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Gerhard Riecks

(11.2.1901 Stettin - galt nach dem Prager Aufstand seit Mai 1945 als vermisst)
Schulleiter der Staatlichen Handelsschule für Industrie, Bank, Versicherung, Verkehr und verwandte Berufe, SS-Hauptsturmführer
Griesstraße 4 (Wohnadresse 1939)

Hans-Peter de Lorent hat über Gerhard Riecks ein Portrait verfasst, das in Hans-Peter de Lorents Buch: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz. Band. 3. Hamburg 2019 erschienen und im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg erhältlich ist. Hier der Text:  
„Er hat bei allen früheren Kollegen als 150-prozentiger Nationalsozialist gegolten, vor dem man sich in acht nehmen musste.“
Ein Beispiel dafür, dass NSDAP-Mitglieder aufgrund ihrer „engsten Verbindung mit dem Nationalsozialismus “ zu Schulleitern berufen wurden, war Gerhard Riecks. Als Mitglied der NSDAP und des NSLB seit 1932, ernannte die NS-Schulverwaltung ihn am 1.5.1937 zum Schulleiter einer Handelsschule, nachdem er erst ein halbes Jahr zuvor fest angestellter Studienrat geworden war. Schon 1940 zog Gerhard Riecks in den Krieg, war am Ende als SS-Hauptsturmführer in Prag stationiert und galt nach dem Prager Aufstand seit Mai 1945 als vermisst. Seine Frau bemühte sich danach um eine Witwenrente, die ihr gewährt wurde. 1954 gelang es dem ehemaligen NS-Senator Oscar Toepffer, der nach 1945 belastete Nationalsozialisten als Rechtsanwalt vertrat, in einem Vergleich mit der Schulbehörde eine Hinterbliebenenversorgung für die Witwe von Gerhard Riecks zu erlangen, die sich an der Stellung als Berufsschuldirektor orientierte.
Gerhard Riecks wurde am 11.2.1901 in Stettin geboren. Er besuchte von 1907 bis 1916 die Mittelschule und ging danach auf die Präparandenanstalt in Pölitz/Pommern. Anschließend wechselte Riecks an die Handelshochschule in Berlin, an der er am 7.3.1924 die Diplom-Handelslehrerprüfung ablegte. Seit 1929 war er zunächst stundenweise als Hilfslehrer und seit 1930 als Vertragslehrer in den hamburgischen Schuldienst eingestellt worden, an der Handelsschule III am Lämmermarkt.[1]
Möglicherweise hatte die unbefriedigende Anstellungssituation Gerhard Riecks wie auch manch anderen jungen Lehrer politisch aktiviert und radikalisiert.
In einer Übersicht über die Aktivisten im Hamburger NSLB vor der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933, die sich zum Teil im heftigen Streit mit dem späteren Gauamtsleiter des NSLB und Landesschulrat, Willi Schulz, befanden, hatte Guido Höller[2] auch Gerhard Riecks aufgeführt: „Gerhard Riecks – Diplomhandelslehrer, Mitglied des NSLB seit Mai 32, Ämter: Gaukassenwart, Mitglied der NSDAP seit August 32, abgesetzt.“[3]
Die Rolle, die Gerhard Riecks bei den Auseinandersetzungen im NSLB 1933 gespielt hatte, ist nicht weiter dokumentiert. Immerhin fungierte er auch später noch als Fachschaftsleiter der Handelslehrer im NSLB und wandte sich als „alter Parteigenosse“, der schon 1932 in die NSDAP eingetreten war, am 10.3.1934 an Wilhelm von Allwörden, der als Senator für Kulturgelegenheiten auch für die Landesunterrichtsbehörde die Verantwortung hatte:
„Werter Parteigenosse! Seit fünf Jahren bin ich an der staatlichen Handelsschule als ‚Hilfslehrer in der Stellung eines Studienrats‘ beschäftigt. Von Halbjahr zu Halbjahr erhalte ich einen Vertrag. D. h., dass zum 1. April und zum 1. Oktober immer wieder das Raten darüber einsetzt, ob ich weiterbeschäftigt werde, oder ob ich mich nach einem anderen Lebensunterhalt umsehen muss. Wenn ich immer wieder einen neuen Vertrag erhalte, so liegt es daran, dass meine fachliche Arbeit gebraucht wird, denn mein Arbeitsfeld liegt in den Fachklassen für den Eisenwarenhandel. Meine Bitte geht dahin, mich aufgrund meiner fachlichen Eignung und meiner Notwendigkeit für die Fachschule als Studienrat einzustellen. Heil Hitler! Riecks“[4]
Dieses Schreiben zeitigte unmittelbare Wirkung. Am 27.3.1934 wurde auf dem Brief von Gerhard Riecks vermerkt: „Riecks ist ab Ostern des Jahres mit voller Stundenzahl eingestellt.“[5] Und danach ging dann alles verhältnismäßig schnell. Am 9.11.1936 wurde Gerhard Riecks als Studienrat an den Handelsschulen bestellt und am 1.5.1937 wurde er zum Schulleiter der Staatlichen Handelsschule für Industrie, Bank, Versicherung, Verkehr und verwandte Berufe ernannt.[6]
Gerhard Riecks war zweieinhalb Jahre Schulleiter, bevor er sich zum Militär dienst meldete. Nüchtern wurde in seiner Personalakte festgehalten, dass er von 1940 bis 1945 im Krieg war, als Mitglied der Waffen-SS, am Ende als Hauptsturmführer.[7]
1942 teilte ihm die Schulbehörde mit Unterschrift des zwischenzeitlich für Schule verantwortlichen Senators Ofterdinger mit, dass er „mit Wirkung vom 1. August 1942 zum Berufsschuldirektor ernannt worden war. Ich beglückwünsche Sie herzlich zu dieser Ernennung und benutze die Gelegenheit, Ihnen für die Zukunft, besonders für die Zeit Ihres Einsatzes als Soldat, alles Gute zu wünschen. Mit diesem Wunsche verbinde ich die Hoffnung, dass sie nach dem Siege alsbald ihre Frieden stätigkeit bei der Schulverwaltung arbeitsfreudig und in voller Gesundheit wieder aufnehmen können.“[8] Was Gerhard Riecks im Einzelnen während des Krieges getan hat, ist ohne Vorliegen seiner Militär akte nicht rekonstruierbar.[9]
Ein Hinweis ergibt sich aus einem Schreiben seiner Ehefrau Ilse Riecks vom 22.1.1948 aus Buxtehude. Darin berichtet sie u. a.:
„Vom August 1943 bis Mai 1945 habe ich mit meinem Mann zusammen in Prag gewohnt. Am Tage des Waffenstillstandes 1945 bin ich plötzlich von ihm getrennt worden und habe bis heute weder eine Nachricht von ihm, noch sonst irgendwelchen Bescheid über seinen Verbleib erhalten, sodass er wohl als ‚vermisst‘ gelten muss.“[10]
Ein Sachbearbeiter hatte am Rand dieses Schreibens vermerkt:
„Der ehemalige Berufsschuldirektor Riecks ist auf Anordnung der Militär regierung entlassen worden. Die Entlassung konnte bisher nicht zugestellt werden, da die Eheleute bisher nicht in Deutschland zu ermitteln waren. Es stellt sich nun heraus, dass beide in Prag wohnhaft waren. Wie die Frau angibt, ist ihr Ehemann dort seit dem Waffenstillstand verschwunden; sie will nie wieder von ihm gehört haben. Die Ehefrau ist jetzt aus Prag aus der Internierungshaft zurückgekehrt und bittet nunmehr um eine Hinterbliebenenversorgung.“[11]
Die Rolle der Waffen-SS bei der Besetzung Prags und insbesondere in Reaktion auf den Prager Aufstand im Mai 1945 soll nach der chronologischen Beschreibung des weiteren Verfahrens noch etwas genauer beschrieben werden.
Ilse Riecks musste erst einmal einen Fragebogen ausfüllen, der dem Entnazifizierungsfragebogen in kürzerer Form entspricht. Darin gab sie an, dass ihr Mann 1932 NSDAP-Mitglied gewesen war bis 1945. Unter Punkt 4 erklärte sie, er habe nicht der SS angehört. Bei der Frage nach dem Militär dienst von Gerhard Riecks schrieb sie, „1940–1945 SS-Hauptsturmführer“.[12]
In ihrem eigenen Fragebogen vermerkte Ilse Riecks, geboren 1911, dass sie seit Mai 1937 Mitglied der NSDAP gewesen und ebenfalls in der NSV und im NS-Lehrerbund organisiert war. Sie hatten einen gemeinsamen Sohn, 1941 in Hamburg geboren. Auf diesen Fragebogen stellte ein Sachbearbeiter fest: „Keine Bedenken gegen die Zahlung von 50 % des Gehalts als Studienrat.“[13]
Gerhard Riecks war am 20.6.1945 in Abwesenheit aus dem Beamtenverhältnis entlassen worden, wie alle Beamten die schon vor 1933 der NSDAP angehörten. In Abwesenheit Riecks stellte der Beratende Ausschuss für die Handelslehrer am 30.10.1946 fest:
„Aufgrund der bekannten Zugehörigkeit zur SS kommt Herr Riecks für eine Wiedereinstellung in sein früheres Amt als Berufsschuldirektor keinesfalls in Frage.“[14]
In der Folge versuchte Ilse Riecks mithilfe von Rechtsanwälten und Klagen zu erreichen, dass ihre Hinterbliebenenbezüge an der Pension eines Berufsschuldirektors orientiert wurden. Dazu war die Hamburger Schulbehörde nicht bereit:
„Es besteht nicht der geringste Zweifel, dass die Beförderung von Riecks ausschließlich aufgrund seiner engsten Verbindung mit dem Nationalsozialismus vorgenommen worden ist. Er hat bei allen früheren Kollegen als 150-prozentiger Nationalsozialist gegolten, vor dem man sich in acht nehmen musste. Ohne seine führende Stellung im NSLB hätte er niemals eine Stellung als Berufsschuldirektor erreicht.“[15] Unterzeichnet war dieses Schreiben von Oberschulrat Dr. Karl Ebel, der mit Riecks zwischen 1930 und 1937 gemeinsam an der Handelsschule III am Lämmermarkt als Lehrer gearbeitet hatte und später auch, bis zur Berufung Gerhard Riecks als Schulleiter, an der Handelsschule für den Einzelhandel am Holzdamm 5.[16]
Und auch das Hamburger Personalamt teilte Ilse Riecks am 17.10.1952 mit: „Die ungewöhnlich rasche Ernennung zum Schulleiter – sechs Monate nach der ersten planmäßigen Anstellung als Beamter! – und damit verbunden die spätere organisatorisch bedingte Ernennung zum Berufsschuldirektor können nur auf die enge Verbindung Ihres verschollenen Ehemannes zum Nationalsozialismus , nämlich auf seine Mitgliedschaft zur NSDAP seit 1932 und auf das von ihm ausgeübte Amt eines Fachgruppenleiters im NSLB zurückgeführt werden.“[17]
Es ist schon bizarr, dass ausgerechnet der ehemalige Leiter des Personalamtes in der NS-Zeit und spätere Beigeordnete bzw. Senator im NS-Senat, Oscar Toepffer, der zeitweilig auch als Schulsenator fungierte und der sich nach seiner Entlassung aus dem Hamburger Staatsdienst durch die Britische Militär regierung als Rechtsanwalt selbstständig machte und darauf spezialisiert war, ehemalige Nationalsozialisten vor Gericht zu verteidigen, diesen Fall übernahm. Toepffer vermochte es, mit großem Erfolg im Laufe der Zeit die Pensionen ihrer in der NS-Zeit erlangten Ämter und die damalige Berufsbezeichnung wieder zu sichern. Auch im Fall Gerhard Riecks gelang es Oscar Toepffer vor dem Hamburger Oberverwaltungsgericht mit Entscheidung vom 26.8.1954 einen Vergleich zu erzielen in dem es hieß, „dass die Klägerin und ihr Sohn ab 1. April 1951 Anspruch auf Hinterbliebenenversorgung aus der Stellung des verschollenen Ehemannes der Klägerin als Berufsschuldirektor nach Maßgabe des Gesetzes zu Art. 131 GG haben“.[18]
Ilse Riecks erhielt daraufhin ein Witwengeld von 706 DM.[19]
Am 29.3.1963 ließ sie ihren Ehemann für tot erklären. Das Amtsgericht Buxtehude stellte fest, dass „der SS-Hauptsturmführer (Berufsschuldirektor) Gerhard Riecks, zuletzt wohnhaft gewesen in Prag, Beethovenstraße 17, seit Mai 1945 nach einem Aufstand in Prag vermisst und seitdem verschollen ist“.[20]
Ilse Riecks bezog das Witwengeld eines Hamburger Berufsschuldirektors bis zu ihrem Tod am 22.4.1980.[21]
Bemerkenswert ist, dass mit Ilse Riecks niemals geklärt wurde, welche Aufgabe und Funktion ihr Mann in Prag tatsächlich gehabt hatte. Ein Blick in seine SS-Akte, die sicherlich Anfang der 1950er Jahre nicht einsehbar war, offenbart ein paar Details und Hinweise. So hatte Gerhard Riecks zu seinem beruflichen Werdegang bei der SS angegeben, neben Wirtschaftswissenschaften auch Englisch studiert zu haben und nach dem Studium von November 1924 bis Mai 1926 als Angestellter bei der Ford-Motor Company in den USA in Detroit gearbeitet zu haben.[22]
Am 6.5.1943 wurde Gerhard Riecks zum SS-Hauptsturmführer beim SS-Wirtschaft-Verwaltungs-Hauptamt ernannt und als Betriebsführer der Deutschen Heilmittel GmbH und als Organisator für die übrigen Gesellschaften der Wirtschaftsämter in Prag eingesetzt.[23]
In einem Personal-Bericht für eine vorherige Beförderung zum Untersturmführer hatte Riecks in einem Lebenslauf angegeben, sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet zu haben und beim 15. SS-Infanterie-Regiment an der Besetzung Polens vom 15.3.1940 bis zum 20.9.1940 beteiligt gewesen zu sein. Seine persönliche Beurteilung war sehr positiv:
„Rassisches Gesamtbild: gut; Persönlicher Haltung: untadelhaft; Auftreten und Benehmen im Innen- und Außendienst: einwandfrei; Allgemeine Charaktereigenschaften: charakterfest; Geistige Frische: vorhanden; Auffassungsvermögen: sehr gut; Willenskraft und persönliche Härte: guter Durchschnitt ; Wissen und Bildung: Hochschulbildung; Lebensauffassung und Urteilsvermögen: gut; Besondere Vorzüge und Fähigkeiten: Organisationstalent; Besondere Mängel und Schwächen: keine.“[24]
Im Ernennungsvorschlag zum SS-Hauptsturmführer war hervorgehoben, dass Gerhard Riecks Auslandserfahrung in den USA hatte und als Direktor in einer Hamburger Handelsschule tätig war. Zur Begründung des Vorschlags und seiner augenblicklichen Tätigkeit wurde vermerkt:
„Riecks ist Betriebsführer der Deutschen Heilmittel GmbH in Prag mit einer Belegschaft von rund 200 Gefolgschaftsmitgliedern, davon 30 SS-Angehörige, Führer, Unterführer und Männer. Die Stellung des Riecks bringt es mit sich, dass er in Prag fast laufend mit Spitzen der einzelnen Ministerien zu tun hat. Im Interesse des Prestige des WV-Hauptamtes und im Interesse einer starken Führung der Deutschen Heilmittel GmbH erscheint es als dringlich, Riecks nicht wie bisher als SS-Untersturmführer, sondern als SS-Hauptsturmführer in Erscheinung treten zu lassen. Auf Befehl des Obergruppenführers ist Riecks mit der betrieblichen Organisation einer größeren Anzahl von Unternehmen der W-Ämter beauftragt. Die Art der Tätigkeit verlangt es, dass R. in den einzelnen Unternehmungen mit der notwendigen Autorität ausgestattet ist, zumal oft nicht nur die führenden Männer der Unternehmungen, sondern zum großen Teil auch subalterne Kräfte den Rang eines SS-Reserveführers besitzen.
Riecks ist seit Juli 1941 beim Stab W des WV-Hauptamtes tätig. In dieser Zeit hat er eine Reihe von persönlichen Aufgaben des Obergruppenführers in den W-Betrieben, zum Teil sogar hervorragend durchgeführt. Er hat mehrere Prüfungen geleitet, die dem WV-Hauptamt wesentliche Ersparnisse gebracht haben. Er hat mehrere Betriebsorganisationen aufgebaut, die von fachmännischer Seite als vorbildlich erklärt worden sind. Im Augenblick führt er mit großem Geschick die Heilmittelfabrik der Schutzstaffel: die Deutsche Heilmittel GmbH in Prag und hat dieses Unternehmen als Betriebsführer aus kleinen Anfängen heraus zu einem beachtlichen und in der Konkurrenz angesehenen Betrieb entwickelt. Persönlich hat sich Riecks bisher durchweg von einer guten, kameradschaftlichen Seite gezeigt. Riecks gilt fachmännisch als einer der fähigsten wirtschaftlichen Mitarbeiter des W-Sektors des WV-Hauptamtes. Die wirtschaftliche Vorbildung des Riecks ist ausgezeichnet. Er hat sich seine wirtschaftlichen Kenntnisse im In- und Ausland, darunter in Amerika, angeeignet und hat sich im Zivilberuf zum Direktor einer großen Hamburger Handelsschule heraufgearbeitet. Riecks bietet die Voraussetzungen dafür, dass er, wenn seine Autorität durch Erhöhung des Dienstgrades gestärkt ist, dem WV-Hauptamt noch größere Dienste leisten kann als bisher.“[25]
Gerhard Riecks war offensichtlich in Prag eine durchaus bekannte Person, Wirtschaftsführer einer vermutlich von der Waffen-SS beschlagnahmten Fabrik, sodass er beim Prager Aufstand sicherlich „gefährdet“ war. Wobei nicht bekannt ist, welche Funktionen er nach dieser Beförderung 1943 in Prag noch innehatte. Konkrete Erkenntnisse über das Schicksal von Gerhard Riecks liegen nicht vor.
Das Hanna-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung hat eine Studie herausgegeben von Stanislaw Kokoska: „Prag im Mai 1945. Die Geschichte eines Aufstandes.“[26] Darin wird der Widerstand gegen die deutschen Besatzer dargestellt und auch die Situation in Prag in der Nacht vom 5.5.1945 bis zum Ende des Aufstandes am 8.5.1945, in der insbesondere geschildert wird, wie die Waffen-SS versuchte, ergebnislos, den Aufstand niederzuschlagen. Wegen der geringen Fortschritte der Wehrmacht bei der Niederschlagung des Aufstandes griffen am 7.5.1945 Verbände der Waffen-SS mit schweren Waffen in die Kämpfe ein. Gepanzerte Einheiten drangen in die Stadt ein, Artillerie und Luftwaffe verursachten schwere Schäden an zahlreichen historischen Gebäuden.
Dabei wird deutlich, dass Mitglieder der Waffen-SS im besonderen Fokus der Aufständischen standen. Der Ernennungsvorschlag, Gerhard Riecks zum SS- Hauptsturmführer zu befördern, beinhaltete auch den Hinweis, dass er einen SS-Betrieb führte, in dem viele SS-Mitglieder arbeiteten. Insofern war dieser Betrieb möglicherweise auch in die Kampfhandlungen einbezogen.
Etwa 1700 Tschechen und über 500 russische Soldaten sind während der viertägigen Kämpfe ums Leben gekommen, außerdem rund 900 deutsche Soldaten.[27]
In Kenntnis der Tätigkeit von Gerhard Riecks bei der Waffen-SS ist es natürlich bemerkenswert, dass seine Witwe Ilse Riecks bis zu ihrem Lebensende 1980 das Witwengeld eines Berufsschuldirektors erhielt.
Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1 Alle Angaben laut Personalakte Gerhard Riecks, StA HH, 361-3_A 1701 und Hamburgisches Lehrerverzeichnis des Stadt- und Landgebietes, Schuljahr 1932–1933, S. 159.
2 Siehe die Biografie Guido Höller, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 2, Hamburg 2017, S. 378 ff.
3 Ebd., S. 382.
4 Schreiben vom 10.3.1934, Personalakte a. a. O.
5 Ebd.
6 Vermerk von OSR Ebel vom 22.7.1952, Personalakte a. a. O.
7 Personalakte a. a. O.
8 Undatiertes Schreiben, Personalakte a. a. O.
9 Anfrage beim Bundesarchiv und beim Militär archiv in Freiburg.
10 Schreiben vom 22.1.1948, Personalakte a. a. O.
11 Ebd.
12 Fragebogen vom 29.1.1948, Personalakte a. a. O.
13 Fragebogen vom 31.5.2048, Personalakte a. a. O.
14 Gutachten vom 30.10.1946, unterschrieben von den Oberschulräten Johannes Schult und Dr. Ebel, Personalakte a. a. O.
15 Stellungnahme der Schulbehörde vom 22.7.1952, unterzeichnet von OSR Dr. Ebel, Personalakte a. a. O.
16 Siehe die Hamburgischen Lehrer-Verzeichnisse des Schuljahres 1932–1933 und des Schuljahres 1935–1936, herausgegeben vom NSLB, Gau Hamburg.
17 Schreiben vom 17.10.1952, Personalakte a. a. O.
18 Vergleich vom 26.8.1954, Personalakte a. a. O.
19 Personalakte a. a. O.
20 Beschluss vom 29.3.1963, Personalakte a. a. O.
21 Personalakte a. a. O.
22 SS-Akte von Gerhard Riecks, BArch, R 9361-III/550365 (SS)
23 Ernennungsvorschlag vom 6.5.1943, SS-Akte a. a. O.
24 Ebd.
25 Beurteilung vom 10.5.1943, SS Akte a. a. O.
26 Stanislaw Kokoska: Prag im Mai 1945. Die Geschichte eines Aufstandes, Göttingen 2009.
27 Ebd.
 

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Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand August 2021: 880 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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