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Albert Mansfeld

(10.8.1901 - 7.9.1995)
Oberschulrat für das Volksschulwesen
Wohnadresse: Langenhorner Chaussee 12 (1938)
Wirkungsstätte: Dammtorstraße 25 (Unterrichtsbehörde)

Überzeugter Nationalsozialist, „schlicht, aber pedantisch korrekt“

Zu den wichtigsten Männern des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB) und in der Schulverwaltung gehörte Albert Mansfeld, der einer der Gründer des NSLB in Hamburg war und seit 1931 für die NSDAP in der hamburgischen Bürgerschaft saß. Er war der zweite Mann hinter Gauamtsleiter Willi Schulz und Oberschulrat für das Volksschulwesen. An ihm wird deutlich, wie facettenreich auch überzeugte Nationalsozialisten sein konnten. Besonders interessant verlief die Entnazifizierungsgeschichte Mansfelds, die langwieriger und widersprüchlicher war als in anderen Fällen.

Albert Mansfeld gehörte zur jungen Generation in der nationalsozialistischen Bewegung. Am 10.8.1901 in Hamburg als Sohn eines „kleinen“ Beamten geboren, wurde er 1933 zu einem der führenden Nationalsozialisten im NSLB und in der Schulverwaltung, dabei enger Vertrauter vom NSLB-Gauamtsleiter und Landesschulrat Willi Schulz.

Im NSLB fungierte Mansfeld als Stellvertreter von Willi Schulz und war als Gauhauptstellenleiter für das Personal zuständig. Als Vorsitzender des Ehrengerichtes des NSLB hatte Mansfeld alle Hände voll zu tun, die Querelen und persönlichen Fehden insbesondere in den ersten Jahren nach der Machtübernahme mit der Gruppe der „alten Kämpfer“ des NSLB zu schlichten und zu ordnen. Dabei gehörte Albert Mansfeld selbst zu den Gründern des NSLB in Hamburg. Am 28. Mai 1931 hatte er den Hamburger NSLB gemeinsam mit den NSDAP-Mitgliedern Dr. Walter Gloede, Dr. Wilhelm Schönwald, Hedwig Förster und Auguste Wahncau gegründet. [1]

Albert Mansfeld war schon am 1.8.1928 Mitglied der NSDAP geworden. Auf verschiedenen Feldern zeigte er sich auch schulpolitisch aktiv. So war er 1930 auf der Liste der Rechten Mitglied der Lehrerkammer und später des Schulbeirates geworden. Auch in der „Gesellschaft der Freunde“ hatte Mansfeld sich schon 1931 als aktiver Nationalsozialist in die schulpolitischen Debatten begeben. In einer gut besuchten Mitgliederversammlung am 12. Dezember 1931 im großen Saal des Curio-Hauses, bei der gegen die vom Reich und von Hamburg abwechselnd verfügten „empfindlichen Gehaltskürzungen für die Beamtenschaft, ganz besonders einseitig aber für die Lehrerschaft“ protestiert wurde, trat auch Albert Mansfeld auf, der als Volksschullehrer ebenfalls der „Gesellschaft der Freunde“  angehörte. Mansfelds Auftritt war Teil einer Inszenierung. Friedrich Kraus, langjähriger Chronist der HLZ, vermerkte dies im Protokoll der Versammlung eingangs neutral:

„Herr Traeger stellte den richtigen Grundsatz heraus, daß der parteipolitisch verpflichtete Parlamentarier, auch wenn er Mitglied der „Gesellschaft“ sei, nicht an gewerkschaftspolitischen Debatten teilnehmen solle, um nicht die Gewerkschaft auseinanderzureden; wenn aber einmal ein Parlamentarier das Wort ergreife, dann solle er auch klar sagen können, was er zu tun und zu verantworten bereit ist. Aus diesem Grunde beantrage er für Herrn Mansfeld, der Mitglied der Nationalsozialistischen Bürgerschaftsfraktion ist, Ausnahme von der beschlossenen beschränkten Redezeit. Die Versammlung folgte in ihrer - freilich nicht erheblichen- Mehrheit dem Wunsche von Herrn Traeger.“[2]

Dass sich Mansfeld nicht auf mit ihm sympathisierendem Terrain bewegte, macht die kurze Zusammenfassung seiner Ausführungen deutlich:

„Herr Mansfeld enttäuschte vollständig alle die, die gehofft hatten, er würde aus dem, was Herr Traeger ‚mystische Nebel‘ genannt hatte, hervorkommen und praktische Wege für die Gewerkschaftsführung aufweisen. Er beschränkte sich darauf, den Liberalismus, dem er vorwarf Menschenrechte postuliert zu haben, ohne auf die naturgegebenen Rassen Rücksicht genommen zu haben, dafür verantwortlich zu machen, daß der einzelne sich in wirtschaftlicher Beziehung ausleben und nicht am Schicksal des Volkes mittragen wolle, und andererseits die gegenwärtige Bildungsmisere als ein Stück Erfüllungspolitik zur Befriedigung der Reparationsgläubiger hinzustellen. Er forderte, daß die Reparationen in der beabsichtigten Entschließung erwähnt würden.“

Kurt Zeidler, bis 1930 Vorsitzender der „Gesellschaft der Freunde“, der nach 1945 Schulrat wurde und eine entscheidende Rolle in den Entnazifizierungserfahren spielte, schilderte diesen Auftritt Mansfelds in seinen Erinnerungen auf seine Weise:

„In einer von Gustav Küchler geleiteten Versammlung der „Gesellschaft“ (wohl im Jahre 1931) hatte Mansfeld das Wort genommen. Er war als Sprecher der NSDAP für Schul- und Bildungsfragen in der Hamburger Bürgerschaft erschienen, nachdem seit einer Bürgerschaftswahl, die kurz vorher stattgefunden hatte, diese Partei zum erstenmal mit einer nennenswerten Zahl von Abgeordneten in der Bürgerschaft vertreten war. Was er da über die pädagogischen und schulpolitischen Ziele und Pläne der NSDAP von sich gab, war dürftig genug; immerhin gelang es ihm mit einiger Mühe, die kurze Redezeit, die ihm zur Verfügung stand, leidlich auszufüllen. Kurz vorher war nämlich der Antrag angenommen worden, die Redezeit auf zehn (oder waren es fünf?) Minuten zu beschränken. Max Traeger, pfiffiger Parlamentarier, sah die Chance, erbat, nachdem Mansfeld von der Rednertribüne heruntergestiegen war, das Wort zur Geschäftsordnung und beantragte, für diesen Redner den vorher gefaßten Beschluß auf Beschränkung der Redezeit außer Kraft zu setzen; denn die seltene Gelegenheit, einen Vertreter der Partei zu hören, die neuerdings so viel von sich reden  mache, müsse ergriffen werden, um in aller Ausführlichkeit zu erfahren, was die neuen Leute auf dem Gebiet des Schulwesens anstrebten. Das Schmunzeln in den Gesichtern der Mehrzahl der Anwesenden, die Traegers Antrag unterstützten, ist mir unvergeßlich, ebenso die Bestürzung Mansfelds, der nun wohl oder übel wieder hinaufklettern und von neuem das Wort nehmen mußte. Die Plattitüden, die er, verlegen stotternd, von sich gab, enthüllten besser, als jede Analyse des NS-Parteiprogramms es vermocht hätte, die Hohlheit der ‚Bewegung‘. Es ist  verständlich, daß diese offensichtliche Blamage das Ansehen Mansfelds bei seinen Parteigenossen erheblich sinken ließ.“ [3]

Im Jahr darauf hatte die HLZ-Redaktion Albert Mansfeld für die NSDAP gebeten, zur wirtschaftspolitischen Lage Deutschlands eine „Analyse von rechts“ zu schreiben. Für die kontroverse Gegenposition beauftragte die HLZ Ernst Matthewes, der nach 1945 Landesschulrat wurde.

Mansfeld zitierte eingangs die Aufforderung der HLZ-Schriftleitung an ihn, „Lehrern zu sagen, wie sie sich als Beamte und Pädagogen im Hinblick auf die Zeitsituation entscheiden müßten.“ [4]

Im Weiteren vertrat Mansfeld ebenso naive, wie nationale bis hin zu antikapitalistisch-sozialistischen Positionen. Eine scharfe Polemik gegen den Versailler Vertrag wurde, wie auch später immer wieder, gekoppelt mit dem Wunsch, ein stärkerer Machtfaktor nach innen und außen zu werden, ein starkes Volk.

Im Einzelnen schrieb Mansfeld:
„Die National-Sozialistische Deutsche Arbeiter-Partei, der ich angehöre, ist wohl der Organisation und der Art der politischen Betätigung nach ‚Partei‘ – dem Wesen und der Zielsetzung nach jedoch keineswegs, sondern nach wie vor die alte Hitlerbewegung, die aus taktischen Gründen und nach heftigen inneren Auseinandersetzungen den Weg über das Parlament ins Volk sucht.  

Es gibt für uns nur einen Standpunkt und der liegt weder rechts noch links, auch nicht in der Mitte, sondern beim ganzen deutschen Volke.“

Und weiter: „Wir haben in der Erkenntnis dessen, daß in Anbetracht der furchtbaren Lage mehr denn je das Schicksal des einzelnen mit dem der Gesamtheit verknüpft ist, eine Grundlage zu suchen, auf der wir die im Inneren gegeneinander wirkenden und im wirtschaftlichen und politischen Klassenkampf sich verzehrenden Kräfte sammeln und zum Aufbau einer ‚Volks‘wirtschaft und eines Nationalstaates nach innen und nach außen einsetzen können. Hierbei haben wir alle nur verstandesmäßigen Einwände außer Betracht zu lassen und uns zunächst auf natürliche Gegebenheiten zu besinnen, d.h., auf die Zugehörigkeit zu einer innerhalb der menschlichen Rassen durch Sprache, Lebensanschauung und Sitten deutlich gekennzeichneten Menschengruppe in einem bestimmten Lebensraum. Wir wollen Deutsche sein und über alle wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Bindungen hinweg das Band der Volksgenossenschaft als das teuerste ansehen: das sollte nicht nur, das muß in Zukunft unsere Losung sein.“

Am Ende gab Mansfeld gar ein Bekenntnis zur Einheitsschule ab:
„Die Nation ist im Aufbruch! Daß sie werde, ist unser aller Aufgabe! Es wird aber erst des ganzen Einsatzes, besonders der deutschen Lehrerschaft, bedürfen, bis sie wirklich vorhanden ist. Der Weg kann nur über die von unten nach oben organisch aufgebaute deutsche Einheitsschule führen, die in allen ihren Gliedern nur ein Ziel kennt: den von sozialem Gerechtigkeitsgefühl erfüllten deutschen Menschen in der deutschen Nation!“

Und auch als Mitglied der NSDAP-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft trat Mansfeld in den Jahren 1931-1933 in schulpolitischen Auseinandersetzungen in Erscheinung. In einer Debatte 1932 stritten sich neben Albert Mansfeld noch Max Traeger (Deutsche Staatspartei), Karl Witt (Deutsche Reichspartei) und Richard Ballerstaedt (SPD). Auch der Hamburger Schulsenator nach 1945 und damalige Schulleiter der Lichtwarkschule, Heinrich Landahl, war als Abgeordneter der Deutschen Staatspartei und Vizepräsident der Bürgerschaft anwesend, wenngleich er sich an dieser Debatte zum Thema „Fürsorgemaßnahmen für Schüler und Schulentlassene“ nicht beteiligte. Es zeigt sich auch hier, dass sich Personen, die maßgebliche Rollen in der NS-Zeit und nach 1945 spielten, schon am Ende der Weimarer Republik im Diskurs, bzw. in heftigen Kontroversen befanden.

Andererseits zeigte diese Debatte aber auch, dass hier Schulpolitiker auf sachlichem Niveau diskutierten und Mansfeld sich dabei als ernsthafter und engagierter Debattenredner erwies, der, anders als der spätere Schulsenator Karl Witt, völlig auf Provokationen und Polemiken verzichtete.

Mansfeld hielt eine Brandrede für mehr Lehrer im Schuldienst, für die Senkung der Klassenfrequenzen, um eine bessere Betreuung der Schuljugend zu erreichen. Heftig umstritten war dabei allerdings der Finanzierungsvorschlag, die am Ende der Weimarer Republik von verschiedenen Seiten diskutierte und von der NSDAP in die Bürgerschaft eingebrachte Parole, das „Doppelverdienen zu beseitigen“. In dem von Mansfeld für die NSDAP eingebrachten Antrag hieß es:
„1. Sofort die nötigen Mittel zur Einstellung der in Hamburg vorhandenen Junglehrer freizumachen,
2. unverzüglich die verheirateten Beamtinnen, deren Lebensunterhalt durch das Einkommen des Mannes gesichert ist, ohne Entschädigung aus dem Dienst zu entlassen mit der Maßgabe, daß bei Eintreten der Erwerbslosigkeit des Mannes die Rechte der Frau als Beamtin wieder Geltung bekommen.“ [5]

Am Ende der Rede dann wieder das von Mansfeld auch später immer wieder geäußerte Bekenntnis zur Volksgemeinschaft, zur Bedeutung des Einzelnen im Ganzen, in der Gemeinschaft, im Volk:
„Wenn wir immer nur in Teilen gedacht und gelebt haben, wenn wir nur als Gruppen oder Interessenten dieser oder jener Art unsere Lebensaufgabe gesucht haben, meine Damen und Herren, daß das Große dabei zugrunde ging. (Sehr richtig! Bei den Nationalsozialisten) Indem wir Umkehr halten und wieder auf das Ganze zustreben, indem wir fürs Ganze denken und fürs Ganze handeln, bauen wir wieder auf. Und die Voraussetzung für dieses Stehen des Einzelnen innerhalb einer großen Gemeinschaft, die durch das Schicksal zusammengeschweißt ist, ist eine Haltung, die mit dem Charakter aufs engste verbunden ist.“ [6]

Albert Mansfeld war also schon 1928 in die NSDAP eingetreten, hatte 1931 den NSLB in Hamburg mitgegründet, so dass er sich schon 1933, gerade 32-jährig, als „alten Kämpfer“ bezeichnen konnte. Folgerichtig machte er schnell Karriere im Hamburger Schulwesen. Am 11.7.1933 wurde er Schulleiter der Schule Eilbecktal 37, die bald darauf in Adolf- Hitler-Schule umbenannt wurde. Wobei es sicherlich von kalkulierter Symbolik war, Mansfeld gerade dort als Schulleiter einzusetzen, wo der letzte Vorsitzende der „Gesellschaft der Freunde“, Gustav Küchler, seit 25 Jahren Lehrer und zuletzt vom Kollegium zum Schulleiter gewählt worden war. Küchler wurde an die Schule Stresowstraße versetzt, an der Mansfeld zuvor als Lehrer gearbeitet hatte. [7]

Knapp ein halbes Jahr später wurde Mansfeld Schulrat (am 5.3.1934) und schon wenig später, am 1.7.1934 Oberschulrat für das Volksschulwesen in Hamburg, damit auch Stellvertreter des Landesschulrates Willi Schulz.

Im NSLB war Albert Mansfeld die rechte Hand des 14 Jahre älteren Willi Schulz, mit wichtigen Funktionen betraut. Insbesondere in den ersten Jahren der Auseinandersetzungen mit der politisch unzureichend orientierten, sich als „alte Kämpfer“ des NSLB gerierenden Gruppe, die vornehmlich einen persönlichen Kampf mit Willi Schulz ausfochten, hatte Mansfeld als Vorsitzender des Ehrengerichtes des NSLB eine wichtige und zeitraubende Aufgabe. [8]

Zum inneren Zirkel um Willi Schulz zählten neben Mansfeld auch noch Kurt Holm und Richard Schlorf sowie Wilhelm Bernhard, die für den NSLB, das Curio-Haus und die von der „Gesellschaft der Freunde“ übernommenen Kassen wichtige Funktionen innehatten.

Aber auch beim nationalsozialistischen Aufbau des Hamburger Schulwesens spielte Mansfeld an der Seite von Willi Schulz eine entscheidende Rolle.

Obwohl kein begnadeter Redner, übernahm Mansfeld gegenüber der Lehrerschaft eine propagandistische Funktion, sicherlich auch eine Art Arbeitsteilung mit dem Landesschulrat.

Mansfeld oblag die Aufgabe, in den ersten Jahren nach 1933 über den NSLB eine politische Orientierung in die Hamburger Lehrerschaft zu bringen. Wie das aussah, veranschaulicht eine Rede, die Mansfeld Ende 1933 vor den Vertrauensleuten des NSLB im Curio-Haus hielt. Er begann mit einem glühenden Bekenntnis zu Adolf Hitler:
„Als an jenem historischen Tage der Wende des deutschen Schicksals, am 30. Januar 1933 unser Führer Adolf Hitler auf dem höchsten verantwortungsvollen Posten des Deutschen Reiches, den des Reichskanzlers berufen wurde, da wußten wir Nationalsozialisten, wir alten Kämpfer, die zu jedem Einsatz bereit waren, dreierlei:
Adolf Hitler würde, komme, was da immer wolle, seine Machtstellung in Berlin nicht preisgeben. Oder aber, seine Gegner hätten über die Leichen seiner SA und SS, seiner Amtswalter und Parteigenossen, über die Leichen der nationalsozialistischen Kämpfer hinweg, Hand an das Leben unseres Führers selbst legen müssen! Wir wußten dieses, weil der Führer im Wahlkampfe 1932 gesagt hatte: ‚Nach Berlin geht man nur dann, wenn man die feste Absicht und den eisernen Willen hat, nicht wieder hinauszugehen.‘

Und an demselben Tage hatte er das alte Bekenntnis erneuert: ‚Die Fahne des Nationalsozialismus als letzter hochzuhalten und zu verteidigen bis zum letzten Blutstropfen als derjenige, der diese Fahne aufgepflanzt und die Kämpfer um die Fahne geschart habe.‘

Wir alten Kämpfer wußten, daß diese wenigen Sätze eingepflochten in eine großangelegte zweistündige Rede, ein Manneswort bedeuteten, ein Manneswort unseres Führers, auf das wir in altgewohnter Weise wie auf felsigem Grunde bauen konnten.“ [9]

In seiner politischen Analyse wurde dann deutlich, welchen strategischen Hintergrund die von Willi Schulz und seinen Hauptmitstreitern Albert Mansfeld und Kurt Holm betriebene Gleichschaltung der „Gesellschaft der Freunde“ und die Stärkung des NSLB hatte:

„Daß mit der Übernahme des Kanzlerpostens durch Adolf Hitler der Weg zum nationalsozialistischen Staate und damit zum Dritten Reich betreten war: daran zweifelten wir nicht! Daß dazu aber eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein mußten, war uns gleichermaßen vollkommen klar!

  1. Der Parteienstaat war noch vorhanden!
  2. Standesorganisationen, Vereine und Verbände wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Art konnten nach wie vor ihr Wesen treiben und das Werden einer lebendigen Volksgemeinschaft verhindern!
  3. Der Marxismus, von der Mitte bis ganz Links, konnte ungehindert hetzen und aufputschen und die Seele des deutschen Volkes vergiften.
  4. Die Länderregierungen konnten durch Mehrheitsbeschlüsse die Aufbauarbeit der Reichsregierung sabotieren.

Die Beseitigung dieser Übel war die Voraussetzung für den Beginn des Wiederaufbaus unseres Volks- und Staatslebens. Schritt für Schritt mußte diese Arbeit getan werden, und immer wieder erwies sich der Führer der Bewegung auch als der Führer des deutschen Volkes- als der geniale Staatsmann und getreue Verfechter der nationalsozialistischen Weltanschauung.“[10]

Bedeutsam auch die Abrechnung Mansfelds mit der Weimarer Republik und insbesondere mit den nach dem Ersten Weltkrieg abgeschlossenen Verträgen, eine Position die im Geschichtsunterricht Hamburger Schulen in den 1950er und 1960er Jahren noch vehement vertreten wurde:

„Wir wußten, daß diese ehemaligen Gegner, ihre Führer und führenden Cliquen, die geistigen Treiber nach wie vor denselben Willen, dieselbe Absicht hatten: dem deutschen Volke das Daseinsrecht abzusprechen- es seiner Lebensrechte zu berauben - es geistig und sittlich und körperlich zu verderben  -  es so zu einem Sklavenvolke zu erniedrigen, daß es willenslos Werkzeug dieser Mächte werden und sein könnte.

Das war der Sinn der uns aufgezwungenen Verträge - das war der Sinn unserer Ausbeutung bis zum Weißbluten - das war der Sinn der aufgezwungenen Parlamentsherrschaft und des Weimarer Systems! Das war der Sinn des Paktierens mit dem abgewirtschafteten System!

Historisch gesehen ist die größte Schuld der Novemberverbrecher und ihrer Epigonen nicht die Unterzeichnung von Verträgen, die Hergabe von Gütern und Vermögen des deutschen Volkes, die Auslieferung von Waffen und Flotten, ja nicht einmal die Auslieferung von Landesteilen. Die größte Schuld dieser Männer, die ihnen die Bezeichnung Vaterlands- und Volksverräter eintragen mußte, solange und wenn überhaupt noch ein guter Kern im deutschen Volke steckte, liegt darin: Daß sie die Ehre und Freiheit des großen deutschen Volkes preisgaben! Hierher gehören der Artikel von der deutschen Alleinschuld am Weltkriege und der Dawesplan! An dieser Ehrlosigkeit und Mißachtung des Rechtes auf Freiheit eines Volkes durch die Novembergesellen und ihre Nachfolger entzündete sich der gewaltige Haß gegen das System von Weimar und zugleich der fanatische Wille, Ehre und Freiheit des deutschen Volkes wiederzugewinnen!“

Wie in Mansfelds Reden üblich, zitierte er abschließend den Führer des NSLB, Hans Schemm, insbesondere wohl auch deshalb, weil es hier auch noch um die Aufwertung der Volksschullehrer ging:
„Ich erkläre bewußt, daß das Wort Hochschul- oder Mittelschullehrer oder Professor sowie überhaupt die gesamten Titulationen absolut nicht das wesentlichste sind. Die deutschen Erzieher marschieren gemeinsam auf ein Ziel los: Heranbildung der deutschen Jugend zum Bekenntnis zum deutschen Volk und Vaterland, zu Gott, Blut und Heimat. Die große Erziehergemeinschaft, die wir heute gründen, wird ein gewissenhafter Wächter sein darüber, daß die Erzieherschaft des deutschen Volkes niemals wieder zerrissen und zersetzt werden darf.“

Albert Mansfeld war umtriebig und unermüdlich. Er war überzeugter Nationalsozialist. Und als solcher sowohl in der NSLB-Funktion als auch als Oberschulrat Überzeugungstäter.

Über ihn als Personalchef der Hamburger Volksschullehrer gelangte personalpolitisch relevantes Material, das er zur Entscheidung an die Spitze der Schulverwaltung weiterleitete. Er agierte als Vorsitzender des Ehrengerichtes des NSLB, begründete im NSLB einen Arbeitskreis für Grenz- und Ostarbeit, war Leiter der nationalsozialistischen Formation des Schulschutzes, fand 1934 noch Zeit, in HLZ-Rezensionen Geschichtsbücher zu kritisieren. Im „Geschichtsbuch für die Jugend des Dritten Reiches“ werde zwar das, nach Mansfeld „richtige Ziel gesetzt, die deutsche Jugend für deutsches Volkstum und seine Werte zu begeistern, den Lebens- und Freiheitswillen der Volksgenossen zu steigern, zur Pflichttreue und Opferbereitschaft zu erziehen, damit das Vaterland sich auf seine Söhne und Töchter verlassen kann.“ Ihm gefiel auch der Schwerpunkt, „der deutschen Jugend den Kampf unseres Volkes um den Lebensraum darzulegen“. Er kritisierte hingegen, dass der „heroische Kampf Deutschlands von 1914-1918“ nicht gebührend gewürdigt worden sei: „Die Aufgabe des Geschichtsunterrichts darf sich nicht darauf beschränken, allein den Kampf um die Vergrößerung unseres Lebensraums zu schildern, sondern hat in ebensolchem Maße den Kampf um die Erhaltung des Lebensraumes aufzuzeigen.“ [11]

Zum Überzeugungstäter Mansfeld gehörte sicherlich auch, dass er am 20. Juni 1937 alle Mitglieder des NSLB aufforderte, sich mit Sippenkunde zu beschäftigen, „über das eigene Blut Bescheid zu wissen“ und innerhalb eines Jahres „die Ausstellung einer Ahnentafel in dreifacher Ausfertigung vorzulegen“. Damit gerieten jene Hamburger Pädagogen in Schwierigkeiten, die keine rein arischen Ahnentafeln präsentieren konnten. Mansfeld forcierte die Aussonderung von „Judenkindern“, die Zerschlagung jüdischer Schulen ging über seinen Schreibtisch (wie auch über den von Fritz Köhne), mit allen persönlichen Folgen für die betroffenen Familien und PädagogInnen.

Als Oberschulrat war Albert Mansfeld auch für die Hilfsschulen zuständig. Somit auch für die Maßnahmen zur „Begutachtung erbkranker Kinder“ in den Hilfsschulen und damit für die Vorbereitung der Sterilisationsmaßnahmen. Durch enge Beziehungen zum Rasse- und Siedlungsamt der SS ermöglichte Mansfeld dem dort tätigen SS – Obersturmbannführer Heinrich Thole 1939, Reihenuntersuchungen in 4. Grundschulklassen zum Zwecke „anthropologischer Erhebungen“ durchzuführen. [12]

Andererseits zeigte sich Mansfeld als Oberschulrat auch unerschrocken und streitbar in Konfliktfällen mit nationalsozialistischen Schulleitern, die selbstherrliche Fehler begingen oder in der Dauerauseinandersetzung mit der Führung der Hitlerjugend, einem ständigen Thema besonders auch an vielen höheren Schulen.

Von einer Sitzung der „höheren Amtswalter des NSLB mit der Hamburger Oberbannführung der Hitler-Jugend“ am 13. September 1934 im Curio-Haus berichtet die HLZ.

Der Gebietsführer der Hamburger HJ, Hans Einfeldt, hielt ein Plädoyer für die größere Eigenständigkeit der HJ, der „durch Einmischung anderer Mächte das Eigene verloren ging. Daher der Ruf: Jugend soll nur von Jugend geführt werden.“ [13]

Einfeldt plädierte darüber hinaus für einen Lehrer an jeder Schule an der Seite der HJ, „möglichst ein Junglehrer, der das Schrifttum und die Organisationsarbeit der HJ genau kennt“. Einstweilen könnte es auch der Vertrauensmann des NSLB sein. Wünschenswert sei es auch, wenn die Lehrerschaft die Hitler-Jugend finanziell unterstütze.

Albert Mansfeld hielt dagegen und zeigte die Konfliktlinien recht deutlich auf:

„Zuerst wurde 1933 der HJ von der ganzen Partei ein blindes Vertrauen entgegengebracht, aber dieses Vertrauen wurde schwer enttäuscht. Das kam daher, daß die HJ alles machen wollte und keine Grenze gegenüber Elternhaus und Schule mehr anerkannte. Jugend soll von Jugend geführt werden, gewiß, aber Jugend kann schon graue Haare haben und doch noch Knabenherzen begeistern. Daher sage ich: Was innerlich jung ist unter Vätern und Lehrern, müßte hinein in die Führerschaft der HJ! Ich sehe die Aufgaben so: Der Vater ist Herr im Hause; da, wo ich als Vater allein verantwortlich bin, lasse ich mir von niemandem hineinreden. Die Schule hat die Aufgabe, den Jungen in die großen Werte des Volkes einzuführen, vor allem aber auch ihn zur Pflichterfüllung und Haltung zu erziehen. Sie, meine Kameraden von der HJ, haben den Jungen im Kreise der Altersgenossen hinauszuführen, ihn draußen herumzutummeln und abzuhärten. Dazu brauchen Sie keine Flugzeuge und Gasmasken, dazu brauchen Sie nur echte Jugendführer.- Wir Lehrer sehen ferner eine Gefahr des Staatsjugendtages, die wir Ihnen nicht verschweigen wollen. Die ganze Woche müht sich ein Lehrer ab, um Kameradschaft in seiner Klasse zu erreichen, am Sonnabend wird sie ihm zerrissen und dadurch der Erfolg seiner Arbeit in Frage gestellt.- Wie endlich soll die Schule Leistungen erreichen, die allerorts von ihr verlangt werden, wenn Sie die Jugend nicht zur Arbeit kommen lassen? Es wurde vorhin schon gesagt, die Lehrer müßten Schrifttum und Organisation der HJ kennen. Das ist doch Liberalismus! Hinein in die Bewegung, wer hinein gehört! Nehmen Sie unsere jungen Lehrer als Führer auf!

Albert Mansfeld blieb ein ideologisch verbohrter Nationalsozialist. Dabei zeigte er durchaus Charakter und Stärke gegen andere Nationalsozialisten, die sich in der Schule fehlverhielten.

So besuchte Mansfeld mit Schulrat Fritz Köhne am 26.3.1935 eine Lehrerkonferenz der Schule Griesstraße 101. In der von Mansfeld geleiteten Konferenz ging es um einen einzigen Tagesordnungspunkt: Bestehende Schwierigkeiten zwischen Kollegium und Schulleitung. Das war brisant, denn der Schulleiter, Reinhard Albrecht, war ein „alter Kämpfer“ des NSLB, Mitglied schon seit1932, in der NSDAP seit dem 27.4.1933, mit verschiedenen Funktionen in beiden Organisationen. Albert Mansfeld hatte mit Albrecht schon vor 1933 eng zusammengearbeitet, als beide auf der von Albrecht angeführten Liste der „Rechten“ in der Lehrerkammer arbeiteten.

Mansfeld notierte über diesen Konflikt: „Durch das Kollegium geht die Sehnsucht nach einer nationalsozialistischen Führung; aber bei Herrn A. fehlt die Einsatzbereitschaft, wenn Not am Mann ist.“ [14]

Im Weiteren formuliert Mansfeld die Gründe, Albrecht als Schulleiter abzulösen. Darin wurde auch deutlich, welches Führungsverständnis Albrecht hat:

„1.Vertrauen des Kollegiums ist nicht vorhanden.

2. Es ist nicht vorhanden, weil A. nicht Führer des Kollegiums ist und nicht sein will.

3. … über diese Korrektheit hinaus fehlt aber gerade das, was Menschen bei gemeinsamer Arbeit verbindet: Der Geist der Kameradschaft.

4. Gerade der NS will die vielen Einzelnen zu einer kleinen oder    großen Gemeinschaft zusammenschließen, um bei dem Einzelnen Bewußtsein und Erkenntnis darüber werden zu lassen, daß Gemeinschaft notwendig und auch möglich ist. Aus dem Ich muß endlich das Wir werden. Das ist die Aufgabe des Schulleiters.“

Reinhard Albrecht wurde nach dieser Konferenz als Schulleiter abgesetzt und als Lehrer an die Schule Wendenstraße versetzt. [15]

Auch in einem anderen, politisch brisanten Fall, wurde Mansfeld aktiv. Dabei ging es um Ernst Matthewes, bis 1933 stellvertretender Schulleiter an der von Max Traeger geleiteten Schule Borgesch . Beide waren nach der Machtübertragung an die Nazis abgesetzt worden. Matthewes verblieb an der Schule als Lehrer. Sein Kollege John Wöhlert schilderte im August 1952 in einem Brief, der in die Entnazifizierungsakte Mansfeld einging, Mansfelds „gerechtes Verhalten“ in diesem Fall:

„Ein ehemaliger Kollege von Borgesch , Herr Ernst Matthewes, jetzt Landesschulrat wurde vom Dienst dispensiert, weil er angeblich mit seinen Schülern kommunistische Propaganda betrieben hatte. Auch hier hatte man versäumt, die Anzeige gründlich zu prüfen. Sachlich lag der Fall anders. Fast alle Kollegen hielten damals einen Einspruch gegen das Fehlurteil bei der Unfehlbarkeitseinstellung der herrschenden Richtung für sinnlos. Herr A. Mansfeld hat meine Richtigstellung des Falles Matthewes sofort in Ruhe und mit großer Geduld angehört und hat damals die Fehlentscheidung sofort aufgehoben.“ [16]

Zwei Seiten der Person Albert Mansfeld, die in seiner Biografie immer wieder deutlich wurden.

Albert Mansfeld wurde am 10.8.1901 in Hamburg geworden. Von 1908 bis 1916 besuchte er die Volksschule Louisenweg, machte dann eine Aufnahmeprüfung für das Lehrerseminar Steinhauerdamm . Nachdem er nicht genommen wurde, begann er eine kaufmännische Lehre, um dann, ein halbes Jahr später, im Oktober 1916, in das neu eröffnete Lehrerseminar Hohe Weide 18 aufgenommen zu werden.

Nachdem er am 26.1.1922 die Abgangsprüfung mit durchschnittlichen Leistungen bestanden hatte, wies er darauf hin, wie notwendig seine Einstellung in den Schuldienst für seine Familie sei. Er müsse seine Mutter und vier Geschwister unterstützen, da sein Vater im November 1917 im Krieg bei der Kaiserlichen Marine gefallen sei. [17]

Mansfeld heiratet 1923 und bekam mit seiner Frau Anna Liese von 1925 bis 1938 fünf Töchter.

Für seine Anstellung als Hilfslehrer am 1.4.1922 füllte Mansfeld die „Nachweisung der Personalverhältnisse vor dem Dienstantritt“ aus und schrieb in der Rubrik „Militärverhältnis“: „Militärisch ausgebildet beim Zeitfreiwilligenkorps Bahrenfeld, während des Krieges kein Soldat gewesen, war noch zu jung.“

1923/24 belegte Mansfeld Seminare an der Universität Hamburg, arbeitete an der Volksschule Stresowstraße und bestand am 29.6.1925 die Prüfung zur Festanstellung. Prüfungsvorsitzender war Oberschulrat Carl Götze, dessen Stelle und Funktion er 1934 übernehmen sollte.

Mansfeld wurde am 1.10.1927 Beamter auf Lebenszeit und begann danach seine politische Karriere.

Am 1.8.1928 wurde er Mitglied der NSDAP. Da bereits beschrieben, hier noch einmal sein weiterer Werdegang in Kürze: 1930 Mitglied der Lehrerkammer auf der Liste der Rechten, im selben Jahr Bürgerschaftsabgeordneter der NSDAP (bis 1934), vorher, Gründungsmitglied des Hamburger NSLB.

1933 Schulleiter, ein Jahr später Schulrat und kurz danach Oberschulrat für das Hamburger Volksschulwesen.

Der Umbau des Hamburger Schulwesens ist von Reiner Lehberger an anderer Stelle ausführlich beschrieben worden. [18]

Mansfeld war dabei einer der Hauptakteure. Ihm blieben dafür insgesamt sieben Jahre.

Am 6.5.1940 wurde Albert Mansfeld zum Kriegsdienst eingezogen. Als Vater von fünf zum Teil noch sehr kleinen Töchtern und seiner Dienststellung hätte sich Mansfeld die Unabkömmlichkeit bestätigen lassen können. „Ich brauchte nicht“, erklärte Mansfeld in einem Gespräch, das ich 1989 mit ihm führte. „Er meldete sich freiwillig“, ergänzte seine Frau, „und ich saß mit fünf Kindern zu Hause.“ [19]

Seinen freiwilligen Kriegsdienst begründete er im späteren Entnazifizierungsverfahren so:

Nicht „weil ich im Grunde meines Herzens Soldat bin („habe es von 1940-43 nur bis zum Unteroffizier und von 1943-45 nur zum Obermaat gebracht“), sondern weil ich mich als Personalchef von 2500 Lehrern verpflichtet fühlte, denselben Weg der Einberufung zu gehen, den über die Hälfte der Lehrerschaft schon damals gegangen war.“ [20]

Mansfeld absolvierte eine dreimonatige militärische Ausbildung in Wentorf, nahm an den Feldzügen 1940 in Belgien, 1941 in Frankreich und 1941-1943 in der Sowjetunion teil, wurde 1943 verwundet, war ein halbes Jahr im Lazarett in Riga und kam danach zur Kriegsmarine (Marinefeuerwehr). Bis Mai 1945 war er im Memelland stationiert, kehrte zurück und war nach kurzer englischer Kriegsgefangenschaft am 20.7.1945 wieder zu Hause.

Inzwischen hatte die Britische Militärregierung seine Entlassung aus dem Schuldienst verfügt.

Hierauf reagierte Mansfeld anders als die meisten anderen schwer belasteten Nationalsozialisten im Hamburger Schulwesen, die sofort, zumeist mit Hilfe von Rechtsanwälten, zum Teil abenteuerliche Versuche unternahmen, sich rein zu waschen, Schuld und Verstrickung zu negieren, abzustreiten, Persilscheine beizubringen oder gar ihren Widerstand gegen das NS-Regime geltend machten, weil sie persönlichen oder beruflichen Streit mit anderen Nationalsozialisten, Parteigliederungen oder Behördenvertretern hatten, die nachträglich zu Konflikten mit dem Naziregime umgedeutet wurden.

Albert Mansfeld war sich bewusst, dass er überzeugter Nationalsozialist war und dass diejenigen es wussten und belegen konnten, die jetzt, nach der Befreiung vom Nationalsozialismus, in Senat und Schulverwaltung arbeiteten und Verantwortung trugen, in den Hamburger Schulen, in der wieder zugelassenen „Gesellschaft der Freunde“ und natürlich auch in den Entnazifizierungsausschüssen.

Mansfeld stellte keinen Antrag für die Weiterarbeit im Hamburger Schulwesen. Er begann eine Maurerlehre, arbeitete im Wohnungsbau und legte später sogar die Gesellenprüfung ab.

Prekär wurde seine Lage, als er auf dem Bau einen Bruch erlitt, dadurch arbeitsunfähig und schließlich entlassen wurde. Mit seinen fünf noch auf Unterstützung angewiesenen Töchtern in materieller Not, forcierte er Bemühungen, gegen die Entlassung Berufung einzulegen.

Als Leumundszeugen benannte er die Schulräte Fritz Köhne und Gustav Schmidt, „die mich aus langjähriger und guter Zusammenarbeit kennen.“ [21]

Fritz Köhne legte am 29.12.1947 ein Gutachten vor, in dem er schrieb:

„Herr Mansfeld hat diese Ämter als überzeugter Nationalsozialist mit der ihm eigenen Verantwortung versehen. Er genoß im Kreise seiner Mitarbeiter - auch unter den Nichtparteimitgliedern -  Achtung und persönliches Vertrauen für seine anständige Gradheit und seine Fürsorge für Schule und Lehrerschaft. Es gebrach ihm nicht an Mut, in Sitzungen öffentliche und parteiliche Mißstände als solche aufzuzeigen und die Autorität der Schule gegenüber den Machtansprüchen der HJ zu verteidigen. Es ging ihm stets um die Idee und um die Sache und nicht um seinen persönlichen Vorteil. Im persönlichen Umgang war Herr Mansfeld offen, schlicht und hilfsbereit.“ [22]

Köhne hatte bis zu Mansfelds Einberufung sieben Jahre an dessen Seite gearbeitet. Interessant ist, wie sich Mansfeld in dem Gespräch, das ich 1989 mit ihm führte, über Köhne äußerte:

„Köhne war eine ruhige, ausgleichende Persönlichkeit, ein feiner Mann. Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu ihm.“ Meine Frage: „Gab es denn keine politischen Divergenzen, die aus der Zeit vorher rührten?“  Mansfeld: „Nein, Köhne wandelte sich mit der Zeit. Er sah ein, dass doch nicht alles so war, wie er vorher gedacht hatte.“ Frage: „Hat Fritz Köhne sich nicht für Sie nach 1945 eingesetzt?“ Mansfeld: „Nein, das hat er nicht, obwohl er es hätte tun können, er war für solche Fragen von entscheidender Bedeutung.“ Frau Mansfeld dazu:  „Mein Mann war zu sehr gekränkt, er war zu stolz, er kämpfte nicht um sein Recht. Andere sind viel früher eingestellt worden.“ [23]

Und auch Gustav Schmidt, der sich als parteiloser Schulrat in der Schulverwaltung nach 1933 bis in den Krieg hinein halten konnte, zeigte sich 1947 bereit, über Mansfelds Charakter persönlich Auskunft zu geben:

„Ich bestätige Ihnen gern, daß ich während unserer langjährigen Zusammenarbeit in der Schulbehörde, Sie immer als einen geraden und aufrechten Mann kennen gelernt habe, der sich stets bemühte, die Menschen und die Sachen, die an ihn herantraten, klar und gerecht zu beurteilen und auch so zu entscheiden. Sie sind dort, wo Sie Mißstände in der Partei, ihren Gliederungen, in der HJ oder in der Verwaltung fanden, dagegen aufgetreten und haben immer darauf gedrungen, daß sie abgestellt werden. Sie haben sich selbst und Ihre Stellung dabei nicht geschont. Sich selbst haben Sie keine Vorteile verschafft. Ich habe Sie immer empfunden als einen Nationalsozialisten, der für die Ideale, die seine Partei ihm eingab, lebte und arbeitete.“ [24]

Schmidt urteilte also ähnlich wie Köhne. Beide hatten eng mit Mansfeld zusammengearbeitet, sich gegenseitig bei Krankheit und Urlauben vertreten. Bedeutsam  auch, was Schmidt  noch ausdrücklich anmerkte: „Besonders bin ich Ihnen dankbar, daß Sie mich, der ich der Partei nicht beitreten wollte und auch nicht beigetreten bin, gerecht beurteilten und in meiner Tätigkeit unterstützten.“

Die Frage, wie tolerant sich Mansfeld gegenüber Nicht-Parteimitgliedern zeigte, sollte noch eine besondere Rolle spielen.

Die beiden Leumundszeugnisse der Schulräte Köhne und Schmidt nützten Mansfeld zunächst nichts. Die Berufung wurde abgewiesen. Der Beratende Ausschuss für die Oberbeamten, dem die Schulräte Johannes Schult, Emmy Beckmann und Karl Hoffmann angehörten, verwies auf Mansfelds Nazikarriere, sein goldenes Parteiabzeichen:

„Er war innerhalb der Lehrerschaft einer der sehr wenigen, der sich schon früh und lebhaft für die nationalsozialistische Bewegung einsetzte.“

Emmy Beckmann, nach 1945 Oberschulrätin, hatte zur selben Zeit wie Mansfeld vor 1933 der Bürgerschaft angehört, allerdings der Fraktion von Max Traeger und Heinrich Landahl.

Der Beratende Ausschuss empfahl 1949, „keine Wiedereinstellung als Lehrer. Im Hinblick auf seine unversorgten Kinder sollte man ihm für 23 Jahre Staatsdienst eine Rente gewähren.“ [25]

Mansfelds Versuche, wieder in den Schuldienst zu gelangen, gestalteten sich schwierig. Wie bei Kurt Holm wurde ihm seine Funktion bei der Gleichschaltung der „Gesellschaft der Freunde“ übel genommen. Führende Funktionäre der „Gesellschaft der Freunde“ wie Max Traeger und insbesondere Kurt Zeidler, aber auch ehemalige politische Widersacher wie Heinrich Landahl, der nach 1945 für die SPD Schulsenator wurde, spielten jetzt beim Aufbau des Hamburger Schulwesens eine wichtige Rolle. Und Kurt Zeidler war es auch, der nicht nur als Schulrat für das Volksschulwesen die Verantwortung hatte, sondern auch in den Entnazifizierungsverfahren persönlich beteiligt war.

Zunächst im nächsten Berufungsverfahren im Fall Mansfeld am 25.5.1949 unter Leitung des „für milde Entscheidungen“ bekannten Juristen Dr. Kiesselbach. (26) Zeidler war als Vertreter des Fachausschusses auch Mitglied dieses „Berufungsausschusses für die Ausschaltung von Nationalsozialisten“.

Mansfeld hatte vor dem Ausschuss auf seine familiäre Notlage hingewiesen. Der Berufung wurde stattgegeben „mit der Maßgabe, daß Weiterbeschäftigung im Schuldienst nicht in Betracht kommt“. Allerdings sollte Mansfeld das entsprechende Ruhegehalt zugesprochen und Kinderzuschläge jetzt schon gewährt werden.

Er wurde in Kategorie IV (Mitläufer) eingestuft, verbunden mit dem Hinweis, dass Mansfeld bei der Entnazifizierung direkt nach dem Krieg sicherlich als Aktivist des Nationalsozialismus in Kategorie III (Aktivist) eingestuft worden wäre. Für das positive Votum seien auch die Gutachten Köhne und Schmidt wesentlich gewesen.

Das Verfahren lief weiter, Mansfeld wurde in die Kategorie V (Entlasteter) überführt (!), blieb aber weiter draußen, obwohl sich jetzt auch Landesschulrat Matthewes bei Senator Landahl in seiner Sache grünes Licht eingeholt hatte. Matthewes Argumentation am 30.11.1950:

„Mansfeld war einer der ersten Nationalsozialisten unter den Hamburger Lehrern und gehörte der Bürgerschaft vor 1933 an, aber ist stets ein anständiger und gerader Mensch von einer fast pedantischen Korrektheit gewesen. Als Oberschulrat hat er sich für manchen Verfolgten eingesetzt. Als Soldat lehnte er eine ihm angebotene bevorzugte Verwendung ab. Herr Köhne und Herr Schmidt, die ihn aus der Nähe während der Jahre des Nationalsozialismus beobachten konnten, betonen seine stets anständige Gesinnung.

Bezeichnend für ihn ist, daß er nach 1945 sofort das Maurerhandwerk lernte und als Geselle tätig war. Infolge eines Bruches kann er die schwere Maurerarbeit nicht mehr leisten und ist augenblicklich in einer Brauerei tätig.

Das Schulratskollegium befürwortet seine Wiedereinstellung und glaubt, daß er genügend gebüßt hat.

Er ist als Lehrer kein Bahnbrecher mit neuen Ideen, aber ein gewissenhafter, zuverlässiger und in seiner Art tüchtiger Lehrer.“[27]

Bei dem Hinweis auf „manchen Verfolgten“ stand Matthewes sicherlich auch noch seine eigene Suspendierung vor Augen.

Noch sträubten sich aber der Lehrerbetriebsrat und die Deputation gegen die Wiedereinstellung von Albert Mansfeld. Und auch Schulrat Kurt Zeidler erinnerte alle Beteiligten an einen Vorgang aus dem Jahre 1937, der für die Hamburger Lehrerschaft von großer Bedeutung war.

1937 war die Sperre für Beamte und Angestellte des Öffentlichen Dienstes, Mitglieder der NSDAP werden zu können, gelockert worden. Daraufhin hatte der damalige Präsident der Kultur- und Schulbehörde, Karl Witt, am 8.5.1937 ein Rundscheiben an alle Bediensteten der beiden Behörden herausgegeben und darauf hingewiesen, dass nunmehr auch wieder Beamte und Angestellte im Schulbereich in die NSDAP aufgenommen werden könnten, „die sich der NSDAP innerlich verbunden fühlen und sich bewußt sind, daß sie mit ihrem Eintritt der Volksgemeinschaft gegenüber erhöhte Pflichten übernehmen“. Antragsteller sollten sich bis zum 12. des Monats, also innerhalb einer Woche entscheiden. „Anträge der Lehrkräfte sind von den Schulleitern zu sammeln und bis zum vorstehenden Termin dem zuständigen Schulrat bezw. Oberschulrat einzureichen.“ Der Dienstweg sollte also eingehalten werden.

Karl Witt schloss seinen Aufruf allerdings mit der Aussage: „Ich erkläre ausdrücklich, daß durch dieses Rundschreiben irgendein Druck auf die Beamten, Angestellten und Arbeiter zum Beitritt in die N.S.D.A.P. nicht ausgeübt werden soll, und versichere, daß keinem durch seinen Nichtbeitritt Nachteile erwachsen werden.“ [28]

Einen Monat später, am 10.6.1933 folgte ein zweiter Aufruf: „Betrifft: Aufnahme in die Partei“ an die Vertrauensleute des NSLB in den Schulen, herausgegeben von der Gauwaltung Hamburg des NS-Lehrerbundes, unterschrieben mit: „Heil Hitler, Mansfeld, Gauwalter i.V.“

Darin hieß es ziemlich unmissverständlich:
„Nach dem vom Führer aufgestellten Grundsatz: ‚Partei und Staat sind eins‘ wird es künftig immer weniger verstanden werden, wenn ein Beamter nicht Parteimitglied ist.

Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß sich jeder hamburgische Erzieher und jede Erzieherin um die Aufnahme in die NSDAP bewirbt.

Nach den überwältigenden gemeinsamen Bekenntnissen des ganzen deutschen Volkes zum Führer ist es gleichgültig geworden, welcher parteipolitischen Organisation jemand früher angehört hat. Nach 4 Jahren gemeinsamer Aufbauarbeit braucht niemand mehr zu fürchten, als ‚Konjunkturritter‘ angesehen zu werden, wenn er seine Aufnahme beantragt; denn heute weiß jeder, dass in der NSDAP seiner Arbeit harrt. Umgekehrt wird man den Beamten im deutschen Volke kaum noch verstehen, der dieser Arbeit ausweichen will - ganz gleich aus welchen Gründen - denn der Beamte ist vor allen Berufsständen verpflichtet, jederzeit seine ganze Kraft dem Volke zu widmen.“ [29]

Zeidler nannte dieses Rundschreiben „berüchtigt“ und wies in einem Schreiben am 23.5.1951 an Senator Landahl darauf hin, dass durch diesen Aufruf „damals unzählige Hamburger Lehrer in schwere Gewissensnöte gestürzt wurden. Mansfeld hat es auf dem Gewissen, daß viele Lehrkräfte den unverblümten Drohungen dieses Rundschreibens keinen Widerstand mehr entgegenzusetzen wagten, entgegen ihrer Überzeugung der NSDAP beitraten.“

Zeidler fügte die Aufrufe von Witt und Mansfeld in Abschriften bei und erklärte:

„Offenbar hat Mansfeld seine Machtstellung als führender Mann im NS-Lehrerbund benutzt, um die ihm zu ‚weich‘ erscheinende Werbungsmethode seines Präsidenten zu korrigieren. Ich weiß aus zahllosen Bekenntnissen innerlich bedrängter Kollegen, die sich durch Mansfelds Schreiben eingeschüchtert fühlten, daß sie niemals der NSDAP beigetreten wären, wenn auf das Schreiben Witts nicht noch dasjenige Mansfelds gefolgt wäre.“

Erhellend auch was Zeidler im Weiteren über die Begegnung mit Mansfeld im Berufungsausschuss berichtete:
„In der Verhandlung der Angelegenheit Mansfeld vor dem  Berufungsausschuss, an dem ich selbst teilgenommen habe, hat die Vorlage seines Rundschreibens mehr als alles andere zu der Entscheidung geführt, daß für diesen Mann, der sich so erheblich im Sinne des Nationalsozialismus exponiert und einen so unheilvollen Einfluß ausgeübt hat, eine Wiederverwendung als Lehrer nicht in Frage käme. Von manchen Seiten wird Mansfeld eine aufrechte Haltung nachgerühmt; er soll immer für seine Gesinnung und seine Taten ‚gerade gestanden‘ haben. In der Berufungsverhandlung behauptete Mansfeld, von seinem Rundschreiben vom 16.6.37 überhaupt nichts zu wissen; er wollte die Tatsache der Herausgabe eines solchen Rundschreibens völlig vergessen haben. Das ist einfach unglaubwürdig und steht zu der erwähnten charakterlichen Kennzeichnung Mansfelds in einem merkwürdigen Gegensatz.“ [30]

In der Schulratssitzung am 1.6.1951 wurde unter TOP 8 auch die Wiedereinstellung von Albert Mansfeld behandelt. Landesschulrat Matthewes berichtete, dass der Lehrerbetriebsrat nunmehr der Einstellung von Mansfeld zugestimmt habe. Er beschrieb ihn als alten Nationalsozialisten, dem „die Einsicht in die Tragweite seiner Anschauungen“ (handschriftlich korrigiert: Entscheidungen) fehlte, „er war ein harmloser Eiferer“, er „überschätzte Hitlers ‚MEIN KAMPF‘ in grotesker Weise“. [31]

Im Protokoll hieß es dann weiter:
„SR Zeidler lehnt eine Wiedereinstellung ab. Im weiteren Verlauf wird mehrfach auf die Notwendigkeit hingewiesen, M. im Falle einer Wiedereinstellung im Schuldienst zu beschäftigen. Der Vorschlag, ihn im Verwaltungsdienst unterzubringen, stößt auf starke Bedenken Mehrfach wird auf die anständige Haltung M‘s hingewiesen Trotzdem sind alle Referenten der Meinung, daß M. im Falle einer Wiedereinstellung beobachtet werden muß. Es werden Bedenken geäußert, M. nach Erteilung eines Unterrichtsauftrages auch im Geschichtsunterricht einzusetzen. Diese Bedenken werden aber zerstreut, denn in gleichem Maße gelten sie auch bei vielen anderen nach 1945 wieder eingestellten Lehrern. M’s Verschulden resultiert nicht aus seiner Arbeit als Lehrer, sondern aus seiner Tätigkeit als Oberschulrat. Auch SR Zeidler gibt zu, daß M. in der Schule selbst ungefährlich sein wird, er fürchtet nur, daß seine Wiedereinstellung als Signal wirken wird.“

Zusätzlich wurde noch erörtert, wie viele von Mansfeld geschädigte Kollegen noch nicht wieder eingestellt worden seien. Deren Zahl wurde auf etwa sechs beziffert und die gleichzeitige Prüfung dieser Fälle angeregt.

Am Ende wurde Mansfelds Wiedereinstellung mit 9 gegen 4 Stimmen bei 3 Enthaltungen befürwortet.

Nachdem Mansfeld mit dem Vorwurf, das „berüchtigte Rundschreiben“ 1937 herausgegeben zu haben konfrontiert worden war, schrieb er an jeden einzelnen der Deputierten, die am 13.6.1951 erneut die Zustimmung zu seiner Widereinstellung verweigert hatten. In diesem Schreiben argumentierte er, wohl juristisch beraten, wie es auch aus anderen Verfahren bekannt ist. Er sei erst durch eine Aussage in einem Gespräch mit Richard Ballerstaedt darauf aufmerksam geworden, dass ihm dieses Schreiben zur Last gelegt werde.

Mansfeld: „Tatsache ist, dass dieses Rundschreiben weder von mir verfasst noch inhaltlich von mir gebilligt wurde. Es war eine Auflage der Gauleitung der N.S.D.A.P.

Da der N.S.L.B. keine Gliederung der Partei, sondern nur ein angeschlossener Verband war, musste das Rundschreiben an die Lehrerschaft die Unterschrift des Gauwalters des N.S.L.B. tragen. Bis 1936 habe ich den Gauwalter wegen Krankheit, dienstlicher Abwesenheit von Hamburg oder dienstlicher Unabkömmlichkeit am Orte sehr oft vertreten müssen, so dass bei einem Teile der Lehrerschaft der Eindruck entstanden war, ich sei der verantwortliche Leiter des Bundes. Bei solchen Gelegenheiten oblag mir auch zur Aufrechterhaltung des Geschäftsganges die Zeichnung von Rundschreiben.

Das oben erwähnte Rundschreiben wurde mir wiederholt in der Unterschriftenmappe vorgelegt. Ich habe mich geweigert, es mit meinem Namen zu versehen und es unbearbeitet liegen lassen. Pflicht des Gauwalters, dem meine Einstellung bekannt war, wäre es gewesen, mich aus der Verantwortung herauszulassen und die Erledigung selbst in die Hand zu nehmen. Das geschah nicht. Wie ich hierzu später erfuhr lehnte auch der Gauwalter das Rundschreiben inhaltlich ab. Durch wiederholte telefonische und mündliche Anmahnungen der Gauleitung der N.S.D.A.P. wurde ich schließlich in Anwesenheit des Gauleiters zur Herausgabe des Rundschreibens gezwungen. Es hat damals begreiflicherweise für mich einen erheblichen inneren Kampf gekostet; aber eine Weigerung war unter den gegebenen Verhältnissen unmöglich.“ [32]

Dies erscheint nur begrenzt glaubwürdig und reproduzierte die übliche juristische Argumentation in einem „Befehlsnotstand“ gehandelt zu haben, wobei dafür gern die NSDAP-Gauleitung als Befehlszentrale reklamiert wurde.

Es entsprach durchaus Mansfelds Haltung, gegen die „weiche Formulierung“ von Karl Witt die mächtigere Position des NSLB zu setzen. Die Arbeitsteilung mit Willi Schulz würde auch erklären, warum Mansfeld und nicht Schulz unterschrieb, der dies in seiner gleichzeitigen Funktion als Landesschulrat schwerlich hätte tun können.

Mansfeld hatte seine NSLB-Funktion durchaus auch als politische Führungsfunktion verstanden und, im Gegensatz zu Schulz, immer wieder versucht, politische Orientierungen zu geben, die auch regelmäßig über die HLZ verbreitet wurden. Ein Vergleich des im späteren Entnazifizierungsverfahren inkriminierten Rundschreibens von 1937 mit anderen Äußerungen Mansfelds zeigt, dass dieser Aufruf zum kollektiven Parteieintritt durchaus der Auffassung Mansfelds entsprach. Ein Jahr zuvor, zur Reichstagswahl am 29.2.1936, hatte er noch einmal seine Hitler-Gläubigkeit unter Beweis gestellt, seine Erwartung an alle „Volksgenossen“, sich zum Führer und zur nationalsozialistischen Bewegung zu bekennen. Er schrieb:

„Trotz dieser jahrzehntelangen Gewöhnung und der festen Bande, die Menschen an Überkommenes binden, ist festzustellen, daß heute, nachdem der Nationalsozialismus und der Führer erst drei Jahre Macht in den Händen haben, das deutsche Volk die Lösung von der Vergangenheit vollzogen und erkannt hat, daß die Schicksalsfragen   eines Volkes nur ergründet und gelöst werden können von einem Führer, der, empfangen aus demselben Blute, Kraft und Willen des ganzen Volkes verkörpert und im engsten Kreise gleichartiger und gleichgesinnter Mitkämpfer die für alle entscheidenden Taten vollbringt.

Jedermann weiß, daß es nicht darum geht, einer ‚Partei‘ im überkommenen Sinne, einem Teile des großen Ganzen, einer Interessengruppe seine Stimme zu geben, sondern vielmehr darum, sich für das Ganze selbst und seinen Führer zu entscheiden und dafür ein offensichtliches Zeichen zu geben.“ [33]

Am Ende seines Schreibens an die Deputierten der Schulbehörde brachte Mansfeld sich noch in scharfem Gegensatz zum Reichsstatthalter, Karl Kaufmann, der ihn zu sich zitiert und, kurz vor seiner Einberufung gedroht habe, „daß er mich von meinem Posten in der Behörde entfernen müsse, wenn ich meine Sinnesart nicht änderte“.

Solche Aussagen finden sich in nahezu allen Entnazifizierungsverfahren.

In dem Gespräch, das ich 1989 mit Albert Mansfeld führte, hörte sich das so an: Mansfeld wies mich darauf hin, dass er 1934 der jüngste Schulrat gewesen sei, seine Frau ergänzte: „Impulsiv, fordernd, aber immer gerecht. Er war ein Idealist.“ Sie erzählten, Mansfeld sei ein unerschrockener Kämpfer für die Schule gewesen. Einmal habe er sich mit dem Reichsstatthalter Kaufmann in Schulfragen schwer angelegt. „Aber wir hatten ein gutes Verhältnis“, fügte er hinzu. [33]

Um den Vorwurfs zu entkräften, er habe das folgenschwere Rundschreiben 1937 nicht nur unterschrieben, sondern auch verfasst, legte Mansfeld ein Schreiben vor, zu der er die ehemalige Sekretärin des NSLB, Gisela Abe, veranlasst hatte. Diese konnte sich 15 Jahre später in einem Schreiben vom 22.7.1952, an folgendes erinnern:

„1. Das Rundschreiben des NSLB vom 16. Juni 1937 ist weder von Ihnen angeregt, noch entworfen, noch aufgesetzt worden.

2. Den geistigen Urheber des Schreibens kann ich Ihnen nicht nennen. Ich weiß aber genau, daß die Aktion von der Gauleitung der NSDAP ausging. Der Entwurf des Rundschreibens kam seinerzeit entweder als Einzelstück oder mit anderen zusammen in den ‚Mitteilungen der Gauleitung‘ zu uns in den NSLB. Die Aktion muß aber schon im Mai 1937 begonnen haben.

3. Sie wollten Ihre Unterschrift nicht geben. Es gab heftige Auseinandersetzungen mit der Gauleitung. Schließlich mußten Sie doch unterschreiben, weil Sie sich auf Dauer nicht weigern konnten.“ (34)

Auch so sehen Persilscheine aus.

Letztlich stellten Deputation und Lehrerbetriebsrat ihre Bedenken zurück, Albert Mansfeld wurde mit Verfügung vom 11.12.1952 eingestellt und begann seinen Dienst am 15.12.1952 an der Schule Christian-Förster- Straße.

Dort arbeitete er, bis er zum 31.12.1964 seine Pensionierung beantragte. Alle dienstlichen Beurteilungen über ihn fielen sehr positiv aus. „Vorbildlicher Eifer“ wird ihm bescheinigt, er habe „schnell mit den Kindern Kontakt bekommen, vor allem wurden die Kinder zu planmäßigem Arbeiten angehalten und in guter Disziplin erzogen“. Im Kollegium halte sich Mansfeld zurück und erfahre „allseitige Wertschätzung durch sein ruhiges Wesen und sein stets taktvolles Verhalten“. [35]

„Politisch ist Herr Mansfeld nicht hervorgetreten; er ist zurückhaltend. Gerade das wird ihm vom Kollegium hoch angerechnet.“ [36]

Mit der Pensionierung stellte Mansfeld den Antrag, das Ruhegehalt eines Oberschulrates zu erhalten, was aber von Landesschulrat Matthewes und Schulsenator Drexelius nicht befürwortet wurde.

Zum 70. Geburtstag wies man behördenintern bei den üblichen Glückwunschschreiben des Landesschulrates auf Mansfelds Nazibiografie in der Schulbehörde hin. Der damalige Landesschulrat Wolfgang Neckel schrieb dann Glückwünsche und dankte „für Ihre Arbeit, die sie als Lehrer für Kinder unserer Stadt geleistet haben“. [37]

Albert Mansfeld lebte nach der Pensionierung zurückgezogen und starb am 7.9.1995.

Zum Schluss sollen noch einmal Fritz Köhne und Gustav Schmidt zu Wort kommen mit zwei Schreiben, die sowohl für das Verständnis dieser beiden Männer aber auch für die Beurteilung der Situation 1937 von Bedeutung sind.

Fritz Köhne hatte lange vor Kurt Zeidler auf das von Mansfeld unterzeichnete Rundschreiben von 1937 aufmerksam gemacht. Und zwar schon am 12.7.1945, zu einem Zeitpunkt also, als Albert Mansfeld sich noch in kurzer englischer Kriegsgefangenschaft befand.

In einem Schreiben an den gerade berufenen Schulsenator Heinrich Landahl und den für das Bildungswesen zuständigen Major Shelton von der Britischen Militärregierung hatte Köhne das Rundschreiben des NSLB im Original und englischer Übersetzung vorgelegt. Darin hieß es:
„In der Anlage übergebe ich im Original und in der Übersetzung das Rundschreiben des NS-Lehrerbundes Hamburg vom 10.6.1937, unterzeichnet Mansfeld, das den Masseneintritt der Lehrer in die NSDAP bezweckte. Das Rundschreiben kennzeichnet deutlich die Grundsätze und Methoden der Werbung. Wenn man bedenkt, daß der Gauwalter des NS-Lehrerbundes (Landesschulrat) und sein Vertreter (Oberschulrat) in der Schulverwaltung maßgebende Dienstvorgesetzte sämtlicher Schulräte, Direktoren, Rektoren, Studienräte und Lehrer waren, und als solche auf deren Beförderung oder Zurücksetzung einen entscheidenden Einfluß hatten, dann wird man ermessen können, unter welchem Druck und Zwang damals der Eintritt in die Partei geschah. Es handelt sich hier im ganzen betrachtet nicht mehr um eine Gesinnungsäußerung, sondern um eine zwanghafte Einordnung und Beitragsleistung.

Dabei waren die politischen Leiter des NS-Lehrerbundes ehrlich davon überzeugt, daß sie durch solche Werbemethoden das Beste für den Erzieher- und Lehrerstand und jeden einzelnen Lehrer beabsichtigten.

Sie spürten nur noch selten, daß ihnen in Wirklichkeit die Lehrerschaft innerlich entglitten war, wenn sie sich auch äußerlich dem politischen Machtwillen unterworfen hatten.

Es wird darum auch ein unzulängliches Bemühen bleiben, die Lehrerschaft auf Grund des Fragebogens nach ihrer politischen Zuverlässigkeit beurteilen, werten und aufreihen zu wollen.“ [38]

Dieses Schreiben Fritz Köhnes zu Beginn der Entnazifizierungsverfahren hatte sicherlich den Zweck, Beurteilungen nicht nur nach der formalen Parteimitgliedschaft vorzunehmen. Es hatte aber auch die Funktion, gegenüber der Britischen Militärregierung und Senator Landahl, der nach seiner Absetzung als Schulleiter der Lichtwarkschule aus dem  Schuldienst ausgeschieden war, seine ganz persönliche Entscheidung zu rechtfertigen. Köhne selbst war 1937 Mitglied der NSDAP geworden, er hatte dem Druck nicht standgehalten, wiewohl er von vielen Freunden und Vertrauten sehr ermuntert und gedrängt wurde, nicht aus der Behörde auszuscheiden, um „seine schützende Hand“ weiter über Kollegen halten zu können. [39]

Das letzte Wort soll der ehemalige Schulrat Gustav Schmidt haben, der nie Mitglied der NSDAP wurde. Er verwendete sich im Entnazifizierungsverfahren noch ein zweites Mal für Mansfeld. Bemerkenswert erscheint, was er zu der von Mansfeld unterschriebenen Aufforderung, in die NSDAP einzutreten, feststellte:

„Daß Sie damals das drängende Schreiben des Lehrerbundes unterschrieben haben, ist Ihr Schicksal gewesen; aber man sollte Ihnen nicht allein die Schuld an dem Masseneintritt zuschieben. Nach meiner Meinung liegt bei den Eingetretenen die gleiche Schuld. Warum sind sie so ängstlich gewesen? Warum haben sie nicht widerstanden? Sollten Sie nun die Feigheit der anderen alleine ausbaden? Das wäre ungerecht. Ich weiß keinen Fall, daß einem Lehrer dienstlich etwas geschehen ist, weil er 1937 nicht eintrat.“ [40]

Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1 Albert Mansfeld, Die Eingliederung des NSLB, Gau Hamburg, in die politische Organisation der NSDAP, HLZ 25/26-1934, S. 393 ff. Siehe auch Uwe Schmidt: Lehrer im Gleichschritt: Der Nationalsozialistische Lehrerbund Hamburg, Hamburg 2006, S. 15 ff.
2 HLZ 51/52- 1931, S. 745.
3 Kurt Zeidler: Pädagogischer Reisebericht durch acht Jahrzehnte, Hamburg 1975, S. 83.
4 Alle Zitate: HLZ 3-1932, S. 26 ff. Matthewes vertritt auch in der Diktion ziemlich radikale, sozialistische Positionen.
5 Protokoll der 18. Sitzung der Bürgerschaft, 7.Dez. 1932, S. 728.
6 Ebd., S. 734.
7 150 Jahre Gesellschaft der Freunde, Hamburg 1950, S. 122.
8 Siehe Hans-Peter de Lorent: Der Nationalsozialistische Lehrerbund, in: Reiner Lehberger/Hans-Peter de Lorent (Hg.). „Die Fahne hoch“. Schulpolitik und Schulalltag unterm Hakenkreuz, Hamburg1986, S.119 ff NSLB; dazu auch Uwe Schmidt 2006.
9 HLZ 1-1934, S.9 f.
10 Alle weiteren Zitate ebenda, S. 10.
11 HLZ 22- 1934, S. 349.
12 Alle Zitate: HLZ 36/37- 1934, S. 543 f.
13 Ebd., S. 544. Hier auch die Zitate Mansfelds. Siehe auch die Biografie Einfeldt.
14 Alle Zitate: StA HH, Akte Gesellschaft der Freunde/GEW_643.
15 Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass die Auseinandersetzung zwischen den „alten Kämpfern des NSLB“, zu denen auch Albrecht gehörte und die seit 1933 bis zu Parteigerichtsverfahren gegen den Landesschulrat und NSLB-Führer Willi Schulz führten, eine Rolle bei diesem Konflikt spielten. Siehe auch Uwe Schmidt, 2006. Und: Bundesarchiv Berlin BDC DPG I 83, mir von Uwe Schmidt freundlicherweise in Kopie zur Verfügung gestellt.
16 Entnazifizierungsakte Mansfeld, StA HH, 221-11_58263.
17 Alle nicht besonders gekennzeichneten Angaben aus der Personalakte Albert Mansfeld, Behörde für Bildung und Sport, Hamburg.
18 Siehe: Reiner Lehberger/ Hans- Peter de Lorent 1986, insbesondere Reiner Lehberger: „Der Umbau“ der Hamburger Volksschule, S. 15 ff.
19 Nicht veröffentlichtes Protokoll meines Gespräches mit Albert Mansfeld in Anwesenheit seiner Frau vom 14.8.1989.
20 Entnazifizierungsakte Mansfeld, a.a.O.
21 Alle Angaben, wenn nicht besonders gekennzeichnet, aus der Entnazifizierungsakte Mansfeld, a.a.O.
22 Siehe auch: Cäsar Hagener:Fritz Köhne, Mythos und Wirklichkeit, in: Ursel Hochmuth/Hans-Peter de Lorent (Hg): Hamburg.Schule unterm Hakenkreuz, Hamburg 1985, S. 244 ff.; Hartwig Fiege: Fritz Köhne. Ein großer Hamburger Schulmann, Hamburg 1986;Hans- Peter de Lorent: Rädchen im Getriebe, in Lehberger/de Lorent 1986, S. 191 ff.
23 Nicht veröffentlichtes Protokoll meines Gespräches mit Albert Mansfeld in Anwesenheit seiner Frau vom 14.8.1989.
24 Entscheidung vom 31.3.1949, Entnazifizierungsakte Mansfeld, a.a.O.
25 Schreiben vom 13.12. 1947, ebd.
26 So der Jurist der Behörde, v. Zerssen, in einem Schreiben an LSR Matthewes v. 14.2.1951, Personalakte Mansfeld, a.a.O.
27 Schreiben v. 30.11.1950, ebd.
28 Witt-Schreiben vom 8.5.1937, Personalakte Mansfeld, a.a.O.
29 Mansfeld – Schreiben vom 10.6.1937, ebd.
30 Schreiben v. 23.5.1951 an Senator Landahl, Personalakte Mansfeld, a.a.O.
31 Protokoll Schulratssitzung v. 1.6.1951, StA HH OSB F V v 2I-III_ 491 Bd 1
32 Schreiben v. 10. Nov. 1951 an den Deputierten Dietrich Rothenberg, liegt mir im Original vor.
33 Nicht veröffentlichtes Protokoll meines Gespräches mit Albert Mansfeld in Anwesenheit seiner Frau vom 14.8.1989.
34 Siehe Entnazifizierungsakte Mansfeld, a.a.O.
35 Päd. Gutachten von Schulleiter Stoelken 1953, Personalakte Mansfeld, a.a.O.
36 Schulrat Werdier am 4.11.1953, ebd.
37 Ebd.
38 Schreiben Köhne, in: Handakte Britische Militärregierung, GEW- Archiv, Hamburg.
39 Siehe Fiege, a.a.O.
40 Schreiben v. 9.2.1952, Entnazifizierungsakte Mansfeld, a.a.O.
 

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Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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