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Walter Brockmöller

(3.3.1898 Fehmarn - 16.10.1979)
Lehrer
Hermann-Kauffmann-Straße 20
Kirche npauer-Realgymnasium, Hammer Landstraße

„Er müsse es melden, wenn Witze politischer Art im Lehrkörper erzählt würden. Dies halte er als Mitglied der SA für seine Pflicht.“

Walter Brockmöller hatte eine bewegte und ungewöhnliche berufliche Geschichte. Früh eifriger Nationalsozialist, als Studienassessor am Kirche npauer- Realgymnasium für den NSLB Verbindungsmann, von vielen Kollegen als spitzelnde Bedrohung gesehen, machte er dann als Oberstudiendirektor in Wernigerode Karriere. 1949 floh er aus der „Ostzone", kam zurück nach Hamburg, wo ihn seine alte Geschichte wieder einholte.

Walter Brockmöller wurde am 3.3.1898 als Sohn eines Lehrers in Avendorf auf Fehmarn geboren. Die Familie übersiedelte am 1.4.1902 nach Wandsbek, Walter Brockmöller besuchte von 1904 bis 1915 die Mittelschule und anschließend das Matthias-Claudius Gymnasium in Wandsbek, wo er am 26.6.1915 die Reifeprüfung bestand. Danach meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst, kam am 15.7.1915 zum Fußartillerie-Regiment Nr. 20, blieb im Krieg bis zum 30.11.1918 und wurde dabei zum Leutnant befördert. Die Hälfte seiner Klassenkameraden, die ebenfalls in den Krieg zogen, kam im Ersten Weltkrieg als Soldaten um.

Brockmöller besuchte das Lehrerseminar in Lübeck, nach etwas mehr als einem Jahr absolvierte er die erste Lehrerprüfung und kam als Volksschullehrer nach Wandsbek, später arbeitete er auch in Wilhelmsburg und Hamburg als Volksschullehrer. Die zweite Lehrerprüfung in Wilhelmsburg bestand er am 19.3.1923. Ambitioniert wie Walter Brockmöller war, studierte er parallel zum Volksschullehrerdienst erst an der Universität Kiel und danach an der Universität Hamburg. Seine Fächer waren Geschichte, Deutsch und Philosophie. Die wissenschaftliche Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen bestand Brockmöller am 1.3.1929, seine schriftliche Hausarbeit schrieb er zum Thema „Der deutsche Gedanke in der schleswig-holsteinischen Bewegung in der Zeit von den Freiheitskriegen bis zur Erhebung im März 1848". Einer seiner Prüfer war der jüdische Psychologe William Stern, der emigrierte, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Brockmöller bestand die Prüfung mit Auszeichnung und war ab dem 1.4.1929 für ein Jahr Studienreferendar. (1)

Auch in der Ausbildung erhielt er sehr positive Rückmeldungen: „Herr Walter Brockmöller verfügt über die verhältnismäßig hohe pädagogische Bildung, die rege Betätigung in Standesvereinen dem begabten, fleißigen, für sein Amt interessierten jungen Lehrer zu vermitteln imstande ist. Seine Redegewandtheit, seine Debattierfreudigkeit, sein lebhaftes Temperament sind auch der Arbeit unseres Seminars, dem er ein Jahr lang angehört hat, zugute gekommen. Seine Kandidatenarbeit zeigt, daß er die Fragen, die in den letzten Jahrzehnten die pädagogische Welt bewegt haben, kennt und selbständig zu beurteilen vermag.“ (2) Das schrieb sein Ausbilder Prof. Walter Ziesenitz vom Realgymnasium des Johanneums. Auch Oberstudiendirektor Prof. Eduard Rüther von der Hansaschule in Bergedorf zeigte sich voll des Lobes über Walter Brockmöller: „Infolge seiner längeren Lehrertätigkeit und seiner gefestigten Persönlichkeit bewies er eine solche Sicherheit im Auftreten und eine so überzeugende Art, daß er auch widerstrebende Schüler auf den rechten Weg brachte. Er steckte in der Lektüreauswahl seine Ziele hoch und fesselte die durchweg regsamen Schüler." Er habe sein Amt „zur vollen Zufriedenheit versehen“, und Rüther resümierte: „Der Kandidat hat die Klasse zur regen Mitarbeit erzogen und auch sonst jede gestellte Aufgabe vorzüglich gelöst.“ (3)

Nach einem Jahr als Studienassessor in Harburg-Wilhelmsburg, wechselt Brockmöller nach Hamburg und arbeitete als Studienassessor an der Kirche npauer- Oberrealschule. 1933 wurde er in das Beamtenverhältnis übernommen. Zum 1.5.1933 trat er in die NSDAP ein, gleichzeitig wurde er aktiv in der SA und im NSLB. Brockmöller erwies sich auch als politisch ambitioniert und strebte das einflussreiche Amt eines NSLB-Schulwalters an, verfügte über gute Kontakte zur NSLB-Zentrale im Curio-Haus. (4). So war er Ansprechpartner für Assessoren in der Region um das Kirche npauer-Realgymnasium, in einer Gruppe einflussreicher NSLB-Aktivisten aus dem Bereich der höheren Schulen. (5) Über Brockmöllers Arbeit am Kirche npauer- Realgymnasium gibt es die Darstellung eines ehemaligen Schülers in der Festschrift der Schule. Er schilderte folgende Begebenheiten: „In der Obersekunda-Reife, die plötzlich in Klasse 7 umbenannt worden war, hatten wir Herrn Brockmöller in Religion. Er war einer der wenigen entschiedenen Nationalsozialisten unter unseren Lehrern, trotzdem noch mit schwachen Bindungen an das Christentum. Einerseits vertrat er im Unterricht antisemitische Thesen, andererseits lehnte er die Lehren von Mathilde Ludendorff mit äußerster Heftigkeit ab. Wir kauften deshalb ihre neuesten Hefte und legten sie zu Beginn der Stunde auf den Lehrertisch. Wenn Herr Brockmöller dann mit forschem Schritt hineinstürmte, als ob er bestens für den Unterricht präpariert sei, und das Heft sah, blätterte er zunächst schweigend darin herum und biß sich schließlich an irgendwelchen Thesen fest, über die er über die Fünfminutenpause nach der ersten Stunde hinweg bis zum Ende der folgenden Geschichtsstunde zu dozieren pflegte. So hatten wir in zwei Fächern ein recht gemütliches Jahr.

Nur einmal geriet ich durch Herrn Brockmöller in größte Verlegenheit. Er hatte wieder die damals gängige These vertreten, Jesus sei kein Jude, sondern arischer Abstammung. Als ich spontan einwandte, daß mein Pastor uns im Konfirmandenunterricht aus der Bibel das Gegenteil bewiesen habe, kam eine Reaktion, mit der ich nie gerechnet hätte. Herr Brockmöller explodierte förmlich, verlangte den Namen des Pastors zu hören, ließ mich aber gar nicht zu Worte kommen, sondern redete ununterbrochen weiter, nämlich daß ein solcher Pastor ins KZ gehöre und dergleichen. Er steigerte sich derartig in Wut, daß er, wie mir schien, zum Schluß offenbar nicht mehr wusste, was ihn so erregt hatte. So ist er glücklicherweise nicht auf seine Frage nach dem Namen des Pastors zurückgekommen. 1938 wurde Herr Brockmöller Oberstudiendirektor in Wernigerode. Später hörte ich, daß für die Berufung die dienstliche Beurteilung entscheidend gewesen sei, die ihm Dr. Iburg gegeben hatte: ‚Herr Brockmöller ist ein typischer Vertreter des Dritten Reiches.‘ Sein Diensteifer war nämlich auch für Schüler erkennbar, nicht gerade rühmenswert." (6)

Schulleiter Cäsar Iburgs Charakterisierung Brockmöllers war sicherlich auch Ausdruck seiner Abneigung. Und Iburg war froh, den ihm unangenehmen Brockmöller loszuwerden, auch wenn das mit einer Beförderung verbunden war, die der ehrgeizige Walter Brockmöller angestrebt hatte. Die Geschichte Cäsar Iburgs ist ebenfalls bemerkenswert. Iburg war selbst seit 1933 Mitglied der NSDAP, was er später damit begründete, ihm sei bewusst gewesen, dass er damit seine Frau, die aus einer jüdischen Familie stammte, schützen wollte. Darauf gehe ich in der Biografie Iburg genauer ein. (7)

Schulleiter Iburg musste sich an seiner Schule mit dem NSLB-Aktivisten Brockmöller auseinandersetzen, wie einige Kollegen der Schule nach 1945 ihm bescheinigten, als er selbst um seine Rehabilitierung kämpfte. So schrieb der ehemalige Lehrer der Kirche npauer-Oberrealschule, Theodor Claussen, dass Walter Brockmöller im Kollegium von vielen Lehrern als Denunziant und Zuträger zum NSLB angesehen wurde: „Als später das widerliche Denunziantentum, das die Partei ihren Mitgliedern vorschrieb, um sich griff und auch in unser bis dahin, man darf wohl sagen, vorbildlich zusammenarbeitendes Kollegium den Keil des Zwiespalts trieb, sind Sie es wiederum gewesen, der die Schule geschickt durch alle Fährlichkeiten hindurchgesteuert hat. Vermeiden ließen sich die Zusammenstöße nun nicht mehr, aber man konnte doch mancherlei Schlimmes abwenden, so wie sie es z. B. taten, als sie dem unangenehmen Kollegen Brockmöller das Amt des Vertrauensmannes des NSLB, das dieser als Deckung für widerwärtige Parteizwecke zu benutzen drohte, aus der Hand nahmen, was Sie als nominelles Parteimitglied, wofür ich Sie immer gehalten habe, unauffällig tun konnten." (8)

Iburg hatte für einige Zeit verhindern können, dass Brockmöller die Verbindungsfunktion zum NSLB übernahm, weil Iburg selbst „Schulwalter des NSLB" wurde. An anderer Stelle bemerkt Claussen: „Einmal habe ich übrigens auch beobachtet, als ich gerade auf dem Katheder stand, daß der widerliche Brockmöller sich eine Äußerung von mir notierte. Na, in meiner ‚schwarzen Liste‘ wird noch mehr gestanden haben!" (9)

Der Stellvertreter Cäsar Iburgs, Hermann Jessen, der nicht Parteimitglied war, bestätigte, dass Iburg die NSLB-Schulwalterfunktion an der Schule 1933 übernahm. Jessen schrieb: „Daß Dr. Iburg später Schulwalter wurde, hatte folgende Bewandtnis: Herr Studienrat Hestermann war im Kollegium der Vertrauensmann  des Philologenvereins und legte das Amt nieder bei der Umwandlung dieses Vereins in den NS. Lehrerbund. Da bestand die Gefahr, daß Herr Brockmöller, ein S.A Sturmführer und Aktivist, sich dieses Postens bemächtigen würde. Daher übernahm Dr. Iburg dieses Amt, das ohne sein Zutun zum Amt eines Schulwalters wurde; er hoffte, die Parteispitzel auf diese Weise unbehindert im Schach zu halten und von der Schule eine dauernde Beunruhigung abzuwehren." (10)

Am Kirche npauer-Realgymnasium gab es eine Gruppe von zehn bis zwölf Kollegen, die sich bis 1945 weigerten, in die NSDAP einzutreten. Diese Gruppe fühlte sich besonders durch Brockmöller bedroht. Einer von ihnen war Walther Gabe, der sich auch zu Brockmöllers Wirken an der Schule geäußert hat: „Ich erinnere mich auch gern, wie Sie bei dem Angriff des Herrn Brockmöller gegen mich sowohl der Schulverwaltung wie auch dem NSLB gegenüber für mich eingetreten sind. Sie taten das in vollem Bewusstsein der Gefährdung Ihrer eigenen Stellung, denn meine Person musste den Nazis doppelt anrüchig sein: 1) weil ich stets der Partei ferngeblieben war, 2) wegen meiner Abstammung: eine Großmutter Jüdin, eine Großmutter Engländerin.“ (11)

Der Fall Gabe soll später noch einmal beleuchtet werden. Gabe wurde nämlich noch einmal im Entnazifizierungsverfahren Brockmöllers 1949/1950 befragt. Ende 1945 bemerkte er noch: „Herr Brockmöller erhielt dann für sein dunkles Handwerk einen Direktorenposten. Nunmehr, darf ich annehmen, ist dieser Ehrlose aus dem Amt gejagt worden." (12)

Zunächst aber kam Walter Brockmöller in ein Amt. Als profilierter Nationalsozialist mit großer Rückendeckung insbesondere im NSLB hatte er sich in Wernigerode im Harz auf eine Oberstudiendirektoren-Stelle beworben an der Fürst-Otto-Schule, der städtischen Oberschule für Jungen. Da Brockmöller erst am 1.4.1937 Studienrat geworden war, gaben politische Gründe die Ausschlag, dass Brockmöller die Stelle zum 1.4.1938 bekam. Aufatmen bei einem großen Teil des Kollegiums im Hamburger Kirche npauer-Realgymnasium. Schon am 1.2.1939 wurde Brockmöller dann endgültig Oberstudiendirektor. Lange währte die Arbeit Brockmöllers an der Schule nicht.  Am 18.8.1939 zog Walter Brockmöller mit dem Artillerie-Regiment Nr. 31 in den Krieg, in dem er bis zum 18.8.1944 blieb und zum Major befördert wurde. Er hatte also, den Ersten Weltkrieg mitgerechnet, über acht Jahre Kriegsdienst hinter sich. Zurück in Wernigerode wurde Brockmöller am 31.5.1945 aus dem Schuldienst entlassen. Unterlagen über die Entlassung sind in der Personalakte nicht enthalten, aber nachvollziehbar. Und nachhaltig, denn Brockmöller arbeitete in Wernigerode vom 1.12.1945 bis zum 20.8.1949 als Elektroinstallateur, am Ende dieser Zeit zusätzlich als Korrektor und Fachreferent für den Deutschunterricht an der Landesfernschule in Halle (Sachsen-Anhalt). (13)

In seinem chronologischen Lebenslauf, den er für die Wiedereinstellung am 8.8.1950 in Hamburg verfasste, notierte er: „Entnazifizierung in Wernigerode (Ostzone)." Später konnte Brockmöller die Abschrift eines Schreibens aus Wernigerode vorlegen, in dem es hieß: „Die Gründe, die zu ihrer Entlassung führten, sind folgende: 1. Sie sind am 1. Mai 1933 in die NSDAP eingetreten. 2. Sie gehörten seit August oder September 1933 der SA an und waren in ihr Sturmführer." (14)

Danach begann für Walter Brockmöller ein neuer Lebensabschnitt. Ende September 1949 floh er und wurde in das Flüchtlingslager Uelzen aufgenommen.

Vermerkt wurde in der Personalakte Brockmöllers auch, dass er 1922 die Lehrerin Anna Johanne Lobes heiratete und mit ihr zwei Töchter hatte (1926 und 1930 geboren).

Brockmöller wurde vom Flüchtlingslager Uelzen der Hansestadt Hamburg zugewiesen. Hier wandte er sich an Peter Jacobsgaard bei der „Gesellschaft der Freunde“, den er sicherlich noch aus seiner NSLB-Zeit kannte und der jetzt „Leiter der Betreuungsstelle für Flüchtlingslehrer in Hamburg" war. Jacobsgaard beglaubigte einige Dokumente von Walter Brockmöller.

Brockmöller stellte dann den Antrag, im Hamburger Volksschuldienst beschäftigt zu werden. Vermutlich nahm er an, dass der Oberschulbereich für ihn kaum zugänglich sein würde. Nach einem Gespräch mit dem Personalreferenten für den Volksschulbereich, Karl Hoffmann, bewarb Brockmöller sich für eine Stelle im Berufsschulwesen. Das Personalamt vermerkte am 9.2.1951: „Wie vom Amt für Wohnungswesen bestätigt wird, ist B. von der Überprüfungskommission des Flüchtlingsdurchgangslagers Uelzen-Bohldamm in die BRD aufgenommen und nach Hamburg eingewiesen worden, weil er in der Ostzone an Leib und Leben bedroht war. B. ist mithin verdrängter Beamter." (15)

Vor der Wiedereinstellung in Hamburg stand aber noch das Entnazifizierungsverfahren und das erwies sich auch 1950 keineswegs als Selbstgänger für Walter Brockmöller. Auf dem ersten Fragebogen war eine kuriose Stellungnahme des Beratenden Ausschusses unter Vorsitz von Johannes Helbig vermerkt: „Es muss als Ironie des Schicksals bezeichnet werden, wenn jemand, der, wie uns berichtet wird, an der Kirche npauer-Schule in den Jahren nach 1933 seine Kollegen bespitzelte, indem er an Klassentüren horchte, um sich Eindrücke von dem Geschichtsunterricht anderer Kollegen zu verschaffen und sich entsprechende Notizen machte, heute aus der Ostzone geflüchtet ist, weil ihn die SMA zu Spitzeldiensten zwang. Wir bitten den Fachausschuss dringend, vor einer Entscheidung den Kollegen Dr. Walther Gabe vom Christianeum zu hören, dem er, wie man uns berichtet, als einem nicht voll arischen Manne schweres Leid zugefügt hat. Wenn Hamburg ihn überhaupt wieder aufzunehmen hat, scheint uns nur die Gewährung der halben Pension eines Studienrats möglich zu sein." (16)

Unterzeichnet war das Blatt vom 2. Vorsitzenden des Fachausschusses, Kurt Zeidler. Brockmöller wurde in Kategorie IV eingeordnet. Votum: „Als Lehrer nicht wieder zugelassen". Im Protokoll des Fachausschusses vom 10.1.1950 wurde das ablehnende Urteil ausführlich begründet: „Der Fachausschuss hat sich sehr eingehend mit diesem Fall beschäftigt und in dreimaliger Verhandlung die in dem Gutachten des Beratenden Ausschusses erhobenen Anklagen nachgeprüft. Danach hat der Betroffene seit 1933 eine höchst unheilvolle Rolle im Kollegium des Kirche npauer-Realgymnasiums gespielt. Vor allem die Herren, die nicht in der Partei waren, fühlten sich von ihm bespitzelt. Dem Schulleiter Dr. Iburg wurde mehrfach berichtet, daß Brockmöller an den Türen horche. Der Betroffene bestreitet dies. Von den Zeugen hat keiner diese Spionagetätigkeit, von der man allgemeinen im Kollegium sprach, persönlich beobachtet. Auch in der Art, wie Brockmöller in der Uniform eines SA-Sturmführers in der Schule erschien, glaubte man seine Absicht zu erkennen, einen Druck auszuüben und sich ein Ansehen zu geben, das man sonst seiner Persönlichkeit als Mensch und Lehrer nicht zubilligte. In diesem Rahmen paßt die Aussage von Dr. Pätz. Danach hat der Betroffene darauf hingewiesen, daß er es melden müsse, wenn Witze politischer Art im Lehrkörper erzählt würden. Dies halte er als Mitglied der SA für seine Pflicht.

Besonders übel hat sich Brockmöller seinem Kollegen Dr. Gabe gegenüber verhalten. Diesem Manne, der es als nicht vollarisch sowieso schon nicht leicht hatte, hat er die größten Schwierigkeiten bereitet, als er die ihm von Brockmöller angebotenen Karten nicht abnehmen wollte. Der Betroffene hat Dr. Gabe beim NSLB denunziert, so daß dort ein Verfahren gegen ihn stattfand. Er hat es sogar vermocht, den Landesschulrat Schulz zur Abiturientenprüfung im Kirche npauer- Realgymnasium heranzuholen; obgleich Oberschulrat Dr. Oberdörffer als Prüfungskommissar anwesend war. Dieser ließ sich nur von Dr. Gabe die Geschichtsprüfung vorführen und dabei Brockmöller, der überhaupt nichts mit der Prüfung zu tun hatte, Protokoll führen. Ein einmaliger Vorgang in Hamburg!“ (17)

Der Berufungsausschuss urteilt am 31.3.1950 milder. Er wies darauf hin, dass es unterschiedliche Stellungnahmen zu Brockmöllers Wirken gebe. Brockmöller wurde als Studienrat bestätigt: „Der Rang eines Oberstudiendirektors war ihm abzuerkennen, da diese Beförderung unter dem nationalsozialistischen System erfolgt ist und zweifellos eine positive Einstellung zum Nationalsozialismus hierbei von Bedeutung gewesen ist. Da das Verfahren sich ungewöhnlich lange hinausgezögert hat, erschien es dem Berufungsausschuss geboten, Brockmöller alsbald in die Kategorie V wie geschehen zu überführen." (18)

Hilfreich für Brockmöller war auch ein Leumundszeugnis des ehemaligen Oberschulrats Wilhelm Oberdörffer. Oberdörffer, der von 1933 der Deutschen Volkspartei (DVP) angehört hatte und 1933 bereits Oberschulrat gewesen war, war ebenfalls am 1.5.1933 Mitglied der NSDAP geworden. Sein Schreiben für Brockmöller erscheint dennoch überraschend: „Ich habe Herrn Brockmöller, der früher der Deutschen Volkspartei angehörte, in seiner Lehrer- und Erziehungsarbeit als einen sehr eifrigen, vielleicht etwas ehrgeizigen Jugenderzieher kennengelernt, der die ihm übertragenen Aufgaben gewissenhaft und mit gutem Erfolg erfüllt hat. Seine spätere Berufung als Oberstudiendirektor in Wernigerode ist, soweit mir erinnerlich, nicht aufgrund seiner Zugehörigkeit zur NSDAP, sondern wegen seiner pädagogischen und wissenschaftlichen Eignung erfolgt." (20) Insbesondere der letzte Satz wirkt besonders befremdlich, weil es meines Wissens keinen Fall gibt, wo ein im Jahre 1937 zum Studienrat ernannter Lehrer schon ein Jahr später Oberstudiendirektor wurde, wenn es nicht eine massive politische Protektion gegeben hatte. Das dürfte dem ehemaligen Personalreferenten Oberdörffer völlig bewusst gewesen sein! Aber Oberdörffer hat in vielen Fällen ehemaligen Mitgliedern der DVP einen Persilschein ausgestellt, der im deutlichen Widerspruch zu deren Handeln in der NS-Zeit stand. (21)

Am 23.8.1950 schlug die Schulbehörde Brockmöller vor, sich an einer Handelsschule vorzustellen: „Zwei Lehrproben verliefen zur vollen Zufriedenheit". Der Lehrerbetriebsrat stimmte dem nicht zu. Letzten Endes konnte Brockmöller aber am 4.10.1950 den Dienst antreten.

Oberschulrat Ebel notierte am 18.1.1951 für das Personalamt: „Infolge der politischen Verhältnisse in der Ostzone musste er 1949 nach Berlin flüchten und wurde dort als politischer Flüchtling geführt." (22)

Am 18.5.1952 wurde Walter Brockmöller zum Studienrat ernannt. Vorher wurde vom Personalamt eine von Brockmöller produzierte Legende relativiert: „Wie aus dem vom Notaufnahme Lager Uelzen-Bohldamm angeforderten Gutachten hervorgeht, hat B. die sowjetische Besatzungszone nicht wegen einer ihm unverschuldet drohenden unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben oder für die persönliche Freiheit verlassen.“ (23)

1953 wandte sich der neue Studienrat an seinen Schulaufsichtsbeamten Dr. Ebel mit einem merkwürdigen Brief, der auch wieder als eine Form der Denunziation gewertet werden kann: „Vorige Woche sprach ich im Lehrerzimmer am Holzdamm mit dem Kollegen Albus über Fragen des Deutschunterrichts und besonders bittere Erfahrungen in einer bestimmten Klasse. Der zufällig dazukommende Klassenlehrer lobte demgegenüber seine Klasse über den grünen Klee und nannte einen Schüler als besonders leistungsfähig. Ich übergab ihm die letzte Klassenarbeit dieses Schülers. Die noch nicht korrigierte Arbeit bezeichnete der Klassenlehrer als ‚gut‘. Herr Albus und ich begründeten dann im einzelnen unser übereinstimmendes Urteil: ‚nicht ausreichend‘ = 5. Dieser Fall mag besonders krass sein, ich erlebe aber oft Ähnliches, und es wäre lohnend, einmal sämtliche Prüfungsaufsätze von der Handelskammer zu erbitten und die Beurteilungen und Zensierungen zu vergleichen." (24)

Es muss offen bleiben, ob es in Verbindung zu diesem Brief stand. Jedenfalls wollte. Brockmöller den Schulbereich wechseln, um wieder einen anderen Unterricht geben zu können: „Mein ernstes Anliegen ist aber der muttersprachliche Deutschunterricht, um den ich mich seit langem nur in Nächten an meiner reichhaltigen, fast vollständigen Bücherei bemühen kann." (25)

Walter Brockmöller wurde nach einem Gespräch mit dem Personalreferenten für die höheren Schulen, Dr. Reimers, zu Ostern 1954 in diesen Bereich umgesetzt und begann am 23.4.1954 am Matthias-Claudius-Gymnasium, dem Gymnasium seiner eigenen Schulzeit. Schulleiter dort war Johann Helbig, der mit Brockmöllers Entnazifizierung knapp fünf Jahre vorher betraut gewesen war. Helbig verfasste am 18.6.1954 einen sehr positiven Bericht über Brockmöller, u. a.: „Herr Brockmöller hat sich willig und gut in das Kollegium eingefügt. Wenn er auch gern und etwas zu viel redet, so kann man seinen Ausführungen Gehalt und Form nicht absprechen. (…) Seine Stellung zu den Schülern ist daher gut; Disziplinschwierigkeiten kennt er nicht. (…) Sein Deutschunterricht in der Klasse 7 muß als interessant und originell bezeichnet werden. Der Unterzeichnete sieht in ihm eine durchaus brauchbare Lehrkraft." (24)

Danach setzte offenbar eine deutliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes von Walter Brockmöller ein. Schulleiter Werner Rockel, Nachfolger von Helbig am Matthias- Claudius- Gymnasium kennzeichnete es am 16.6.1958 folgendermaßen: „Herr Brockmöller ist ohne Zweifel der geborene Pädagoge, den die Liebe zu jungen Menschen und das ernste Bemühen, sie zu erreichen und zu führen, zu seinem Beruf gebracht haben." Und: „Es überraschte mich immer wieder, mit welchem Eifer Herr Brockmöller sich die Literatur seiner Fachgebiete zu eigen machte. Da er außerdem den Ehrgeiz hatte, seinen Blick auf jede Art zu erweitern - er ließ kaum einen Vortrag aus, selbst wenn er mit seinem Fachgebiet nur eine leise Berührung hatte." Mit Auswirkungen, dass er „in seinem Streben, zu lernen, sich Kenntnisse anzueignen, über das Maß hinausging und sich damit geistiger Belastung aussetzte, die er auf die Dauer nicht zu tragen vermochte. Das wirkte sich bei Herrn Brockmöller jedenfalls soweit ich es nach Ostern 1955 bis zu seinem Ausscheiden im Matthias Claudius Gymnasium beurteilen kann, in einer übersteigerten Nervosität und Reizbarkeit aus. Dadurch wurde seine unterrichtliche und erzieherische Arbeit, besonders in den Unter- und Mittelstufenklassen sehr erschwert, so dass bei den jungen Menschen Disziplinschwierigkeiten auftraten. Diese Situation verschlechterte sich leider von Jahr zu Jahr so, dass es mit Beginn jedes Schuljahres immer größere Schwierigkeiten gab, wie ich Herrn Brockmöller einsetzen sollte.“ Und schließlich: „Auf Herrn Brockmöllers Gesundheitszustand dürfte es zurückzuführen sein, dass sich der Umgang mit seinen Kollegen immer schwieriger gestaltete, so dass es verschiedentlich zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihm und anderen Herren kam, die den kollegialen Verkehr sehr erschwerten. Selbst wenn sich auch alle Herren darüber im klaren waren, dass man Herrn Brockmöller viel zugute halten müsse, so wurde es doch allgemein begrüßt, dass Herr Brockmöller selbst den Wunsch äußerte, das Matthias-Claudius-Gymnasium zu verlassen und an eine andere Schule versetzt zu werden, die in der Nähe seiner Wohnung liege." (25)

Brockmöller wechselte zweimal die Schule, Heilwig-Schule, Gymnasium für Mädchen Groß-Flottbek. Mehrfach war er in Behandlung bei dem nicht unumstrittenen Professor Hans Bürger-Prinz, nervöse Erschöpfung, vegetative Störungen, lange Fehlzeiten, Kuren, neun Wochen Braunlage im Harz. (26)

1952 wurden in der BRD die Gesetze für ehemalige Nationalsozialisten geändert, das so genannte 131er- Gesetz, das „den Abschluss der Unterbringung regelte": Walter Brockmöller war danach in die Besoldungs-Gruppe A 15 übernommen worden. (27)

Am 31.3.1963 wurde Walter Brockmöller pensioniert. Er starb am 16.10.1979. (28)

Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1. Personalakte Brockmöller, StA HH, 361-3_A 2592
2. StA HH, 361-12_A 263 Bd.1
3. Ebd.
4. Entnazifizierungsakte Brockmöller, StA HH, 221-11_77806 KAT
5. Siehe HLZ 1/1936, S. 8.
6. Festschrift 50 Jahre Kirche npauer-Gymnasium 1930-1980. Hamburg 1980, S. 44f.
7. Siehe Biografie Iburg in diesem Buch.
8. Schreiben vom 6.12.1945, Personalakte Iburg, StA HH, 361-3_A 1595, Bd. 2
9. Ebd.
10. Schreiben vom 16.12.1945, ebd.
11. Schreiben vom 31.12.1945, ebd.
12. Ebd.
13. Alle Angaben Personalakte Brockmöller, a.a.O.
14. Schreiben des Bürgermeisters aus Wernigerode vom 10.8.1945 an Walter Brockmöller, ebd.
15. Alles ebd.
16. Alle Dokumente in Entnazifizierungsakte Brockmöller, a.a.O.
17. Ebd.
18. Ebd.
19. Ebd.
20. Schreiben vom 29.3.1950, ebd.
21. Siehe die Biografie Oberdörffer in diesem Buch.
22. Personalakte Brockmöller, a.a.O.
23. Ebd.
24. Ebd.
25. Schreiben vom 21.1.1954, ebd.
26. Ebd.
27. Schreiben vom 1.2.1962, ebd.
28. Alle Angaben ebd.
 

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Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

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Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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