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Hermann Trog

(30.5.1893 in Steele - 23.12.1976)
Leiter des Staatlichen Studienseminars II in Hamburg
Wohnadresse: Holbeinstraße 8 ( Altona, 1938)

“This man’s attitude is apparently still typically Nazi.”

Hermann Trog war ein ambitionierter Pädagoge, Dr. phil und Dr. theol, Studienrat am Christianeum, in der Lehrerausbildung tätig, erst in Altona, später Leiter des Studienseminars in Hamburg, nachdem er zuvor in die SS eingetreten war. Weitestgehend unbekannt und von ihm im Entnazifizierungsverfahren verschwiegen war, dass er sich bereits seit Ende 1935 im Sicherheitsdienst (SD) der SS betätigte, für den er geheime Berichte insbesondere über Geschehnisse im Bildungsbereich schrieb.

Hermann Trog wurde am 30.5.1893 in Steele (Kreis Essen) als Sohn des Oberpostsekretärs Rudolf Trog geboren und, wie er in seinem Lebenslauf schrieb, „im evangelischen Glauben erzogen." (1) Er besuchte in Wesel die Grundschule, danach das Gymnasium, das er Ostern 1914 mit der Reifeprüfung abschloss.

Trog begann ein Theologiestudium in Marburg. Ein gravierender Lebenseinschnitt folgte bald darauf. Trog hielt fest: „Bei Kriegsausbruch trat ich in das Heer ein, wurde im Mai 1915 in Galizien verwundet und rückte nach meiner Wiederherstellung ins Feld. Im Juni 1916 verlor ich vor Verdun als Leutnant der Reserve mein linkes Bein." (2)

Zum Sommersemester 1917 konnte Hermann Trog weiter studieren in München, Rostock und Kiel, wo er in Deutsch und Religion das Staatsexamen ablegte. Im Gymnasium Kiel trat er den Vorbereitungsdienst an. Ein Gutachten beschreibt den ersten Eindruck von seiner Lehrerpersönlichkeit: „Er hat dabei natürliches pädagogisches Geschick und großen Eifer, sich die methodische Disziplin anzueignen, an den Tag gelegt. Zur Zeit leidet er noch etwas an einem seiner Natur eigenen, etwas schwerfälligen Wesen und gelegentlicher Befangenheit, wenn andere dem Unterricht beiwohnen. Andererseits bekundet er eine besonders hohe Auffassung seines Berufes und große Liebe zur Jugend, die ausserordentlich an ihm hängt. Dies letztere, verbunden mit seiner unleugbaren Veranlagung zur Einwirkung auf die Jugend, gibt die Gewähr, dass Herr Trog dereinst ein tüchtiger Lehrer werden wird." (3)

Bei seiner Festanstellung 1926 am Gymnasium Altona wurde dann bei der Behandlung von „Meister Eckhart“ im Deutschunterricht vermerkt: „Er zerstreut die Jungen auch durch zu vieles Vorlesen vielfach in seinem Unterricht. Er überschätzt offenbar den Wert solchen bloßen Hörens." (4)

Hermann Trog war ein ehrgeiziger Mann. 1926 promovierte er in Germanistik („Rahel Varnhagen und die Romantik“) und am 27.5.1933 in Jena auch in Theologie. Seine Unterrichtsfächer am Christianeum waren seit 1925 Deutsch, Religion und Geschichte.

Am 1.10.1932 übernahm Hermann Trog die Fachleitung für Deutsch und Religion am Staatlichen Studienseminar in Altona.

Die politische Belastung Trogs war formal nicht unerheblich. Er war Mitglied im NSV, NSKOV, VDA und dem NS-Altherrenbund seit 1933. In die NSDAP trat er am 1.5.1937 ein. (5)

Seit dem 30.1.1941 gehörte Hermann Trog offiziell der SS an, am Ende im Rang eines Hauptsturmführers. Als SS-Mann hatte Trog für den Sicherheitsdienst (SD) gearbeitet und auch im Konflikt am Christianeum offenbar Angaben gemacht, die in der Anklageschrift von Oberschulrat Henze und der Gestapo verwertet wurden. (6)

Augenfällig ist auch, dass die Parteimitgliedschaft, aber insbesondere das Engagement für die SS karrierefördernd war.

Eingeleitet wurde die Beförderung am 25.1.1941 durch ein Schreiben von Oberschulrat Theodor Mühe, der ein Gutachten und die Personalakte erbat, weil „es in Aussicht genommen“ ist, „Dr. Hermann Trog als Leiter eines Studienseminars in Vorschlag zu bringen." (7)

Am 30.1.1941 trat Trog der SS bei, am 3.2.1941 erstellte Schulleiter Hermann Lau ein Gutachten über Trog von Schulleiter Hermann Lau geschrieben und im April 1941 wurde Trog zum Leiter des Staatlichen Studienseminars II in Hamburg ernannt. Dieser Karrieresprung bleibt zu berücksichtigen, wenn Trog nach 1945 begründete, warum er für die SS aktiv geworden war.

Hermann Lau zeigte sich voll des Lobes für Studienrat und Referendarausbilder Hermann Trog und setzte auch ganz bewusst den Akzent auf die NS-Weltanschauung, die bei Trog zum Ausdruck komme: „Jeder Besuch seines Unterrichts gab Einblick in seine reiche Belesenheit und seine große Beherrschung des Stoffes und der Form. Für die Behandlung der Gegenstände und Fragen seiner Fachgebiete bestens ausgerüstet, wusste er seinen Schülern die festen Richtpunkte der Beurteilung von der weltanschaulichen Grundlage des Nationalsozialismus aus zu zeigen. Sein ausgeprägtes ästhetisches Gefühl leitete sie zu eindringender Erfassung und Würdigung künstlerischer Gestaltungen. Auf Anregung und weitgehender Förderung ihrer Selbsttätigkeit war er immer bedacht, ohne etwas von der methodisch sicheren Führung des Unterrichts preiszugeben. Psychologisch geschult, ging er den Begabungsrichtungen und charakterlichen Anlagen seiner Schüler nach und legte seine Beobachtung in Gutachten nieder, die von seinem Glauben an die Entwicklungsmöglichkeiten jugendlicher Menschen zeugen. Erfüllt von den Forderungen des nationalsozialistischen Staates, hat er so durch geistige Anregung und Förderung seinen Schülern viel gegeben."

Anschließend bemerkte Lau noch: „Im Dezember 1940 war er zur Teilnahme an einem weltanschaulichen Lehrgang der SS nach Berlin einberufen." (8)

Der zeitliche Ablauf seines Karrieresprungs weiter: Im Dezember 1940 im weltanschaulichen Lehrgang der SS, am 30.1.1941 SS-Beitritt und danach zum Leiter des Studienseminars II befördert.

OSR Hermann Saß ergänzte dann am 5.2.1941 auf dem Gutachten von Hermann Lau handschriftlich: „Studienrat Trog ist weltanschaulich, wissenschaftlich und pädagogisch in jeder Hinsicht geeignet für die Leitung eines Studienseminars“ und Oberschulrat Albert Henze, neuer starker NS-Mann in der Schulverwaltung, „schließt sich den vorstehenden Ausführungen“ an. (9)

Am 1.4.1941 wurde Trog Leiter des Studienseminars II und nach dem Tod des Leiters des zweiten Studienseminars, Andreas Isberg, übernahm Trog dann die Leitung beider Studienseminare. Im März 1942 wurde er zum Oberstudienrat befördert.

Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft wurde Hermann Trog am 13.6.1945 verhaftet und in das Internierungslager Neumünster gebracht, wo er bis zum 15.4.1946 verblieb.

Am 3.8.1946 füllte er den Entnazifizierungsfragebogen aus. Was Hermann Trog verschwieg, kann in seinem Lebenslauf nachgelesen werden, den er für einen anderen Zweck geschrieben hatte, nämlich für seinen Beitrittsantrag zur SS:

„Seit 1933 bin ich im Dienst der Bewegung tätig, zunächst im Kampfbund für Deutsche Kultur; seit 1934 verwalte ich ein Amt im NSLB und habe außerdem viele Vorträge in Schulungslehrgängen gehalten. Seit Ende 1935 bin ich im SD der SS tätig.“ (10)

In den Ergänzungen zum Fragebogen begründete er seinen Beitritt  zur SS damit, mehrfach zur „ehrenamtlichen Mitarbeit in der SS“ aufgefordert worden zu sein. „In den Formationen habe ich wegen meiner schweren Beschädigung nicht Dienst getan." (11) Seine „ehrenamtliche SS-Mitarbeit“ habe darin bestanden, „Stimmungsberichte (besonders allgemeine Stimmung, Schulen und Hochschulfragen) zu schreiben und in der „Mitarbeit beim Führungsoffizier“. Trog habe „zahlreiche, zum Teil umfangreiche Berichte“ geschrieben und dabei die „gesamte Schul- und Hochschulpolitik ständiger scharfer Kritik unterzogen. Es wurde versucht, die gesamten Argumente der Lehrerschaft, auch des gegnerisch eingestellten Teils, zu erfassen." (12) Da kann man einige Fantasien entwickeln, wie die gegnerischen Positionen dargestellt wurden. Und ein Ergebnis dieser Darstellung war am Christianeum deutlich geworden.

Der Offizier der britischen Militärregierung vermerkt: “This man’s attitude is apparently still typically Nazi. I think this man requires special attention." (13)

Der Beratende Ausschuss für das höhere Schulwesen war ähnlich eindeutig. Am 19.10.1946 stellte er fest: „Als Hauptsturmführer der SS und Leiter des Studienseminars, an dem er die Anwärter in extrem nationalsozialistischem Sinne zu beeinflussen suchte, ist er für die Schule nicht tragbar." (14)

Hermann Trog legte am 19.7.1947 Berufung gegen die Entlassung ein. Über seinen Parteieintritt schrieb er: „Am 1.5.1937 trat ich nach langem Zögern in die Partei ein. Vor 1933 hatte ich als überzeugter Kriegsgegner und Anhänger sozial fortschrittlicher Ideen sozialdemokratisch gewählt, da mir diese Gedanken in dieser Partei am besten vertreten schienen." Er benannte dafür als Zeugen Heinrich Schröder, der keine Stellungnahme zu Trog abgab - sehr ungewöhnlich, wenn man weiß, dass sich Schröder ansonsten ausführlich zu ihm bekannten ehemaligen Kollegen äußerte.

Und Trog erklärte weiter: „Irrtümlicherweise begann ich damals an die Möglichkeit zu glauben, dass Vergünstigungen an die Arbeiterschaft, die Schwerbeschädigten u.s.w. Ausdruck einer vielleicht echten sozialistischen Haltung seien. Irrtümlicherweise begann ich nach den immer wiederholten Friedensbeteuerungen der Regierung besonders im Reichstag und im Anschluss an die Olympischen Spiele 1936 in Berlin an den echten Friedenswillen der Regierung zu glauben. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen, dass so eindringlich formulierte Friedenserklärungen nur der Tarnung dienten und nur Lüge darstellten." (15)

Auch die SS-Tätigkeit spielte Trog herunter. Er habe Berichte geschrieben, „da ich einen größeren Überblick über das Erziehungsgebiet besaß“. Dass er daraufhin befördert worden war, erwähnte er nicht. Er habee immer in „kritischer Weise Berichte geschrieben, auf Missstände hingewiesen“ und am 9.3.1945 sei er sogar aus der SS ausgetreten, weil man ihm seine Kirchenzugehörigkeit vorgehalten habe. „Ich erkläre, dass ich von den später aufgedeckten Grausamkeiten durch bestimmte Gruppen der SS nichts geahnt habe.“ (16)

Bemerkenswert erscheint, dass OSR Heinrich Schröder und Peter Meyer keine Stellungnahme abgaben. Peter Meyer hatte lediglich in seinem Tagebuch am 10.2.1946 notiert, dass ihn die Ehefrau von Hermann Trog mehrfach aufgesucht und um Hilfe gebeten habe: „Ihr Mann, den ich zweimal in seinem Leben entscheidend gefördert habe, weil er zweifellos eine geistige Potenz darstellt, ist SS-Sturmführer und SD-Mann gewesen und als solcher natürlich den Anglo-Amerikanern sehr verdächtig.“ Und am 6.4.1946, nach einem weiteren Treffen mit Frau Trog, notierte er: „Mir sind diese Beichten furchtbar, da ich nichts aber auch gar nichts unternehmen kann, um einen SS-Sturmführer zu helfen. Es bleibt mir also nur übrig, der Frau allgemeine Trostworte zu sagen und sie um Geduld zu mahnen." (17)

Andere, selbst belastete Nationalsozialisten, erwiesen sich da bereitwilliger, wie Theodor Mühe,  SA-Mitglied seit 1933, Oberschulrat für die höheren Schulen und für die Studienseminare und pädagogischen Prüfungen zuständig. Mühe kennzeichnete Trog als einen Mann, der sein Amt  „ohne parteidogmatische Enge“ betrieben habe. Es wurden zwei Beispiele genannt, die das belegen sollen. So habe Trog sich gegen die Forderung der Gebietsführung der HJ gewandt, die am 1.1.1944 gefordert hatte, eine Referendarin aus politischen Gründen zu entlassen. Trog habe das nicht getan, „obwohl die Referendarin dem Seminarleiter Dr. Trog erklärt hatte, sie sei politisch uninteressiert und habe kein Verständnis für den Nationalsozialismus“. Diese Referendarin nicht zu entlassen, galt Mühe offenbar als Beleg für eine Heldentat. (18)

Am 7.11.1947 plädiert der Beratende Ausschuss erneut: „Eine Wiedereinstellung kommt bei der schweren Belastung nicht in Frage. Der Ausschuss würde sich einer teilweisen Pensionierung nicht widersetzen, da Trog schwer kriegsbeschädigt ist und lange Jahre als erfolgreicher Lehrer tätig war." (19)

Der Berufungsausschuss für die Ausschaltung von Nationalsozialisten entschied dann am 10.3.1948: „Der Berufung wird mit der Maßgabe stattgegeben, dass Dr. Trog als Studienrat im Angestelltenverhältnis bis Ostern 1949 und als dann als Studienrat im Beamtenverhältnis bestätigt wird. Dr. Trog wird in die Gruppe IV eingestuft." Kategorie IV, als Mitläufer. (20)

Die Begründungen muteten erstaunlich an: „Formell ist Dr. Trog durch seine Zugehörigkeit zur SS und seinen Rang als Hauptsturmführer erheblich belastet. Es war jedoch zu berücksichtigen, dass der Beitritt Dr. Trogs zur SS kein politisches Bekenntnis zur NSDAP darstellt. Seine Darlegungen, dass er seine ehrenamtliche Tätigkeit in der SS, die auf Kriegsdauer beschränkt war, lediglich aufnahm, um das deutsche Volk vor den schweren Folgen eines verlorenen Krieges zu bewahren, erschien bei seiner Gesamthaltung glaubhaft." (21)

Tatsächlich wurde Trog aber nicht wieder als Lehrer eingestellt. Da intervenierte offenbar Heinrich Schröder noch einmal: „Auf Veranlassung der Schuldeputation soll beim Leitenden Ausschuss eine Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt werden, weil Dr. Trog sowohl für die Schulbehörde als auch für den Fachausschuss als Lehrer wegen seiner starken politischen Belastung untragbar erscheint.", schrieb er am 14.6.1948. (22)

Trog stellte einen Antrag auf Pensionierung, das amtsärztliche Gutachten stützte diesen und bescheinigte Trog die Dienstunfähigkeit. (23)

Mit Abschluss der Entnazifizierung am 1.6.1952 wurde Trog in Kategorie V als Entlasteter eingestuft, was einer „echten Entnazifizierung“ gleichkam. Trog erhielt die Pension eines Oberstudienrates.

Eine spätere Nachfrage Trogs ergab dann sogar, dass er zum 1.7.1969 nach A15 eingestuft woran sich dann auch die Pension orientierte.

Hermann Trog erhielt Dankesschreiben und Glückwünsche von der Schulbehörde zu seinem 70. und 80. Geburtstag, die er „in Zuversicht und Heiterkeit" dankend beantwortet.

Er starb am 23.12.1976.

Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1. Alle persönlichen Angaben nach seiner Personalakte, StA HH 361_A 2753
2. Ebd., Bl.2.
3. Ebd.,Bl.30.
4. Ebd.
5. Alle Angaben und Dokumente laut Entnazifizierungsakte Trog, StA HH, 221-11_Ed 15845
6. Siehe Biografien Henze, Lau, Dittmer und de Bruycker.
7. Personalakte Trog, a.a.O.
8. Ebd., Bl.76.
9. Ebd.
10. BArch, RS/ 60326, Bl. 1702.
11. Alle Angaben nach Entnazifizierungsakte Trog, a.a.O.
12. Ebd., Bl. 8.
13. Ebd.
14. Ebd.
15. Ebd., Bl. 13.
16. Ebd.
17. Siehe: Peter Meyer: Tagebuch (Chronik 1945/1946), StA HH, 731-1 Handschriftensammlung_Nr. 2912 und auch Biografie Peter Meyer.
18. Entnazifizierungsakte Trog, a.a.O.
19. Ebd.
20. Ebd.
21. Ebd.
22. Ebd.
23. Laut Personalakte Trog, a.a.O., wie auch die weiteren Daten.
 

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Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Mai 2020: 819 Kurzprofile und 275 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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