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Wilhelm Knoll

(29.1.1876 Frauenfeld – 29.9.1958 Alpnachstadt)
Prof. Dr. med Facharzt für Lungenkrankheiten, Direktor des Instituts für Leibesübungen der Universität Hamburg, ab 1936: Direktor des Sportmedizinischen Instituts
Blumenau 46 (Wohnadresse, 1933)

Dr. Hans-Peter de Lorent hat über Wilhelm Knoll ein Portrait verfasst, das in Hans-Peter de Lorents Buch: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz. Band. 3. Hamburg 2019 erschienen und im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg erhältlich ist. Hier der Text: 
 „Wir kennen ihn seit langem als einen jener Männer, die den Geist des Nationalsozialismus an unseren Hochschulen wirklich zu lehren verstanden, zu einer Zeit noch, als es schwer war, derartige Ideen zu propagieren.“

Wenn ein Blick auf die Hamburger Sportpädagogen in der NS-Zeit geworfen wird, gehört dazu insbesondere auch Prof. Wilhelm Knoll. Er war 1929 in Hamburg als der erste außerordentliche Professor für Leibesübungen an eine deutsche Universität berufen worden. Wilhelm Knoll, von Geburt Schweizer, der als Arzt und Chefarzt der Lungenheilstätte in Arosa sowie als Mitbegründer und Präsident der internationalen Assoziation der Sportärzte fungierte, verlieh dieser Stelle ein internationales Flair. Dabei entpuppte sich Knoll als autoritär, agierte auch an der Universität mit der Attitüde eines Chefarztes, ging keinem Streit aus dem Wege und bemerkte es nicht einmal, wenn er andere Personen beleidigte und in ihrer Ehre herabsetzte. Knoll trat am 1.5.1933 in die NSDAP ein und wurde am 1.10.1933 förderndes Mitglied der SS. Von 1929 bis 1944 bildete er als Direktor des Instituts für Leibesübungen und ab 1935 als Direktor des Sportmedizinischen Instituts Hunderte von Sportlehrern und Sportmediziner aus. 1940 und 1943 unternahm er Vortragsreisen in die Schweiz, über die er Berichte schrieb, die seine nationalsozialistische und antisemitische Gesinnung bekundeten. Nachdem er 1944 mit 68 Jahren gegen seinen Willen emeritiert worden war, ging er, das Ende des Nationalsozialismus vor Augen und mögliche Schwierigkeiten für sich erahnend, zurück in die Schweiz, um wieder als Arzt zu arbeiten. Damit glaubte er, Konsequenzen als Nationalsozialist aus dem Wege gehen zu können.

Wilhelm Knoll war am 29.1.1876 in Frauenfeld in der Schweiz als Fabrikanten-Sohn wohlhabender Eltern geboren. Er besuchte das Gymnasium in Frauenfeld, und studierte nach dem Abitur an den Universitäten Prag, Zürich, Basel, Straßburg und Tübingen Medizin. 1904 kehrte er nach der Promotion zum Dr. med. zurück in die Schweiz, um als Arzt und seit 1916 bis 1929 als Chefarzt der Bündener Lungenheilstelle in Arosa zu arbeiten.[1]
Als Wilhelm Knoll seinen 60. Geburtstag feierte, wiesen die Hamburger Zeitungen bei ihren Huldigungen darauf hin, dass Knoll als Militärarzt 1914 an der Grenze gearbeitet hatte und später Leiter eines Militärhospitals[2] und ehemaliger Schweizer Major gewesen war.[3]

Michael Joho, der 1990 eine lokalgeschichtliche Studie zur Militarisierung der Hamburgischen Universität vorlegte und dabei besonders den Hochschulsport in Hamburg zur Zeit der Weimarer Republik und während der Anfangsjahre des „Dritten Reiches“ untersuchte, hatte auch die Karriere von Prof. Wilhelm Knoll genauer beleuchtet. Er wies darauf hin, dass Knoll nicht die primäre Wahl für die Besetzung der ersten Professur für Leibesübungen Hamburgs gewesen war. Aber nach Absagen anderer Kandidaten verfiel die Universität Hamburg auf den Schweizer Wilhelm Knoll, bei dessen dargestellter Vita darauf Wert gelegt wurde, Knoll sei „von jeher ein ausgesprochener Vertreter des deutschen Gedankens in der Schweiz“ gewesen.[4]
Joho stellte fest: „Als Begründer des schweizerischen Sportärzteverbandes hatte er sich bereits einen Namen gemacht und seine internationalen Meriten – basierend auf einer großen Anzahl primär medizinischer Publikationen – nicht zuletzt durch die Wahl zum ersten Präsidenten der Internationalen Sportärztlichen Vereinigung im Februar 1928 erworben.“[5]

Michael Joho wies darauf hin, dass Knolls wissenschaftliches Schriftenverzeichnis „eine breite Palette von Arbeiten“ aufweise, wobei Joho bei der Durchsicht dieser Arbeiten zu dem Ergebnis kommt:
„Knolls Ausführungen sind geprägt von einer Verflechtung von sportärztlichen und militärischen Erfordernissen, ging es ihm doch offensichtlich nicht primär um den berechtigten Anspruch der individuellen Gesunderhaltung, sondern vielmehr um die Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit für nicht näher bezeichnete ‚unvorhergesehene Hindernisse‘, sprich: überraschend auftauchende Gegner.“[6]

Das „Hamburger Tageblatt“ hatte in seinem Geburtstags-Jubelbericht festgestellt:
„Wir kennen Prof. Dr. Wilhelm Knoll seit langem als einen jener Männer, die den Geist des Nationalsozialismus an unseren Hochschulen wirklich zu lehren verstanden, zu einer Zeit noch, als es schwer war, derartige Ideen zu propagieren. Er hat mit seinen Jungen gelebt als Kamerad unter Kameraden, als Freund und Berater. – Darüber hinaus aber dürfen wir als Zeitung stolz darauf sein, ihn unseren Mitarbeiter nennen zu dürfen.“[7]

Das Frauenbild von Wilhelm Knoll passte in diesem Kontext schon 1923 zur Ideologie der Nationalsozialisten.
„Die vorherrschenden patriarchalischen Denkmuster in Bezug auf sporttreibende Frauen formulierte Dr. Wilhelm Knoll bereits 1923 expressis verbis, als er sich gegen jede Gleichstellung der Geschlechter wandte, da ‚die Natur selbst (…) diese Nivellierung mit ihrer ganzen Autorität im Wege‘ stehe. Einer reaktionären Weiblichkeitsideologie verpflichtet, charakterisierte Knoll die vermeintliche Aufgabe der Frau allein als Mutter der nachfolgenden Generation und warnte in diesem Zusammenhang vor körperlichen Überlastungen, wie sie sich im ‚Zerrbild, dass wir als ‚virago‘, als Mannweib, also als ein Monstrum, als etwas ganz Unnatürliches mit Recht ablehnen‘, niederschlügen.“ Und weiter hieß es bei Wilhelm Knoll:
„So akzentuierte er 1932 ein angeblich geschlechtsspezifisches Bewegungsbedürfnis der Menschen derart, dass die rhythmische Gymnastik ‚dem weiblichen Empfinden‘ stark entgegenkomme, während der männliche Jugendliche sich zuvorderst im zielstrebigen Kampf realisiere. Es war daher kein großer Schritt mehr zu einer Formulierung 1943, wonach der Mann ‚immer der Hauptträger des Sports bleiben‘ müsse, da er schließlich ‚der geborene Kämpfer (ist), der sich mit seinem Volk den Lebensraum schafft und durch steten Kampf erhält. Die Frau als die Hüterin dessen, was der Mann erworben hat, hat eine vollkommen andere Aufgabe‘, nämlich die der ‚Obhut über die nächste Generation‘“.[8]

Für Joho war es daher nicht verwunderlich, „dass sich der Frauensport an der Hamburgischen Universität erst im Gefolge massiver Proteste der Studentinnen etablieren konnte“.[9] Auf der anderen Seite hatte sich schon Ende der 1920er Jahre der Wehrsport an der Universität Hamburg fest etabliert: „Etwa 90 Studenten nahmen im Wintersemester 1931/32 an illegalen Wehrkursen teil, die mit nächtlichen Übungen und Herbstmanövern in Lüneburg verbunden waren.“[10]
Daran war Prof. Wilhelm Knoll maßgeblich beteiligt.

„Spätestens mit dem Sommersemester 1932 expandierte auch der hamburgische Wehrsportbetrieb der Studentenschaft beträchtlich. An Wochenenden wurden regelmäßig Ordnungsübungen, Geländemärsche und Kleinkaliberschießen betrieben. Über die Beteiligung an diesen Wehrsportübungen liegen keine genaueren Daten vor. Prof. Dr. Knoll konstatierte aber, dass die Wehrsportidee ‚in der Studentenschaft starken und nachhaltigen Widerhall gefunden habe‘.“[11]

Michael Joho sah Knoll als einen zielgerichteten Förderer der Wehrsportbewegung mit eindeutiger Zielrichtung. Knoll „betrachtete die körperliche Ausbildung an der Hochschule nach dem Wegfall der allgemeinen Wehrpflicht und seiner vermeintlich „erzieherischen Momente“ als „Erlösung“. Denn: „Ein Volk aber, das verlernt hat, sich zu wehren, geht unter“. Daher sollte die Hochschule „Männer erziehen, die ihrem Vaterland wirklich in jeder Lebenslage nützlich sein können“.[12] Und somit hatte Prof. Wilhelm Knoll 1932 in Zusammenarbeit mit dem Wehramt Wettkampfbestimmungen erarbeitet „für Mannschaften (Korporationen, politische Studentenverbände), bestehend aus einem Führer, sieben Mann und einem Ersatzmann“, die folgende Disziplinen vorsahen:
„1. 20 km-Geländemarsch mit 15 kg Gepäck in 218 Minuten, anschließend Kleinkaliberschießen auf 50 m Entfernung maximal 228 Minuten nach dem Start;
2. 250 m-Hindernis laufen („Eskalierwand, Kriechhindernis, Stolperdraht, Graben, Leiterwagen“):
3. 8 × 100 m-Schwimmstaffel;
4. Weitsprung;
5. Kugelstoßen;
6. Mannschafts-Tauziehen.“[13]

Positiv vermerkten Sportpädagogen natürlich, dass mit Knolls Berufung zum neuen IfL-Direktor die Ausbildung von Turn-Lehrerinnen und -Lehrern auf ein wissenschaftliches Niveau gehoben und damit realisiert wurde, was in der Oberschulbehörde während der Weimarer Zeit vorbereitet worden war. Maßgeblich daran beteiligt war der Sportlehrer der reformpädagogischen Lichtwarkschule, Ernst Schöning, der nach 1933 ebenfalls in die Reihen der Nationalsozialisten übertreten sollte.[14]

„Im Kern sahen die neuen Richtlinien ein achtsemestriges Haupt- und ein sechssemestriges Nebenfach-Studium vor, womit die Leibesübungen erstmals auch den Stellenwert eines wissenschaftlichen Faches für das Höhere Lehramt bekommen hatten.“[15]

Einfluss auf den Sport nahmen in den NS-Zeiten auch die Hitlerjugend und die SA. „Mit ‚Führererlass‘ vom 9. September 1933 wurden sämtliche Wehrsportaktivitäten einem neu geschaffenen SA-Hochschulamt auf Reichsebene unterstellt, um ‚die deutschen Studierenden körperlich und geistig im Sinne der Vorkämpfer der deutschen Revolution einheitlich‘ auszubilden.“[16]

Damit hatte Wilhelm Knoll kein Problem. Er wurde „zum sportärztlichen Referenten des SA-Hochschulamtes ernannt und übernahm die Untersuchungen der ‚zum Dienst einberufenen Studenten‘“.[17] Knoll stellte mit Adolf Zahn einen HJ-Gebietsführer als Assistenten ein. „Dieser hatte als Hochschulreferent des Gebietes Nordmark schon im Frühjahr 1935 den reichsweit geäußerten Anspruch der HJ geltend gemacht, weitgehenden Einfluss auf die Turn- und Sportlehrerausbildung zu erlangen.“[18] Wilhelm Knoll, der später dem „Führerkorps der HJ angehörte“ war damit einverstanden, wenn die HJ einforderte:
„Die HJ hält es für die Zukunft nicht mehr für tragbar, dass Sportlehrer ohne engste Verbindung mit der HJ ausgebildet werden und glaubt, dass eine Ausbildung im außerschulischen Erziehungsbereich – also in der Organisation der Jugend, in der Hitler-Jugend – genauso notwendig ist, wie ein zweisemestriges Schulpraktikum, das gegenwärtig für eine Sportlehrer-Prüfung vorausgesetzt wird.“[19]
Wilhelm Knoll war also eng in die nationalsozialistische Welt verwoben. Seit 1933 Mitglied der NSDAP, fast gleichzeitig förderndes Mitglied der SS geworden, in der HJ seit 1938 Bannführer und Gutachter, Mitglied des NS-Dozentenbundes, in der NSV, im NS-Ärztebund und im NS Altherrenbund.[20]
Wilhelm Knoll erwies sich als schwierig in der Zusammenarbeit. 1933 kündigten seine beiden Assistenten, Andreas Isberg und Sophie Barrelet, die einige Jahre am IfL gearbeitet hatten und selbst überzeugte Nationalsozialisten waren.[21] Michael Joho stellte dazu fest: „Der nahezu zeitgleiche Weggang hing offenbar mit Spannungen zwischen ihnen und Prof. Dr. Wilhelm Knoll zusammen.“[22]
Wie schwer der Umgang mit Wilhelm Knoll war, ging aus einem Vermerk des Rektors der Universität Hamburg, Prof. Eduard Keeser, hervor, der im Zuge der noch zu schildernden Auseinandersetzungen mit Eugen Zerbe über Wilhelm Knoll festhielt, „dass sich einem die Haare sträuben müssen, wenn man alle die Stunden zusammenzählt, die eine ganze Anzahl leistungsfähiger, hochqualifizierter Männer immer wieder mit dem Bemühen verbringen müssen, die Unkollegialitäten und Disziplinwidrigkeiten von Prof. Knoll irgendwie wieder einzurenken“.[23]

Die Konflikte mit Eugen Zerbe habe ich in der Biografie Zerbe ausführlich dargestellt. Sie resultierten aus einer tatsächlichen Entmachtung Wilhelm Knolls, der für die praktische Sportlehrerausbildung in Hamburg nicht mehr verantwortlich war, als Eugen Zerbe als Leiter des Instituts für Leibesübungen nach Hamburg berufen wurde. „Nachdem die selbständige praktisch-pädagogische Abteilung am IfL zum 18. November 1935 eingerichtet worden war, nahm Dr. Eugen Zerbe seine Funktion als Leiter auf und betätigte sich von Beginn an als ausführender Verwalter der Hochschulsportordnung. Neben der reinen Organisationsarbeit spielten dabei auch seine Forderungen nach ausreichenden Räumlichkeiten, vor allem nach Instandhaltung des Wigand-Platzes eine wichtige Rolle. Als Breslauer Stadiondirektor bis 1933 hatte er gerade im Bereich der Sportplatzgestaltung Erfahrungen sammeln können. Die selbständigen Aktivitäten des neuen Sportleiters verschärften den Gegensatz zu Prof. Dr. Wilhelm Knoll, der ,endgültig davon ausging, dass die Stellung des Herrn Dr. Zerbe gleichbedeutend sein sollte mit einer Ausschaltung meiner Person.‘“[24]

Zerbe „vertrat entgegen Knoll die Ansicht, dass ein IfL überhaupt nur von einem Pädagogen zu leiten ist“.[25] Knoll dagegen hatte erklärt, „es könne nur einer Führer sein; er müsse die ganze Arbeit übersehen und die Arbeit vom praktischen wie vom wissenschaftlichen Standpunkte aus zu leiten imstande sein.“[26]
Prof. Wilhelm Knoll sorgte durch seine in Chefarzt-Manier vorgetragenen Argumente selbst für eine Entscheidung. Den letzten Anstoß gab Mitte Februar 1936 ein Schreiben an das Reichserziehungsministerium, in dem Knoll Zerbe massiv persönlich angriff und seine Absetzung forderte.[27]
Daraufhin reagierten der Rektor der Universität Hamburg, Prof. Adolf Rein, und der Abteilungsleiter im Reichsministerium, Dr. Carl Krümmel, gemeinsam und befanden, „dass Knolls Vorliebe für die sportmedizinische und wissenschaftliche Forschung für den Nationalsozialismus als unzureichend empfunden wurde, da ‚überalterte Leiter des praktischen Sportbetriebes‘ die durch die Hochschulsportordnung intendierte wesentliche Arbeit für die Neugestaltung des deutschen studentischen Typs hemmen würden“.[28]

Per Erlass des Reichsministeriums wurde das IfL zum 1.4.1936 in das Institut für Leibesübungen unter der Leitung des kommissarischen Direktors Zerbe und in ein Sportmedizinisches Institut unter Wilhelm Knoll aufgeteilt. Knolls Stelle wurde 1937 in einen außerordentlichen Lehrstuhl für Sportmedizin umgewandelt und der Medizinischen Fakultät angegliedert. „Knolls Aufgabe bestand zukünftig darin, die Sportmedizin in Lehre und Forschung an der Hansischen Universität zu vertreten. Er hat zugleich die Aufgabe eines Sportsarztes wahrzunehmen und sowohl Studenten als auch sonstigen Besuchern der Poliklinik bei Sportunfällen und in Fragen der gesundheitlichen Auswirkungen der Leibesübungen beratend und helfend zur Seite zu stehen. In diesem Rahmen wirkt Prof. Dr. Knoll auch bei der theoretischen Ausbildung der Turnlehrer mit.“[29]
Dadurch, dass Wilhelm Knoll auch weiterhin für die theoretische Ausbildung der Sportlehrer eine Verantwortung hatte, waren weitere Konflikte mit Eugen Zerbe vorprogrammiert und bei der Persönlichkeitsstruktur Knolls garantiert. Dabei gab es einen inhaltlichen Interessenkonflikt. Während Wilhelm Knoll, wie dargestellt, intensiv mit der SA und der HJ kooperierte, verfolgte die Landesunterrichtsbehörde eine andere Ausrichtung. Der Oberschulrat für die höheren Schulen, Prof. Wolfgang Meyer, der gleichzeitig Gauführer der Turnerschaft in Hamburg war, hatte sich schon 1934 gegen den starken Einfluss der HJ und „jugendbewegter Lehrkräfte“ ausgesprochen: „Der Grundsatz, Jugend muss von Jugend geführt werden, mag in der Jugendbewegung und in der Hitlerjugend berechtigt sein (obwohl er auch da von sehr maßgeblicher Seite stark bekämpft wird). Das ernste Handwerk des Turnlehrers muss unter Leitung erfahrener, im Beruf gereifter und sich der Verantwortung bewusster Männer oder Frauen erlernt und errungen werden. Es ist daher nicht zu belegen, dass fast die ganze Turnlehrerausbildung an der Universität in den Händen junger, unerfahrener Lehrkräfte liegt.“[30]

Wilhelm Knoll gehörte auch dem staatlichen Prüfungsausschuss im Fach Leibesübungen nicht mehr an, „da die Schulbehörde mit der Turnphilologenausbildung durch Herrn Prof. Knoll schon vor 1935 nicht einverstanden war. „Aus diesem Grunde“, schilderte Zerbe später, „ist überhaupt meine Berufung nach Hamburg erfolgt.“[31]
Jenseits dieser sachlichen bzw. fachlichen Divergenzen hatte Wilhelm Knoll als überzeugter Propagandist des Nationalsozialismus durchaus Rückhalt an der Universität Hamburg. Michael Joho weist darauf hin, dass Knoll als „Wunschkandidat des NSDStB und des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbundes 1938 noch einmal für die Amts-Nachfolge des Rektors Prof. Dr. Rein in Betracht“ kam. „Aber er scheiterte wohl auch am Widerstand seiner eigenen Fakultät.“[32] Und sicherlich auch daran, dass Knoll im persönlichen Umgang äußerst schwierig war. Joho bemerkte dazu: „Er wurde – nicht zuletzt wegen seines cholerischen Charakters – für ungenügend befähigt gehalten, den aktivistischen, soldatischen Menschen erziehen zu helfen.“[33]
Knoll entwickelte in den darauf folgenden Jahren eine rege sportmedizinische Tätigkeit, wie Joho schreibt, „aus der alleine bis 1939 über 100 Veröffentlichungen hervorgegangen sind. Die Forschung wurde allerdings mehr und mehr von nationalsozialistischen Verzerrungen überlagert und führte u. a. zur Kooperation mit dem Rassenpolitischen Amt der NSDAP infolge der gemeinsamen Anstrengungen, ‚krankhafte Bewegungsformen‘ zu analysieren. In seinem Schaffen setzten sich dabei z. T. völlig haltlose, unwissenschaftliche Auffassungen durch, z. B. die These, dass eine nicht näher definierte ‚Lebensuntüchtigkeit wie -tüchtigkeit im wesentlichen erbbedingt‘ sei.“[34]
Das korrespondierte damit, dass Knoll „rassenpolitische Lehrveranstaltungen“ mit Medizinstudenten durchführte.[35]

Bedeutsam sind zwei intensiv vorbereitete Vortragsreisen an Schweizer Universitäten, die Prof. Wilhelm Knoll 1940 und 1943 durchführte und über die er Berichte schrieb mit unklarem Adressaten. Beide Berichte, die vermutlich auch anderen Dienststellen in der NS-Zeit zur Verfügung gestellt wurden, sind in seiner Personalakte enthalten und sollen zitiert werden, um zu dokumentieren, welche nationalsozialistische, rassistische und antisemitische Grundhaltung Wilhelm Knoll vertrat.[36]
Wilhelm Knoll war unter Medizinern gut vernetzt, in Deutschland wie auch in der Schweiz. Er hatte die Reise genau geplant, sein Thema war u. a. „Die Blutentwicklung beim Menschen und bei den Säugetieren“. Die Reise entlang des Rheins war laut Knoll „besonders ab Freiburg deshalb sehr interessant, weil die Strecke durch Kampfgebiet führt, ohne dass man allerdings von dieser Tatsache etwas Aktives bemerkte.“[37] Unter seinen Zuhörern sah Knoll „nur Schweizer Gesichter, mit Wissen keinen Juden dabei. Ich glaube, dass diese einfach weggeblieben sind, was auch das Beste war.“[38]

Der Antisemitismus Wilhelm Knolls saß tief: „Wenn ich in Zürich, wo ich lange studierte, alle meine Examina machte, den Doktorhut erwarb und außerdem zweimal Assistent war, zu keinem Abschluss für einen Vortrag kommen konnte, so mag daran vor allem die Tatsache Schuld sein, dass die medizinische Fakultät Zürich stark verjudet ist und auch Prof. Löffler, an den meine an Prof. Zollinger gerichtete Anfrage nachher ging, meist jüdische Assistenten hat. Dies wurde mir in Zürich von verschiedenen Seiten bestätigt. Die Fakultät Basel hat nur einen Juden, ebenso die in Bern. Ich werde trotzdem oder vielleicht gerade darum bei nächster Gelegenheit versuchen doch dort zu Worte zu kommen.“[39]

Die Reise von Wilhelm Knoll hatte durchaus politischen Charakter: „Während meines Aufenthaltes in Bern erhielt ich von einem Bekannten auch ein für Deutschland bestimmtes Flugblatt, das offenbar von einem feindlichen ‚Confettiflieger‘ über dem Kanton St. Gallen vor ca. 14 Tagen abgeworfen wurde. Es erregte in seiner primitiven Dummheit nur einen Heiterkeitserfolg. Das Original habe ich dem Baseler Generalkonsulat zugestellt.“[40]

Und an anderer Stelle: „In meiner Besprechung mit Dr. Carraux konnte ich feststellen, dass die Schweizer Ärzteschaft um die gleichen Ideale kämpft, die die deutsche Ärzteschaft durch den Nationalsozialismus endlich errungen hat. Der Kampf geht auch gegen denselben Gegner, gegen die Überflutung mit minderwertigen hauptsächlich ausländischen Elementen, wie dies auch für Frankreich zutrifft, gegen die geschäftliche Einstellung des Arztes, gegen die Überbewertung der Theorie und gegen die der ärztlichen Arbeit mindestens fernstehende Mentalität der Krankenkassenbonzen.“[41]

Die politische Grundhaltung von Wilhelm Knoll wird überall deutlich. Er stellte fest, dass die schweizerische Bevölkerung dem neuen Deutschland „teils ablehnend, teils zum mindesten nicht sympathisch gegenübersteht. Andererseits habe ich unter meinen alten Freunden erfreulich viele gefunden, die großes Verständnis für die Lebensnotwendigkeiten des deutschen Volkes, für die Leistungen des Nationalsozialismus und besonders für die des Führers aufbrachten. Spricht man mit den Leuten, so sieht man bald, dass die große Masse der Ansichten, aus denen sich die Gegeneinstellung ergibt, in völliger Unkenntnis der wirklichen Verhältnisse im heutigen Deutschland zu suchen sind. Wohl keiner von all den Leuten, bei denen ich negative Einstellung fand, ist jemals seit 1933 selbst in Deutschland gewesen. Er kennt das nationalsozialistische Deutschland nur vom Hörensagen, aus seinen Zeitungen, die in ihren weitest verbreiteten Blättern das Stigma Judas ganz offen tragen. Einer meiner alten Freunde, ein aktiver, hoher Schweizer Offizier sagte mir diesbezüglich: ‚Wer schreibt denn überhaupt in unseren Zeitungen, das sind gar keine Schweizer, sondern Emigranten und Juden.‘ Das Bedauerliche ist nur, dass die große Masse des Schweizer Volkes das noch nicht gemerkt hat.“[42]
Interessant ist auch, wenn Knoll von „Vorwürfen an die deutsche Adresse“ spricht. So etwa: „Der Deutsche ist heute ein Sklave der Partei, er darf keine freie Meinungsäußerung wagen, ohne ins KZ zu kommen. Er darf keine Kritik an den staatlichen Verhältnissen üben, kurz, er ist politisch entmündigt.“[43]
Dies belegt, dass zu diesem Zeitpunkt die Existenz der Konzentrationslager bekannt war und auch deren Funktion, wobei Knoll dagegen hielt: „Ich hatte dieser weit verbreiteten Auffassung, die sich vor allem auf die Ansichten aller Emigranten sämtlicher Schattierungen stützt, nur das eine entgegenzusetzen, dass ich den Leuten die Wahrheit sagte, nämlich, dass auch bei uns im Dritten Reich jeder das Recht hat, seine Meinung zu sagen, solange sie sich, wie übrigens überall, mit dem Wohle des Ganzen verträgt und Kritik nicht niederreißt sondern aufbaut.“[44]

Dann resümierte Wilhelm Knoll: „Das neue Deutschland hat mit Militarismus auch gar nichts zu tun, aber jedermann ist eben ein Soldat ebenso wie jeder Schweizer, der es wirklich ist, mit Freuden Wehrmann ist und sich schämen würde, wenn er nicht tauglich befunden wird.“[45]

Ein vehementer Antisemitismus durchzieht den gesamten Bericht:
„Langsam beginnt ja auch die Schweiz zu fühlen, was es heißt, Juda in Scharen bei sich einziehen zu sehen. Das hohen ethischen Vorstellungen entspringende ‚Asylrecht‘ wendet sich hier gegen das eigene bodenständige Volk. Die Landesausstellung brachte ein Bild nach den Angaben des eidgenössischen statistischen Amtes, wonach jeder achte Schweizer eine deutsche Frau habe. Was sind das für deutsche Frauen? Wohl zur Hauptsache stammen sie aus der Nachkriegszeit und aus der Zeit seit 1933. Ein erheblicher Teil dieser Frauen wechselte das Bürgerrecht, weil es so ‚besser‘ war. Auf keinen Fall sind diese Frauen in der Mehrzahl eine Bereicherung des Schweizer Volkes. Es sind auch zahlreiche Jüdinnen und Halbjüdinnen darunter. Das ist aber eine wirkliche Gefahr für die Schweiz. Sie wird auch immer mehr erkannt, und der Antisemitismus macht in der Schweiz sichtliche Fortschritte. Es ist eben das erste Mal in der ganzen Jahrhunderte alten Schweizer Geschichte, dass der Jude da in Massen auftritt und damit eine Judenfrage schafft. Gab es doch vor dem Weltkriege kaum ansässige Juden in großen Teilen der Schweiz, und waren doch die Einbürgerungen von Juden bis zur Verfassung von 1874 ausgeschlossen. Sie wohnten sogar in einigen Dörfern des Kantons Kargau abgeschlossen von den eingesessenen Bewohnern, also praktisch im Ghetto. Vielleicht kommt das auch noch einmal. Ich würde es im Interesse meiner alten Heimat herzlich wünschen. Denn wenn gerade heute das Verständnis für das große Nachbarvolk im Norden der Schweiz großen Schwierigkeiten begegnet, so hat dieser Judenklüngel mit seinen weitreichenden gesellschaftlichen und geschäftlichen Beziehungen einen bewussten Hauptanteil daran. Wenn das Schweizer Volk einmal wirklich über diese Überschwemmung mit unschweizerischen Menschen nachdenken würde, so würde es vielleicht einsehen, dass auch das viele Geld, das ihm diese Parasiten brachten, letzten Endes auf das eigene Volk schädlich wirkte.“[46]

Wilhelm Knoll sah sich in der Schweiz als Propagandist des nationalsozialistischen Hitler-Deutschlands: „Mein Ziel war bei allen diesen Gesprächen, das Verständnis weitester Volkskreise für die großen, Deutschland bis ins Innerste seiner Seele erregenden Vorgänge der NS-Revolution und ihrer unabwendbaren Folgen für den Einzelnen wie für das Ganze zu wecken. Hier wirklich ‚aufzuklären‘ scheint eine der großen Aufgaben zu sein, die auch mir als einem alten Eidgenossen gesetzt sind, der Ideengut des Nationalsozialismus die Grundzüge seines eigenen Schweizertums in der Übertragung auf das wesensverwandte, wenn auch nicht wesensgleiche deutsche Volk wieder gefunden hat.“[47]

Vom 4. bis zum 20. Juni 1943, also in einer Zeit, als der Terror der Nationalsozialisten in Deutschland mehr als deutlich geworden war und ebenso erkennbar war, dass nach den anfänglichen „Erfolgen“ im Krieg das Drama und die Tragödie für das deutsche Volk näher rückten, unternahm Wilhelm Knoll eine zweite Reise in die Schweiz, um Vorträge zu halten. Wiederum schrieb er einen Bericht. Und erneut erwies sich Wilhelm Knoll als nationalsozialistischer Propagandist und Antisemit:
„Es ist darum ein Anwachsen der antisemitischen Welle, die ja von jeher in der Schweiz vorhanden war, weil der Schweizer, insbesondere der einfache Mann den Juden stets als Fremden betrachtete, mit dem er nichts zu tun haben will, unzweifelhaft festzustellen. Besonders gilt dies für Zürich, wo das jüdische Element seit dem Kriege wieder stark zugenommen hat. Aber auch weiter im Lande trifft man auf neue jüdische Firmenaufschriften, ganz abgesehen von den unterirdischen Beteiligungen des jüdischen Kapitals. Ob sich diese Antisemiten einmal politisch auswirken können, kann ich nicht beurteilen, weil die Zeit dazu zu kurz war.“ [48]

Es gab aber auch ein neues Thema für Wilhelm Knoll: „Die Bombardements deutscher Städte werden durchweg als ‚schrecklich und unmenschlich‘ angesehen. Die gegnerische Propaganda hat es aber auch hier verstanden, die Schuld Deutschland zuzuschreiben, so dass ich wiederholt gezwungen war, dies richtig zu stellen.“[49]
Und Wilhelm Knoll konnte etwas Neues berichten, für wen auch immer er diesen Bericht geschrieben hatte:
„Für die Schweiz hat das Ausländerproblem heute ganz gewaltige Ausmaße genommen. Nicht nur sind während des Krieges eine Menge lichtscheuer Elemente, vor allem wieder Juden, hereingeströmt, so dass das Verhältnis der einheimischen Bevölkerung zu den Fremden wieder zu Gunsten der letzteren verschoben wurde, es sind außerdem noch Internierte vorhanden, von denen besonders die bereits erwähnten Polen eine nähere Betrachtung verdienen. Es sollen im ganzen ca. 12.000 Mann einer polnischen Division, die in Frankreich stand und noch nicht in Feindberührung gewesen war, beim Fall der Maginotlinie übergetreten sein. Diese Leute bevölkern nun die Schweiz und zwar nicht nur Städte, sondern auch das übrige Land. Sie stehen wohl unter einer Kontrolle, können sich aber in Uniform tagsüber frei bewegen. Beispielsweise studieren zahlreiche solcher Leute in Zürich, Winterthur und an anderen Orten an Fachhochschulen und Universitäten. Dies hat schon wiederholt zu Zwistigkeiten mit der männlichen schweizerischen Bevölkerung geführt, weil die Leute sich an die Mädchen heranmachen, die oftmals ihrerseits nicht genügend Zurückhaltung aufbringen, eine Erscheinung, die wir ja auch in Deutschland gegenüber fremdländischen Arbeitern kennen. Es sollen nach meinen Erkundigungen seit 1940 etwa 1000 ‚Polenkinder‘ geboren sein. Ein Hundertsatz, der zum Aufsehen mahnt und eine erhebliche Verschlechterung der schweizerischen Volkssubstanz zugunsten des minderwertigen fremden Elements bedeutet. Es steht zu hoffen, dass hier in kurzer Zeit eine radikale Änderung eintritt, sonst wächst sich diese Frage zu einer nationalen Katastrophe aus.“[50]

Bemerkenswert ist auch wieder das Frauenbild von Wilhelm Knoll:
„Die gefühlsmäßige Einstellung zum ‚Fremden, der seine Heimat verloren hat‘, kommt besonders bei dem weiblichen Teil der Bevölkerung oftmals deutlich zum Ausdruck, besonders wieder in den Kreisen, die zum roten Kreuz und da wieder zum internationalen Kreuz Beziehungen haben. Diese Kreise verstehen heute noch nicht, warum die deutschen Heere Holland und Belgien besetzten. Es hat auch keinen Sinn, solchen Leuten diese Notwendigkeiten verständlich zu machen, weil ihnen die natürlichen Vorbedingungen für das Verständnis fehlen. Es ist nur gut, dass diese Kreise in ihren weiblichen Angehörigen keinen Einfluss auf den Gang der Dinge in der Schweiz haben noch gewinnen können. Bekanntlich hat die Frau in der Schweiz kein allgemeines Stimmrecht und sitzt auch nicht im Parlament.“[51]

Wilhelm Knoll war 1943 auch damit konfrontiert worden, dass man in der Schweiz den Rückhalt, den Adolf Hitler und die Nationalsozialisten im Laufe des Krieges noch in der deutschen Bevölkerung hatten, niedrig einschätzte. So schrieb Knoll:
„Ein Vertreter der Zürcherischen Regierung, Dr. Robert Briner, Chef des Erziehungsdepartment, ein alter Jugendfreund von mir, sprach davon, dass ‚heute in Deutschland nach unseren Informationen höchstens noch 10 % der Leute an einen deutschen Sieg glauben.‘ Es seien nur die Angehörigen des ‚Regimes‘, also des Nationalsozialismus, die dies täten. Er war dann sehr erstaunt, als ich ihm sagte, dass es wohl umgekehrt wäre und dass heute das deutsche Volk in seiner Gesamtheit fester und sicherer hinter dem Führer stehe als je zuvor. Diese falsche Vorstellung konnte ich aus eigener Erfahrung sowohl unter der Wirkung der Terrorangriffe, wie auch in zahlreichen Gesprächen mit Volksgenossen aller Arten, wie sie mir in meiner ärztlichen Arbeit begegnen, wie endlich aus den Aussagen aller mir bekannten Frontkämpfer, wie zum Schluss auch aus der ganzen militärischen und politischen Lage entkräften. Man kann sich eben in der Schweiz nicht vorstellen, dass die Terroraktion der Gegner, abgesehen von tatsächlichen Schäden und den verlorenen Menschen, keine negative Wirkung auf die Gesamthaltung des deutschen Volkes haben und damit seine wirkliche Auswertung als Kampfmittel nicht finden kann.“[52]

Die Frage, was Wilhelm Knoll dazu bewog, diesen Bericht zu schreiben und ihn zumindest an seine Aufsichtsbehörde zu schicken, möglicherweise auch an andere Stellen, ist schwer zu beantworten. Er macht am Ende aber deutlich, dass sein Jugendfreund ihn ermuntert habe, darüber nachzudenken, ob er sich nicht mit seiner Richtigstellung auch an die Schweizer Presse wenden sollte und schreibt am Schluss des Berichtes:
„An der Wegräumung dieser Schwierigkeiten mitzuarbeiten, halte ich für meine vornehmste Pflicht als Doppelbürger, geborener Schweizer, der durch die Berufung nach Hamburg auch die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten hat und seit 1933 auch nach außen hin in der NS-Bewegung steht. So habe ich auch meine jetzige Arbeit aufgefasst und durchgeführt, soweit mir dies in Krisenzeiten und unter den gegebenen Bedingungen möglich war.“[53]

Möglicherweise erhoffte sich Wilhelm Knoll einen Auftrag in der Schweiz oder anderswo, als Vertreter oder Propagandist von Nazi-Deutschland zu wirken. Bekanntlich veränderten sich aber die Kriegs-Bedingungen nicht günstig für die Nationalsozialisten. Und auch Wilhelm Knolls Arbeitssituation wurde anders entschieden, als er wollte. Knoll hatte nicht aufgehört gegen Eugen Zerbe zu intrigieren und merkte nicht, dass es kein Interesse gab, ihn als mittlerweile 68-Jährigen gegen den jüngeren Leiter des Instituts für Leibesübungen zu unterstützen. Im Gegenteil. Nach einem langwierigen Verfahren, bei dem der Jura-Professor Walther Fischer ein Gutachten über den Konflikt zwischen Knoll und Zerbe geschrieben hatte und der Senat der Universität sich mit der Sache befasste, der es in der Mehrheit leid war, sich mit den Unkollegialitäten von Wilhelm Knoll auseinanderzusetzen, wurde Knoll mit Schreiben des Reichsministers Rust und mit persönlicher Belobigung von Adolf Hitler am 15.5.1944 in den Ruhestand gesetzt.[54]

Am 9.1.1945 schrieb Wilhelm Knoll von der Insel Reichenau im Bodensee an das Reichsministerium und stellte den Antrag, in die Schweiz zurückkehren zu können. Er wies darauf hin, dass sowohl seine Söhne, einer davon als Arzt, mit den Enkeln in der Schweiz leben würden und ihm im Juli 1943 „durch feindliche Angriffe unser Einfamilienhaus in Hamburg mit allem was darin war“, verloren gegangen und er seitdem in Notwohnungen untergebracht gewesen sei. „Mit allem Inventar gingen auch meine wissenschaftlichen Unterlagen verloren, so dass ich sowieso neu aufbauen muss, was aus äußeren Gründen heute in der Schweiz für mich leichter wäre.“[55]

Noch im Januar 1945 zeigte sich Knoll als überzeugter Nationalsozialist:
„Bei meinem letzten mehrmonatigen Aufenthalt in der Schweiz, über den ich baldmöglichst ausführlich berichten werde, konnte ich die Erfahrung machen, dass dort unter dem Einfluss der Feindpropaganda völlig falsche Vorstellungen von Deutschland verbreitet und auch geglaubt werden. Da ich mich seit meiner Berufung und besonders seit der NS Revolution stets bemüht habe, eine günstige geistige Atmosphäre zwischen meiner alten und meiner neuen Heimat zu schaffen, wozu mir besonders auch meine Arbeit in verschiedenen Organisationen zu Hilfe kam (NS Ärztebund, NS Dozentenbund, HJ), geht mir diese Frage sehr nahe. Ich glaube, dort der deutschen Sache vielmehr nutzen zu können als hier, weil es an Leuten fehlt, die das neue Deutschland selbst erlebt haben und darum ein Urteil aus eigener Erfahrung mitbringen. Als geborener Schweizer werde ich damit mehr Glauben finden, als wenn dies nicht der Fall wäre. Ich habe diese wichtige Frage wiederholt mit dem zuständigen Generalkonsul Dr. Dienstmann in Zürich, in dessen Bereich ich jetzt tätig war, besprochen, und er hat mir sehr dazu geraten, auch diesen Punkt bei meinem Gesuch um Rückkehr nach der Schweiz besonders hervorzuheben. Ich bin darum überzeugt, dass ich damit Deutschland einen Dienst leisten und meine Anhänglichkeit und meine Dankbarkeit für die mannigfachen wissenschaftlichen Möglichkeiten bezeugen kann, die ich durch die Berufung an eine deutsche Universität erhielt. Ich wäre Ihnen darum sehr dankbar, wenn Sie mir diese Bewilligung erteilen könnten.“[56]
Wilhelm Knoll erhielt die Genehmigung, kehrte in die Schweiz zurück und arbeitete als Arzt in Alpnachstad (Obwalden).[57]

Die Britische Militärregierung stufte Wilhelm Knoll 1945 als „Aktivisten der ersten Stunde“ ein und strich ihm die Pensionsbezüge.[58]
Vermutlich war es so, dass Wilhelm Knoll von seinen Einnahmen als Arzt leben konnte und möglicherweise weitere Rücklagen hatte. Wie anderen Nationalsozialisten auch, die öffentlich propagandistisch aufgetreten waren, wird ihm bewusst gewesen sein, dass er mit seinem Leumund an der Hamburger Universität keine Möglichkeit hatte, in einem Entnazifizierungsverfahren erfolgreich seine volle Pension zu erhalten. So äußerte er sich erst am 1.12.1948 an den Leitenden Ausschuss für das Entnazifizierungsverfahren und wählte dafür eine eigenwillige Variante. Er erklärte, niemals von der Verordnung der Britischen Militärregierung Kenntnis genommen, somit auch keinen Widerspruch eingelegt zu haben. „Das bezügliche Schreiben der Hochschulbehörde datierte vom 1.12.1945 und war an meine damalige Anschrift Insel Reichenau gegangen. Es hat mich aber nie erreicht, denn ich war schon im April 45 wieder in meine alte Heimat die Schweiz zurückgekehrt, und da ich seither auch keine Verbindung mit der Reichenau mehr hatte, ging das Schreiben verloren.“[59]

Knoll stellte nunmehr den Antrag, das Entnazifizierungsverfahren gegen ihn wieder aufzunehmen und gab eine Erklärung über seine Zugehörigkeit zur NSDAP ab, die aus dem Gedächtnis erfolgte, da sein Haus in der Blumenau 46 in Hamburg „in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 verloren ging“ und damit auch alle Papiere und Dokumente.[60]

Wilhelm Knolls Erinnerungen waren erwartungsgemäß sehr selektiv. Er gab zu, Mitglied der NSDAP seit 1934 zu sein, ohne jemals dort gearbeitet zu haben. „Eine Funktion habe ich in der Partei nicht ausgeübt, auch keine Parteiuniform besessen. Die Versammlungen der Partei habe ich seit November 1934 nicht mehr besucht, da meine Arbeit sich in der Lehrtätigkeit und der ärztlichen Arbeit erschöpfte.“[61]
Wilhelm Knoll ging so weit, sich als Opfer des Nationalsozialismus darzustellen. Er schrieb:
„Im Frühjahr 1944 sollte ich auf eine Denunziation beim Ministerium hin plötzlich emeritiert werden. Es kam aber nicht dazu, weil sich sowohl der Dozentenführer, wie die Studentenschaft, wie endlich auch die medizinische Fakultät dagegen auflehnten. Meine Emeritierung erfolgte dann auch Ende des Sommersemesters 1944. Eine Mitteilung erreichte mich aber erst auf der Reichenau im Dezember 1944.“[62]

Nach dem Muster, persönliche Konflikte mit Einzelpersonen, und davon hatte Wilhelm Knoll vielfältige, hochzustilisieren, schilderte Wilhelm Knoll seine „ablehnende Haltung gegenüber dem NS Schweizerbund, mit dessen Führer, einem Manne namens Geering ich einen heftigen Auftritt hatte, das führte dazu, dass ich mindestens seit 1941 als ‚kritisch und unzuverlässig‘ galt. Das war auch schon der Grund gewesen, weshalb meine Nomination als Rektor neben formalen Bedenken zu einer Zeit nicht infrage kam, als Prof. Gundert Rektor wurde. In der Folge wurde ich von der Gestapo überwacht, die mich 1942 auch auf der Reichenau aufsuchte und von mir den Abbruch der Beziehungen zu einigen meiner Schweizer Bekannten verlangte.“[63]
Wilhelm Knoll stellte die, in Kenntnis seiner Berichte, abenteuerliche Behauptung auf:
„In den ersten Jahren des NS war ich davon überzeugt, dass es sich um eine gute und für das deutsche Volk segensreiche Entwicklung des Gemeinschaftsgedankens handle. Schon 1938, vor allem aber während des Krieges wurde diese Auffassung durch die widersinnige Tätigkeit der NS Führung, die meines Erachtens den ursprünglichen Gedanken der NS Idee verraten hat, leider zerstört. Ich habe mich trotzdem bemüht, dort, wo ich etwas tun konnte, zu helfen.“[64]

Die vierjährige Abwesenheit von Wilhelm Knoll hatte zum Glück nicht dazu geführt, die Erinnerung an ihn und das Bild von ihm völlig verblassen zu lassen. Darüber hinaus gab es natürlich auch noch seine Personalakte, in der aufgrund seiner Eitelkeit und seines Profilierungsdranges die beiden schon zitierten Berichte noch enthalten waren. Insofern stellte der Beratende Ausschuss der Universität am 17.1.1950 in einer Stellungnahme zu dem Wiederaufnahmeverfahren von Prof. Wilhelm Knoll fest:
„Prof. Knoll, der als Schweizer Staatsbürger durch seine Ernennung zum außerordentlichen Professor an der Universität Hamburg im Jahre 1928 auch in den Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit gelangte, trat nach eigenen Angaben bereits im Jahre 1934 der NSDAP bei und hatte unter anderem in der HJ den Rang eines Bannführers. Außerdem gehörte er verschiedenen anderen nationalsozialistischen Organisationen an.
Zu den Erklärungen von Professor Knoll in der Anlage zum Fragebogen vom 1.12.1948 weist der Ausschuss auf die in den Personalakten der Universität bzw. der Hochschulabteilung befindlichen Unterlagen hin, die in der Anlage abschriftlich beigefügt sind. Hieraus geht eindeutig hervor, dass Prof. Knoll sich nicht nur in Deutschland, sondern insbesondere in der Schweiz propagandistisch für den Nationalsozialismus einsetzte und militärische und politische Informationen der damaligen Reichsregierung ausführlich mitteilte. Politisch sind in diesen Berichten besonders gravierend die Auslassungen in der Judenfrage und die Informationen, die er über das Verhalten nach der Schweiz emigrierter Kollegen gab (Professor Löffler).
Der Beratende Ausschuss schlägt nach diesen außerordentlichen Belastungsmomenten vor, Professor Knoll in die Kategorie III einzustufen. Der Ausschuss kann nicht befürworten, dass die Emeritenbezüge voll zur Auszahlung gelangen, hat jedoch keine Bedenken, ihm unter Berücksichtigung seines hohen Alters (74 Jahre) und der in Deutschland ausgeübten fachlichen Tätigkeit ein Ruhegehalt zu gewähren, das einen Betrag von DM 400,- monatlich nicht übersteigt.“[65]

Der Fachausschuss der Universität Hamburg nahm dazu am 25.1.1950 Stellung, schloss sich dem Votum des Beratenden Ausschusses an, erklärte aber: „Die Gewährung der Emeritenbezüge hält der Fachausschuss nach dem vorliegenden reichhaltigen Belastungsmaterial jedoch nicht für gerechtfertigt.“[66]

Inzwischen war auch noch ein Bericht von Prof. Wilhelm Knoll über die Teilnahme am Sportärztlichen Kongress in Budapest vom 28. bis 30. April 1938 aufgetaucht, in dem er geschrieben hatte:
„Bei der Auslandsorganisation habe ich mich gleich am ersten Tag gemeldet und am 30. April verabschiedet. Den Rückweg nahm ich über Wien, wo ich Gelegenheit hatte, am 1. Mai den gewaltigen Aufmarsch der Wiener Bevölkerung zu sehen und wenigstens teilweise auch mitzumachen, in dem ich mich einer marschierenden Kolonne auf dem Marsch in die innere Stadt für kurze Zeit anschloss.“[67]

Das Rektorat der Universität Hamburg teilte die kritische Sicht auf Wilhelm Knoll. Es wurde zwar festgestellt, dass Knoll „in seinem Verhalten im Rahmen der Universität als Nationalsozialist nicht besonders hervorgetreten“ sei. Es wird ihm zwar nachgesagt, dass er außerordentlich schwierig und schwer verträglich war, dass diese Dinge sich aber nicht auf das politische Gebiet erstreckten. Andererseits aber befinden sich in den Akten ausführliche Berichte über zwei Reisen, die er während des Krieges in die Schweiz gemacht hat, die eindeutige antisemitische Äußerungen enthalten und wenig freundliche Bemerkungen über deutsche Emigranten in der Schweiz. Die Berichte sind wahre Spionageberichte, eines Gestapo-Beamten würdig.“[68]
Der Berufungsausschuss für die Ausschaltung von Nationalsozialisten lehnte am 5.5.1950 die Berufung von Wilhelm Knoll ab und stufte ihn als Aktivisten und Propagandisten in die Kategorie III ein.[69]
„Erst die 1953 gewählte von der CDU geführte ‚Hamburg-Block‘-Regierung setzte ihm, der nun angeblich ‚nie aktiv für den Nationalsozialismus in Erscheinung getreten‘ war, 1954 eine Rente aus.“[70]

Wilhelm Knoll, der 1935 das von ihm geleitete Institut für Leibesübungen „seit der Revolution als einen Stoßtrupp der nationalsozialistischen Idee an der Universität“ bezeichnet hatte[71], wurde 1957 beim Sportärztekongress in Hamburg mit der Ruhmann-Plakette ausgezeichnet.[72]

In einem Artikel der „Neuen Zürcher Zeitung“ schrieb der Historiker Walter Aeschimann einen Artikel über Dopingpraktiken des Schweizer Elitesports und nannte als Pionier dafür die Sportärzte Wilhelm Knoll und Ulrich Frey, der von 1952 bis 1968 Sportarzt des Schweizer Olympiateams war und vorher eng mit Knoll geforscht und zusammengearbeitet hatte.[73]
Und im „St. Galler Tagblatt“ erschien am 12.9.2015 ein Artikel von Urban Fraefel über Wilhelm Knoll unter dem Titel „Der gut getarnte Nazi“.[74] Manchmal dauert es lange, bis die Geschichte aufgearbeitet werden kann. Aber sie wird.

Wilhelm Knoll starb am 29.9.1958.

Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1 Alle Angaben laut Personalakte Wilhelm Knoll, StA HH, DuP 361-6 _I 247, Bd. 1.
2 „Hamburger Anzeiger“ vom 29.1.1936.
3 „Hamburger Tageblatt“ vom 29.1.1936.
4 Michael Joho: Hochschulsport in Hamburg zur Zeit der Weimarer Republik und der Anfangsjahre des „Dritten Reiches“. Eine lokalgeschichtliche Studie zur Militarisierung der Hamburgischen Universität. Stuttgart 1990, S. 64.
5 Ebd.
6 Joho 1990, S. 65.
7 „Hamburger Tageblatt“ vom 29.1.1936.
8 Joho 1990, S. 74 f.
9 Ebd.
10 Joho 1990, S. 84.
11 Joho 1990, S. 85.
12 Joho 1990, S. 86.
13 Joho 1990, S. 86 f.
14 Siehe die Biografie Ernst Schöning in diesem Band.
15 Joho 1990, S. 103.
16 Joho 1990, S. 119.
17 Joho 1990, S. 125.
18 Joho 1990, S. 146.
19 Ebd.
20 Entnazifizierungsakte Wilhelm Knoll, StA HH, 221-11_78037 KAT
21 Siehe die Biografie Sophie Barrelet, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 1, Hamburg 2016, S. 352.
22 Joho 1990, S. 132.
23 Schreiben von Rektor Prof. Keeser vom 8.2.1944, Personalakte Zerbe, StA HH, 361-6_IV 1518 Zerbe. Siehe dazu auch die Biografie Eugen Zerbe in diesem Band.
24 Joho 1990, S. 149.
25 Ebd.
26 Schreiben des mit der Klärung beauftragten Professor Walther Fischer an den Rektor der Universität vom 12.5.1943, Personalakte Zerbe a. a. O.
27 Joho 1990, S. 149.
28 Joho 1990, S. 149 f.
29 Joho 1990, S. 151.
30 Zitiert nach Joho 1990, S. 156. Siehe auch die Biografie Wolfgang Meyer, in Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Band 2, Hamburg 2017, S. 150 ff.
31 Joho 1990, S. 157.
32 Joho 1990, S. 151.
33 Joho 1990, S. 165.
34 Joho 1990, S. 151.
35 Hendrik van den Bussche/Friedemann Pfäfflin/Christoph Mai: Die Medizinische Fakultät und das Universitätskrankenhaus Eppendorf. In: Eckart Krause/Ludwig Huber/Holger Fischer (Hg.): Hochschulalltag im „Dritten Reich“. Die Hamburger Universität 1933–1945,3 Bände, Berlin 1991, Bd. 3, S. 1326.
36 StA HH, 361-6_IV513
37 Bericht über die Vortragsreise nach der Schweiz vom 19.2.1940 bis 4.3.1940, ebd.
38 Bericht 1940, S. 3.
39 Bericht 1940, S. 5.
40 Bericht 1940, S. 6.
41 Ebd.
42 Bericht 1940, S. 8.
43 Bericht 1940, S. 10.
44 Ebd.
45 Bericht 1940, S. 11.
46 Bericht 1940, S. 12 f.
47 Bericht 1940, S. 14 f.
48 Bericht über die Vortragsreise in die Schweiz vom 4. bis 20. Juni 1943, StA HH, 361-6_IV513, S. 6.
49 Ebd.
50 Bericht 1943, S. 7.
51 Bericht 1943, S. 8.
52 Bericht 1943, S. 11.
53 Bericht 1943, S. 12.
54 Schreiben vom 24.5.1944, Personalakte Knoll, a. a. O.
55 Schreiben vom 9.1.1945, Entnazifizierungsakte Knoll, a. a. O.
56 Ebd.
57 Claus Tiedemann: Sportmedizin und nationalsozialistische „Gesundheitspolitik“. Warum und wie weit haben sich auch Sportmediziner mit nationalsozialistischer „Gesundheitspolitik“ eingelassen? www.sportwissenschaft.uni-hamburg.de/tiedemann/documents/VortragZürich2012.pdf
58 Entnazifizierungsakte a. a. O.
59 Schreiben von Wilhelm Knoll vom 1.12.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
60 Ebd.
61 Angaben betrifft Zugehörigkeit zur in der NSDAP und deren Einrichtungen vom 1.12.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
62 Ebd.
63 Ebd.
64 Ebd.
65 Stellungnahme des Beratenden Ausschusses der Universität vom 17.1.1950, Entnazifizierungsakte a. a. O.
66 Fachausschuss vom 25.1.1950, Entnazifizierungsakte a. a. O.
67 Auszug des Berichtes, Entnazifizierungsakte a. a. O.
68 Schreiben des Rektors der Universität Hamburg vom 13.3.1950, Entnazifizierungsakte a. a. O.
69 Leitender Ausschuss am 5.5.1950, Entnazifizierungsakte a. a. O.
70 Claus Tiedemann 2012, S. 25.
71 Joho 1990, S. 146.
72 StA HH, 361-6_I 247 Bd. 1
73 „Die dunkle Vergangenheit des Elitesports“, in: „Neue Zürcher Zeitung“ vom 14.9.2013.
74 „St. Galler Tagblatt“ vom 12.9.2015.
 

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Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Mai 2020: 819 Kurzprofile und 275 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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