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Wolfgang Meyer

(31.5.1867 Hamburg – 1.12.1957 Hamburg)
Schulleiter, Oberschulrat, Landesschulrat
Claudiusstraße 29 (Wohnadresse 1939)

Dr. Hans-Peter de Lorent hat seinem Buch „Täterprofile Band 2“ dieses Profil von Wolfgang Meyer verfasst und veröffentlicht:

Ein für den Bereich der höheren Schulen in Hamburg durchaus typischer und gleichermaßen auch sehr erfolgreicher Repräsentant während der Weimarer Republik war Prof. Dr. Wolfgang Meyer. Er war Schulleiter, Oberschulrat, kurze Zeit auch Landesschulrat und Gauführer der deutschen Turnerschaft. Meyers Karriere im Hamburger Schulwesen endete eigentlich mit Ende der Weimarer Republik. Aber er zeigte sich durchaus anfällig für das Werben der Nationalsozialisten.

Als Friedrich Wolfgang Oscar Meyer am 31.5.1867 in Hamburg als Sohn „des Inspectors der Kunsthalle“ geboren, besuchte er die Vorschule von Siemssen und dann die Gelehrtenschule des Johanneums, an der er 1885 die Reifeprüfung ablegte. Nach dem Studium der klassischen und deutschen Philologie in Tübingen und Leipzig wurde er 1890 in Leipzig promoviert und bestand dort am 19.6.1891 die Staatsprüfung für die Oberklassen in Latein, Geschichte und Deutsch. Das Probejahr absolvierte Wolfgang Meyer am Johanneum, 1893 wurde er dort als Oberlehrer fest angestellt.

Ab 1910 leitete Wolfgang Meyer als Direktor die Realschule St. Pauli, 1912 als Direktor das Wilhelm-Gymnasium, 1914 wurde er Schulrat für das höhere Schulwesen, 1919 Oberschulrat.[1]

Zwischendurch war Wolfgang Meyer im Kriegsdienst. Am 26.8.1914 meldete er sich freiwillig, wurde Oberleutnant und Kompanieführer. Als Hauptmann und Bataillonsführer rief ihn Senator Werner von Melle am 3.5.1917 zurück in die Aufsicht im höheren Schuldienst und reklamierte ihn als unabkömmlich.[2]

Meyer war vor und neben seiner Schultätigkeit vielseitig aktiv. So im Verein der Oberlehrer, im Philologenverein[3]3 und im VDA.[4]4 Insbesondere aber auch im Bereich der Förderung der Leibesübungen und der organisierten Turnerschaft lag sein Interesse, worauf noch näher eingegangen wird.

Im Fragebogen zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7.4.1933 vermerkte Wolfgang Meyer auch die Mitgliedschaft in der DVP, „von der Gründung bis 1931“.[5]

Wertschätzung genoss OSR Meyer beim sozialdemokratischen Schulsenator Emil Krause, der am 4.9.1931 begründete, warum das gerade verabschiedete Gesetz zur Herabsetzung der Altersgrenze vom 28.8.1931 für den 64-jährigen Wolfgang Meyer nicht gelten sollte: „Herr Oberschulrat Meyer ist jedoch als Personaldezernent für das höhere Schulwesen bei der Schulbehörde bis Ostern 1932 unentbehrlich, weil durch die Sparmaßnahmen ganz außergewöhnliche Verschiebungen im Personalbestand notwendig werden, die ohne genaue Kenntnis der einschlägigen Personalfragen und Verhältnisse gar nicht durchführbar sind. Ich beantrage deshalb ergebenst, Herrn Oberschulrat Prof. Dr. Meyer, der damit einverstanden ist, bis zum Ablauf des 31. März 1932 in seinem Amte zu belassen.“[6]

Dies wurde vom Hamburger Senat genehmigt und dann sogar auf Antrag von Emil Krause noch einmal bis zum 31.3.1933 verlängert.[7]

Zu diesem Zeitpunkt wäre Wolfgang Meyer fast 66 Jahre alt gewesen, es hätte eine Chance für ihn bedeutet, nicht in den Nationalsozialismus verstrickt zu werden.

Noch fehlte den neuen Machthabern das überzeugende und erfahrene Personal in der Verwaltung des Hamburger Bildungswesens. Dies habe ich im ersten Band „Täterprofile“ ausführlich dargestellt.[8]

Wolfgang Meyer, obwohl nicht Mitglied der NSDAP, stand der neuen Ausrichtung der Hamburger Schulpolitik nicht so fern, um nicht bereitwillig die Aufgabe des kommissarischen Landesschulrates zu übernehmen und dem neuen Schulsenator Karl Witt zur Verfügung zu stehen, um ihm somit das erste halbe Amtsjahr zu erleichtern. Hildegard Milberg charakterisierte Wolfgang Meyer folgendermaßen: „Als Verfasser einer Biografie Friedrich Ludwig Jahns und als stiller Förderer deutschnationaler völkischer Staatserziehung an den höheren Schulen während der Weimarer Zeit erschien er offenbar besonders geeignet, die nationalsozialistische Neuordnung des Hamburgischen Schulwesens einzuleiten.“[9]

Witt begründete seine Wertschätzung für Wolfgang Meyer nach dem halben Jahr der Zusammenarbeit: „Ihre echt vaterländische Gesinnung, die in allen zurückliegenden Jahren unverändert geblieben und stets offen von Ihnen zur Schau getragen ist, Ihr starkes Pflichtbewußtsein, Ihre wohlwollende Haltung gegen die Ihnen unterstellte Lehrerschaft und Ihr sicheres Empfinden für gerechte Entscheidung in allen Fragen haben Ihnen das uneingeschränkte Vertrauen Ihrer Untergebenen, die Achtung Ihrer Mitarbeiter und die Anerkennung Ihrer Vorgesetzten eingetragen.“

Und weiter sagte Karl Witt: „Ich persönlich fühle mich Ihnen zu besonderem Dank verpflichtet, weil Sie, als ich mein Amt als Leiter der Hamburger Verwaltung antrat, auf meine Bitte, auch nach Überschreitung der Altersgrenze weiter im Amt zu bleiben und die verantwortungsvollen Aufgaben des Landesschulrats zu übernehmen sich sofort bereit erklärt und mir dadurch die Überleitung der Verwaltung in die neuen Zeitverhältnisse außerordentlich erleichtert haben. Ihr reiches Wissen, Ihre umfangreichen Erfahrungen und Ihr ausgeglichener Sinn haben Sie befähigt, mir in dieser Zeit wertvollste Dienste zu leisten, an die ich mich immer gern erinnern werde. Es ist meine Hoffnung und Zuversicht, daß Sie Ihr starkes und lebendiges Interesse unserer hamburgischen Schule auch nach Ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Schuldienst bewahren werden.“[10]

Auch die besonderen Leistungen im deutschen Turnerbund skizzierte Karl Witt: „Ihre besondere Liebe galt der Pflege der Leibesübungen und der Musik in der Schule. Wenn Hamburger Jungen und Mädchen auf diesen beiden Fachgebieten anerkannt Gutes, im Schwimmen sogar Vorbildliches geleistet haben und noch leisten, so ist dieses erfreuliche Ergebnis Ihrem kraftvollen Eintreten und Ihrer nachdrücklichen Förderung zu verdanken. In einer Zeit, in der nach dem Zusammenbruch unseres Volkes es als eine der vordringlichsten Aufgaben erschien, in der heranwachsenden Jugend die Freude an Stärkung und Stählung des Körpers zu wecken und zu pflegen, haben Sie es verstanden, der Pflege der Leibesübungen und des Wandern, die in früheren Zeiten leider nicht immer die nötige Beachtung in der Schularbeit gefunden haben, die Bedeutung zu erobern und zu sichern, die im Interesse der Heranbildung eines gesunden Geschlechts geboten ist. Eine systematische Neuordnung des Turnunterrichts und der Pflege von Spiel und Sport in der Schule ist im Wesentlichen Ihr Werk gewesen.“[11]

Bezeichnend auch welches Zeugnis, der ehemalige Schulleiter des Johanneums, Prof. Edmund Kelter, dem scheidenden kommissarischen Landesschulrat Wolfgang Meyer bei seiner Pensionierung ausstellte. Nach dessen halbjähriger Tätigkeit für die nationalsozialistische Schulverwaltung beschrieb Kelter die innere Verfassung des Oberschulrates für das höhere Schulwesen, Wolfgang Meyer, während seiner Tätigkeit in der Weimarer Republik: „Schwerer aber fast als das Ausharren vor dem Feind (im Weltkrieg, deLo.), wurde dann durch vierzehn Jahre die entsagungsvolle Arbeit unter einer Behörde und einer Regierung, die Dir innerlich immer fremd geblieben sind. Doch auch hier hast Du ausgleichend gewirkt und zu mal unserem Johanneum volle Bewegungsfreiheit im vaterländischen Sinne, Betonung lebendiger Tradition, Verehrung der großen Führer unseres Volkes, der Geistesgewaltigen aller Zeiten ermöglicht und uns niemals beengt, wenn es galt, der großen Tage unserer Geschichte zu gedenken, der Jugend zum Ansporn und zur Nacheiferung.“[12]

Die gleichgeschaltete Hamburger Presse feierte Wolfgang Meyer, als er in den Ruhestand trat. Erwähnt wurde besonders, dass Meyer, obwohl der alte Senat ihn schon zum 31.3.1933 in den Ruhestand versetzt hatte, vom neuen Senat „nach der nationalen Staatsumwälzung“[13] als Landesschulrat im Amt belassen und beauftragt worden ist. Besonders erwähnt wurde auch, dass Wolfgang Meyer 20 Jahre Gauführer der deutschen Turnerschaft gewesen sei.

Als Wolfgang Meyer am 31.5.1942 seinen 75. Geburtstag feierte, würdigte ihn das „Hamburger Fremdenblatt“ mit Hinweis darauf, dass er „nach der Machtergreifung tatkräftig an der Neuordnung des Schulwesens mitgearbeitet hatte.“[14]

In seiner Personalakte ist noch ein Schreiben zu finden, aus dem hervorgeht, dass Meyer unmittelbar vor Beginn des Zweiten Weltkrieges erneut seine Dienste der NS-Schulverwaltung angeboten hatte. In einem Schreiben vom 27.8.1939 schrieb Meyer an Karl Witt, den „hochverehrten Herrn Senator“: „Von dem Grundsatz ausgehend, daß in kritischen Zeiten jeder arbeitsfähige Mann dem Vaterland seine Arbeitskraft zur Verfügung stellen muß, erlaube ich mir, Ihnen meine Dienste anzubieten, falls Sie auf einem mir angemessenen Arbeitsgebiete durch die vielen Kriegsbeorderungen in Verlegenheit gekommen sein sollten. Wenn ich als 50-jähriger in der Front gestanden habe, glaube ich auch jetzt noch die körperliche und geistige Kraft zu besitzen, in der Heimat einen Dienst zu erfüllen. Nichts ist mir unerträglicher, als tatenlos zuzusehen, wie in dieser großen Zeit andere das Äußerste an Kraft und Opferwillen aufbringen, während ich vielleicht auch noch einen bescheidenen Beitrag leisten könnte. In diesem Sinne bitte ich um freundliche Prüfung. Mit Heil Hitler, Ihr in Hochachtung ergebener Prof. Dr. Wolfgang Meyer.“[15]

Wolfgang Meyer war mittlerweile schon 72 Jahre alt und hatte die nationalsozialistische Politik seit über sechs Jahren verfolgen können. Meyer erneuerte seine Bereitschaft, ein Rädchen im nationalsozialistischen Getriebe zu sein.

Zum 80. Geburtstag 1947 stiftete die Schulbehörde den „Wolfgang-Meyer-Wanderpreis“, der alljährlich unter den „höheren Schulen Hamburgs ausgetragen wird“. In Stellingen wurde ein Sportplatz nach Wolfgang Meyer benannt. Am 20.12.1951 gratulierte Senator Landahl Meyer und seiner Frau Helma zur goldenen Hochzeit.[16]

Wolfgang Meyer wurde 90 Jahre alt, war aber die letzten Jahre gesundheitlich stark eingeschränkt. Als er am 1.12.1957 starb, würdigte Senator Hans Wenke sein „segensreiches Wirken“ und nannte ihn einen „bedeutenden Schulmann“.[17]

Profil abgedruckt aus: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Band 2. Hamburg 2017. Das Buch ist erhältlich in der Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg

Anmerkungen
1 Alle Angaben laut Personalakte Wolfgang Meyer, StA HH, 361-3_A764
2 Schreiben vom 3.5.1917, Personalakte a.a.O.
3 Siehe Uwe Schmidt: Aktiv für das Gymnasium, Hamburg 1999, S. 95 und S. 184.
4 Schmidt 1999, S. 368.
5 Personalakte Meyer, a.a.O.
6 Ebd.
7 Antrag ebd.
8 Hans-Peter de Lorent: Täterprofile, Band 1. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz, Hamburg 2016. Siehe insbesondere S. 28ff. und S. 99ff.
9 Hildegard Milberg: Schulpolitik in der pluralistischen Gesellschaft. Die politischen und sozialen Aspekte der Schulreform in Hamburg 1890–1935, Hamburg 1970, S. 370.
10 Rede von Karl Witt bei der Verabschiedung des kommissarischen Landesschulrats Prof. Dr. Wolfgang Meyer am 30.9.1933, Personalakte Meyer a.a.O.
11 Ebd.
12 „Das Johanneum“ Heft 25, Dezember 1933, S. 11.
13 Siehe „Hamburger Fremdenblatt“ vom 29.9.1934.
14 „Hamburger Fremdenblatt“ vom 30.5.1942.
15 Personalakte, a.a.O.
16 Alles Personalakte, a.a.O.
17 Personalakte, a.a.O.
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

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Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Dezember 2019: 789 Kurzprofile und 275 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

Ich wünsche eine Übersetzung in:
Danke für Ihr Interesse!

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