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Behörde für Schule und Berufsbildung

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Landeszentrale für politische Bildung Hamburg

Rudolf Kinau

(1887-1975)
Schriftsteller, Mitarbeiter beim Rundfunk
Nessdeich 190 (Wohnadresse)
Rudolf-Kinau-Allee , Finkenwerder (benannt seit 1977)

Rudolf Kinau war der Bruder Johann Wilhelm Kinau (alias Gorch Fock).

Rudolf Kinau diente sich den Nationalsozialisten an. Er war „‘nicht ein Großtäter, aber ein aktiver Mitläufer‘ der Nazis gewesen, sagt Reinhard Goltz, Leiter des Instituts für Niederdeutsche Sprache in Bremen. ‚Er hat keine Möglichkeit ausgelassen, sich den Herrschenden anzudienen.‘ Goltz erinnert an Kinaus völkische Radiovorträge und daran, dass Kinau mit anderen dazu aufrief, den SA-Treueschwur ins Plattdeutsche zu übersetzen.“ [1] Zur 700-Jahrfeier von Finkenwerder, deren Schirmherrschaft die NSDAP übernommen hatte, schrieb Rudolf Kinau das Stück „Wir marschieren mit der neuen Zeit“.

Kay Dohnke schreibt in seinem Aufsatz „‘Ik stäk dei Fahn ut‘ Verhaltensweisen niederdeutscher Schriftsteller im Nationalsozialismus“ über Rudolf Kinaus Verhalten im Nationalsozialismus: „Es gibt keine Zweifel: mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft spürten Niederdeutsche Bewegung wie plattdeutsche Literaten Morgenluft. In einer Vielzahl von Äußerungen bekundeten sie freudige Zustimmung und hohe Erwartungen an die künftige Kulturpolitik (…). Hugo Sieker stellte das ‚Jahr der nationalen Erhebung‘ sogar als Kulminationspunkt der gesamten niederdeutschen Bewegung dar (…). Neben diesen offiziellen bzw. offiziösen Verlautbarungen entschlossen sich – soweit heute feststellbar: ohne Zwang – auch plattdeutsche Schriftsteller, ihre Sympatien mit den  zu erwartenden Änderungen in Politik und Kultur publik zu machen, so der aufgrund seiner Bekanntheit als Integrationsfigur anzusehende Rudolf Kinau (‚uns‘ Hus is fein in de Reeg.‘ Kinau 1933).“ [2]

Rudolf Kinau gehörte zu den wenigen plattdeutschen Berufsautoren. Diese, so Kay Dohnke weiter, „konnten allein schon aus wirtschaftlichen Gründen den Bedarf an system-affirmativen Texten nicht grundsätzlich ignorieren, wenn es auch (…) andere Möglichkeiten einträglicher literarischer Produktion gab. Insofern darf etwa bei der Betrachtung von Rudolf Kinaus ideologischem Engagements die ökonomische Komponente nicht alleiniger Maßstab (und damit Rechtfertigungsgrund) für seine bereitwillige und vielgestaltige Kooperation mit den Nazis sein. Gerade die frühen Verlautbarungen von Autoren wie Funktionären lassen noch verhältnismäßig direkte Einschätzungen ihrer politisch-ideologischen Standorte zu, da die Zensur- und damit Lenkungsmaßnahmen späterer Jahre noch nicht ausgebaut waren und der äußere Anpassungsdruck relativ gering veranschlagt werden kann (…).“ [3]

Rudolf Kinau trat auch oft bei kulturellen Veranstaltungen der NSDAP und ihrer Organisationen auf. Dazu Kay Dohnke: „Es zeigt sich: plattdeutsche Schriftsteller waren schon früh rege an kulturellen Veranstaltungen der NSDAP beteiligt und gliederten sich in die Selbstinszenierungspraxis der Nationalsozialisten ein., Inwieweit sie sich ihrerseits – etwa aus wirtschaftlichen Gründen – darum bemühten, ist ebensowenig geklärt wie die Frage, ob seitens der NSDAP aus populistischen Erwägungen gezielt angesehene Autoren mit zugkräftigen Namen umworben wurden. Von einem Zwang zur Mitarbeit ist angesichts der großen Präsenz prominenter Schriftsteller und dem Fehlen anderer, weniger bekannter Autoren jedoch nicht auszugehen.“ [4]

Rudolf Kinau verfasste nicht nur eine große Anzahl von Büchern, er war auch im Rundfunk zu hören, so zum Beispiel in den Sendereihen "Fief Minuten gooden Wind", "Sünnschien up `n Weg" und "Hör mal`n beten to". Zu seiner Rundfunkarbeit während der Zeit des Nationalsozialismus äußert Kay Dohnke: „Hinsichtlich seiner Rundfunkarbeit könnte sich Kinau aus wirtschaftlichen Gründen zu Zugeständnissen gezwungen gesehen haben. Sein Entwurf zur Übertragung des SA-Treueschwurs muß aber als freiwilliger Beitrag gewertet werden.“ [5]

Reinhard Goltz hat sich in seinem Aufsatz „Der Gott der Heimat, der beste Kamerad und der geschaßte Gewerkschafter“ mit den drei Kinau Brüdern beschäftigt. Hier schreibt er über Rudolf Kinau und dessen Verhältnis zum Nationalsozialismus: „Anfang der 30er Jahre galt Kinau bereits als einer der erfolgreichsten und beliebtesten plattdeutschen Erzähler. Als Vorbedingung für Rudolf Kinaus weiteres Verhalten muß festgestellt werden, daß er 1932 seinen bürgerlichen Beruf aufgab, um sich einzig der Schriftstellerei zu widmen. Dadurch hatte er sich in eine nicht zuletzt wirtschaftliche Abhängigkeit von den kulturvermittelnden Instanzen wie Theater, Rundfunk, Verlage und auch den zumeist kleineren regionalen Organisationen, in deren Hand etwa die Veranstaltung von Lesungen und Unterhaltungsabenden lag, begeben. Auch unter der Überlegung, daß Kinau diese Entscheidung freiwillig und nach reiflicher Abschätzung des Marktes traf, läßt sich aus diesem Schritt doch ableiten, daß er nun zu allererst für seinen Lebensunterhalt schrieb, daß es ihm vor allem darum ging, seine Texte zu vermarkten. Das heißt keineswegs, daß die Inhalte der kinauschen Schriften der Nazi-Zeit zu relativieren seien. Allerdings erscheint es unverzichtbar, bei der Bewertung das Umfeld zu berücksichtigen, aus dem heraus diese Texte entstanden sind. (…)

Rudolf Kinau (.) kannte keinerlei Hemmungen, wenn es darum ging, seine Arbeiten publikumswirksam und gemäß der herrschenden politischen Strömung und Stimmung zu verkaufen. (…) Rudolf Kinau und mit ihm zahlreiche Funktionsträger und Autoren in der niederdeutschen Kulturszene, verband handfeste Hoffnungen mit der Machtübergabe an die Nazis. In der ihm eigenen bildhaften Sprache weist er immer wieder auf die veränderten, aus seiner Sicht eindeutig verbesserten Bedingungen hin. (…) Von hier aus war für Kinau der Weg nicht weit, sich offen in den Rahmen und den Dienst nationalsozialistischer Organisationen zu stellen: Für die NS-Frauenschaften etwa formulierte er im Winter 1933/34 einen Aufruf, aus dem (nicht nur aufgrund des einleitenden Possessivpronomens) unzweifelhaft hervorgeht, auf welcher Seite er bei der politischen Auseinandersetzung steht: ‚Uns‘ Dütschland steiht. Dat Groot Reinmoken un Umpacken is to Endn‘ (…). Seine willfährige Einreihung in die Bewegung, von der er glaubte, daß sich seine Vorstellungen von Volkstumsarbeit in ihr und mit ihr Ausdruck finden würden, ist (.) augenfällig. Zahlreiche seiner Lesungen waren organisatorisch an NS-Einrichtungen angebunden. So, wenn Kinau 1934 (…) in einem Zeltlager der Jungvolkführer am Plauer See spricht (…). Am wohl deutlichsten zeigt sich Kinaus Bereitschaft zur Übernahme einer aktiven Rolle in seiner Version für eine plattdeutsche Fassung des SA-Treueschwurs: ‚Ick will to mien’n Führer Adolf Hitler stohn, will em un sien Hölpslüd hoochhooln, un will giern un good allns doon, wat se mi seggt – se ward al nix van mi föddern, wat ick ne doon dött.

Uns Stanners, un Störmflaggen schöl mi jümmer heilig wesen, ick will mi to jeder Tied för jem insetten, un will jem manlef ne verloten.

Ich will mi good upführn un will jümmer wedder wiesen, wat ick `n echten Dütschen un `n fustfasten SA-Mann bün.‘

Wohl kaum kann dieses Zeugnis lediglich als sprachliche Übung oder gar als Beweis für die Leistungsfähigkeit der plattdeutschen Sprache verstanden werden. Bei dem hier demonstrierten Schulterschluß und der Einreihung in die Marschbewegung des Nationalsozialismus ist es letztlich auch von untergeordneter Bedeutung, ob Kinau Mitglied der NSDAP war oder ob (wie er selbst später erklärte) eine solche direkte Verbindung nicht bestand. Entscheidend ist doch die grundlegende Bereitschaft zur aktiven Mitgestaltung im faschistischen Staat, eine Haltung, die sich als explizit unpolitisch versteht und die durchaus nicht untypisch für das Mitläufertum in Massenbewegungen ist. (…)“ [6]

Laut seines Entnazifizierungsfragebogens trat Kinau nicht der NSDAP bei. Er war von 1940 bis 1943 Mitglied der NSV, von 1940 bis 1945 Mitglied im Reichskolonialbund und Mitglied der Reichskulturkammer von 1936 bis 1945. Am 1.9.1942 zeichnete ihn die Reichskulturkammer für seine kulturelle Leistung mit dem Kriegsverdienstkreuz 2. Kl. aus. [7]

„Von 1937 bis 1939 lieferte er für die teilweise reichsweit ausgestrahlten, von der Hitler-Jugend und dem nationalsozialistischen Lehrerbund sonntäglich veranstalteten Morgenfeiern zumeist moralisierende Reflexionen über Wertbegriffe (wie Treue, Freundschaft, Ehre, Befehlen und Gehorchen) oder über beispielhafte Alltäglichkeiten. Die Zielrichtung war dabei eindeutig vorgegeben, ging es doch um die Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu linientreuen Mitgliedern des faschistischen Staates. (…)

Aus dieser Zuordnung leitet sich aber auch ab, daß sich Kinaus Streben nach Ausgleich nur zum Teil mit den aggressiven Vorstellungen nationalsozialistischer Denkweisen deckte. Rudolf Kinau erweist sich in seinen Schriften als schlicht denkender, oftmals naiver National-Konservativer, dem vor allem auch die Rollenzuteilung des einzelnen (von den Familienstrukturen bis hin zum Staatswesen) fest und unveränderbar sind. Dies ist die Plattform, aufgrund derer sich Kinau von nationalsozialistischen Apparaten instrumentalisieren ließ, denn hinsichtlich der moralischen Ausrichtung, der Werte und Normen, die bei der Erziehung Jugendlicher vorrangig berücksichtigt werden sollten, fügten sich seine eigenen Vorstellungen sehr wohl in die Maßgaben des faschistischen Staates.

Dennoch aber muß ebenso unmißverständlich herausgestellt werden, daß heutige Wertungen mit Vorsicht und Bedacht vorgenommen werden müssen. Denn bei aller fragwürdigen Moral und bei allen eindeutig nationalsozialistisch ausgerichteten Zusammenhängen, in die seine Publikationen sich einreihen, fällt auf, daß Rudolf Kinau Wörter wie Juden oder Rasse – und damit höchst akute Themenbereiche – vermied. Anders als die Mehrzahl der während der Nazi-Zeit besonders erfolgreichen (plattdeutschen) Autoren beschränkte er sich gänzlich auf eine Innenschau: beschrieben wird das Verhalten in der abgeschlossenen eigenen Gruppe, Außenstehende bleiben unerwähnt, Übergänge in die Außenwelt sind nicht vorgesehen. Daß dieses Verhalten keineswegs als unpolitisch zu werten ist, braucht an dieser Stelle nicht besonders betont zu werden. Aber es zeigt auch, daß Kinaus Anpassungsbereitschaft offenbar doch Grenzen gesetzt waren.“ [8]

Zu seiner Entnazifizierung verfasste Rudolf Kinau am 6.11.1945 einen Text, der seine Einstellung zum Nationalsozialismus deutlich machen sollte. Dieser Text, der nicht an eine Stelle adressiert ist, liegt seinen Entnazifizierungsunterlagen bei.

„Ich bin am 23.3.1887 auf der Insel Finkenwärder bei Hamburg geboren, habe dort acht Jahre lang die Volksschule besucht, bin zwei Jahre als Knecht bei einem Elbfischer gewesen, und vier Jahre als Junge und als Bestmann bei einem Seefischer, habe dann Steuermannsexamen gemacht, habe ein Jahr (von 1908-1909) bei der Marine gedient, und bin dann als Schreiber (Kontorist) in eine Hamburger Fischfirma eingetreten, wo ich – mit Unterbrechung durch den Krieg (1914-18) – bis zum Frühjahr 1931 blieb. Dann machte ich mich von der Fischfirma frei und legte mich ganz auf das Geschichtenschreiben und Vorlesen. Seit Herbst 1932 wohne ich als freier Schriftsteller und Erzähler auf Finkenwärder.

Meine erste plattdeutsche Kurzgeschichte schrieb ich im Sommer 1910, als Nachruf für meinen gefallenen Bruder Johann Kinau (Gorch Fock). Dann kamen in rascher Folge meine plattdeutschen Bücher: 1917 ‚Steernkiekers‘, 1918 ‚Blinkfuer‘, 1919 ‚Thees Bott‘, 1920 ‚Lanterne‘, 1921 ‚Strandgoot‘, 1923 ‚Muscheln‘, 1925 ‚Dörte Jessen‘, 1927 ‚Hinnik Seehund‘, 1932 ‚frische Fracht‘.

Neben dem Schreiben und Dichten lief während der ganzen Zeit auch schon das Vorlesen und das freie Erzählen aus diesen Büchern. Die Einladaungen dazu kamen aus allen Kreisen und Schichten. Am 14.9.1918 hatte ich meinen ersten Erzählabend in Cuxhaven (Guttemplerloge), und am 30.1.1933 – am Tage der ‚Machtergreifung‘ durch die Nazis – hatte ich meinen 1015. Abend in Bergen bei Celle (Vaterländischer Frauenverein).

Mit Politik hatte ich mich nie befaßt. Auch gegen die neue ‚Partei‘ blieb ich mißtrauisch und ablehnend. An den Wahlen hatte ich mich nicht beteiligt oder hatte mit ‚nein‘ gestimmt. Ich wollte keine fremde, süddeutsche Diktatur, ich wollte als norddeutscher Fischersohn ein freier Mensch und ein Freund der Seefahrt bleiben. - - So vermied ich so lange es nur ging den fremden ‚deutschen Gruß‘. So setzte ich bis zum letzten Tage, an dem noch beide Flaggen gezeigt werden durften, immer nur die als ‚norddeutsche‘ Flagge, schwarz-weiß-rot. – Und so lehnte ich auch die ersten Einladungen der Hamburger ‚Ortsgruppen‘, ihnen einen niederdeutschen Abend zu geben, schlankweg ab. Erst als mir versichert wurde, daß ich ganz wie bisher – ohne jede Einschränkung und Abänderung – nur meine kleinen humorvollen und unpolitischen Geschichten erzählen dürfte, willigte ich zögernd ein. Am 11.8.1933 las ich das erste Mal auf der ‚Ortsgrumme Dammthor‘ aus meinen Büchern. Nach und nach kamen nun immer mehr Anfragen und Einladungen auch aus den Gliederungen der Partei, und ich gab – wenn auch nur ungern und widerwillig – nach. Blieb aber immer bei meinem Grundsatz: ich habe mit der Partei und mit der Veranstaltung weiter nichts zu tun, ich erzähle nur – als bezahlter Unterhalter – meine eigenen kleinen Geschichten.

Im Sommer 1934 bekam ich auf Veranlassung des Reichssenders Hamburg, bei dem ich vor und nach der ‚Machtübernahme‘ in zahlreichen Hörfolgen und Hörspielen mitgewirkt hatte, eine Einladung aus Berlin, an einem Sommerlager der Reichsjugendführung in Landeck (Baden) teilzunehmen. Ich schrieb sofort zurück, ich wäre 47 Jahre alt und gehöre weder der H.J. noch der Partei an, - erhielt aber umgehend schriftlich von Berlin und fernmündlich aus Hamburg den Bescheid: ich möchte doch wenigstens ein paar Tage als Gast und als vollkommen freier Mann zu ihnen kommen. – Ich ließ mich – hauptsächlich durch das Zureden von Dr. Böttcher (am Reichssender Hamburg) breitschlagen und fuhr für fünf Tage nach Landeck. – Aber auch diese fünf Tage bei den damaligen ‚Leitern des Kulturamtes der Hitler-Jugend‘ bestärkten mich nur in meiner Ablehnung der Partei und in meiner bangen Vorahnung: Unsere Jugend steuert unter Adolf Hitler einen gefährlichen, einen falschen Kurs, und muß – früher oder später – irgendwo an den Klippen stranden.

Hellwach kam ich nach Hause und nahm mir fest vor, diese deutsche Jugend von nun an zu warnen und wieder auf den rechten Weg zu helfen, damit sie bei all ihrer Begeisterung für das verlockende Neue doch eine heilige Ehrfurcht für das gute und gesunde Alte und einen klaren Blick für die gefahrvolle Zukunft behält.

So entstanden meine hochdeutschen ‚Morgenfeiern‘ mit den tiefen und ernsten Fragen: ‚Könnt Ihr noch beten? – Wißt Ihr, was Heimweh ist? – Wißt Ihr, was Arbeit bedeutet? – Kennt Ihr den wahren Wert des lebens? – Habt Ihr auch im Kleinen den richtigen Mut? – Könnt Ihr neben dem Befehlen auch wirklich gehorchen? – Wißt Ihr, was Kameradschaft fürs Leben bedeutet‘? Und mit den vielen versteckten Ermahnungen: ‚Achtet auf den Weg! – Bleibt einfach und schlicht! – Hört auf Eure Eltern!‘

Diese kleinen Ansprachen in den sogenannten Morgenfeiern fanden überall großen Anklang, am meisten wohl bei den stillen Gegnern der Partei. Viele Freunde und Bekannte haben damals meinen Mut bewundert, daß ich der ‚Hitler-Jugend‘ so frei und offen ins Gewissen reden mochte. Viele Eltern haben sich bei mir bedankt: ‚Endlich einer, der unsern Kindern mal wieder die Wahrheit sagt!‘ - - Aber auch die Jugend selbst – besonders wohl die wirklich gesund und rein gebliebene Jugend horchte auf und verlangte nach mehr von diesen Dingen.

Im Frühjahr 1939 wurden neun meiner Ansprachen zu einem kleinen Band ‚Kamerad und Kameradin‘ zusammengefaßt. Im Sommer 1940 folgte ‚Ein fröhlich Herz‘. – Beide Bücher erlebten trotz des Krieges ein e hohe Auflage, obwohl sie beide keine Kriegsbücher sind und – wie ihr Verfasser – innerlich gegen den Nationalsozialismus stehen.

Während des Krieges 1939 bis 1945 habe ich auch weiterhin in fast tausend Veranstaltungen – besonders in Nordwestdeutschland – den Soldaten Unterhaltung und Besinnung, den verwundeten Trost und Erbauung, und der Jugend Anregung zum Besinnen und zum Nachdenken gebracht.

In  den letzten fünf Monaten des Krieges war ich noch selber wieder zur Marine eingezogen und machte in Wilhelmshaven ‚Wehrbetreuung‘ - - immer noch und immer wieder: nur mit meinen eigenen Kurzgeschichte.

Mein sehnlichster Wunsch nach dem Zusammenbruch der mir so fremden ‚N.S. – Weltanschauung‘ war und bleibt:
Wieder mithelfen zu dürfen am Aufbau
Einer einfachen und echten Kultur.“ [9]

Am 23.6.1947 teilte der Fachausschuss Nr. 7 für die Ausschaltung von Natiuonalsozialisten mit, dass Kinau politisch unbelastet ist. [10]

Rudolf Kinau schrieb 33 Bücher, auch Hörspiele und Theaterstücke. 1962 erhielt er den Fritz-Reuter-Preis und 1973 wurde ihm das große Bundesverdienstkreuz verliehen.

Quellen:
1 www.ln-online.de/Nachrichten/Kultur/Kultur-im-Norden/Wenn-alte-Namen-neue-Zweifel-wecken
2 Kay Dohnke: „Ik stäk die Fahn ut“. Verhaltensweisen niederdeutscher Schriftsteller im Nationalsozialismus. In: Kay Dohnke, Norbert Hopster, Jan Wirrer (Hrsg.): Niederdeutsch im Nationalsozialismus. Studien zur Rolle regionaler Kultur im Faschismus. Hildesheim 1994, S. 297.
3 Kay Dohnke, a. a O., S. 300.
4 Kay Dohnke, a.a.O., S. 305.
5 Kay Dohnke, a. a. O., S. 330, Anmerkung 18.
6 Reinhard Goltz: Der Gott der Heimat, der beste Kamerad und der geschaßte Gewerkschafter. Die Schriftsteller Johann, Rudolf und Jacob Kinau in der Nazi-Zeit. In: Kay Dohnke, Norbert Hopster, Jan Wirrer (Hrsg.): Niederdeutsch im Nationalsozialismus. Studien zur Rolle regionaler Kultur im Faschismus. Hildesheim 1994, S. 366-369.
7 Staatsarchiv Hamburg 221-11, Ed. 8246
8 Reinhard Golz, a. a. O., S. 375-376.
9 Staatsarchiv Hamburg, a. a. O.
10 Ebenda.
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Februar 2019: 716 Kurzprofile und 276 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startet online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen, wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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