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Karl Himstedt

(4.4.1887 Hannover – 30.9.1969)
Schulleiter, Kreisschulrat in Harburg
Bonusstraße 22 Hamburg-Harburg (Wohnadresse 1939)

Dr. Hans-Peter de Lorenz verfasste dieses Profil für sein Buch: Täterprofile Band 2.

Wie schwer es ist, Personen nur nach Daten und formalen Kriterien zu beurteilen, zeigt der Fall Karl Himstedt, der schon im März 1926 in die NSDAP eintrat. Himstedt war schon im August 1930 Leiter der kleinen Volksschule in Rönneburg geworden. In der NS-Zeit wurde er Kreisschulrat in Harburg und erhielt nach 1945 viele positive Leumundszeugnisse. Seine frühe Parteimitgliedschaft sowie die Funktionen in der NSDAP und im NSLB belasteten ihn schwer und führten zur Internierung im Lager Neumünster. Im Entnazifizierungsverfahren mussten dann die positiven Rückmeldungen über Karl Himstedt mit seiner formalen Belastung konfrontiert werden.

Karl Himstedt wurde am 4.4.1887 in Hannover geboren. Sein Vater war dort Eisenbahn-Werkführer. Himstedt besuchte von 1893 bis 1901 die Volksschule in Hannover, anschließend die dortige Präparandenanstalt. Danach ging er in Verden an der Aller auf das Lehrerseminar und legte im Februar 1907 die erste Lehrerprüfung ab. Die zweite Lehrerprüfung bestand er 1911 in Uelzen, nachdem er in der Dorfschule Lefitz bei Clenze im Kreis Lüchow beschäftigt gewesen war. Anschließend arbeitete er in Zasenbeck bei Lüneburg. In seinem handgeschriebenen Lebenslauf wies Himstedt darauf hin, dass er „gleichzeitig in der Jugendpflege und als erster Turnwart im Männerturnverein Clenze tätig war, im Nebenamt auch an der ländlichen und an der gewerblichen Berufsschule.“1

Seine Lehrerarbeit in Zasenbeck war verbunden mit der dortigen Organistenstelle.2

Zu Beginn des Krieges verwaltete Karl Himstedt parallel zwei Dorfschulen, bis er im Juni 1915 selbst „ins Feld rückte“, wie er schrieb.3

Im Kriegsdienst hatte er „den Vormarsch in Polen und Russland mitgemacht“ und „nach Beendigung der Offensive an der Ostfront an der Westfront gekämpft“. Ein siebenmonatiger Lazarettaufenthalt beendete 1917 seinen Kriegseinsatz.4

Seit 1919 war Karl Himstedt verheiratet und bekam mit seiner Frau zwei Söhne. 1930 bewarb sich Karl Himstedt an der Schule Rönneburg bei Harburg als erster Lehrer und Schulleiter, „wegen seiner Söhne“ wollte er in der Nähe einer Stadt wohnen. Zum 1.8.1930 erhielt er die Stelle in Rönneburg.5

Über seine Parteimitgliedschaft schrieb Karl Himstedt im späteren Entnazifizierungsverfahren: „Am 1.3.1926 wurde ich Mitglied der NSDAP unter der Nummer 31276. Die NSDAP hielt ich für die Partei, der es gelingen würde, Deutschland aus der politischen und wirtschaftlichen Not zu retten. Ich war lediglich nominelles Mitglied. 1930 forderte die Partei von mir Aktivität. Da ich neben meiner Arbeit in der Schule und im Lehrerverein ihr nicht dienen konnte, kam es zwischen mir und der Partei zu Differenzen. Von 1920–1933 war ich Vorsitzender eines Lehrervereins, Mitglied des Bezirkslehrerrates bei der Regierung in Lüneburg, Leiter einer Arbeitsgemeinschaft zur Vorbereitung auf die zweite Lehrerprüfung und als solcher Mitglied des Prüfungsausschusses für die zweite Prüfung. Da ich diese Tätigkeit nicht aufgeben oder einschränken wollte, trat ich am 1.10.1931 aus der Partei aus. Im Juni 1933 kam die Gleichschaltung der Lehrervereine im NSLB. Unser Lehrerverein wurde ein Abschnitt des Kreisvereins. Aus dem Vorsitzenden wurde ein Kreishauptstellenleiter, ohne daß eine besondere Ernennung stattfand. Im Juni 1933 trat ich wieder in die NSDAP ein, ich erhielt die Nummer 2625240.“6

Karl Himstedt wurde dann am 13.10.1934 zum Rektor in Harburg-Wilhelmsburg ernannt und war vorgesehen für eine Stelle im Schulaufsichtsdienst. Die Bewährung als Rektor war Voraussetzung dafür, ihm eine kommissarische Stelle als Schulrat in Harburg zu übertragen. Himstedt hatte sich offenbar bewährt und wurde zum 1.10.1935 vertretungsweise mit der Verwaltung des Schulaufsichtskreises Harburg betraut. In einem Bericht vom 2.4.1936 über diese kommissarische Arbeit wurde festgestellt: „Himstedt arbeitet in engster Verbundenheit mit der NSDAP. Im Schreiben der Gauleitung wird erneut bezeugt, dass gegen Himstedt in politischer Hinsicht keine Bedenken bestehen.“7

Im Befähigungsbericht vom 31.3.1936 schrieb Regierungs- und Schulrat Behrens:

„Er führt dieses Amt nunmehr ein halbes Jahr. Da er als Lehrer nur an wenig gegliederten Schulen gearbeitet hatte und darauf nur ein Jahr hindurch die Leitung einer 8-klassigen Volksschule in Harburg-Wilhelmsburg geführt hat, waren ihm wesentliche Teile der Verwaltungsarbeit zunächst nicht geläufig. Seine Berichte haben an Zuverlässigkeit, Sicherheit und Bestimmtheit ständig gewonnen und können nunmehr als ausreichend bezeichnet werden.“ Himstedt habe sich „erneut als tüchtiger Schulmann erwiesen. Wo immer er in dem Unterricht eingegriffen hat, hat er den Lehrern und Lehrerinnen durch seine Gabe, mit Kindern umzugehen und durch sein Unterrichtsgeschick, gute Vorbilder für ihre erziehliche und unterrichtliche Arbeit gegeben.“ Es habe sich allerdings auch gezeigt, „dass der Kreisschulrat die Aufgabe, den Lehrern Beispiel und Anregung zu geben, noch einseitig bevorzugte, dass er aber die andere Aufgabe, nüchtern zu prüfen, ob und wie weit jeder Lehrer seine Pflicht getan, welche Ergebnisse seine Arbeit erzielt hat, in welchem Maße die Schule im ganzen ihren Aufgaben gerecht geworden und auch rein äußerlich alles in Ordnung ist, zu sehr in den Hintergrund hat treten lassen.“8

Im Weiteren hieß es: „Das Verhältnis Himstedts zu seiner Lehrerschaft ist das eines freundlichen und gütigen Führers, der gern bereit ist, das vorhandene Gute anzuerkennen und zum wachsen zu bringen, der aber auch schon gelernt hat, dass Schlechtes beschnitten und unterdrückt werden muss.“

Abschließend schlug Regierungsrat Behrens vor, Himstedt endgültig zu bestellen, sein Hinweis: „Unter den Schulleitern sind Männer von besonderer Tüchtigkeit und auch Männer von lebhaftem Temperament und starkem Geltungsbedürfnis. Der Kreisschulrat, der hier erfolgreich nicht nur das Vorhandene bewahren, sondern auch in die Zukunft hinein Neues gestaltend wirken will, muss außer einem tieferen und umfangreichen Fachwissen und reichen pädagogischen Können, hervorragende organisatorische Fähigkeiten besitzen. Er muss überdies, wenn er, wie bei Himstedt der Fall, aus der Reihe der dortigen Schulleiter hervorgegangen ist, eine besonders starke und überlegene Führernatur sein.“9

Am 12.12.1936 wurde Karl Himstedt dann endgültig Kreisschulrat für Harburg I.10

Vorher hatte Himstedt noch einmal aufgeschrieben: „Vom völkischen Schutz- und Trutzbund bin ich im März 1926 zur NSDAP gekommen.“ Er war Kreisamtsleiter der Kreisleitung der NSDAP Harburg.“11

1945 sah es für ihn dann alles ganz anders aus. Am 22.5.1945 wurde Karl Himstedt vom Dienst entbunden, weil er bereits vor dem 1.4.1933 NSDAP-Mitglied gewesen war. Am 18.6.1945 wurde er auf Anordnung der Britischen Militär regierung entlassen, am 7.5.1945 in Haft genommen und dann im Internierungslager Neumünster verwahrt.12

Über seine Ämter in der NSDAP und in NSLB schrieb Himstedt im Entnazifizierungsverfahren:

„Da die politische Leitung der Lehrerschaft Aufgabe der Kreisamtsleiter war, beschränkte sich meine Vereinsarbeit seit 1933 auf die berufliche Weiterbildung der Kollegen und Kolleginnen. In einer Reihe von Arbeitsgemeinschaften habe ich der Lehrerfortbildung, die mir seit meiner Ernennung zum Schulrat besonders am Herzen lag, gedient. Als Harburg 1938 nach Hamburg kam, konnten wir uns hier in Harburg auf die Arbeit in Heimatkunde, Biologie (Schulgarten) und Leibesübungen beschränken, denn Hamburg hatte die Lehrerfortbildung zentralisiert und hervorragend ausgebaut.

1942 wurde der NS-Lehrerbund aufgelöst. 1943 wurde ich mit der Vertretung des im Osten gefallenen Kreisschulungsleiters Bremer beauftragt. Da die Schulung zu der Zeit schon ruhte (keine Redner, keine Versammlungsräume, keine Zuhörer wegen der stetig zunehmenden Alarme), habe ich in dieser Dienststellung keine Arbeit gehabt. Im Sommer 1943 setzte dann im verstärkten Maße die Kinderlandverschickung ein, für die ich in engster Zusammenarbeit mit dem Beauftragten der Schulverwaltung, dem Oberstudienrat Dr. Sahrhage bis zum Ende des Krieges in meinem Kreise tätig war.“13

Karl Himstedt war 21 Monate in der Internierung und konnte erst danach das Entnazifizierungsverfahren absolvieren.

Zwischenzeitlich verwendete sich ein ehemaliger Mitarbeiter von Karl Himstedt in einem Schreiben an den Kommandanten des Internierungslagers Neumünster für Himstedt. Ernst Tausendfreund schrieb: „Ich bin ehemaliger politischer Gefangener, Ausweisnummer des Komitees 3171. Ich war zehn Jahre bei der Schulverwaltung in Hamburg-Harburg tätig, wurde von einem Mitarbeiter denunziert, am 30. August 1944 von der Gestapo verhaftet, in Untersuchungshaft gebracht und vor das Hamburger Sondergericht gestellt. Meine Anklage lautete auf Wehrmachtszersetzung und Feindbegünstigung.

Mein Vorgesetzter, der damalige Schulrat Himstedt, hat nichts unversucht gelassen, um mich aus der Untersuchungshaft zu befreien. Seine Eingabe im Dezember 1944 an den Generalstaatsanwalt war von Erfolg. Am 21. Dezember 1944 wurde ich aus der Haft entlassen und mein Fall von dem Sondergericht an das Oberlandesgericht zur Aburteilung überwiesen. In der Hauptverhandlung am 6. März 1945 haben alle von der Staatsanwaltschaft geladenen Belastungszeugen unter Einfluss des Himstedt zu meinen Gunsten ausgesagt, so dass der Staatsanwalt selbst meine Freisprechung beantragte. Ich bin Herrn Himstedt zu großem Dank verpflichtet und wäre Ihnen, Herr Kommandant, dankbar verbunden, wenn Sie Himstedt aus der Haft entlassen würden. Jedenfalls würde dieses keinen Unwürdigen treffen.“14

Für Karl Himstedt setzte sich nach dessen Entlassung aus der Internierung auch Oberschulrat Fritz Köhne ein:

„Herr Himstedt war ein tüchtiger Schulmann, dem das Wohl der Schule, ihrer Kinder und Lehrer sehr am Herzen lag. Mit seinem lebendigen Temperament lehnte er die Machtansprüche der Partei und HJ an die Schule ab. Im persönlichen Umgang war er sehr angenehm und trat nie als aktiver Nationalsozialist in Erscheinung. In seinem Wort und Wesen war er offen und ehrlich, von anständiger Gesinnung und warmherziger Hilfsbereitschaft. Nichtparteimitgliedern im Schulratskollegium und in der Lehrerschaft seines Kreises stand er unvoreingenommen gegenüber und erkannte eine ehrliche Andersmeinung und charaktervolle Leistung ohne weiteres an. Es lag seiner Natur fern, sich über andere zu erheben, zu denunzieren oder sich auf Kosten anderer einen Vorteil zu verschaffen.

Ohne Zweifel hat sich Herr Himstedt zur nationalsozialistischen Idee bekannt, seine natürliche Menschlichkeit und Güte hat er dabei nicht verloren. Er war gewiß kein politischer Kämpfer, sondern nur ein gutgläubiger Mensch, der durch die nationalsozialistische Wirklichkeit zu einer leidvollen tiefen Einsicht gekommen ist.“15

Anders akzentuiert argumentierten die Mitglieder des Beratenden Ausschusses für Oberbeamte, die Oberschulräte Johannes Schult, Karl Hoffmann und Emmy Beckmann: „Herr Himstedt hat sich, wie durch Nachfrage insbesondere bei denen, die seine Tätigkeit während der nationalsozialistischen Herrschaft genau kennen, ergeben hat, niemals in parteipolitischem Sinne in seiner Amtsführung betätigt. Er ließ sich nur von sachlichen und menschlichen Erwägungen leiten und handelte objektiv. Aus mehrfachen Vernehmungen, die der Beratende Ausschuss und der Referent der Schulbehörde vorgenommen haben, wird dieser Eindruck bestätigt. Himstedt kann nicht als aktiver Nationalsozialist bezeichnet werden.

Andererseits hat Himstedt sich jedoch gegen die nationalsozialistische Herrschaft niemals auch nur im geringsten gesträubt oder irgendwelche Kritik geübt, war also ein gefügiges Werkzeug. Er macht den Eindruck eines gehorsamen Beamten ohne ausgesprochene eigene Stellungnahme, bietet also nicht die Gewähr, daß er in einer unsicheren politischen Lage als Schützer der Demokratie auftreten würde. Ihn wieder als Lehrer in der Schule zu verwenden, ist nicht tunlich, da er die Gewähr, Kinder im demokratischen Geiste zu erziehen, nicht bietet. Er ist von 1926–1931 und dann wieder von 1933 bis 1945 Mitglied der NSDAP gewesen. Die frühe Mitgliedschaft steht seiner Wiederbeschäftigung im Wege. 1931 ist er nicht aus Überzeugungsgründen ausgetreten, wie er selbst sagt, sondern nur, weil es von der damaligen Regierung verboten war, der Partei anzugehören.

Himstedt ist unter der nationalsozialistischen Herrschaft zum Rektor und dann zum Schulrat ernannt worden. Diese Ernennungen müssen wieder rückgängig gemacht werden. Er ist in den Stand vor 1933 zurückzuversetzen. Damals war er Lehrer und Schulleiter im Kreis Lüneburg.

Seine anständige Gesinnung und sein objektives Verhalten im Dienst lassen es zulässig erscheinen, ihn als Volksschullehrer in den Ruhestand zu versetzen. Er ist 60 Jahre alt. Der Beratende Ausschuß schlägt vor, ihm unter Entbindung von jeder Dienstleistung das Ruhegehalt als Volksschullehrer zuzubilligen.“16

Interessant dabei auch, dass Himstedt vor dem Beratenden Ausschuss den wahren Grund für den Austritt aus der NSDAP 1931 zugab, nämlich das damalige Verbot für Beamte, dieser Partei anzugehören und keine Differenzen vorschob, wie in seiner zitierten schriftlichen Erklärung.

An den Berufungsausschuss 3 gewandt, hatte OSR Schult am 15.4.1948 noch einmal bekräftigt: „Die Schulbehörde kann Himstedt nicht wieder verwenden. Seine langjährige Mitgliedschaft in der NS-Bewegung schon vor 1933 zeigt, daß er Nationalsozialist ist, und es ist nicht anzunehmen, daß er seine Haltung inzwischen aufgegeben hat. Seine Versetzung in den Ruhestand im Range eines Volksschullehrers kann jedoch befürwortet werden.“17

Mit leichter Verbitterung schrieb Karl Himstedt am 11.11.1948 an das Sekretariat des Staatskommissars für die Entnazifizierung, mit dem Ziel, wieder eingestellt zu werden: „Meine ganze Arbeit gehörte immer der Schule und der Jugend. Ich möchte daher wieder in der Schule tätig sein.“ Und Himstedt wies darauf hin: „Bei meiner geschwächten Gesundheit ließ der Vertrauensarzt des Arbeitsamtes nur leichte Innenarbeit für mich zu, die mir das Arbeitsamt jedoch nicht zuweisen konnte. So bin ich bis heute arbeitslos. Meine wirtschaftliche Lage ist schlecht, besonders jetzt nach der Geldreform. Mein Sohn befindet sich noch in der Berufsausbildung.“18

Unter Vorsitz des für milde Urteile bekannten Dr. Kiesselbach fasste der Berufungsausschuss am 15.12.1948 den Beschluss, Himstedt mit den Pensionsbezügen eines Volksschullehrers in den Ruhestand zu versetzen. Er wurde in Kategorie IV eingestuft. Begründung:

„Himstedt ist insofern belastet als er von 1926–1931 und später wieder ab 1.5.1933 Mitglied der Partei war und von 1933–1942 das Amt eines Kreishauptstellenleiters bekleidet hat. Ihm ist zugute zu halten, daß er nach dem Verbot der Partei ausgetreten ist und daß er bereits seit 1920 Vorsitzender eines Lehrervereins war und als solcher dann auch das Amt des Kreishauptstellenleiters übertragen erhielt. Die vorliegenden Unterlagen ergeben, daß er politisch niemals hervorgetreten ist, sondern sich menschlich, anständig und zurückhaltend verhalten hat. Daß er angesichts seiner Belastung heute nicht mehr als Rektor verwandt werden könnte, ist ihm klar. Der Ausschuß hätte keine Bedenken gehabt, ihn zunächst als Lehrer wieder einzustellen. Da aber in drei Jahren ohnehin das pensionsfähige Alter erreicht sein würde, glaubte der Ausschuß dem Wunsche des Herrn Himstedt, schon jetzt in den Ruhestand zu treten, entsprechen zu können.“19

Mit dem Gesetz zum Abschluss der Entnazifizierung vom 4.7.1953 wurde Karl Himstedt als Entlasteter in Kategorie V überführt. Dr. Otto Hattermann, Schulrat in Harburg, verfasste ein Gutachten über Karl Himstedt:

„Herr Himstedt wurde am 1.10.1934 Schulleiter der Schule Buddestraße 25. Ich selbst unterrichtete damals an der Nachbarschule, Rahmwerderstraße, und lernte Herrn Himstedt persönlich kennen. 1936 wurde Herr Himstedt Schulrat des jetzigen Kreises. Herr H. war wohl überzeugter Nationalsozialist, aber meines Wissens hat er keinem Lehrer geschadet, der der Bewegung skeptisch gegenüberstand. Es sind im Gegenteil Beweise dafür vorhanden, dass er sich schützend vor Kollegen stellte, die aufgrund ihrer Einstellung in Schwierigkeiten gerieten. Er selbst galt als guter Schulpraktiker, der auch die fachlichen Leistungen der Lehrer wohl zu beurteilen wusste. Ich erinnere mich, dass Herr Himstedt als Schulrat den Hauptlehrer Gericke, der der NSDAP nicht angehörte, während des Krieges zum Schulleiter der Schule Buddestraße ernannt hat. Herr H. wusste fachliche Qualitäten der Lehrer zu schätzen und zeigte Verständnis für die Nöte und Schwierigkeiten des einzelnen. In persönlichen Besprechungen war er ein wohlwollender und freundlicher Vorgesetzter. Ich habe den Eindruck, dass Herr Himstedt sein Amt als Schulrat als solider Praktiker wohl ausfüllen konnte und von dem grössten Teil der Lehrerschaft durchaus geschätzt wurde.“20

Daraufhin unterschrieb Landesschulrat Ernst Matthewes eine Stellungnahme der Behörde, Karl Himstedt die Pension eines Rektors zuzubilligen. Die Frage im Formular: „Sind Einstellung, Ernennung oder Beförderungen mit Rücksicht auf enge Verbindung zum Nationalsozialismus vorgenommen?“, wurde verneint.21

Schon kühn, bei jemandem der 1926 in die NSDAP eingetreten war, bei aller Wertschätzung für sein persönliches Verhalten im Umgang mit Andersdenkenden.

Karl Himstedt starb am 30.9.1969.22

Das Profil ist nachzulesen in Hans-Peter de Lorents Buch: Täterprofile, Band 2. Hamburg 2017. Das Buch ist erhältlich in der Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg.

Anmerkungen
1 Personalakte Himstedt, StA HH, 361-3_A 1496
2 Ebd.
3 Ebd.
4 Personalakte a.a.O.
5 Personalakte a.a.O.
6 Entnazifizierungsakte, StA HH, 221-11_X 1701
7 Personalakte a.a.O.
8 Personalakte a.a.O.
9 Personalakte a.a.O.
10 Personalakte a.a.O.
11 Lebenslauf vom 3.11.1934, Personalakte a.a.O.
12 Personalakte a.a.O.
13 Schreiben Himstedts v. 12.6.1947, Entnazifizierungsakte a.a.O.
14 Entnazifizierungsakte a.a.O.
15 Schreiben vom 21.7.1947, Entnazifizierungsakte a.a.O.
16 Entnazifizierungsakte a.a.O.
17 Entnazifizierungsakte a.a.O.
18 Entnazifizierungsakte a.a.O.
19 Entnazifizierungsakte a.a.O.
20 Entnazifizierungsakte a.a.O.
21 Personalakte a.a.O.
22 Personalakte a.a.O.
 

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Erklärung zur Datenbank

Stand November 2021: 900 Kurzprofile und 303 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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