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Albert Henze

(1900-1994)
Lehrer
Adresse: Lohhof 22 (1934), Kaiser-Friedrich-Straße 44 (1940)
Wirkungsstätte: NSDAP- Gauführerschule, Ritterstraße 44; Landesschulamt, Dammtorstraße 25

Nazipropagandist im System von Gauleiter Kaufmann

Zu den übelsten Gestalten im Hamburger Schulwesen in der Nazizeit gehörte Albert Henze, der dem Führerkorps der NSDAP angehörte, als Oberschulrat die Swing- Jugend verfolgte, für kurze Zeit Leiter der Schulverwaltung wurde und nach dem Krieg über alte Kameraden in Lübeck als Studienrat bis 1965 unbehelligt am Gymnasium arbeiten konnte.

Albert Henze, Jahrgang 1900, ebenso wie die NSLB-Größen Oberschulrat Albert Mansfeld und Schulrat Kurt Holm, gehörte zum Kreis des ebenfalls 1900 geborenen Hamburger Reichsstatthalter und Gauleiter Karl Kaufmann. Henze hatte einen engen Kontakt zu Kaufmann, zählte zum „System Kaufmann“.

Ähnlich wie Albert Mansfeld und Kurt Holm hat Albert Henze (1900-zz1994) noch ein langes Leben nach Ende des Nationalsozialismus gehabt. Rechnet man die Zeit als Erwachsener vom 18. Lebensjahr an, wo Henze Kriegsdienst leisten musste, stehen 27 Jahre bis 1945 fast 50 Jahren nach 1945 gegenüber. Wie geht ein Nazikarrierist und NS-Propagandist mit seiner Vergangenheit um, wie blickt er auf seine Verstrickung zurück?

Dies soll beleuchtet werden, insbesondere die Variante, die Henze wählte, um wieder in den Schuldienst zu kommen.

Albert Henze wurde am 12.6.1900 in Oedelsheim/Hessen im Kreis Hofgeismar geboren als Sohn des Postboten Ferdinand Henze und seiner Frau Auguste. Nach Besuch der dortigen Dorfschule übersiedelte die Familie 1908 nach Hannoversch- Münden [1]. Albert Henze ging dort auf die „gehobene Abteilung“ der Volksschule, aus der die spätere Mittelschule hervorgeht.

1912 zog die Familie nach Einbeck, Albert Henze besuchte bis 1916 die Mittelschule und wechselt dann, 17-jährig, in das Lehrerseminar Einbeck. Dort wurde er bis 1920 zum Volksschullehrer ausgebildet. Von Juli bis Dezember 1918 wurde die Ausbildung durch den Einzug in den Kriegsdienst unterbrochen.

Henze absolvierte das 1. Volksschullehrerexamen 1920 in Einbeck, ging dann als Lehrer an die höhere Knabenschule J. Borbis in Hamburg. 

Parallel zu seiner Lehrertätigkeit besuchte Henze das Realgymnasium der Domschule Schleswig als Externer und legt dort 1923 die Reifeprüfung ab. Danach studierte er parallel zur Lehrertätigkeit an der Universität Hamburg Germanistik, Geschichte, Philosophie und Erziehungswissenschaft und trat einer Burschenschaft bei.

1930 bestand er die Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen.

Nach dem 1. Staatsexamen war Albert Henze 1930 neun Monate arbeitslos und überbrückte diese Zeit durch die Aufnahme von Darlehen. Sicherlich hat die unsichere soziale Lage bei Henze zur weiteren Politisierung und Radikalisierung beigetragen.

1930 heiratete Albert Henze Gerda Uhr und bekam mit ihr in den nächsten 5 Jahren vier Kinder, einen weiteren Sohn, 1944.

Ende 1930 wurde Henze Kandidat an der Oberrealschule St. Georg und an der Oberrealschule auf der Uhlenhorst, bestand das 2. Staatsexamen am 14.9.1931 mit „gut“.

Am 1.10.1932 trat Albert Henze in die NSDAP ein. 1933 erfolgte die Einstellung Henzes als Assessor in den Hamburger Schuldienst.

Am 1.10.1933 ging er mit Wilhelm Gundlach in die Gauführerschule Ritterstraße über, zunächst als Lehrer, ab 1934 als Stellvertretender Leiter der Gauführerschule, ab dem 1.9.1939 als Angehöriger des Führerkorps der NSDAP.

Was 1939 als ein Karrieresprung zu werten ist, primär der Verbindung zum „System Kaufmann“ zu verdanken, wurde später, nach 1945, von Henze umgedeutet, als wäre es gegen seinen Willen, vom Reichsstatthalter dekretiert worden.

Waren auch manche Versuche, die eigene Biographie zu schönen und umzuinterpretieren nach 1945 erfolgreich, zum Teil durch beigebrachte Persilscheine und die Vernichtung von kompromittierenden Unterlagen und Teilen der Personalakte durch diejenigen, die Ende 1944 und Anfang 1945 noch Zugang dazu hatten und nicht im Kriegsdienst waren, so hat doch die deutsche Bürokratie und Gründlichkeit in der Verwaltung den Historikern Erkenntnisse gesichert, weil nicht der gesamte Aktenbestand vernichtet werden konnte. Die Dokumente der Verantwortlichen, Schriftsätze, Bemerkungen, Anweisungen und Protokolle haben sich über den gesamten Aktenbestand der Schulverwaltung und der NS- Gliederungen verteilt und sind dort auch wiederzufinden.

Als NSDAP‐Mitglied seit 1.10.1932 war Henzes Karriere vorgezeichnet:

Nachdem Albert Henze vor 1933 über ein Jahrzehnt an einer Hamburger Privatschule gearbeitet hatte, wurde er 1933 als Assessor in den Hamburger Schuldienst übernommen und dann am 1.10.1933 mit voller Stundenzahl als Lehrer an die Gauführerschule der NSDAP abgeordnet. Er blieb jedoch Bediensteter der Schulverwaltung und schneller als andere wurde er bereits nach dreieinhalb Monaten zum Studienrat und Beamten auf Lebenszeit ernannt. Diese Ernennung erfolgte etwa zeitgleich mit seiner Bestellung zum stellvertretenden Leiter der Gauführerschule im Februar 1934.

Henze fuhr zweigleisig, sicherte sich politisch und beamtenrechtlich ab. Und dies war sicherlich eine bloße Rückversicherung und nicht der Distanz zum NSDAP-Machtapparat geschuldet, wie er später behauptete. Nach 1945 strickte Henze, wie noch zu zeigen sein wird, an der Legende, als sei er gegen seinen Willen gezwungen worden, aus dem Staatsdienst abgeordnet im Apparat der NSDAP Dienst zu leisten.

„Diese Lebenslüge diente ihm als Instrument der Verdrängung und erleichterte es ihm, sich nach dem Scheitern seines nationalsozialistischen Lebensabschnittes eine zweite Identität zuzulegen.“[2]

Am 1.4.1937 wurde Albert Henze zum Nachfolger von Wilhelm Gundlach als Leiter der Gauführerschule ernannt. Zur Wahrnehmung dieser Aufgabe blieb er auch weiterhin vom Schuldienst beurlaubt.  Die Gauführerschule, auch Gauamtswalterschule genannt, war am 5.10.1933 im Gebäude der früheren Realschule Eilbek, in der Ritterstraße 44, durch Gauleiter Karl Kaufmann eingeweiht worden. Sie war auch Sitz des Parteiarchivs der Hamburger NSDAP. Als eine „Einrichtung zur Heranbildung der politischen Führerschaft der Nation“ war die Gauführerschule der Schulverwaltung angeschlossen. Somit war auch legitimiert, dass die beiden Leitungspositionen im Personenbestand der Schulverwaltung geführt wurden und Wilhelm Gundlach und Albert Henze von der Schulverwaltung besoldet wurden.

Zum Zeitpunkt seiner Bestellung zum Leiter dieser nationalsozialistischen Einrichtung, verbunden mit der Ernennung zum Studienrat und der Gewährung einer amtsbezogenen Stellenzulage, war Wilhelm Gundlach schon 54 Jahre alt.

Mit der Person Wilhelm Gundlach sind manche Merkwürdigkeiten verbunden.  Gundlach, am 12.11.1878 in Bujendorf bei Lübeck geboren war im Lehrerseminar ausgebildeter Volksschullehrer gewesen, machte die Mittelschullehrerprüfung, die ihn für eine Schulleitertätigkeit qualifizierte, holte das Abitur nach und studierte in Hamburg Englisch und Französisch für die höhere Schule. Gundlach war von 1920 bis 1923 Leiter der Polizeischule und Mitglied der SPD gewesen. Im Fragebogen zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums gab Gundlach an, seit 1924 immer NSDAP gewählt zu haben und seit dem 1.11.1931 eingetragenes Mitglied der NSDAP zu sein. Peinlich wurde es für Gundlach, als das Gaugericht feststellte, dass Gundlach erst zum 1.3.1933 NSDAP- Mitglied geworden war. Gegenüber Reichsstatthalter Kaufmann gab Gundlach folgende Erklärung ab: „Als am 24. August 1936 der Herr Reichsstatthalter mir die Eintragung in meiner Personalakte zeigt: ‚seit dem 1. Nov. 1931 eingetragenes Mitglied der NSDAP‘ musste ich sehen, daß ich unterlassen hatte, zur gegebenen Zeit eine Berichtigung einzusenden. Ich hole sie daher nach. Anfang 1931 habe ich mich zum Eintritt in die NSDAP und den NSLB gemeldet. Für erstere habe ich trotz wiederholter Aufforderung durch die Kreisleitung Uhlenhorst keinen Beitrag bezahlt, sondern nur für den NSLB, da ich der Meinung war, das genügte. Am 21.Jan. 1933 erfuhr ich meinen Irrtum und trat noch am selben Tage in die NSDAP ein, wobei ich die Bitte aussprach, die Rückdatierung meines Antrags zu versuchen, da ich doch ‚im guten Glauben‘ gehandelt hätte. Als ich 1934 meine rote Mitgliedskarte erhielt, mußte ich sehen, daß eine Rückdatierung nicht vorgenommen worden war. Nun versuchte ich das selbst noch einmal. Doch auch dieses war umsonst.“ [3] Einen Tag später meldete Gundlach der Landesunterrichtsbehörde: „Im Einvernehmen mit dem Herrn Reichsstatthalter werde ich demnächst wegen meines fortgeschrittenen Alters als Gauschulungsleiter zurücktreten. Wegen angegriffener Gesundheit bin ich auch der Tätigkeit eines Studienrates nicht mehr gewachsen“. Schulsenator Witt vermerkte dazu: „Von einer ärztlichen Untersuchung wird abgesehen“. Eine peinliche Veranstaltung für Gundlach und eine gute Gelegenheit für Karl Kaufmann, der diese Führungsposition schon länger für Gundlachs Stellvertreter, den ihm gleichaltrigen Albert Henze vorgesehen hatte, der zu seinem Umfeld gehörte. Dies war übrigens nicht der erste Hinweis auf die Charakterschwächen bei Wilhelm Gundlach. Er war schon als Leiter der Polizeischule 1923 abgelöst worden, weil es zu finanziellen Unregelmäßigkeiten durch ihn kam und zu vielfältigen Versuchen, „mit Penetranz“ Vergünstigungen für „seinen ausgedehnten Bekanntenkreis“ zu erwirken [4]. Infolge der Ablösung als Leiter der Polizeischule und der Versetzung als Lehrer an die Volksschule für Knaben Stresowstraße 20, an der damals auch der spätere NS-Oberschulrat Albert Mansfeld als junger Lehrer arbeitete, war Gundlach dann aus der SPD ausgetreten. [5]

Albert Henze entsprach dann auch den Erwartungen der NSDAP-Führung und erweiterte und intensivierte insbesondere die ideologische Arbeit der Gauführerschule. Das Programm der Gauführerschule umfasste Lehrveranstaltungen, nationalsozialistische Feiern und Lagerschulungen. Die Vorträge wurden insbesondere von Amtswaltern der Hamburger NSDAP gehalten.

Dadurch stellte Henze eine enge Verzahnung von Gauführerschule und Partei her.

Auch der Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB) war dabei stark einbezogen. Der NSLB musste zu jedem Kursus der Gauführerschule 10 bis 15 Lehrer anmelden.  In den folgenden Jahren wurden in Lütjensee, Rissen und Barsbüttel weitere Gauführerschulen eingerichtet. Als die neue Gauführerschule Barsbüttel am 1. Mai 1937 eingeweiht wurde, stellte Albert Henze fest, in der Gauführerschule würden „hunderte, tausende von Männern mit jenem Wissen ausgestattet, das ihnen die wahrhaft kämpferische Kraft verleiht“.

In welcher Ausrichtung in den Gauführerschulen gearbeitet wurde und wie stark Albert Henze mit der nationalsozialistischen Ideologie verwoben war, zeigen die Vorgaben der Schulungsthemen: Kernfragen des Nationalsozialismus wie Volk und Rasse, nationalsozialistische Erbpflege, in der Weltgeschichte überlieferte Judenausweisungen, Erhaltung der „von Gott gegebenen blutgebundenen Art des deutschen Volkes“, Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus, Bekämpfung der Gegner wie „Reaktion“, Liberalismus, Kapitalismus, Marxismus, Freimaurer, Juden, Katholische Aktion, „Bekenntnisfront“, „Sektierer“, „Bibelforscher“ usw. [6].

Uwe Schmidt wies darauf hin, wie eng die Schulungsämter mit anderen Dienststellen des NS-Machtapparates verbunden waren, was zum Teil auch an den Referentenlisten ersichtlich wurde.

So trafen am 10.11.1938 das Hauptschulungsamt der NSDAP und der Reinhard Heydrich unterstehende Sicherheitsdienst des Reichsführers SS eine Vereinbarung. Sie sollte der „erfolgreichen Durchführung der Schulungsarbeit der NSDAP auf dem Gebiete der Bekämpfung politischer und weltanschaulicher Gegner“ dienen und den Erfahrungsaustausch über die Bekämpfung politischer und ideologischer Gegner intensivieren. „Ausarbeitungen“ des Sicherheitshauptamtes „in Form von Leitheften über alle Grundzüge politischer und weltanschaulicher gegnerischer Strömungen und deren Bekämpfung“ gingen an die nachgeordneten Dienststellen (Gauschulungsleiter). In umgekehrter Richtung wurde der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS über alle in den Berichten der Basis erwähnten Vorfälle informiert. [7]

Albert Henze war damit einer der bestinformierten nationalsozialistischen Funktionäre. Schmidt nahm an, dass er vom 19. bis 27. März 1939 an der reichsweit angelegten Tagung des Hauptschulungsamts für die Kreisleiter und Gauamtsleiter in Sonthofen teilgenommen hat. Die Einladung erfolgte im Namen des Reichsorganisationsleiters Robert Ley. Die hochkarätige Referentenliste umfasste Heinrich Himmler, Walter von Brauchitsch, Alfred Rosenberg und als Höhepunkt am Schlusstag den „Führer“. [8] Die Nähe Henzes zum nationalsozialistischen Machtapparat und seine Bereitschaft, diesem überzeugt und effektiv zu dienen, sind vielfältig belegt.

Am 5.12.1939 erfolgte Henzes Einberufung zum Kriegsdienst. Bis dahin hatte er als Leiter der Gauführerschule drei Jahre als aus dem Schulbereich abgeordneter Gauschulungsleiter gearbeitet.

Zu seinem achtmonatigen Kriegseinsatz (als Soldat in einer Sonderkompanie in Hamburg-Wandsbek und später als Soldat bei einer Luftlandeeinheit in Belgien) schrieb Henze, er habe versucht, „durch die Tat zu beweisen, was man jahrelang als Lehrer und Erzieher gefordert hatte“. [9] Albert Henze wurde im März 1941 auf Betreiben von Reichsstatthalter Kaufmann u.k. gestellt und aus Belgien (inzwischen zum Gefreiten befördert) zurück als Oberschulrat für das Höhere Schulwesen für den ausgeschiedenen eher gemäßigten Oberschulrat Wilhelm Oberdörffer berufen und eingesetzt.

Noch von der Luftlandeeinheit schrieb Henze an die Schulverwaltung:
„Ich weiß, dass mir mit dem neuen Amt neue Verpflichtungen und neue Verantwortung übertragen werden, die nicht leicht sind. Aber ich weiß auch, dass ich auch an dieser Stelle weiter wie bisher dem Führer und der nationalsozialistischen Idee mit einem heißen Herzen und einem unerschütterlichen Glauben an den Endsieg unserer Revolution dienen kann.“

Ein Bekenntnis, das in seiner Personalakte erhalten geblieben ist. [10]

Absurd und interessant zugleich, dass Henze auf Vorschlag von Reichsstatthalter Karl Kaufmann das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse ohne Schwerter erhielt. Begründung: „Pg Henze hat während des Krieges nicht nur sein Gauschulungsamt vorbildlich geleitet, sondern hat sich auch besonders in der Schulverwaltung, mit deren Leitung er von mir während des Krieges beauftragt wurde, als Nationalsozialist eingesetzt und bewährt.“[11]

Ab dem 14.1.1941 war Albert Henze vom zwischenzeitlich für die Schulen zuständigen Senator Oscar Toepffer „mit der leitenden Bearbeitung der Schul- und Erziehungsangelegenheiten“ beauftragt. Bei ihm konzentrierte sich ab sofort erhebliche Macht. Ihm unterstand die Schuldienststelle der HJ, er war Personalreferent, damit für Ernennungen, Beförderungen und Entlassungen von Lehrkräften zuständig und übernahm dann auch die Aufgaben des zur Wehrmacht eingezogenen Schulsenators.

Da Henze auch seine vorherige Aufgabe, die nebenamtliche Leitung der Gauführerschule, behielt, agierte er mit einem ideologisch geprägten Selbstverständnis der Durchsetzung nationalsozialistischer Doktrin: „Das Schicksal hat uns ausersehen, mit dem größten Sohn unseres Volkes, dem genialsten Führer, Träger der Idee zu bleiben, die im Nationalsozialismus unsere tiefste religiöse Verankerung, unser Gotterleben, erkennt: […] Der uns ruft, ist der, den Gott uns sandte.“  

Der Unterschied zu seinen Vorgängern in der Leitung der Hamburger Schulverwaltung, Willi Schulz und Karl Witt, zeigte sich schnell.

Durch ihn wurde der Antisemitismus von der Schulverwaltung gezielt in alle Schulen getragen. Henze wies alle Lehrerinnen und Lehrer an, jüdische Sprichworte und Redensarten zu sammeln, „in denen nichtjüdische Völker die Niedertracht des Juden gekennzeichnet haben“.

Henze folgte dabei den Vorgaben des Hauptschulungsamtes, der Zentrale seines zweiten Aufgabenfeldes. In den „Richtlinien des Hauptschulungsamtes der NSDAP für die Schulung im Kriege“ wurde explizit darauf gedrängt, „die Judenfrage wieder eindringlich zu behandeln“. Für die politischen Leiter komme es „darauf an, […] den Juden so zu zeigen, wie er ist. Beispiele stehen ja in übergroßer Zahl zur Verfügung und sind auch aus den mit den Juden im eigenen Volk gemachten Erfahrungen noch im Bewusstsein des Volkes lebendig. Hier muss wieder aufgefrischt werden. Der Jude in der Sowjetunion, in England und der Umgebung Roosevelts ist als Treiber in diesem Krieg herauszuarbeiten. Er muss als der schließliche und entscheidende Gegner erkannt werden, auf den sich der Vernichtungswille unseres Volkes zu konzentrieren hat. Damit müssen zugleich jene hier und da noch anzutreffenden Begriffe über Juden als ‚Auch-Menschen‘ beseitigt werden.“ [12]

In einer seiner ersten Sitzungen mit Schulleitungen referierte Albert Henze über die „Verwahrlosung der Jugend, die auch eine Anzahl von Schülern der Oberschulen betrifft“. Die Schulleiter „müssen mit allen Mitteln bestrebt sein, die Schüler(innen) aus der Schule zu entfernen, die durch äußere und innere Haltung zu erkennen geben, daß sie nicht würdig sind, eine höhere Schule zu besuchen.“ [13]

Damit waren in erster Linie die Schüler gemeint, die der sogenannten Swing-Jugend zugerechnet wurden.

Am 21.10.1940 hatte die Gestapo eine mehrere Monate umfassende Aktion gestartet, die zu einer ersten großen Verhaftungswelle gegen die Swing‐Jugend führte, die in erster Linie auch gegen Schülerinnen und Schüler gerichtet war.

63 Jugendliche wurden festgenommen. Es ist offenkundig, dass Albert Henze diese Verhaftungen veranlasste, denn in der genannten Sitzung hatte er als Beispiel für Jugendverwahrlosung, Ausschweifungen, Swing‐Tänze und englische Platten genannt. Er berichtete von Überfällen auf HJ-Angehörige durch Jugendliche, die gekennzeichnet seien „durch lange Haare, auffallend weiße Schals und Hut im Nacken“. [14]

Henze arbeitete in der Kampagne gegen die Swing-Jugend eng mit dem gleichaltrigen SS‐Sturmbannführer Karl Hintze zusammen, der verantwortlich war für die Misshandlungen und Einlieferungen von Swing‐Jugendlichen in Konzentrationslager. Auf Initiative von Albert Henze fand am 13.12.1941 eine Schulleiterkonferenz unter Vorsitz von Reichsstatthalter Karl Kaufmann statt. Dies war ein Novum, zeigte einerseits, wie sehr Henze seine Aufgaben in der Schulverwaltung mit dem NSDAP-Apparat verband, andererseits war dies natürlich auch eine massive Kampfansage gegen eine Jugendbewegung, die als nonkonform eingeschätzt wurde. Gestapomitarbeiter, die zu dieser Schulleiterkonferenz als Referenten eingeladen worden waren, berichteten über Swing‐Jugendliche an Hamburger Oberschulen. Die Schulleiter wurden eingeschworen, verdächtige Jugendliche über Henze an die Gestapo‐Leitstelle zu melden. Einer dieser Verdächtigen war der 16‐jährige Heiner Fey, Schüler des Christianeums.

Der am 11.10.1925 geborene Heiner Fey war im Sommer 1941 bei einer Kontrolle aufgefallen, weil er einen Sticker auf dem Rockaufschlag trug, der die amerikanische Flagge zeigte. In seiner Brieftasche fand der HJ-Streifendienst den Text und die Noten der „Internationalen“ sowie ein Foto, das englische Matrosen bei der Zerstörung eines Hitlerbildes zeigte. Ein viertel Jahr später geriet Heiner Fey vollends in die Verfolgungsmaschinerie der Gestapo und des NS-Staates, als er nach einer Denunziation wegen des Abhörens von „Feindsendern“, wegen des Verbreitens von „feindlichen Flugschriften“ und als Swing-Jugendanhänger festgenommen wurde. Am 19.6.1942 wurde er nach Moringen überstellt (Lagernummer 661). Am 7.1.1944 entließ ihn die SS, wohl nicht zuletzt aufgrund seiner angeborenen Herzerkrankung. Heiners Feys Mutter erinnerte sich später an die Rückkehr des Sohnes aus dem Jugend-KZ: „Er kam nach Hause wie ein Skelett und die Beine waren voller Entzündungen - so Löcher. Er sah furchtbar aus.“ Heiner Fey starb 1961 im Alter von 36 Jahren. [15]

Insgesamt standen etwa 25 Jugendliche, viele davon Schüler des Christianeums, miteinander in Verbindung.

Henze gab ein Verzeichnis der Schulverwaltung über die „Schüler und Schülerinnen der hiesigen Höheren Schulen, die seit dem 1. April 1940 von der Schule verwiesen oder an eine andere Schule strafversetzt worden sind“ in Auftrag, das an die Gestapo weitergeleitet wurde. Darüber hinaus ging eine Aufstellung mit weiteren 13 Namen von Schülerinnen und Schülern, die wegen staatsabträglichen Verhaltens bestraft worden waren, ebenfalls an die Gestapo.

Am 29.6.1942 konnte Henze vor dem Beirat der Schulverwaltung Erfolge präsentieren: „Die Beteiligung von Schülern an der Swing‐Bewegung habe nachgelassen, nachdem durch 20 bis 30 Verweisungen von der höheren Schule streng durchgegriffen worden sei. Es sei Vorsorge getroffen worden, dass die Betreffenden auch an den privaten Vorbereitungsanstalten ihre Reifeprüfung nicht ablegen könnten. Die Swing‐Bewegung als solche sei jedoch bisher nicht abgeflaut. Es seien daher weiterhin zahlreiche Verhaftungen und Bestrafungen erforderlich geworden.“ [16]

In einer Dienstbesprechung mit den Direktoren der Oberschulen am 19.12.1942 gab Albert Henze die Anweisung: „Schülern und Schülerinnen, von denen die Schule erfahre, dass sie der Swing‐Jugend angehören, sind, ohne sie zu vernehmen, über die Schulverwaltung dem Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, SD‐Leitabschnitt Hamburg, Hamburg 36, Kaiser-Wilhelm-Straße 46, mitzuteilen“.

Der Kampf gegen mögliche Gegner des NS-Regimes beschränkte sich nun nicht nur auf auffällige Jugendliche sondern auch auf Lehrer und Schulleiter, die Henze nicht als zuverlässig im Sinne des NS-Staates einschätzte. Im Zusammenhang mit dem Kampf gegen die Swing-Jugend, richtete Henze sein Augenmerk auf die Schulleitung des Christianeums und Lehrer dieser Schule, die er verantwortlich für die „Verwahrlosung“ der Schülerschaft machte.

Am 13. und 16.1.1942 suchte Albert Henze die Schule auf und trug dort eine Anklageschrift vor, die aufgrund einer Untersuchung der Schulverwaltung über die politische Haltung des Schulleiters Hermann Lau und mehrerer Kollegen erstellt worden war und auf Denunziationen mehrerer dortiger Lehrer beruhte. Diese Anklageschrift war eine der Konsequenzen der Schulleiterkonferenz vom 13.12. 1941 unter dem Vorsitz des Reichsstatthalters Karl Kaufmann. Die zu einer

Gesamtkonferenz zusammengerufenen Lehrer forderte Henze auf, weiteres

Belastungsmaterial gegen den wegen politischer Unzuverlässigkeit zu überprüfenden Schulleiter Hermann Lau und zwei weitere Kollegen vorzubringen. In Folge dieser Aktion wurde der Schulleiter „aus politischen Gründen“ an eine andere Schule als Leiter versetzt. Er „genieße nicht mehr das Vertrauen des Reichsstatthalters“. [17]

Für den Nationalsozialisten Henze war es unerträglich, in der Schulverwaltung mit einem Schulrat zusammenarbeiten zu müssen, der sich weigerte, in die NSDAP einzutreten. Gustav Schmidt war genauso wie Fritz Köhne wegen seiner Kompetenzen 1933 als Nicht- NSDAP-Mitglied in der Schulverwaltung geblieben. Während Fritz Köhne 1937 in die NSDAP eintrat, blieb Gustav Schmidt parteilos.

Das war Henze bei Übernahme seiner Funktion in der Schulverwaltung ein Dorn im Auge. Schmidt führte ein Tagebuch über die Zeit von 1939-1945, das unter dem Titel „Kriegstagebuch“ 2004 von Jörg Berlin veröffentlicht wurde.

Darin beschrieb Gustav Schmidt, welch Geist mit Albert Henze in die Behörde kam und wie er von Henze drangsaliert wurde.

Am 17.3.1941 notierte Schmidt zum ersten Mal, dass er von Henze mit ausfallenden Worten attackiert worden sei, weil Henze sich in den zwei Monaten, die er in der Schulverwaltung arbeitete, von dem vierzehn Jahre älteren Schmidt nicht beachtet fühlte. Und schon am 11.8.1941 notierte Gustav Schmidt, dass Henze einen Lehrer aus dem von Schmidt betreuten Schulkreis über den Schulrat Schmidt ausgefragt hätte, nach seiner Haltung und nach seinem Können. Schmidt sei nicht NSDAP-Mitglied und es lägen Henze viele Klagen über ihn vor. Fritz Köhne, Schulratskollege, auch von Henze befragt, riet Schmidt zur Vorsicht bei allen Äußerungen und versuchte, ihn zum Pro-forma-Eintritt in die NSDAP zu bewegen. Köhne vermutete, dass an Henze in der von ihm geleiteten Gauführerschule Äußerungen über Schmidt herangetragen worden seien. Am 29.11.1941 notierte Schmidt ein Gespräch mit Henze, in dem ihm seine Nichtmitgliedschaft in der NSDAP vorgeworfen wurde. Schmidt habe die autoritären Entscheidungen der NSDAP im geistigen Bereich und deren Kirchenfeindlichkeit kritisiert. Nach dem Gespräch schrieb Schmidt in sein Tagebuch über Henze: „Er ist kein geistiger Mensch“.

 Am 19.12.1941 notierte Schmidt über eine Rede von Albert Henze vor den Lehrern des 6. Schulkreises, den Gustav Schmidt leitete: „Seine Rede war unglücklich, laut, polternd, schreiend, drohend.“ Am 15.1.1942 schrieb Schmidt, dass er von Henze telefonisch zur Rede gestellt worden wäre, weil er eine Karte zur Veranstaltung mit Joseph Goebbels anlässlich dessen Hamburg-Besuchs zurückgegeben hätte. „Der Reichsstatthalter sei darüber äußerst ungehalten und wolle die Gründe wissen“. Am 29.1.1942 wurde Schmidt von Henze zur Rede gestellt: Ihm, Henze, sei gemeldet worden, dass Schmidt bei den Haussammlungen für das Winterhilfswerk zu wenig Geld geben würde. Schmidt scheint durch seinen Nachbarn denunziert worden zu sein. Am 31.5.1942 teilte Henze Gustav Schmidt mit, der Reichsstatthalter Karl Kaufmann habe verfügt, Schmidt aus der Schulaufsicht zu entfernen. Henze hatte sicherlich seinen entscheidenden Beitrag dazu geleistet.

In einem Schreiben an Henze hatte Gustav Schmidt schriftlich begründen müssen, warum er nicht in die NSDAP eintreten wollte. Schmidt schrieb unter anderem: „Wenn ich der NSDAP beitrete, verpflichte ich mich zu unbedingtem Gehorsam gegenüber allen Anordnungen der mir dann bestellten Vorgesetzten… Es hat sich herausgebildet, daß Fragen geistiger Art…von oben her autoritär gelöst werden. Eine andere Meinung von unten kann sich kaum oder nur sehr schwer bemerkbar machen. Dadurch wird sehr viel geistiges Leben unterbunden und muß absterben. Es ist keine fruchtbare Kritik möglich und ein guter, lebenswerter Fortschritt im Kampf der Meinungen wird heute sehr erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht. Diese Haltung widerspricht meiner Anschauung vom Wert geistigen Lebens und geistiger Auseinandersetzung für das Volksleben.“ [18]

Daraufhin wurde Gustav Schmidt am 3.6.1942 vom Dienst suspendiert und am 15.6.1942 untersagte ihm Karl Kaufmann die weiteren Dienstgeschäfte.

Am 1.12.1943 wurde der 57-jährige Gustav Schmidt dann noch für den Kriegsdienst eingezogen und in der Heeresstandortgebührenstelle Wandsbek eingesetzt.

Ab dem 1.6.1945, nachdem der „Spuk“ vorüber war, wurde Gustav Schmidt dann wieder in die Schulverwaltung geholt. [19]

Albert Henzes Vorgänger in der Leitung der Schulverwaltung, Kurt Witt, ebenso wie Landesschulrat Willi Schulz und Oberschulrat Albert Mansfeld, hatten in der Auseinandersetzung zwischen der forsch fordernden HJ und den Schulleitern und Kollegien stets darauf geachtet, dass die Macht der HJ nicht zu groß und der pädagogische Betrieb nicht von der HJ dominiert wurde. Albert Henze nun, dem die Schuldienststelle der HJ unterstand, stärkte den Einfluss der HJ in den Schulen, wobei freilich der geordnete Schulbetrieb in der fortgeschrittenen Kriegssituation zunehmend eingeschränkt wurde.

Es begann damit, dass Henze am 28.5.1941 verfügte, dass ein hausaufgabenfreier Nachmittag in jeder Schule im Einvernehmen zwischen Schulleitung und den HJ-Bannführern festgelegt wurde. „Der Pimpf mit den besten Führereigenschaften wird als Klassenführer (Klassensprecher), der bewährteste HJ-Führer der Schule als Schulführer (Schulsprecher) eingesetzt. Unter seiner Leitung werden geeignete HJ- Führer vom Schulleiter zum Ordnungsdienst in der Schule herangezogen.“ [20]

Nun blieb es nicht dabei, der HJ Zeiten für ihre Organisationsarbeit zu sichern und sie als Disziplin-Faktor in den Schulalltag zu integrieren. Der nächste Schritt war „die beratende Mitwirkung der HJ bei allen Prüfungen und Ausleseverfahren in Bezug auf die außerschulische Einsatzbereitschaft der Prüflinge“. Nicht schwer zu erkennen, dass hier die Macht der HJ gestärkt wurde, mit dem Ziel, deren Einfluss und Organisationsgrad zu steigern. [21]

Welche konkreten Auswirkungen ein solcher Einfluss der HJ haben konnte, wird in einem Fall deutlich, bei dem OSR Albert Henze eine Einzelfallentscheidung der Schulverwaltung unterschrieb. Danach „wird der Schüler Gerhard Marx nicht zur Reifeprüfung zugelassen, weil er seit längerer Zeit keinen Dienst in der HJ macht.“ [22]

In einem anderen Fall wurde Henze über „schuldisziplinarische Maßnahmen“ gegen die Schüler Heinrich Wahl und Wolfgang Kropp am Wilhelm-Gymnasium informiert. Der Schüler Wahl hatte in einem Klassenaufsatz zum Thema „Welche Haltung kann die Front von der Jugend in der Heimat fordern?“ in Form rhetorischer Fragen die Aktivität des HJ-Streifendienstes kritisiert, der Altersgenossen wegen des Hörens von Jazzmusik angezeigt und verhaften ließ. Jugendliche sollten nach eigenem Geschmack ihre Freizeit gestalten können, forderte Heinrich Wahl in dem Klassenaufsatz. Denunziationsschreiben bezogen sich auf Meinungsäußerungen von Schülern in Klassenarbeiten, das Zusammenspiel von Henze und der HJ funktionierte. [23]

Albert Henze hatte in seiner Wirkungszeit in der Schulverwaltung parallel die ideologische Schulungsarbeit als Gauschulungsleiter niemals vernachlässigt, die hauptamtliche Tätigkeit in der Schulverwaltung und die abgeordnete Arbeit befruchteten sich gegenseitig.

Vom 2. bis 5.8.1942 nahm Henze an einer mehrtätigen Arbeitstagung der Schulungsbeauftragten der NSDAP (Gauschulungsleiter und Reichsschulungsbeauftragte) teil. An den Referenten zeigte sich, wer Henze maßgeblich beeinflusste und welchen Zugang Henze zum NS-Machapparat hatte: Es sprachen u.a. Joseph Goebbels, Albert Speer und Alfred Rosenberg, Goebbels hatte zu Beginn einen Empfang gegeben. [24]

Henze nahm am 22.3.1943 an einer weiteren Arbeitsbesprechung der Gauschulungsleiter teil, deren Schwerpunkt die Fortsetzung der Schulungsarbeit nach Ausrufung des „totalen Krieges“ durch den „Führererlass über den umfassenden Einsatz für Aufgaben der Reichsverteidigung“ vom 13.1.1943 bildete.  Dieser Erlass hatte die „Anordnung A 10/43“ von Reichsleiter Martin Bormann vom 18.2.1943 im Führerhauptquartier über die „Stilllegung des Hauptamtes für Erzieher und des NSLB“ zur Folge: Zeitschriften stellten ihr Erscheinen ein, frei werdende Personen, Räume und Gebäude wurden anderweitig genutzt. Demgegenüber gingen die Schulungen des Gauschulungsamtes nicht nur weiter, sie wurden sogar noch intensiviert. [25]

Für die NSDAP trat der Krieg nun in die entscheidende Phase. Da wurden Parteisoldaten wie Henze mit voller Kraft für Aufgaben auf höherer Ebene benötigt.

Seine letzten Amtshandlungen in der Schulverwaltung fanden nach den massiven Bombenangriffen im Juli/August 1943 statt und hatten keine pädagogischen Anliegen. In vier Konferenzen der Schulverwaltung ging es darum, welche Maßnahmen nach den alliierten Bombenangriffen zu ergreifen seien. Danach schied Henze am 1.101943, wie es hieß, „auf eigenen Wunsch“ aus der Schulverwaltung aus.

Das Amt des Gauschulungsleiters sollte nunmehr enger an die Parteiorganisation der NSDAP gebunden und hauptamtlich besetzt werden. Henze hatte all die Jahre nebenamtlich als ein staatlich abgeordneter und besoldeter Beamter zweigleisig gearbeitet und im Staatsapparat Karriere gemacht.

Parteisoldat Henze übernahm nun die schon „nebenberuflich“ innegehabte Leitung eines der  42 Gauschulungsämter der NSDAP. Die später von Henze verbreitete Mär, er sei gegen seinen Willen in den Parteiapparat gezwungen worden, entsprach nicht seinem bisherigen Wirken. Und auch die Tatsache, dass er noch ein Jahr vor Kriegsende, im Mai 1944, seinen Eintritt in die SS betrieb, indem er ein „Aufnahmegesuch verbunden mit einem handgeschriebenen Lebenslauf und Passbildern, an die 28. SS‐Standarte des SS‐Oberabschnitts Nordsee ( Harvestehuder Weg 8 a)“ richtete, zeigte eher, dass Henze sich politisch zu einem Zeitpunkt weiter festlegte, als das Ende der Nationalsozialisten, für ihn nicht absehbar, nicht mehr fern war. (26) Henze gehörte nunmehr auch zum persönlichen Kreis um Reichsstatthalter Karl Kaufmann. Uwe Schmidt hat im Bundesarchiv Dokumente gefunden, in denen Henze in einem Schreiben an seinen Freund Rudolf Querner von den „frohen Stunden“ schwelgte, die er und Querner „im engen Kreise um den Gauleiter und seinen Mitarbeitern verleben durften“. [27]

Wie anfangs ausgeführt, hatte Albert Henze beim Ende der nationalsozialistischen Herrschaft 1945, 45-jährig, noch die längere Hälfte seines Lebens vor sich.

Zunächst wurde er, wie viele nationalsozialistische Funktionäre, die nicht untertauchten, interniert und in verschiedenen Gefängnissen und Lagern untergebracht. Ein Verfahren gab es 1948 in Bielefeld gegen ihn. Die 9. Spruchkammer des Spruchgerichts Bielefeld verurteilte ihn am 24.4.1948, „weil er Mitglied einer verbrecherischen Organisation, nämlich des Führerkorps der NSDAP gewesen ist und gewußt hat, daß diese für Handlungen verwandt wurde, die gemäß Art. VI des Internationalen Militärgerichtshofes als verbrecherisch erklärt worden ist“. In der weiteren Begründung wurde darauf verwiesen, dass der Angeklagte von der Existenz von KZs für politische Gegner wusste. Zur Arbeit des Führerkorps erklärte das Gericht: „Der Angeklagte hat selbst erklärt, daß der Führerkorps die Aufgabe hatte, die Bevölkerung zu überwachen und notfalls Meldungen an die Gestapo zwecks Überweisung in ein KZ zu erstatten. Der Führerkorps hatte die Aufgabe, Verständnis für die grausamen Maßnahmen gegen die Juden bei der Bevölkerung zu erwecken.“

Zu Henzes Gunsten wurde mildernd gewertet, dass er „in der Hauptverhandlung einen offenen und ehrlichen Eindruck machte“.

Albert Henze wurde lediglich zu einer Geldstrafe von 1200 Reichsmark verurteilt und musste die Kosten des Verfahrens tragen. Die Geldstrafe galt allerdings durch die dreijährige Internierungshaft als verbüßt. [28]

Am 20.7.1949 kam die Zentralstelle für Berufungsverfahren in Hamburg bei der Entnazifizierung Albert Henzes zu der Entscheidung, ihn in Kategorie IV (Mitläufer) einzustufen, vermerkte aber: Wiederbeschäftigung als Lehrer kommt nicht in Frage. Henze wurde in den Entnazifizierungsverfahren übrigens von Rechtsanwalt Oscar Toepffer vertreten, der ihn 1941 als Senator mit den Aufgaben in der Schulverwaltung betraut hatte. So schlossen sich Kreise. Und das blieb nicht der einzige Bezug Henzes zu alten Kameraden. [29]

Albert Henze verließ mit seiner Familie Hamburg und zog nach Lübeck. In einem von Henze 1975 geschriebenen „Rückblick und Ausblick“ erklärte er, dass „ein früherer Mitarbeiter des Reichsschulungsamtes der NSDAP ihm die Rückkehr in den Schuldienst“ ermöglicht hätte.

Henze trat am 16.4.1952 den Dienst als angestellter Lehrer für Deutsch, Geschichte und Leibesübungen an der Oberschule am Dom in Lübeck an. Protegiert wurde er durch den ehrenamtlichen Schulsenator in Lübeck, Helmut Lemke. Lemke war 1933 mit 27 Jahren NSDAP-Bürgermeister in Eckernförde geworden, trat sein Amt im Februar 1933 in SA-Uniform an und hatte erklärt: „Wir alle, jeder an seiner Statt, sind dazu aufgerufen, die Hammerschläge des Dritten Reiches auszuführen“. Von 1937 bis 1945 war Lemke NS-Bürgermeister in Schleswig. Nach dem Krieg arbeitete er erst als Rechtsanwalt und Notar, von 1951 bis1954 war er ehrenamtlicher Schulsenator in Lübeck, danach Kultusminister in Schleswig- Holstein, von 1955 bis 1963 Innenminister und von 1963 bis 1971 Ministerpräsident in Schleswig-Holstein. [30]
Ein guter Protege´ für Albert Henze.

Wie in allen anderen Fällen auch fand Albert Henze weitere Befürworter, die sich für seine Wiederverbeamtung einsetzten und Persilscheine ausstellten, wie den Lübecker Pastor Lewerenz. Lewerenz bezeichnete Henze „als tadellosen Charakter“.  Er sei „durch eine eigenartige Verquickung der Umstände in die mit der brutalen Regelmäßigkeit eines Naturgesetzes laufende Entnazifizierungsmaschine geraten und vitaltechnisch von ihr zermalmt worden. Nicht, dass er ein zu wilder Nazi gewesen wäre! Da sind ganz andere wieder in hohen Ämtern. Aber er hat die juristische Dummheit begangen, 1943 hauptamtlich in den Parteidienst zu gehen und damals auf alle seine Beamtenrechte zu verzichten.“ [31]

Es gelang Henze, durch sogenannte „Kettenverträge“ 23 Jahre als Lehrer an der Oberschule zum Dom in Lübeck tätig zu sein. Zwischenzeitlich gab es immer wieder Versuche, Henze in das Beamtenverhältnis zu überführen, Hamburg zeigte sich dabei aber nicht kooperativ.

An ein paar Beispielen soll gezeigt werden, wie die Vergangenheit zunehmend verklärt, verdreht und verfälscht wurde.

Als Albert Henze 1965 die Altersgrenze erreichte, wurde in der Zeitschrift der Oberschule zum Dom eine Laudatio über Henze veröffentlicht, in der es heißt:
„Nach seiner Beförderung zum Studienrat übernahm er im Laufe der Jahre eine Reihe wichtiger Tätigkeiten in der Verwaltungsarbeit der Hamburger Schulbehörde.“ Hamburg habe seinen Lebensweg in mehr als 30 Jahren „mit hohen beruflichen Erfolgen mit glücklichen Jahren in der eigenen siebenköpfigen Familie und nach dem Zusammenbruch im Jahre 1945 mit bitteren Enttäuschungen geprägt“. Über seine pädagogische Arbeit wurde festgestellt, er sei ein „Lehrer aus Berufung“, der „aufgrund seiner großen pädagogischen Erfahrung ständig in der Oberstufe eingesetzt worden sei und fünfmal eine Klasse zum Abitur geführt habe. Fachliches Können, eine positive Lebenseinstellung und eine Haltung als vertrauensvoller, väterlicher Freund seiner Schüler, Hilfsbereitschaft und Lauterkeit seines Charakters wären kennzeichnend für ihn. Alles Persönliche stellt er zurück, wenn er nur irgendwann und irgendwo helfen kann.“ [32]

Henze arbeitete übrigens über die Pensionsgrenze hinaus weiter an dem Lübecker Gymnasium. Noch als 71-Jähriger übernahm er eine Sexta mit 34 Schülern, mit 74 Jahren unterrichtete er noch zwei Stunden Deutsch.

Albert Henze selbst äußerte sich in seinem „Rückblick und Ausblick“, im Juli 1975 geschrieben und in seiner Personalakte nachzulesen. Darin bilanzierte er sein Leben als „Pflichterfüllung“, er habe sich „in jeder Richtung“ bemüht, „stets ohne Seitenblick auf den Verdienst dort meine Pflicht zu tun, wohin man mich gestellt hat und wo man glaubte mich am besten zu brauchen.“

Der Stachel, nach dem Krieg nie wieder auf die Karriereleiter gestiegen zu sein und vermutlich wirtschaftliche Not mit seiner siebenköpfigen Familie gelitten zu haben, saß tief und verdrängte alle Aspekte eigener Schuld und Verstrickung. Auch die Phase im Führerkorps, als Vermittler nationalsozialistischen Gedankenguts, als Verantwortlicher, der Hamburger Jugendliche verfolgte und inhaftieren ließ, subsumierte Henze einfach als „ein halbes Jahrhundert lehrender und erzieherischer Tätigkeit im schulischen Dienst“.

Sein Lamento begann mit den Fragen: „Was habe ich nur verbrochen, dass ich so hart bestraft werden soll? Was soll der gerechte Lohn sein für alle Mühen, Strapazen und Entbehrungen und aufopfernde Tätigkeit?“  Er beklagt: „Alles wäre leichter zu ertragen und als gerechter anzusehen, wenn nur die leiseste Schuld nachgewiesen werden könnte. Warum musste ich drei Jahre hinter Stacheldraht? Warum durfte ich jahrelang nur niedrige Arbeiten verrichten und nicht wieder in den Staatsdienst?“

Henze verstieg sich in Selbstmitleid und Klage, wenn er „schwerste seelische Belastung“ beklagte, weil er seine Familie in furchtbare Not und Verfolgung gebracht und ihnen die Berufschancen verbaut habe. Seit 1945 habe ihm seine Frau immer wieder vorgeworfen, für die Situation der Familie trage er die Verantwortung. Das mag persönlich sicherlich schwierig gewesen sein. Aber abstrus war die Schlussfolgerung Henzes, wenn er seine Familie mit den Naziverfolgten verglich: „Wenn hier jemand hätte entschädigt werden können, dann wäre wohl meine Familie ein gerechterer Fall geworden als viele andere.“ [33]

Albert Henze starb am 1.10.1994 in Lübeck.

Text: Hans-Peter de Lorent

Siehe auch Eintrag in dieser Datenbank zu Wilhelm Gundlach.

Anmerkungen
1 Alle biographischen Daten, wenn nicht anders vermerkt, aus: StA HH, Senatskanzlei-Personalakten_C 621
2 Uwe Schmidt, Nationalsozialistische Schulverwaltung in Hamburg, Hamburg 2008, S. 61.
3 Personalakte Gundlach, StA HH, 361-3_ A 1037,
4 Ebd.
5 Ebd. Siehe auch die Biografie Gundlach in diesem Buch.
6 Zitiert nach Uwe Schmidt, a.a.O., S. 64.
7 Zitiert nach Uwe Schmidt, a.a.O., S. 65.
8 Ebd.
9 StA HH, 361- 2 VI_1530- Zusammenarbeit Schulen- HJ 1941-1944
10 Personalakte Henze, a.a.O.
11 Zitiert nach Uwe Schmidt, a.a.O., S. 81.
12 Alles zitiert nach Uwe Schmidt a.a.O., S. 68.
13 StA HH, 361- 2 VI_1530 ; Zusammenarbeit Schulen- HJ 1941-1944
14 StA HH, 361-2 VI_990 ;Schulverwiesene oder strafversetzte Schüler (sog. Swing- Jugend, 1940-1942)
15 www.martinguse.de/jugend-kz/mobiografie5.htm
16 StA HH, 361-2 VI_990 ;Schulverwiesene oder strafversetzte Schüler (sog. Swing- Jugend, 1940-1942)
17 Siehe dazu auch die ausführliche Darstellung in den Biografien Lau, Trog und de Bruyker in diesem Buch. Auch an anderen Schulen, an denen Henze eine straffere Führung haben wollte, wurden Schulleiter ausgewechselt und anderswo eingesetzt. So etwa am Johanneum. Siehe die Biografien Puttfarken und Zindler.
18 Gustav Schmidt: Kriegstagebuch 1939-1945, Hamburg 2004.
19 Personalakte Gustav Schmidt, StA HH, 361-3_A 706
20 StA HH, 361- 2 VI_1530 ; Zusammenarbeit Schulen- HJ 1941-1944
21 Ebd.
22 StA HH, 361-2 VI_ 92
23 StA HH, 361-2 VI_500 ; Schuldisziplinarische Maßnahmen gegen die Schüler Wahl und Kropp wegen staatsfeindlicher Äußerungen, 1942-1948
24 Zitiert nach Uwe Schmidt, a.a.O., S. 81.
25 Uwe Schmidt, a.a.O., S.81f.
26 Uwe Schmidt, a.a.O., S. 83.
27 Ebd. Rudolf Querner war höherer Polizeiführer in Hamburg gewesen, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS, wesentlich verantwortlich für Verbrechen im Zuge der Räumung von KZs und Kriegsgefangenenlagern. Nach Kriegsende wurde Querner verhaftet und beging am 27.5.1945 in der Haft Selbstmord. Siehe u.a.: Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, Koblenz 2013, S. 475.
28 Personalakte Henze, a.a.O.
29 Alle Angaben: Personalakte Henze, a.a.O.
30 Siehe: Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, Koblenz 2013, S. 365.
31 Landesarchiv Schleswig-Holstein Abt. 811 Nr. 43195- Schulakte. Nach Hinweis von Uwe Schmidt.
32 Zeitschrift Oberschule zum Dom, OzD 35.Jg. Ferien-Sondernummer- S.6, nach Hinweis von Uwe Schmidt.
33 Landesarchiv Schleswig-Holstein Abt. 811 Nr. 43195- Schulakte.
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Februar 2019: 716 Kurzprofile und 276 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startet online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen, wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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