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Friedrich Lichtenauer

(11.3.1908 Stettin – 11.10.1969 Andeer/Schweiz)
Arzt (Chirurg), Universitätsprofessor
Frenssenstraße 13 (Wohnadresse 1949, Straße 1986 umbenannt in Anne-Frank-Straße )
Eißendorfer Pferdeweg 48a (1952 Eißendorf)
Lichtenauerweg (1973 benannt in Eißendorf)

Friedrich Lichtenauer wurde im März 1908 in Stettin als Sohn von Leonore und Kurt Lichtenauer, letzterer Chirurg und Chefarzt am örtlichen Diakonissen-Krankenhaus Bethanien, geboren. Von 1914 bis 1926 besuchte er dort das Marienstiftgymnasium.[1] Seit 1927 studierte er Medizin an Universitäten in Lausanne, München, Rostock und Berlin. Am 5. Januar 1933 bestand er schließlich in München das medizinische Staatsexamen.[2] Einer politischen Partei gehörte er vor 1933 laut eigenen Angaben in der Entnazifizierung nicht an, sein Vater war Mitglied der linksliberalen DDP.[3]
In den ersten Monaten des Jahres 1933 war Lichtenauer mit 24 Jahren als Medizin al-Praktikant an der gynäkologischen Poliklinik in München tätig. Zum 1. April 1933 zog er nach Hamburg, wo er ein Jahr im Allgemeinen Krankenhaus Barmbeck sowie am Pathologischen Institut der Universität Hamburg- Eppendorf als Volontärarzt arbeitete, bevor er am 1. April 1934 eine Stelle als Assistenzarzt in der Chirurgie in Lübeck annahm. 1934 wurde er an der Universität Hamburg mit einer Arbeit zur „Chirurgie der arteriellen Embolie“ promoviert. Zum Oktober 1936 wechselte er als Assistenzarzt an die Chirurgische Universitätsklinik in Rostock, wo er bis Oktober 1942 angestellt war. Am 1. November 1938 wurde er zum Beamten auf Widerruf ernannt.[4]
Am 20. Juli 1937 beantragte Lichtenauer seine Aufnahme in die NSDAP, die rückwirkend zum 1. Mai 1937 erfolgte.[5] Seit 1934 hatte er zudem dem Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps (NSKK) angehört, in dem er den Rang eines Sanitätsobertruppführers einnahm. Seit 1935 gehörte er der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) an und seit 1937 dem NSD Ärzte bund, der NS Altherrenschaft und der Reichsdozentenschaft.[6]
Im August 1939 wurde gegen Lichtenauer vor dem NSDAP-Gaugericht Mecklenburg ein Verfahren eröffnet, in dem er beschuldigt wurde, „eine ehrenrührige Handlung begangen und den Bestrebungen der Partei zuwidergehandelt zu haben“.[7] Hintergrund war ein Konflikt mit dem Oberarzt und Gauführer im NS-Dozentenbund Dr. Heinrich Gißel, den Lichtenauer – protegiert offenbar von seinem Vorgesetzten, dem Direktor der Chirurgischen Klinik, Prof. Johann Lehmann – der Unehrlichkeit und des Betruges beschuldigte. Michael Buddrus und Sigrid Fritzlar, die die Biographie Gißels untersucht haben, sprechen mit Blick auf Lehmann von „Intrigen anderer Oberärzte“, die bereits 1938 Gißels Berufung zum außerplanmäßigen Professor verhindert hätten.[8] In der Hauptverhandlung vor dem Parteigericht am 22. August 1939 wurde Lichtenauer zudem vorgeworfen, im Bekanntenkreis über das Verfahren gesprochen zu haben, was ihm untersagt worden war. Schließlich beantragte Gauleiter Friedrich Hildebrandt angesichts des Kriegsausbruchs und „im Interesse einer Befriedung der Verhältnisse“ an der Klinik die Einstellung des Verfahrens, die im Juni 1940 erfolgte.[9] Indizien dafür, dass hinter diesem Konflikt politische Motive standen, gibt es keine.[10]
Im August 1939 war Lichtenauer als Sanitätsoffizier zum Wehrdienst eingezogen worden, den er bis zu einer Erkrankung im März 1941 im Feld verbrachte. Anschließend hielt er sich im Reservelazarett V in Hamburg auf. Im Dezember 1940 wurde er mit dem Kriegsverdienstkreuz II. Klasse ausgezeichnet.[11]
Lichtenauer gab später an, aufgrund seines Verfahrens vor dem Parteigericht 1939 aus dem NSKK und der Reichsdozentenschaft ausgeschlossen worden zu sein – diese Angabe ließ sich nicht verifizieren. Zudem erklärte er, im Oktober 1942 auf Anweisung des Gauleiters „aus politischen Gründen entlassen“ worden zu sein, außerdem sei ihm eine Habilitation verwehrt worden.[12] Sicher ist, dass das Reichsministerium für Wissenschaft , Erziehung und Volksbildung im Januar 1941 verfügte, Lichtenauer nur bis Ende September 1941 weiter zu beschäftigen, maximal bis zum Abschluss seiner Facharztausbildung.[13] Lichtenauer erhob dagegen Einspruch beim Mecklenburgischen Staatsministerium, verwies u.a. auf seine Parteimitgliedschaft und seine Rolle als „Familienvater“ von drei Kindern und sprach von einer „unbillige[n] Härte“. Die Entscheidung sei „dem Zeitgeist nicht entsprechend“.[14] Das Staatsministerium unterstützte sein Anliegen und das Reichsministerium stimmte daraufhin einer Weiterbeschäftigung bis Kriegsende zu.[15] Im Juni 1942 schaltete sich jedoch Reichsstatthalter Hildebrandt ein und erklärte, ihm erscheine „eine dauernde Rückkehr des Dr. Lichtenauer an die Chirurgische Klinik nicht als tragbar“.[16] Lichtenauer wurde daraufhin zum 1. November 1942 wieder zur Wehrmacht einberufen – ein geplanter Antrag, ihn als „unabkömmlich“ vom Kriegsdienst zu befreien, wurde „auf Wunsch des Kuratoriums“ der Klinik fallengelassen und sollte stattdessen Gißel zugutekommen.[17] Die genauen Hintergründe dieser Vorgänge lassen sich aus den Akten nicht erschließen, aber offenbar war es nach der Einstellung des Gaugerichtsverfahrens zu weiteren Konflikten mit Gißel gekommen. Eine Mitte 1940 gestellte Anfrage, an der Universität Rostock zu habilitieren, wurde nach wenigen Monaten von Lichtenauer bzw. seinem Professor wieder zurückgezogen.[18] Lichtenauer wollte daraufhin nicht in Rostock, sondern an der Universität Greifswald die Habilitation beantragen. Seine Anfrage wurde jedoch von der dortigen Medizin ischen Fakultät – nach Intervention des Rostocker Professors Walther Fischer , der Lichtenauer „ueble Machenschaften“ gegen Gißel vorwarf – im Januar 1943 abschlägig beschieden.[19]
Zum 1. November 1942 wechselte Lichtenauer als Chefarzt an das Diakonissenkrankenhaus „Bethanien“ in seiner Heimatstadt Stettin, wo sein Vater als Direktor wirkte. Aus den vorliegenden Quellen geht nicht hervor, ob er damit die Einberufung zur Wehrmacht abwenden konnte. Sein Einkommen stieg nun laut eigenen Angaben deutlich, etwa um das Fünffache. Bis zum Kriegsende bzw. zur Aufgabe der Stadt durch die Wehrmacht am 25. April 1945 war er in Stettin beschäftigt.[20]
Vor dem sowjetischen Einmarsch in Stettin scheint Lichtenauer nach Hamburg geflüchtet zu sein. Hier wurde er 1946 entnazifiziert und von der Militär regierung als unbedenklich eingestuft. Bekannte bescheinigten ihm, aus einem „liberal-demokratisch eingestellten“ Elternhaus zu stammen und „stets zu den unbedingten Gegnern des Nationalsozialismus “ gezählt zu haben.[21] Lichtenauer selbst gab an, dass auf seine Intervention hin 1943 vier Medizin studenten aus den Niederlanden aus dem „KZ“ Amersfoort entlassen worden seien. Einer der vier Betroffenen, ein Jan van Bergh, bestätigte diese Geschichte, wenn auch mit abweichender Datierung. Er sei nach seinem Abtauchen 1942 in Holland ein Jahr später inhaftiert und im August 1944 in das „KZ“ Amersfoort verbracht worden. Friedrich Lichtenauer sei die Person gewesen, „through whose activity three dutch students and myself were released to Germany from the concentrationcamp“. Zudem habe Lichtenauer ihm in der Folge eine Stelle als Assistent im Krankenhaus verschafft und ihn öfter zu sich nach Hause eingeladen. Darüber hinaus bescheinigte van Bergh ihm, Polen und Russen im „Bethanien“ behandelt zu haben („treated them as his own countrymen“), obwohl dies strikt verboten gewesen sei.[22]
Bei dem Polizei lichen Durchgangslager Amersfoort handelte es sich um ein Internierungslager der SS in den Niederlanden.[23] Wie Lichtenauer aus Stettin die Freilassung dort Inhaftierter erreichen konnte und woher er die vier Inhaftierten überhaupt kannte, bleibt unklar. Nachforschungen der Gedenkstätte Amersfoort ergaben, dass ein Sanitäter Joh. Jac. v. d. Berg (Jg. 1918) und ein Krankenpfleger Boltjens Tj. Kingma (Jg. 1921) wirklich nach einem Schreiben des Präsidenten des Landesarbeitsamtes Pommern von Ende Dezember 1943 am 21. Januar 1944 aus dem SS-Lager entlassen und zum ärztlichen Dienst für die pommerschen Krankenhäuser nach Stettin gebracht wurden. Das gleiche erfolgte zwei Monate später mit dem inhaftierten Krankenpfleger Rudolf C. Wennekers, der explizit zur „Orthop. Heil- und Pflegeanstalt Bethesda“ nach Stettin geschickt wurde.[24] Auch wenn die genauen Namen und Daten teilweise nicht übereinstimmen und die Hintergründe weiterhin unklar bleiben, werden die Angaben Lichtenauers im Entnazifizierungsverfahren damit doch im Wesentlichen bestätigt. 1948 erfolgte eine erneute Überprüfung Lichtenauers mit dem Ergebnis, das er in Kategorie V eingestuft wurde.[25]
1946 übernahm Lichtenauer die Leitung der Chirurgischen Abteilung des Hilfskrankenhauses Blankenese. 1948 habilitierte er sich an der Universität Hamburg und wurde im folgenden Jahr Chefarzt der Chirurgischen Klinik in Hamburg-Harburg. Von 1958 bis 1963 war Lichtenauer Vorsitzender der Vereinigung Nordwestdeutscher Chirurgen, für die er in den Folgejahren als Schriftführer wirkte. Von 1964 bis 1967 war er Mitglied des Präsidiums der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Im Frühjahr 1969 wurde er zum stellvertretenden Ärztlichen Direktor des Krankenhauses Harburg ernannt. Im Oktober 1969 verunglückte er bei einem Autounfall im Urlaub im Kanton Graubünden in der Schweiz.[26] In einer Traueranzeige ehrte ihn die Gesundheitsbehörde mit den Worten, sich um den „Aufbau und Ausbau der Chirurgie“ des Krankenhauses Harburg „große Verdienste“ erworben zu haben.[27] 1973 wurde ein Weg im Harburger Stadtteil Eißendorf nach ihm benannt.[28]
Text: David Templin

Quellen:
1 Bei der folgenden biographischen Skizze handelt es sich um die leicht überarbeitete Fassung einer Kurzbiographie, die 2017 im Rahmen eines wissenschaftlichen Gutachtens für das Staatsarchiv Hamburg (StAHH) erstellt wurde. Das vollständige Gutachten ist einsehbar unter: https://www.hamburg.de/contentblob/13462796/1d4b36cbfb9adc7fca682e5662f5854d/data/abschlussbericht-ns-belastete-strassennamen.pdf (zuletzt aufgerufen am 14.4.2020).
2 Friedrich Paul Lichtenauer: Ein Beitrag zur Chirurgie der arteriellen Embolie in den großen Gefäßen der Extremitäten, Diss. Hamburg 1934.
3 Fragebogen Military Government of Germany, ausgefüllt von Dr. Friedrich Lichtenauer, 31.1.1946, in: StAHH, 221-11, M 6212.
4 Ebd.; Kuratorium der Universität Rostock an Staatsministerium, Abt. Unterricht, 19.6.1941, in: Mecklenburgisches Landeshauptarchiv Schwerin, 5.12-7/1, Nr. 2495.
5 Bundesarchiv (BArch), R 9361-VII / IX KARTEI, Karte „Lichtenauer, Friedrich“.
6 Fragebogen Military Government of Germany, ausgefüllt von Dr. Friedrich Lichtenauer, 31.1.1946, in: StAHH, 221-11, M 6212; Fragebogen Action Sheet betr. Friedrich Lichtenauer, 18.7.1946/12.5.1948, in: ebd.
7 Eröffnungsbeschluss NSDAP Gaugericht Mecklenburg, 12.8.1939 (beglaubigte Abschrift von Abschrift), in: StAHH, 221-11, M 6212.
8 Michael Buddrus/Sigrid Fritzlar: Die Professoren der Universität Rostock im Dritten Reich. Ein biographisches Lexikon (Texte und Materialien zur Zeitgeschichte, Band 16), München 2007, S. 162f.
9 Eröffnungsbeschluss NSDAP Gaugericht Mecklenburg, 12.8.1939 (beglaubigte Abschrift von Abschrift), in: StAHH, 221-11, M 6212; Beschluss NSDAP Gaugericht Mecklenburg, 13.6.1940 (beglaubigte Abschrift von Abschrift), in: ebd.; Prof. Dr. med. Walther Fischer an Kollegen, 14.7.1942, in: Universitätsarchiv Greifswald, Med. Fak. I 431.
10 Buddrus und Fritzlar weisen mit Blick auf ein anderes Parteiverfahren in diesem Kontext, das seit 1939 gegen Prof. Otto Voß (Universität Rostock) angestrengt wurde, darauf hin, dass das Oberste Parteigericht zum Schluss kam, „daß hier vor allem betriebsinterne, karrierebezogene Querelen ausgetragen wurden, die durch regionale NSDAP-Dienststellen politisiert worden seien“ (Buddrus/Fritzlar, Professoren, S. 415).
11 Assistenzarzt Dr. Lichtenauer an Mecklenburgisches Staatsministerium, 16.5.1941, in: Mecklenburgisches Landeshauptarchiv Schwerin, 5.12-7/1, Nr. 2495.
12 Fragebogen Military Government of Germany, ausgefüllt von Dr. Friedrich Lichtenauer, 31.1.1946, in: StAHH, 221-11, M 6212.
13 Scheer (Der Reichsminister für Wissenschaft , Erziehung und Volksbildung) an Mecklenburgisches Staatsministerium, Abteilung Unterricht, 28.1.1941, in: Mecklenburgisches Landeshauptarchiv Schwerin, 5.12-7/1, Nr. 2495.
14 Assistenzarzt Dr. Lichtenauer an Mecklenburgisches Staatsministerium, 16.5.1941, in: Mecklenburgisches Landeshauptarchiv Schwerin, 5.12-7/1, Nr. 2495.
15 M. St. Min., Abt. U an Reichsminister für Wissenschaft , Erziehung und Volksbildung, 25.6.1941, in: Mecklenburgisches Landeshauptarchiv Schwerin, 5.12-7/1, Nr. 2495; Mecklenburgisches Staatsministerium, Abteilung Unterricht, an Verwaltung der Rostocker Universitätskliniken, 18.7.1941 (Abschrift), in: ebd.
16 Oberregierungsrat Klitzing (Der Reichsstatthalter in Mecklenburg) an Mecklenburgisches Staatsministerium, Abt. Wissenschaft , Erziehung und Volksbildung, 23.6.1942 (Abschrift), in: Mecklenburgisches Landeshauptarchiv Schwerin, 5.12-7/1, Nr. 2495.
17 Stellvertretender Direktor Prof. Dr. Voß (Chirurg. Universitäts-Klinik Seestadt Rostock) an Meckl. Staatsministerium, Abtlg. Wissenschaft , Erziehung u. Volksbildung, 26.10.1942, in: Mecklenburgisches Landeshauptarchiv Schwerin, 5.12-7/1, Nr. 2495; Krüger (Mecklenburgisches Staatsministerium, Abt. Wissenschaft , Erziehung u. Volksbildung), 28.10.1942 (Abschrift), in: ebd.; Prof. Dr. Voß (Chirurg. Universitäts-Klinik Seestadt Rostock) an Meckl. Staatsministerium, Abteilung Wissenschaft , Erziehung u. Volksbildung, 30.10.1942, in: ebd.
18 Dr. Bergholter (Mecklenburgisches Staatsministerium, Abteilung Unterricht) an Reichsminister für Wissenschaft , Erziehung und Volksbildung, 4.6.1940, in: Mecklenburgisches Landeshauptarchiv Schwerin, 5.12-7/1, Nr. 2495; Dekan Wachholder ( Medizin ische Fakultät der Universität Rostock) an Kuratorium der Universität Rostock, 2.12.1940, in: ebd.
19 Vgl. Prof. Dr. med. Walther Fischer an Kollegen, 14.7.1942, in: Universitätsarchiv Greifswald, Med. Fak. I 431; Dekan an Dr. Friedrich Lichtenauer, 21.1. 1943, in: ebd. Vgl. Universitätsarchiv Greifswald, Med. Fak. II 81M.
20 Fragebogen Military Government of Germany, ausgefüllt von Dr. Friedrich Lichtenauer, 31.1.1946, in: StAHH, 221-11, M 6212. Zur Medizin in Stettin bis 1945, mit wenigen Hinweisen zum Schicksal jüdischer Ärzte : Joanna Nieznanowska: Worlds Unexplored. Medicine in Stettin, 1800-1945, in: Nils Hansson/Jonatan Wistrand (Hg.): Explorations in Baltic Medical History, 1850-2015 (Rochester Studies in Medical History, Band 44), Rochester, NY/Woodbridge, Suffolk 2019, S. 63-86.
21 Erklärung Dr. jur. Wolfgang Praetorius (Oberverwaltungsrat u. k. Stadtrat), Lübeck, 26.1.1946 (Abschrift), in: StAHH, 221-11, M 6212.
22 Erklärung J.J.F. van Bergh, 28.3.1946 (beglaubigte Abschrift von Abschrift), in: StAHH, 221-11, M 6212.
23 Vgl. Geraldien von Frijtag Drabbe Künzel: Das Gefängnislager Amersfoort, in: Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.): Terror im Westen. Nationalsozialistische Lager in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg 1940-1945 (Reihe Geschichte der Konzentrationslager 1933-1945, 5), Berlin 2004, S. 73-100.
24 Nationaal Monument Kamp Amersfoort, Transportlisten vom 21.1. und 23.3.1944, Transportkarten Nr. 825, 970, 1754.
25 Fragebogen Action Sheet betr. Friedrich Lichtenauer, 18.7.1946/12.5.1948, in: StAHH, 221-11, M 6212.
26 Klinik-Chef in Schlucht gestürzt, in: Hamburger Abendblatt, 13.10.1969, S. 5; Prof. Lichtenauer gestorben, 13.10.1969, in: Die Welt, 13.10.1969, in: StAHH, 731-8, A 761 Lichtenauer, Friedrich; Prof. Lichtenauer wird 60, in: Die Welt, 9.3.1968, in: StAHH, 731-8, A 761 Lichtenauer, Friedrich.
27 Die Welt, 15.10.1969, in: StAHH, 731-8, A 761 Lichtenauer, Friedrich.
28 Rita Bake: Ein Gedächtnis der Stadt. Nach Frauen und Männern benannte Straßen, Plätze, Brücken in Hamburg. Band 1: Überblick und Analyse, hg. von der Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg 2015, S. 164.
 

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Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand August 2021: 880 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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