaubung des Herrn Dr. Roloff in der bisherigen Form so lange erwirken zu wollen, bis eine andere Kraft an seine Stelle treten kann.“15

Bitter für Hans-Paul Roloff, aber auch eine nachvollziehbare Argumentation von William Stern, der für diese Arbeit nur über zwei Assistenten verfügte.

In einem anschließenden Schreiben vom 28.3.1930 wurde die Oberschulbehörde darüber informiert, dass das psychologische Laboratorium nicht weiter mit Hans-Paul Roloff planen würde. Und: „Die Hochschulbehörde vermag unter diesen Umständen der Ernennung Dr. Roloffs zum Wissenschaft lichen Rat nicht näherzutreten und bittet um gefällige Prüfung und Mitteilung, ob unter diesen Umständen die Wiederverwendung Dr. Roloff im Schuldienst etwa als Studienrat, möglich ist. Sollte die Möglichkeit hierfür nicht gegeben sein, wird anheimgestellt, eventuell die Versetzung Dr. Roloff in den Ruhestand in Erwägung zu ziehen und zu veranlassen.“15

OSR Wolfgang Meyer vermerkte auf diesem Schreiben, dass Dr. Roloff seines Erachtens „als dauernd dienstunfähig anzusehen“ sei.16

Am 10.11.1930 teilte William Stern der Hochschulbehörde mit, dass die Oberschulbehörde sich bereit erklärt hätte, Roloff wieder in ihre Dienste zu übernehmen.17 OSR Meyer vermerkte allerdings am 30.1.1931, er bitte, nunmehr Roloffs „Versetzung in den Ruhestand von Amtswegen einzuleiten“.18 Roloff hätte geäußert, dass „die Erteilung des vollen Schulunterrichts eine schwere Gefährdung seiner Gesundheit bedeuten würde“. Das „deckt sich durchaus mit seinen früheren Aussagen und bestätigt nur meine eigene Überzeugung, daß der Studienrat Roloff für den Lehrberuf dauernd dienstunfähig ist.“19

Es wurde am 3.2.1931 ein ärztliches Gutachten erstellt. Hans-Paul Roloff hatte bei der Untersuchung angegeben, „er fühle sich ganz wohl“ und „sich vollkommen imstande, die Tätigkeit auszuüben, die er die letzten zwölf Jahre hatte; er sagt, er könne bequem eineinhalb Stunden täglich einen Vortrag halten, er bezweifelt aber, ob er eine tägliche Stundenzahl unterrichten kann, wie sie im Schuldienst verlangt würden.“20

Am 15.3.1931 teilte OSR Oberdörffer Hans-Paul Roloff mit, dass er zur Vertretung am Realgymnasium des Johanneums eingesetzt werden solle. Roloff beantragte daraufhin, um die Hälfte seiner Dienstverpflichtung befreit zu werden. Zum 1.10.1931 wurde Roloff dann wieder an sein altes Gymnasium, die Hansaschule in Bergedorf, versetzt.21

Dieser Prozess ist so detailliert dargestellt worden, um den Hintergrund der Verwandlung des Hans-Paul Roloffs zu beleuchten. Bei der ärztlichen Untersuchung hatte Hans-Paul Roloff gesagt, was das „Physikatsgutachten“ so festhielt: „Dr. R. gibt übrigens an, daß er bei Erregung leicht etwas erhöhte Temperatur habe und erregt ist er zweifellos über seine Lage.“22

Hans-Paul Roloff, der von Dezember 1918 bis August 1930 Mitglied der Deutschen Volkspartei gewesen war, orientierte sich politisch neu. Im Fragebogen zur „Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933“ gab er an, seit August 1932 Mitglied der NSDAP zu sein.23

Die „ Bergedorfer Zeitung“ schrieb über Roloff, der sich immer stärker zum nationalsozialistischen Aktivisten entwickelte: „Schon 1928, als Dr. Roloff das Werk unseres Führers ‚Mein Kampf‘ kennenlernte, wurde er überzeugter Nationalsozialist. Wenn er die Mitgliedschaft der NSDAP auch erst am 1. August 1932 erwarb, so trat er doch schon lange vorher offen für die Idee des Nationalsozialismus ein. Die Folge war, daß man behördlicherseits bald auf ihn aufmerksam wurde und ihm mancherlei Schwierigkeiten machte. Seine politische Einstellung war wohl auch der eigentliche Grund dafür, daß man ihn 1930 aus dem Psychologischen Institut der Universität entließ – angeblich wegen seiner ‚zu zarten‘ Gesundheit. Nachdem man ihn so aus seiner zwölfjährigen, ebenso lieb gewordenen wissenschaftlichen Forschung sarbeit herausgerissen hatte, ging er im Herbst 1931 wieder als Lehrer an die Hansaschule in Bergedorf zurück. Es kam dann die Zeit, da die Bewegung Adolf Hitlers immer größere Erfolge davontrug, und da wurde auch Dr. Roloff immer mehr in ihren Bann gezogen. Er wurde nun auch aktiv innerhalb der Partei, ein eifriger Kämpfer für die nationalsozialistische Idee, erst als Blockwart, dann als Stützpunktleiter und schließlich bis zu seiner neuerlichen Erkrankung als Ortsgruppenleiter der Ortsgruppe Bergedorf-Bille. Die Leidenschaft, mit der er sich den nationalsozialistischen Zielen hingab, schienen Wunder zu wirken in der Steigerung seiner Arbeitskraft. Die Idee, die ihn trug, befähigte ihn durch Jahre hindurch, doppelte und dreifache Arbeit zu leisten, in der Schule, in NSLB und in der Partei. Er wurde ein eifriger Mitarbeiter an der Neugestaltung des Hamburgischen Schulwesens und sein Einfluss reichte hier weit über Bergedorf hinaus. Auch als Mitbegründer des damaligen NS-Beamtenbundes hat er sich große Verdienste erworben.“24

Hier wurde angedeutet, dass Roloff nach seinem Verlassen des Psychologischen Institutes Prof. William Stern zu seinen Feind erkoren hatte und die Tatsache, dass Stern Jude war, bestens in Roloffs neue Ideologie passte.

Auf welchem Niveau Hans-Paul Roloff gegen seinen ehemaligen Förderer am Psychologischen Institut der Universität Hamburg, Prof. William Stern und seine Mitarbeiter vorging, zeigte ein von ihm initiiertes und mit anderen unterzeichnetes Schreiben an die Hochschulbehörde vom 10.7.1933. Darin hieß es unter anderem:
„Mit dem Amtsantritt von Prof. Stern setzte erst langsam, dann immer stärker eine völlige Verjudung des Instituts ein. Deutschgesinnte Mitarbeiter wurden durch rassereine Juden oder durch Judengenossen ersetzt, die ganz im jüdisch-marxistischen Sinn arbeiteten. An Stelle von Prof. Anschütz wurde ein ungarischer Jude aus Wien, der sich den Namen Heinz Werner beilegte, gesetzt. Dr. Roloff, der zwölf Jahre lang die Abteilung Psychotechnik bearbeitete, wurde durch den Judengenossen Dr. Wunderlich und seine jüdische Assistentin Katzenstein ersetzt. (…) Dr. Wunderlich hat seine Stellung einzig dem Umstand zu verdanken, dass er sich von Anfang an bedingungslos an die Judenclique anschloss und gegen alle deutschgesinnten Mitarbeiter Stellung nahm. Fräulein Dr. Muchow, die engste Vertraute von Prof. Stern, die ihn auch heute täglich besucht und mit ihm alle Pläne ausarbeitet, ist die gefährlichste von allen dreien. Sie war aktives Mitglied des marxistischen ‚Weltbundes für Erneuerung der Erziehung‘, hat auf internationalen Tagungen, zum Beispiel Genf, in seinem Sinne gewirkt, und war von Oberschulrat Götze in dessen letztem Amtsjahr beauftragt, das Hamburgische Schulwesen ‚psychologisch‘ im marxistischen Sinne zu durchdringen. Ihr pädagogisch-psychologischer Einfluss ist unheilvoll und einer deutschen Staatsauffassung direkt zuwiderlaufend.“25

Hans-Paul Roloff hatte vorher noch ein anderes Schreiben an den neuen Direktor der Volkshochschule, Heinrich Haselmayer, gerichtet, mit ähnlicher Stoßrichtung gegen die „Judenclique“ und auch den Erziehungswissenschaftler Gustaf Deuchler mit einbezogen, der selbst Ambitionen auf die Leitung des Psychologischen Institutes hatte und nach der Entlassung von Willam Stern durch das Inkrafttreten des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7.4.1933 am 19.9.1933 tatsächlich kommissarischer Direktor des Psychologischen Institutes wurde. Martha Muchow beging am 9.10.1933 Selbstmord und William Stern emigrierte 1934 zunächst nach Holland, später in die USA.26 Roloffs Rache war somit übel, durchschlagend und blutig gewesen.

Als Ortsgruppenleiter der NSDAP in Bergedorf führte Roloff zusammen mit dem NSDAP-Kreisleiter Schuster auch einen Kampf gegen den Schulleiter der Luisenschule, Walther Machleidt, der versucht hatte, seine nationalsozialistische und christliche Überzeugung zusammenzuführen. Ein Kampf, der mit der Absetzung Machleidts endete und ein „Beleidigungsverfahren“ nach sich zog.27

Der Behauptung in der „ Bergedorfer Zeitung“ zum Trotz, Roloffs Weggang aus dem Psychologischen Institut hätte politische Gründe gehabt, blieb Roloffs Gesundheitszustand fragil. Auch an der Hansaschule fehlte Roloff wegen fieberhafter und Grippe-Erkrankungen häufiger.

Vom 7.5. bis zum 2.6.1934 war Roloff für einen Kursus an der Gauführerschule beurlaubt worden.28 Diesen Kurs musste er vorzeitig abbrechen, da er sich „eine innere Verletzung zugezogen“ hatte.29

Am 10.10.1934 teilte OSR Theodor Mühe Roloff mit, dass er zum stellvertretenden Schulleiter der Hansaschule ernannt worden sei.30

Aber schon knapp ein Jahr darauf wurde festgestellt, dass Roloff die „inneren Verletzungen“ während der Gauführerschulung Probleme bereiten würden. NSDAP-Kreisleiter Fritz Schuster notierte dazu: „In der folgenden Zeit hat Roloff als Ortsgruppenleiter seinen Dienst ordnungsgemäß versehen, mußte aber auch hier häufiger, insbesondere beim Abteilungsdienst ausscheiden, da die Rückwirkungen seiner Seebergener Verletzungen sich stets wieder zeigten. Besonders stark trat dies nach einem Ausmarsch am 4. April des Jahres zu Tage. Unter Berücksichtigung der vorliegenden Verhältnisse darf ich die Bitte aussprechen, daß bei der Beurteilung der Dienstfähigkeit des Pg. Dr. Roloff seine Tätigkeit für die Partei ihm zugute gehalten wird.“31 Dieses Schreiben macht den Eindruck, als sollte hier eine Art „Dienstunfall“ testiert werden.

Der Schulleiter der Hansaschule, Dr. Otto Thode, wandte sich am 8.8.1935 an die Landesunterrichtsbehörde und schrieb unter Hinweis auf das Schreiben von NSDAP-Kreisleiter Schuster und zwei ärztliche Atteste: „Angesichts der Tatsache, daß noch etwa ein Vierteljahr vertreten wird, bis Dr. Roloff wieder dienstfähig sein wird, wiederhole ich die Herrn OSR Dr. Behne schon mündlich vorgetragene Bitte um eine volle Vertretung für Dr. Roloff als Klassen- und Mathematiklehrer und bitte gleichzeitig, nach Rücksprache mit Dr. Roloff, um die Ernennung eines neuen stellvertretenden Schulleiters. Im Interesse der Hansaschule halte ich es für richtig, wenn ein junger Studienrat aus Hamburg dazu ernannt würde. Er muß aber Nationalsozialist sein.“32

OSR Walter Behne antwortete darauf: „Die Landesunterrichtsbehörde ersucht, Herrn Studienrat Dr. Roloff zu veranlassen, seine Abberufung als stellvertretender Schulleiter von sich aus schriftlich zu beantragen.“33

Paul Roloff erholte sich nicht wieder und starb am 18.9.1935.

Die Hinterbliebenenbezüge von Roloffs Witwes wurden 1946 infrage gestellt. OSR Heinrich Schröder vermerkte am 29.3.1946: „Frau Louise Roloff ist die Witwe des verstorbenen Studienrats Hans Roloff, der der NSDAP bereits im Herbst 1932 beigetreten ist und die Ämter eines Blockleiters, eines Stützpunktleiters und eines Ortsgruppenleiters bekleidet hat, also dem Korps der politischen Leiter angehört hat. Frau Roloff selbst ist am 1. Mai 1933 der Partei beigetreten und hat in der Frauenschaft das Amt einer Kreisleiterin inne gehabt. Bei diesen Belastungen erscheint es nicht gerechtfertigt, dass Frau Roloff weiterhin Hinterbliebenenbezüge aus öffentlichen Mitteln erhält.“34

Am 8.12.1948 entschied der Berufungsausschuss, dass Louise Roloff 75% der Hinterbliebenenbezüge zuerkannt wurden.

Frau Roloff überlebte ihren Mann um 45 Jahre und starb, 92-jährig, am 25.12.1980.35

Das Buch von Hans-Peter de Lorent: Täterprofile, Band 2, Hamburg 2017 ist in der Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg erhältlich.

Anmerkungen
1 Personalakte Roloff, StA HH, 361–3_A 1601. Laut Geburtsurkunde hieß er Hans-Paul, aber häufig wurde er auch Hans Roloff genannt, zuweilen auch Paul.
2 So sein behandelnder Arzt, Dr. Ritter, am 15.1.1910, Personalakte a.a.O.
3 Krankenübersicht Roloffs vom 4.7.1930, Personalakte a.a.O.
4 Personalakte a.a.O.
5 Personalakte a.a.O.
6 Schreiben vom 22.7.1919, Personalakte a.a.O.
7 Schreiben vom 22.9.1919, Personalakte a.a.O.
8 Personalakte a.a.O.
9 Personalakte a.a.O.
10 Personalakte a.a.O.
11 Personalakte a.a.O.
12 Personalakte a.a.O.
13 Personalakte a.a.O.
14 Personalakte a.a.O.
15 Personalakte a.a.O.
16 Ebd.
17 Personalakte a.a.O.
18 Personalakte a.a.O.
19 Personalakte a.a.O.
20 Personalakte a.a.O.
21 Laut Personalakte a.a.O.
22 Gutachten vom 3.2.1931, Personalakte a.a.O.
23 Personalakte a.a.O.
24 „ Bergedorfer Zeitung“ vom 20.9.1935.
25 Helmut Moser: Zur Entwicklung der akademischen Psychologie in Hamburg bis 1945. Eine Kontrast-Skizze als Würdigung des vergessenen Erbes von William Stern, in: Eckart Krause, Ludwig Huber, Holger Fischer (Hg.): Hochschulalltag im „Dritten Reich“. Die Hamburger Universität 1933–1945, Berlin–Hamburg 1991, S. 496f.
26 Helmut Moser 1991 S. 498f. Siehe auch: Martin Tschechne: William Stern, Hamburg 2010 , S. 149. Zu Gustaf Deuchler und Heinrich Haselmayer siehe: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 1, Hamburg 2016 S. 142ff. und S. 621ff.
27 Siehe Biografie Machleidt in diesem Buch.
28 Personalakte a.a.O.
29 Schreiben von Schulleiter Dr. Thode vom 30.5.1934, Personalakte a.a.O. Siehe auch die Biografie Thode in diesem Buch.
30 Personalakte a.a.O.
31 Personalakte a.a.O.
32 Personalakte a.a.O.
33 Personalakte a.a.O.
34 Personalakte a.a.O.
35 Personalakte a.a.O.
 

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Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand August 2021: 880 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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