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Wilhelm Oberdörffer

(14.4.1886 Hamburg - 16.5.1965)
Oberschulrat

„Der Gauleiter richtete einen Antrag an den Führer, Dr. Oberdörffer wegen seiner persönlichen Eigenschaften zu gestatten, Parteimitglied zu bleiben.“

Eine der widersprüchlichsten Personen im Hamburger Schulwesen der NS-Zeit war aus meiner Sicht Wilhelm Oberdörffer. Oberdörffer, karrierebewusst, war schon seit 1921 in der Schulverwaltung tätig, seit 1926 als Oberschulrat. Als DVP-Mitglied galt er als liberal und geschickter Personalplaner. Als einer der wenigen Schulaufsichtsbeamten blieb er 1933 im Amt, nachdem er am 1.5.1933 NSDAP-Mitglied geworden war. Sein Amt versah er ähnlich wie Fritz Köhne durchaus mit Blick für die Nöte von Lehrern, die keine Nationalsozialisten wurden. 1941 schied Oberdörffer aus dem Staatsdienst aus und wechselte als Leiter der Personalverwaltung in den Zigaretten-Konzern Reemtsma. Als Grund nannte er die Erkenntnis, dass einer seiner „Urgroßväter mütterlicherseits blutsmäßig Volljude“ gewesen sei. Die Darstellung über die Gründe und den Zeitpunkt des Wechsels Oberdörffers erscheinen zumindest zweifelhaft.

Wilhelm Oberdörffer wurde am 14.4.1886 als Sohn eines Musiklehrers, „Tonkünstler", wie Wilhelm Oberdörffer schrieb, in Hamburg geboren. (1) Er besuchte von 1892 bis 1904 das Realgymnasium des Johanneums, wo er 1904 die Reifeprüfung bestand. Danach studierte er neue Sprachen, Geschichte und Philosophie in Freiburg, Berlin und Kiel. 1908 promovierte er mit einer Arbeit „Das Aussterben altenglischer Adjektive und ihr Einsatz im Verlaufe der englischen Sprachgeschichte". Das 1. Staatsexamen in Berlin und Kiel erfolgte 1909 und 1910.

Ausgebildet wurde er an den Oberrealschulen St. Georg und Eppendorf sowie an der Realschule St. Pauli und dem Heinrich Hertz-Realgymnasium. Seit dem 1.10.1912 arbeitete er als Oberlehrer am Heinrich Hertz-Realgymnasium.

Wegen eines Herzleidens war Wilhelm Oberdörffer vom Militär-und Kriegsdienst befreit. Dafür engagierte sich Oberdörffer an seiner Schule umso aktiver. „Er hat die umfangreiche Arbeit aller Kriegsanleihen in der Schule in tadelloser Form ausgeführt, die ja am Heinrich Hertz-Realgymnasium einen sehr guten Erfolg hatten. Bei allen Sammlungen in der Schule ist er auf das eifrigste beteiligt, besonders hat er die Knochensammlung erfolgreich organisiert und der ‚Produktion‘ mancherlei Ratschläge erteilt. An jedem Kriegsweihnachten hat er mit den Schülern seiner Klasse große und reiche Bescherung für 70-80 Kinder von Kriegsteilnehmern ärmerer Klassen eingerichtet, die ebenso erfolgreich wie rücksichts- und liebevoll durchgeführt wurden. Mit seinen Schülern, die auf landwirtschaftlichem Hilfsdienst waren, unterhielt er stets umfangreichen, viel Zeit beanspruchenden Briefwechsel; überhaupt verstand er es, sie in hervorragendem Maße geistig anzuregen, wie z. B, die Berichte der Schüler und der von ihnen herausgegebene Druckband es bezeugen. Dieser Band ist in mehreren 100 Exemplaren zu je 1 Mark für die Kriegshilfe verkauft." (2) Oberdörffer wurde als „höchst umsichtiger, hilfsbereiter Mann von selten großem Geschicke und reicher tatkräftiger Anregung" bezeichnet.

Parallel dazu war Oberdörffer im Verein der Oberlehrer aktiv. 1918 wurde er als Vertreter der Oberlehrer in den interimistischen Beamtenausschuss der Oberschulbehörde gewählt. (3) Auf der Liste „Aufbau/Verein der Oberlehrer" wählte man ihn 1918 und 1920 in die Lehrerkammer. (4)

Schon zum 1.4.1921 sicherte sich die Oberschulbehörde (OSB) die Dienste Oberdörffers. Am 3.3.1921 hatte diese sich bereit erklärt, neben seinem Unterricht am Heinrich Hertz-Realgymnasium als „Hilfsarbeiter in der OSB für Schulrat Wolfgang Meyer die Geschäfte des höheren Knabenschulwesens" mit zu bearbeiten. (5) Er wurde Schulrat und ab 1926 Oberschulrat für das höhere Schulwesen. Zu seinen Aufgaben gehört die Aufsicht über die Privatschulen sowie das Referat für das deutsche Auslandschulwesen, mit der Oberaufsicht über die an diesen Schulen stattfindenden Reifeprüfungen.

Oberdörffer war Mitglied der Deutschen Volkspartei (DVP), seit 1921 mit Gretchen Oberdörffer verheiratet und hatte zwei Töchter.

1933 gehörte Oberdörffer zu den wenigen Schulaufsichtsbeamten, die von den Nationalsozialisten im Amt belassen wurden. Oberdörffer war seit dem 1.5.1933 Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnummer 3494167), des NSLB seit 1934, der NSV (1934), des VDA (1939), des NS-Altherrenbundes (Juni 1938) und im Reichsluftschutzbund. (6)

Uwe Schmidt schrieb: „Oberdörffer fügte sich in die große Linie der neuen Schulpolitik ein und verhielt sich den neuen Machthabern gegenüber als loyaler Beamter, war jedoch zugleich bemüht, denen zu helfen, die durch die nationalsozialistische Personalpolitik in Not gerieten." (7)

Dabei dürfte es für Oberdörffer nicht ganz einfach gewesen sein, insbesondere in seiner Verantwortung für die Privatschulen und die Jüdischen Schulen. So war etwa die Altonaer Waldorfschule für die örtliche NSDAP „eine Brutstätte der Reaktion“, da sie hauptsächlich von Kindern wohlhabender Leute, „die am NS-Geschehen wenig oder gar keinen Anteil hatten", besucht wurde. (8)

Bei den von NS-Fanatikern bekämpften Privatschulen war Oberdörffer 1939 damit befasst, sie in das öffentliche Schulwesen zu überführen. Schmidt berichtete, wie ein Oberlehrer sich bei Oberschulrat Wilhelm Oberdörffer bedankte „für all das, was sie in zwei Jahrzehnten für die privaten Schulen getan haben. Sie haben durch ihre Umsicht und ihr Verstehen für die vorhandenen Grenzen uns unsere Arbeit tun lassen" und „mit unerschöpflicher Geduld die oftmals nahezu grotesken Spannungen, die bei den an der Wahnschaff-Schule gegebenen Voraussetzungen unvermeidlich waren, ertragen und immer wieder für uns gelöst." (9)

Noch schwieriger war es für Oberdörffer in seiner Schulaufsichtsfunktion für die jüdischen Schulen. Ursula Randt schrieb in ihrer Geschichte der Mädchenschule der deutsch-israelitischen Gemeinde in Hamburg, Carolinenstraße 35: „Anscheinend hat das traditionell gute Verhältnis zur Schulbehörde selbst in den ersten Jahren des Nationalsozialismus noch weiter bestanden. Die Schulaufsicht über die beiden jüdischen Schulen führte Oberschulrat Dr. Oberdörffer. Schon 1924 hatte er an der Abschiedsfeier für Mary Marcus teilgenommen, und noch 1939 hatte er über Dr. Jonas und Direktor Spier sachliche und anerkennende Berichte geschrieben. Mit Sicherheit war er kein Antisemit. Sein Einfluss blieb aber wohl verhältnismäßig gering; vor allem konnte er nicht verhindern, dass die Schulen immer mehr unter die Kontrolle der Gestapo gerieten." (10)

Uwe Schmidt wies ebenfalls darauf hin, dass „eine enge Verbundenheit“ bestand zwischen Oberdörffer und den jüdischen Schulen. „Oberdörffer wurde als zuverlässiger Freund der jüdischen Schulen angesehen." Oberdörffer verhielt sich „gegenüber den jüdischen Schulen und ihren Menschen human und respektvoll und kannte zum Beispiel die Schülerinnen und Schüler, deren Abitur er abnahm, mit Namen.“ (11)

Schmidt zog eine Parallele von Oberdörffer zu Fritz Köhne, die er „Anwälte des Menschlichen" nannte. Beide „mussten sich in die große Linie der Schulpolitik einfügen und Befehle und Anordnungen von höherer Stelle nach ‚unten‘ weitergeben. Beide verhielten sich den neuen Machthabern gegenüber als loyale Beamte und trugen auf diese Weise dazu bei, nationalsozialistische Erziehungsvorstellungen in den Schuldienst zu bringen. Dessen ungeachtet waren beide – in einer Art Doppelrolle – Garanten dafür, dass es im Schulwesen, soweit es irgend möglich war, auch unter geänderten Verhältnissen weiterhin menschlich zuging." (12)

Parallelen sind offensichtlich. Irritierend erscheint die frühe Parteimitgliedschaft Oberdörffers 1933, die man wohl als Opportunismus verstehen kann. Oberdörffer wollte seine Position nicht aufgeben. Fritz Köhne war 1933 im Amt geblieben, er war für das Volksschulwesen mit seinem Wissen unverzichtbar, obwohl er als alter Sozialdemokrat nicht in die NSDAP eintrat. 1937, als die Nationalsozialisten ihn aufforderten, Parteimitglied zu werden, wollte Köhne sich pensionieren lassen. Er wurde von seinen alten Freunden aus der „Gesellschaft der Freunde" bedrängt, das Opfer auf sich zu nehmen und seine „schützende Hand" weiter über die Volksschulen und die Hamburger Lehrerschaft zu halten.

Irritierend wirken auch zwei andere Berichte. So berichtete Volker Detlef Heydorn über seine Schulzeit im „Dritten Reich" an dem Realgymnasium Blankenese. Heydorn hatte Schwierigkeiten, weil er sich nicht in der Hitlerjugend organisieren wollte. Er erinnerte: „Meine Sonderstellung als nicht in der HJ organisierter Schüler und die durch eine Aktion der Geheimen Staatspolizei gegen meinen Vater hervorgerufene schärfere Akzentuierung meiner liberalen Weltanschauung beunruhigte die Hitlerjugendführung. Sie schaltete sich vor dem Abitur 1939 energisch ein, um mir ein positives Ergebnis unmöglich zu machen. An der schriftlichen Prüfung konnte ich mich noch beteiligen. Vor Beginn des mündlichen Examens wurde ich in den Musiksaal hinaufgerufen. Dort saßen neben dem versammelten Kollegium einige Hitlerjugendführer sowie der damalige Oberschulrat Oberdörffer (der nach dem Zweiten Weltkriege mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde). Dieser erhob sich und sagte etwa wörtlich: ‚Die höhere Schule hat nicht nur die Aufgabe, hohles Wissen zu vermitteln, sie soll vielmehr den Menschen weltanschaulich formen. Ihre Leistungen reichen zwar aus, doch haben sie in der letzten Zeit zu oft gezeigt, dass sie nicht durchdrungen sind von den Ideen, die uns alle bewegen. Darum können wir Ihnen das Zeugnis der Reife nicht geben. Sie haben die Schule zu verlassen oder noch viel an sich zu arbeiten.‘

Darauf erhoben sich Pädagogen und HJ-Führer zum ‚Deutschen Gruß‘. Ich verzichtete auf diese politische Geste und verließ, überzeugt, dass mir das Ende des ‚Dritten Reiches‘ auch mein Reifezeugnis bringen würde, den Raum. Für den von mir gewählten Berufs benötigte ich es sowieso nicht." (13)

Und Uwe Schmidt berichtet davon, dass der traditionsbewusste Oberdörffer im Vorstand des Ehemaligenvereins seiner alten Schule, des Realgymnasiums des Johanneums aktiv war und beim 100-jährigen Bestehen der Schule am 29.9.1934 in einem Grußwort ausführt: „Solche Vereinigungen wie der Ehemaligenverein dieser Schule seien nicht nur nicht entbehrlich, sondern sie müssten schleunigst gegründet werden, wo sie noch nicht bestehen; weil sie den Geist erhalten, den der neue Staat will: ‚den Geist der Treue, der Kameradschaft, der Zusammengehörigkeit und des Stehens im Dienste einer Gemeinschaft‘ ". (14)

Im Personalbogen Oberdörffers wurde festgehalten: „Der Beamte hat entsprechend den Richtlinien zu § 1 a Abs. 3 des Reichsbeamtengesetzes seine arische Abstammung und die arische Abstammung seines Ehegatten nachgewiesen." Dabei ist das Wort „nachgewiesen" unterstrichen. (15)

1940 passierte nun etwas, das Oberdörffer am 15.11.1945 in der Nachschau folgendermaßen beschrieb: „Bei der Beschaffung von Unterlagen über meine Vorfahren ging mir am 3. November 1937 vom Direktor des Hamburgischen Staatsarchivs die Nachricht zu, dass einer meiner Urgroßväter mütterlicherseits, Nicolaus Emanuel Pein, geboren am 21. Oktober 1790, kirchlich getraut zu St. Michaelis in Hamburg am 28. März 1819, gestorben am 21. September 1937, blutmässig Volljude gewesen sei. Ich stellte mein Amt zur Verfügung, mir wurde aber bedeutet, dass ich im Amte und in der Partei zu bleiben hätte, bis eine Entscheidung von höherer Stelle ergangen sei. Durch ein Schreiben der Parteileitung vom 5. Juni 1940 wurde mir eröffnet, dass ich wegen meines artfremden Bluteinschlages nicht der Partei angehören könnte und dass meine Mitgliedschaft in der Partei annulliert würde. Gleichzeitig erfuhr ich, dass die Gestapo und der SD seit langem Material gegen mich wegen meiner kirchlichen Bindungen und meiner Einstellung zur Judenfrage sowie meiner grundsätzlichen Haltung überhaupt gesammelt und dem Reichsstatthalter ausgeliefert hatten. Antragsgemäß wurde ich daraufhin am 11. September 1940 beurlaubt und zum 31. März 1941 in den Ruhestand versetzt." (16)

Aus meiner Sicht erscheint diese Darstellung nicht wirklich nachvollziehbar oder glaubhaft. Es gibt keinen mir bekannten Fall, in dem die Erkenntnis über „geächtetes jüdisches Blut" in der Ahnenreihe bei den Nationalsozialisten nicht zu sofortigen Konsequenzen geführt hätte. Wenn Oberdörffer am 3.11.1937 von offizieller Seite, dem Direktor der Staatsarchives, die geschilderte Nachricht bekommen hatte und dieses der NSDAP oder der Behördenleitung gemeldet hätte, wäre es, wie in anderen Fällen, zu prompten Reaktionen gekommen. Schlimm genug. Aber eine fast dreijährige Reaktionszeit – welchen Grund sollte sie gehabt haben?

Wahrscheinlicher ist, dass Oberdörffer erst 1940 den Zeitpunkt gekommen sah, den jüdischen Urgroßvater anzugeben. Ursula Randt bot eine mögliche Erklärung für Oberdörffers Entscheidung an: Sie stellt „in Bezug auf Oberdörffers Rückzug aus der Schulverwaltung die naheliegende Frage, ob der Grund hierfür wirklich sein jüdische Urgroßvaterr war: „Mir scheint, dass er 1940 keine Möglichkeit mehr sah sein Amt in humaner Weise zu führen." (17)

Eine andere Interpretation, nicht ganz so ehrenwert wie die Vermutung von Ursula Randt, ist die Hypothese, dass Oberdörffer 1940 für sich entschieden hatte, keine Perspektive mehr zu sehen, keine Identifikationsmöglichkeiten mit seiner Aufgabe, vielleicht auch im Krieg das Gefühl zu haben, auf einem „sinkenden Schiff" zu sitzen. Negativ und zugespitzt gedacht, die Möglichkeit zu nutzen, sich von dem Ballast der NS-Mitgliedschaft zu befreien.

Mit Wirkung vom 1.4.1940 war Wilhelm Oberdörffers Oberschulratsstelle nach A 1 b besoldet. Anzunehmen ist, dass Oberdörffer bei seinem Schritt, aus der Schulverwaltung auszuscheiden, die Option, bei Reemtsma Leiter der Personalverwaltung zu werden, vorher geklärt hatte.

Formal ergab sich folgender Ablauf: Senator Karl Witt schrieb am 3.9.1940 an Reichsstatthalter Karl Kaufmann: „Auftragsgemäß habe ich heute mit Herrn Dr. Oberdörffer über seine Pensionierung gesprochen. Herr Oberdörffer ist bereit, sich pensionieren zu lassen. Er bittet, da er ohne Vermögen ist, die Pensionierung auf den 1. April 1941 auszusprechen und ihn bis dahin zu beurlauben, damit er einen Übergang findet und sich auf sein Einkommen als Ruheständler einrichten kann. Er hat zwei Töchter, die beide noch in der Ausbildung begriffen sind; eventuell muss er sich auch um eine andere Wohnung kümmern.

Zu seinem Nachfolger bitte ich, Pg. Oberstudiendirektor Henze zu bestellen. Nach den Bestimmungen des Ministers muss Pg. Henze, ehe er als Oberschulrat angestellt werden kann, sechs Monate sein Amt kommissarisch ausüben. Pg. Henze könnte dann zum 1. April angestellt werden, wenn die Stelle Dr. Oberdörffer freigeworden ist. Ich werde dem Pg. Henze neben der Leitung des höheren Schulwesens und der Bearbeitung der Personalien noch die politische Begutachtung sämtlicher Lehrkräfte übertragen." (19)

Auch eine andere Personalentscheidung war getroffen worden: „Oberschulrat Dr. Behne ist eingezogen; Oberschulrat Dr. Saß ist erkrankt, so dass augenblicklich außer Dr. Oberdörffer kein Schulaufsichtsbeamter des höheren Schulwesens zur Verfügung steht. Ich bitte Sie um die Ermächtigung, den Oberstudiendirektor Dr. Züge, Fachschaftsleiter für das höhere Schulwesen im NSLB, zur Vertretung zu bestellen. Ich werde Dr. Züge darauf hinweisen, dass aus dieser aushilfsweisen Beschäftigung keine Folgerungen gezogen werden können. Herr Dr. Züge, der die politische Betreuung der Studienräte im NSLB ausübt, ist sehr wohl im Stande, auch in der ersten Zeit Pg. Henze beratend zur Seite zu stehen. Pg. Henze ist nie an einer Staatsschule tätig gewesen, und ich halte eine Einführung durch Pg.  Dr. Züge, der politisch gut beurteilt ist, für sehr nützlich."

Und Oberdörffer hatte noch ein Anliegen, das Witt dem Reichsstatthalter vortrug: „Herr Dr. Oberdörffer bittet, dass die Unterredung mit dem Standartenführer Schulz noch stattfinden kann. Ihm liegt daran festzustellen, dass er wegen seiner Abstammung freiwillig aus dem Amte scheidet. Er möchte nicht, dass ihm vorgeworfen würde, er sei politisch unzuverlässig und er gehe aus Furcht vor einem Disziplinarverfahren."

Karl Kaufmann stimmte allen drei Punkten zu. Oberdörffer wurde bis zum 1.4.1941 beurlaubt (20) und stellte daraufhin am 12.9.1940 den Antrag, zum 31.3.1941 in den Ruhestand versetzt zu werden.

Karl Witt wendete sich am 12.9.1940 an die Personalabteilung des Hauptverwaltungsamtes. Aus dem Schreiben geht hervor, dass mit Unterstützung der Reichsstatthalters Kaufmann der Versuch gemacht worden war, durch Sonderregelung Adolf Hitlers Oberdörffer als Parteimitglied zu halten. Witt schrieb: „Der am 14.4.1886 geborene Oberschulrat Dr. Oberdörffer ist rassenmäßig deutschblütig im Sinne des Reichsbürgergesetzes und der dazu ergangenen ersten Durchführungsverordnung, da keiner seiner vier Elternteile voll jüdisch ist. Er entspricht daher rassenmäßig den Anforderungen, die das Deutsche Beamtengesetz (§ 25) für Beamte aufgestellt hat. Dagegen hat sich herausgestellt, dass ein Elternteil mütterlicherseits jüdisch ist, so dass die für die Zugehörigkeit zur NSDAP aufgestellten strengeren Anforderungen nicht erfüllt sind. Er hat deshalb seinen Austritt aus der Partei bereits vollzogen. Dr. Oberdörffer hat selbst erklärt, dass er sich unter diesen Umständen nicht mehr in der Lage fühlt, das ihm bisher übertragene Amt eines Schulaufsichtsbeamten und Referenten für das höhere Schulwesen auszuüben, zumal auch die Schulverwaltung auf Anweisung des Herrn Reichsstatthalters an die Reinblütigkeit der im Unterrichts- und Erziehungsdienst verwendeten Beamten besonders strenge Anforderungen gestellt hat. Die Schulverwaltung schließt sich der Auffassung Dr. Oberdörffers an; sie ist auch nicht in der Lage, Dr. Oberdörffer im Rahmen der Schulverwaltung eine andere angemessene amtliche Tätigkeit zu übertragen. Andernfalls müsste mit Bemängelungen gerechnet werden, die für Dr. Oberdörffer persönlich wie für die Verwaltung gleich untragbar wären. Ich habe daher Dr. Oberdörfer vorläufig beurlaubt. Eine Möglichkeit, Dr. Oberdörffer zwangsweise aus dem Beamtenverhältnis zu entfernen, besteht nicht. Es liegen weder die Voraussetzungen des § 59 noch des § 71 des Deutschen Beamtengesetzes vor. Letzteres ergibt sich schon daraus, dass der Gauleiter seinerzeit selbst einen Antrag an den Führer gerichtet hat, Dr. Oberdörffer wegen seiner persönlichen Eigenschaften zu gestatten, Mitglied der Partei zu bleiben. Dieser Antrag ist nur aus grundsätzlichen Erwägungen abgelehnt worden.“ (21)

Oberdörffer genoss somit die Wertschätzung der höchsten nationalsozialistischen Entscheidungsträger. Es wurde ihm gestattet, ein halbes Jahr mit vollen Bezügen beurlaubt zu werden. Am 12.9.1940 teilte Witt den Leitern der höheren Schulen in einer Sitzung die Gründe des Ausscheidens mit.

Oberdörffer fing dann am 1.4.1941 bei Reemtsma als Leiter der Personalverwaltung an.

Als der Hamburger Kaufmann Rudolf Petersen, ehemaliges DVP-Mitglied, am 16.5.1945 im Auftrag der britischen Militärregierung zum Bürgermeister Hamburgs ernannt wurde, beauftragte er seinen ehemaligen DVP-Parteifreund Oberdörffer mit der Leitung der Schulverwaltung. Oberdörffer blieb es für 21 Tage, dann wurde Heinrich Landahl am 1.6.1945 zum Schulsenator ernannt. Oberdörffer war durch seinen frühen NSDAP-Beitritt zum 1.5.1933 für die britische Militärregierung nicht tragbar. Dieses war durch seinen Entnazifizierungsfragebogen, den er am 14.5.1945 ausgefüllt hatte, sichtbar geworden. (22)

Oberdörffer bekam von der Firma Reemtsma ein Leumundsgutachten, in dem es hieß, Oberdörffer „ist als Personalleiter der Verwaltung Wandsbek tätig. Aufgrund seiner früheren Stellung im hamburgischen Schulwesen, die ihn fachlich auch über die Grenzen des Reiches hinausführte, war er Mitglied verschiedener betreuter und anderer Organisationen der NSDAP. In seiner Ahnenreihe tauchte jüdisches Blut auf und dieses führte zu Schwierigkeiten und schließlich zur Entlassung aus dem Amt. Er fand sodann Anstellung in unserer Firma. In unserem Betrieb ist er politisch im Sinne des Nazismus nicht hervorgetreten.“ (23)

Und der Vorsitzende des Fachausschusses 6 b, Friedrich Wilhelm Licht, stellte fest: „O. darf nicht als eifriger NS. angesprochen werden. Er besaß eine gewisse Wendigkeit, so dass er sich längere Zeit in der Schulverwaltung halten konnte. Im starken Gegensatz befand er sich zur HJ, aber auch sonst wurde er angefeindet. Er war kein Militarist und man warf ihm vor, er besäße ‚kein genügendes soldatisches Format‘. Um O. aus der Schulverwaltung zu beseitigen, ging man zuletzt bis nach Berlin. Die Aktion gegen O. endete mit seiner Pensionierung, die er zuletzt selber beantragte. Trotz seiner Tätigkeit in der Schulverwaltung kann man O. als einwandfrei bezeichnen." (24)

Oberdörffer wurde nach 1945, nachdem er bei Reemtsma ausgeschieden war, zu einer öffentlich bekannten Person durch sein ehrenamtliches Engagement auf gemeinnützigem und kulturellem Gebiet. Anerkennung erhielt er beim Wiederaufbau der Hamburger Staatsoper. Er war in der Patriotischen Gesellschaft tätig, im Hochschulbeirat und dem Übersee-Club. Oberdörffer war wesentlich mit der Organisation des jährlichen Hafengeburtstages am 7. Mai beschäftigt. Für sein umfassendes Engagement wurde er 1961 mit dem großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. (25)

Fünf Jahre vorher hatte Bürgermeister Sieveking ihm die Medaille für „treue Arbeit im Dienste des Volkes" verliehen. (26)

Zum 70. Geburtstag gratulierte ihm Schulsenator Hans Wenke am 14.4.1956. Er schrieb: „Sie haben dabei in ihrem Wirken und in ihrer Persönlichkeit die heute so selten gewordene Verbindung von Tüchtigkeit und Umsicht in den praktischen Dingen und einer hohen Verpflichtung vor den geistigen Aufgaben uns vorgelebt. Als Oberschulrat wurden sie von Lehrern und Schülern geschätzt und verehrt, weil sie auch in diesem Amte Unerbittlichkeit in den Anforderungen und einem feinen menschlichen Verständnis verbanden. Am heutigen Tage werden viele Hamburger Lehrer, die in den vergangenen Jahrzehnten unter ihrer Obhut gearbeitet haben, Ihrer in Dankbarkeit gedenken. Die Schulbehörde weiß, dass sie in Ihnen einen ihrer hervorragendsten Vertreter besessen hat." (27)

Und Heinrich Landahl, der Oberdörffer nach dessen Intermezzo an der Spitze der Hamburger Schulverwaltung im Mai 1945 ablöste, schrieb in seiner zweiten Amtszeit als Schulsenator am 13.4.1961 zu Oberdörffers 75. Geburtstag: „Sie wurden schon mit verhältnismäßig jungen Jahren in die Schulbehörde berufen, und ich darf Ihnen heute einmal sagen, dass Sie mir oft ein großartiger Beweis für meine Auffassung gewesen sind, tüchtige Männer und Frauen nicht zu spät mit führenden und verantwortlichen Aufgaben zu betrauen. Sie haben mit ihrer frischen und lebendigen Initiative das Hamburger Schulwesen gefördert, immer neue Möglichkeiten gefunden, den drängenden Fragen der Zeit gerecht zu werden. Ihnen war auch die hohe Gabe der Menschenführung eigen, in der sich Güte und Verständnis, Klarheit und Unerbittlichkeit verbanden. Es war ein Segen für die Hamburger Schule, dass Sie an leitender Stelle seine Entwicklung und seinen inneren Ausbau mit bestimmt haben." (28)

Wilhelm Oberdörffer starb am 16.5.1965

Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1. Alle Angaben nach seiner Personalakte, StA HH, 361-3_A 1328
2. Schreiben vom 22.11.1917, ebd.
3. Uwe Schmidt: Aktiv für das Gymnasium, Hamburg 1999, S. 129.
4. Uwe Schmidt, a.a.O., S. 127.
5. Personalakte Oberdörffer, a.a.O.
6. Laut Personalakte Oberdörffer a.a.O. und Entnazifizierungsakte, StA HH, 221-11_I (TL) 3621
7. Uwe Schmidt: Wilhelm Oberdörffer, in: in: Hamburgische Biografie, Personenlexikon, herausgegeben von Franklin Kopitzsch und Dirk Brietzke, Göttingen2003, Bd.2, S.302.
8. Zitiert nach: Uwe Schmidt, 1999, S. 282.
9. Uwe Schmidt: Hamburger Schulen im „Dritten Reich“, Hamburg 2010, S. 279.
10. Ursula Randt: Carolinenstrasse 35, Geschichte der Mädchenschule der Deutsch- Israelitischen Gemeinde in Hamburg 1884-1942, Hamburg 1984, S. 66.
11. Uwe Schmidt, 2010, S. 279.
12. Uwe Schmidt, 2010, S. 369.
13. In: Blankenese, Monatszeitschrift des Blankeneser Bürger- Vereins e.V., Nr. 10/1967, S. 19.f.
14. Uwe Schmidt, 1999, S. 400
15. Personalakte Oberdörffer, a.a.O.
16. Entnazifizierungsakte, a.a.O., Anlage zum Entnazifizierungsfragebogen
17. Schmidt, 2010, S. 279. Siehe zu diesem Thema auch die Biografien Hüttmann und Iburg.
18. Personalakte Oberdörffer, a.a.O.
19. Ebd.
20. Schreiben von Karl Kaufmann vom 5.9.1940, ebd.
21. Schreiben vom 12.9.1940, ebd.
22. Entnazifizierungsakte, a.a.O.
23. Schreiben vom 4.19.1946, ebd.
24. Ebd.
25. „Welt“ vom 11.4.1961
26. „Welt“ vom 16.4.1956
27. Personalakte Oberdörffer, a.a.O.
28. Ebd.
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Februar 2019: 716 Kurzprofile und 276 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startet online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen, wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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