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Heinrich Haselmayer

( Dr. Heinrich Johann Haselmayer (an anderen Stellen Haselmeyer geschrieben) )
(13.7.1906 Würzburg – 21.1.1978 Würzburg)
Arzt, Direktor der Volkshochschule
Brauerstraße 32 in Hamburg Bergedorf (Privatadresse), heute: Chrysanderstraße
Wirkungsstätte: Volkshochschule Hamburg, Tesdorpfstraße 4

Haselmayer begann früh sich für völkische und antisemitische Gedanken zu interessieren. Bereits mit 16 Jahren engagierte er sich in der SA und nahm ein Jahr später am sogenannten Hitler-Putsch teil. Haselmayer begann ein Medizinstudium in Würzburg und betätigte sich in der Hochschulpolitik für den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB), einer der NSDAP zugehörigen Gliederung. Zudem trat er 1927 in die NSDAP und 1929 in die SS. Er war kurzzeitig Organisationsleiter des NSDStB in Berlin, bevor er im Sommer 1930 nach Kiel ging, wo er eine Kampagne gegen den liberalen evangelischen Theologen Otto Baumgarten, der sich öffentlich zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus bekannte, anführte. An der Universität Kiel verweigerte man ihm daraufhin die Immatrikulation, so dass Haselmayer an die Hamburger Universität ging und auch dort die Leitung der NSDStB-Hochschulgruppe übernahm. Im Februar 1931 gewann Haselmeyer die AStA-Wahlen und wurde neue Vorsitzender in Hamburg. Nur wenige Monate später war er gezwungen von seinem Amt zurückzutreten, da er mit Aktionen wie die Befreiung des Lesesaals von marxistischen Schriften für Aufsehen gesorgt hatte. Seit dem Frühjahr 1931 betätigte er sich ebenfalls als Gauredner der Hamburger NSDAP und wurde Leiter der Abteilung Volksbildung der NSDAP im Gau Hamburg. Sein Medizinstudium schloss er mit der Promotion zum Thema Sterilisationsnotwendigkeit von sogenannten Schwachsinnigen ab.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde Haselmayer Nachfolger des abgesetzten Leiters der Volkshochschule Kurt Adams. Im Mai 1933 Vorsitzender des Pen-Clubs. Ebenfalls 1933 Vorsitzender des Kampfbundes für deutsche Kultur und für kurze Zeit stellvertretender Vorsitzender der Patriotischen Gesellschaft. „Als Direktor der Volkshochschule drängte Haselmeyer in die Nähe Krogmanns, der ihn zunächst oft zu Rate zog. Weder pädagogisch noch bildungsmäßig war er jedoch Leitungsaufgaben gewachsen. Mit unbekümmertem Selbstvertrauen regierte er nach Maßstäben der gerade anfallenden NS-Tagespolitik, verehrte Rosenberg als Prophet. In seinen kunstgeschichtlichen Betrachtungen fielen die moderne Malerei, große Teile des Barock und die mittelalterliche Kunst mit Ausnahme frühgotischer Holzplastik der Verfemung anheim. Den Höhepunkt seiner kulturpolitischen Karriere markiert die Durchführung der ’Deutschen Kulturwoche‘ vom 9. bis 17. September 1933, die allerdings ohne bildende Kunst auskam. (…) Seine Ablösung erfolgte durch die Partei aufgrund von Vorfällen, die nur mittelbar mit der Volkshochschul-Arbeit zu tun hatten. Am 23. November 1933 ersetzte Krogmann ihn in der Führung des Kampfbunds durch Kultursenator von Allwörden, der mit ihm ‚weltanschaulich weitgehend übereinstimmte‘. Der Arzt [Haselmeyer] erklärte öffentlich, mit dem Ausbau der Volkshochschule so beschäftigt zu sein, daß er den Vorsitz nicht mehr wahrnehmen könne.‘“ [1]

1936 verlor Haselmayer seine Stellung bei der Volkshochschule, weil er im Mai des Jahres in den Niederlanden im betrunkenen Zustand eine Rede gehalten hatte, auch wurde er aus der NSDAP ausgeschlossen.[2] Ob die Trunkenheit der genaue Grund für den Ausschluss aus der NSDAP und die Absetzung von seinem Posten als Leiter der Volkshochschule war, oder ob weitere Gründe vorlagen, kann hier nur gemutmaßt werden. Ab 1938 praktizierte Haselmayer wieder als Arzt in Hamburg.

Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus war Haselmayer bis 1947 interniert; in seinem Entnazifizierungsverfahren wurde er als Entlasteter eingestuft. Lebte und praktizierte als Arzt in Hamburg Bergedorf. Wurde dort in seinem Haus 1953 durch britische Militärpolizei auf Veranlassung des Britischen Hohen Kommissars verhaftet, „da laut brit. Geheimdienst [Haselmayer als] Angehöriger des so genannten Gauleiter-Kreises um den Ex-Staatssekretär [im Reichspropagandaamt] Werner Naumann“ [3] galt. Mit dem Naumann-Kreis wollte Kaufmann sein politisches Comeback versuchen. Haselmayer kam kurzzeitig in das britische Zuchthaus Werl.

Text: Katharina Tenti und Rita Bake

 

„Gegen Verbastardisierung und Vernegerung unseres Daseins“

Zu den schillerndsten, ideologisch verbohrtesten, persönlich offenbar schwierigsten und arrogantesten Personen mit steiler, aber sehr kurzer Karriere im Hamburger Bildungswesen muss Heinrich Haselmayer gezählt werden. Haselmayer, Nationalsozialist der ersten Stunde, SA-Mitglied, SS-Mann, erster AStA-Vorsitzender der NS-Studentengruppe 1931 an der Universität-Hamburg, Autor einer dürftigen Dissertation über die Notwendigkeit der Sterilisation „Schwachsinniger“, machte 1933 im Bildungswesen Karriere, sorgte stets für Tumulte, stürzte ab und geriet nach 1945 erneut in die Schlagzeilen. Die Biografie eines Unverbesserlichen.

Heinrich Haselmayer wurde am 13.7.1906 in Würzburg geboren als Heinrich Johann Evangelist Melchior Haselmayer. Je nach Umfeld setzte er seine Vornamen unterschiedlich ein. Als Student nannte er sich Heinz Haselmayer und  nach 1945, im Entnazifizierungsverfahren, kehrte er den Evangelist Melchior hervor. Die Wechsel des Vornamens führten dazu, dass ich einige Zeit brauchte, um bei Recherchen die unterschiedlichen Dokumente,  alle ein und derselben Person zuzuordnen.

Haselmayer entstammte einer bildungsbürgerlichen Familie. Sein Vater war Institutsdirektor in Würzburg, der eine Großvater Studienprofessor und der andere, mütterlicherseits, Landgerichtsdirektor. (1)

Schon als Jugendlicher war Heinrich Haselmayer 1922 der SA beigetreten, nahm 1923 am Hitler-Putsch in München teil (2), trat im Mai 1927 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 61 234). Seit 1929 gehörte er auch der SS an. Und im Semester 1929/30 war er Organisationsleiter des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB). (3)

Haselmayer studierte Medizin in Würzburg, Berlin und Hamburg. In Würzburg war er 1927 Mitbegründer des NSDStB, nach dem Studienplatzwechsel nach Berlin fungierte er dort als Organisationsleiter. Auf dem Weg nach Hamburg sorgte Haselmayer als NS-Studentenfunktionär für einen ersten größeren Skandal.

In Kiel war der 1926 emeritierte liberale Theologe Otto Baumgarten tätig, der Vorstandsmitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) war wie des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Baumgarten hatte sich intensiv mit der „völkischen Bewegung“ beschäftigt und 1926 das Buch „Kreuz und Hakenkreuz“ herausgegeben, in dem er sich mit dem völkischen Antisemitismus auseinandersetzte, den er als „pathologische Selbstüberhöhung“ bezeichnete, „der aller Gesittung Hohn spreche“.(4) Danach sah er sich scharfen Attacken der „Freien Deutschen Studentenschaft“ und des NS-Studentenbundes ausgesetzt.(5)

Als Baumgarten am 5.10.1930 auf dem Deutschen Bachfest in Kiel die Festpredigt halten sollte, versuchte der NS-Studentenbund, dies zu verhindern. Die Nazi- Studenten verteilten vor der Nikolaikirche ein Flugblatt, in dem Baumgarten als „Landesverräter“, „Philosemit“, „Pazifist“ und „Verräter“ am Nationalsozialismus bezeichnet wurde, „er kämpft mit Fremdstämmigen gegen Deutschblütige, die sich für die Befreiung unseres Volkes von der jüdischen Weltpest einsetzen“, unterschrieben von H. Haselmayer, Kiel.

Der Rektor der Kieler Christian-Albrecht-Universität nahm diesen Vorfall in einem Schreiben vom 16.10.1930 zum Anlass, seinem Rektoren-Kollegen in Hamburg diesen Vorfall darzustellen und darauf hinzuweisen, dass der Verfasser des NSDStB-Flugblattes, „der cand.med. Haselmayer aus Würzburg, an der Uni Kiel nicht immatrikuliert sei. Somit untersteht er auch nicht ‚der Disziplinargewalt‘ der hiesigen Universität.“

Haselmayer war vernommen worden und hatte erklärt, „im letzten Semester in Hamburg immatrikuliert gewesen zu sein“. Er sei in den Ferien nach Kiel gekommen, „um hier zu doktorieren“ und sich hier immatrikulieren zu lassen. Man habe Haselmayer deutlich gemacht, dass er in Kiel nicht angenommen werde. Und: „Der Senat hat wegen der Verbreitung des Flugblatts der hiesigen Hochschulgruppe des Nationalsozialistischen Studentenbundes die Anerkennung und die Rechte als akademischer Verein entzogen“ und „bringt die Vorfälle allen anderen Hochschulen zur Kenntnis.“(6)

Die Kieler Vorkommnisse hatten reichsweite Resonanz in Medien und Protestresolutionen von NS-nahestehenden studentischen Gremien zur Folge (7).

Für Haselmayer gab es ein Nachspiel an der Universität Hamburg. Er wurde von Rektor Ludolph Brauer, Medizinprofessor, vorgeladen, ermahnt, und seine weitere Immatrikulation wurde an Bedingungen geknüpft: „Haselmayer habe die Pflicht, sich während  seiner weiteren Studienzeit in Hamburg ruhig und unauffällig zu betragen; jedes erneute Vorkommnis würde die Gefahr eines scharfen Eingreifens der akademischen Disziplinarinstanzen mit sich führen und unter Umständen die Möglichkeit einer Fortsetzung des Studiums abschneiden und damit seine gesamten Pläne als Mediziner durchkreuzen. Zugleich würden aber durch solche erneuten Vorfälle die Verpflichtungen verletzt werden, die ihm durch das ihm vom Rektor entgegengesetzte Vertrauen erwachsen“. Durch Handschlag bestätigte Haselmayer, „daß er die Verpflichtung zu ordnungsmäßig akademischer Führung übernehme.“ (8)

Wie gutgläubig, naiv oder wohlwollend der Hamburger Uni-Rektor in das Gespräch gegangen war, zeigte sich kurz daurauf. 1931 wurde der NS-Studentenbund mit 39,5% der Stimmen deutlicher Gewinner bei den AStA-Wahlen der Universität Hamburg und Heinz (wie er sich da noch nannte) Haselmayer zum 1. nationalsozialistischen AStA-Vorsitzenden in Hamburg gewählt. (9)

Schon am 29.4.1931 inszenierte Haselmayer einen ersten großen Eklat. Der AStA residierte in Räumen einer Villa in der neuen Rabenstraße 13, in der auch ein Mensaraum und ein Lesesaal untergebracht waren. Als die Aufsicht des Lesesaals einige Tage erkrankte und dadurch Unordnung durch gelieferte, aber nicht einsortierte Zeitungen entstanden war, nutzte der  AStA-Vorsitzende Haselmayer die Situation und schloss den Lesesaal für knapp drei Tage. Er telegrafierte einige Gesinnungsgenossen herbei und begann selbstherrlich, eine neue Ordnung herzustellen. Nicht nur das. Ein wesentliches Ziel war dabei offenbar, eine Reihe der ihm unliebsamen und überflüssig erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften zu entfernen. Er ließ sich auch nicht von dem Geschäftsführer der Hamburger Studentenhilfe, Böhler (10), abhalten, der darauf hinwies, dass der Lesesaal- Ausschuss damit zu befassen sei, der von dem Psychologie-Professor William Stern geleitet wurde. „Haselmayer widersprach heftig und erklärte, dass er sich von dem einmal gefassten Entschluss nicht mehr abbringen lasse. Er habe seine Kameraden bestellt und werde sofort mit den geplanten Maßnahmen beginnen.“ (11)

Haselmayer, Mann der Tat, entfernte 40 bis 50 Zeitungen und Zeitschriften, die er auch sofort zerriss, ebenso die entsprechenden Karteikarten.

Dies blieb nicht ohne Folgen. Haselmayer wurde vom Rektor der Universität, Prof. Ludolph Brauer, am 16.5.1931 das Betreten der Lesehalle untersagt. Am 4.6.1931 wurde Haselmayer vom Rektor vorgeladen und „räumte ein, sich formell falsch betragen“ zu haben. (12) Es folgten einige Untersuchungen und Auseinandersetzungen. Der Nationalsozialistische Studentenbund legte sämtliche Ämter nieder, nachdem die anderen Studentengruppen das Verhalten Haselmayers scharf kritisiert hatten. Der NSDStB organisierte eine Protestkundgebung am 11.6.1931, auf der neben Haselmayer auch der Gauleiter der NSDAP, Karl Kaufmann, sprach. (13)

Der Universitätssenat beschäftigte sich am 19.6.1931 mit der Affäre. Dort stellte der Rektor einleitend fest, dass die Studentenschaft selbst in knapper Zeit Ordnung geschaffen habe. Ein Problem sei, dass durch den Auszug der NS-Studenten der AStA beschlussunfähig sei. „Haselmayer habe sich inzwischen bei ihm, dem Rektor, entschuldigt, daß er sein Versprechen, sich in Hamburg ruhig und unauffällig zu benehmen, nicht gehalten habe; er habe angegeben, dies Versprechen sei ihm damals nicht zum Bewußtsein gekommen; er wolle jetzt aber dennoch die Folgen daraus ziehen, sich völlig zurückzuhalten und am Ende des Semesters sich exmatrikulieren lassen, um sich zum Examen zu melden.“(14) Es ist nicht überprüfbar, wie die Kommunikation zwischen dem damaligen Rektor der Universität, Hamburg, Ludolph Brauer, einem international  durch seine Tuberkuloseforschung bekannt gewordenen renommierten Mediziner und Haselmayer tatsächlich abgelaufen war. Im gesamten Verfahren fiel allerdings auf, mit welch schützender Hand Brauer dem Medizinstudenten Haselmayer begegnete. Brauer war 1910 zum ärztlichen Direktor des Allgemeinen Krankenhauses Eppendorf berufen worden und 1923 planmäßiger Ordinarius geworden. (15) Die ideologische Nähe zum Nationalsozialismus wurde 1933 deutlich, als Brauer als Prodekan der Universität Hamburg die „große deutsche nationale Erhebung“ pries und verkündete: „Wir bekennen uns zu unserem kraftvollen Reichskanzler Adolf Hitler (…) Wir haben des Mannes, der uns von der deutschen Zwietracht erlösen sollte, sehnsüchtig geharrt. Nun ist er erstanden. Freudig wollen wir ihm dienen.“ (16) Brauer gehörte im November 1933 auch zu den Unterzeichnern des „Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und zum nationalsozialistischen Staat“. Das schützte ihn alles nicht vor späteren Auseinandersetzungen mit fanatischen Nationalsozialisten in Hamburg nicht nur im Bereich der Universität. (17)

Bemerkenswert an Haselmayers Säuberungsaktion im Lesesaal der Universität Hamburg war, dass hier unter noch anderen politischen Machtverhältnissen 1931, aber schon mit einem überraschenden Wählerzuspruch für den Nationalsozialistischen Studentenbundes ein erster Versuch unternommen wurde, unerwünschte Medien auszusondern und zu vernichten, einer Art erster „Zeitungsverbrennung“.

Bedrückend auch, dass einige prominente Vertreter der Professorenschaft in dieser Auseinandersetzung, wie der Vorsitzende des Lesesaal-Ausschusses, der Psychologe William Stern, als jüdischer Professor nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933 Hamburg und Deutschland verlassen mussten. (18)

Und auch zwei andere wichtige Mitglieder der Professorengruppe im Senat der Universität Hamburg, emigrierten nach 1933 aus Hamburg und Deutschland. Dem an diesen Diskussionen im Universitätssenat beteiligten Ernst Cassirer (19), Vorgänger von Brauer als Rektor der Universität, wurde als jüdischem Philosophieprofessor der Lehrstuhl entzogen. Er verließ Hamburg und ging nach England, später nach Schweden und in die USA. Das Gleiche galt für Erwin Panofsky. (20)  Panofsky, einer der bedeutendsten Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts wurde 1933 auf Grundlage des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums entlassen. Er emigrierte in die USA. Da dürften die Haselmayers jubiliert haben.

Heinrich Haselmayer hatte offenbar Unterstützung und Zuspruch in seinem Fachbereich. Kurz nach seinem AStA-Intermezzo, im Herbst 1931, legte er sein medizinisches Staatsexamen ab. Zum 1.1.1932 begann er ein Medizinalpraktikum in der Psychiatrischen und Nervenheilanstalt der Universitätsklinik, der Krankenanstalt Friedrichsberg. Im Herbst 1932 legte er bereits eine Dissertation vor. Sein Thema: „Ein Beitrag zu Sterilisation Schwachsinniger“. Das lässt über seine Arbeit in der Krankenanstalt nichts Gutes vermuten.

Haselmayers Dissertation umfasste real 15 Seiten, mit Deckblatt und Literaturangaben kam er auf 21 Seiten. Aber nicht nur die Kürze, auch die wissenschaftliche Dürftigkeit und das Verifizieren politischer Gesinnung dieser im Oktober 1932 vorgelegten und angenommenen Dissertation verblüffen. Eine Arbeit, die heute schwerlich als Haus- oder Bachelorarbeit akzeptiert werden würde. (21)

Es ist an dieser Stelle nicht möglich, detailliert auf den schon in der Weimarer Republik entwickelten Geist und die Positionen in den Psychiatrischen Anstalten und der Nervenklinik der Universität Hamburg, dem Staatskrankenhaus Friedrichsberg einzugehen. Nur soviel: Haselmayer, der nach seiner NS-Studentenzeit im AStA innerhalb von 12 Monaten sein Studium abschloss, Examen machte und seine Doktorarbeit vorlegte, erwähnte als Inspirator und Förderer den Direktor der Nervenklinik, Prof. Wilhelm Weygandt und Prof. Friedrich Meggendorfer, der Haselmayers Arbeit angeregt und gefördert hatte.

Meggendorfer, am 7.6.1880 in Bad Aibling, Oberbayern geboren, hatte 1904 in Würzburg Abitur gemacht (22). Möglicherweise gab es aus dieser Zeit einen Kontakt, zumindest eine Bekanntschaft oder Affinität zur Familie Haselmayer. Heinrich Haselmayers Vater arbeitete über lange Jahre als Institutsdirektor in Würzburg. Meggendorfer studierte Medizin und kam 1913 als Assistenzarzt an das Eppendorfer Krankenhaus, 1927 wurde er als Professor zum leitenden Oberarzt ernannt und leitete in Friedrichberg die Abteilung für Vererbungsforschung. Am 1.5.1933 trat er in die NSDAP ein. Sein Bemühen, in Hamburg Nachfolger von Prof. Weygandt als Direktor der Nervenklinik zu werden, erfüllte sich nicht. Berufen wurde statt seiner das NSDAP- und SA-Mitglied Hans Bürger-Prinz.

„Aus seinen Forschungsarbeiten leitete Meggendorfer die Forderung nach rassenhygienischen Maßnahmen ab. Er sprach sich 1930 für die Kastration als therapeutisches Mittel bei Homosexualität aus. Bedeutsam wurden seine Arbeiten zur Indikation des Alkoholismus, in denen er sich nicht nur für die Sterilisation der offensichtlich schweren Alkoholiker aussprach, sondern auch diejenigen erfasst sehen wollte, „die durch ihre erbliche Belastung, ihre Psychopathie, ihre Kriminalität und ihr sonstiges asoziales Wesen zeigen, daß sie Träger von kranken Erbanlagen sind.“ (23)

Wilhelm Weygandt, der andere Förderer Haselmayers, am 3.9.1890 in Wiesbaden geboren, Mediziner, der auch in Würzburg promoviert worden war und praktiziert hatte, war seit 1908 Direktor der Hamburger Staatskrankenanstalt Friedrichsberg, damals eine der führenden psychiatrischen Anstalten des Reiches. (24) Weygandt war einer der Pioniere der erbhygienisch denkenden Psychiatrie, der ab der Jahrhundertwende durch die „Radikalität seiner Forderungen hervortrat. Er plädierte für einen wesentlich breiteren Indikationskatalog, als ihn die Nazis 1933 in der Form des ‚Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses‘ kodifizierten. In einer Reihe von Fällen plädierte er für Kastration anstelle von Sterilisation.“ (25)

Auch Weygandt beantragte 1933 die Mitgliedschaft in der NSDAP. (26) Dies wurde abgelehnt mit Hinweis auf seine frühere Logenzugehörigkeit. Ihm wurde „intellektualistische Gesinnung“ vorgeworfen. Gegen ihn intrigierte der Führer der Hamburger NS-Ärzteschaft, Willy Holzmann, im Bunde mit anderen Hamburger Nazis. Diese Nichtakzeptanz verwand Weygandt nicht. Dabei ging er in seinen Forderungen und Vorstellungen weiter als viele andere Wissenschaftler: „Ein wie auch immer erweiterter Katalog von zu sterilisierenden Erbkrankheiten reichte ihm allerdings zur Hebung der deutschen Rasse keineswegs mehr aus Neben der Gruppe der Sexualverbrecher, bei denen die Notwendigkeit der Kastration zu diesen Zeiten allgemein angenommen wurde, wollte Weygandt die Kastration auch für ‚die zur Gewalt neigenden Gewohnheitsverbrecher und die rückfälligen Affektverbrecher‘ sowie für ‚Alkoholiker, bei denen (…) Rohheit gewöhnlich ein antisoziales, gemeingefährliches Verhalten bedingt‘, angewendet sehen.“ (27)

Als er 1939 starb, schrieb das „Hamburger Tageblatt“: „Seine Arbeiten auf dem Gebiet der Geisteskrankheiten, der Idiotie und des Kretinismus führten ihn immer wieder zu eindringlichen Hinweisen auf die Bedeutung der Erbschäden und die Rolle des Alkoholismus als häufige Ursache dieser Erscheinungen.“ (28)

Auch Weygandt hatte vermutlich einen früheren Kontakt zur Familie Haselmayer gehabt, war er doch, vor seiner Hamburger Zeit, 1904 Extraordinarius in Würzburg geworden und vermutlich mit Haselmayers Vater bekannt  Dieses Umfeld ermöglichte es dem 26-jährigen Heinrich Haselmayer, zügig Doktor der Medizin zu werden.

In seiner Dissertation, die eigentlich unkommentiert in Gänze abgedruckt werden müsste, berichtete er eingangs über die nordamerikanische Praxis der Sterilisation „Schwachsinniger“ seit der Jahrhundertwende und nannte als Kriterium für die Sterilisation „die Minderwertigkeit“. Wie an anderer Stelle deutlich wird, setzte er seine eigene Auffassung in den Vordergrund: „Geisteskranke (dazu zählen auch die verschiedensten Formen der Erbkrankheiten wie z.B.: Idioten, Imbezille, Schwachsinnige usw.)“.(29)

Und offen schrieb Haselmayer, worum es ihm ging: „Ich will mich im Laufe dieser Arbeit, wie ich später nochmals betonen werde, auf keinerlei juristische Fragen einlassen, ob überhaupt die Sterilisation als solche erlaubt sei und bei welchen Indikationen sterilisiert werden darf und ob der zu Sterilisierende immer zu der Vornahme der Operation seine Einwilligung geben muß, selbst wenn er sich in einem Zustande befinden sollte, dessen Geistesschwäche und Einsichtslosigkeit die Notwendigkeit einer solchen Maßnahme gar nicht zu erkennen läßt“. (30)

In eindeutiger Absicht beschrieb Haselmayer die dünnen empirischen Erkenntnisse und die Forschungslage. Haselmayer beschäftigte sich insbesondere mit dem Zusammenhang der schlechten Begabung und der Kinderzahl der Familien:

„Die höchste Kinderzahl trifft man bei den schlechtesten Noten; es deutet also darauf hin, daß Minderbegabte, Schwachsinnige, die zudem auch noch Hilfsschüler sind, eine überdurchschnittliche Geschwisterzahl gegenüber den normal Begabten haben.“ (31)

Und als Konsequenz führte Haselmayer an: „Während die einen, nämlich die Schwachsinnigen, aus ihren eigenen Kräften heraus sich erhalten und somit also die Minderwertigkeit zum mindesten über ihre Konstanz hinaus erhalten bleibt, sind die anderen ihnen gegenüber unterlegen bzw. nehmen ab und können so den biologischen Konkurrenzkampf nicht durchhalten, was ihre Verdrängung und damit eine  Kulturentartung im Gefolge hat.“ (32)

Haselmayer wusste, was er wollte und was politisch die Konsequenz sein musste: „Die Erbuntüchtigkeit ist der Erbtüchtigkeit überlegen. Der Untermensch droht! Die Kriminalität wächst! Und hierbei trägt ein gut Teil der Schwachsinn bei. Diese Menschen verfallen auf Grund ihrer Haltlosigkeit leichter der Verführung, verbreiten ansteckende Geschlechtskrankheiten mit allen ihren üblen Folgen, erliegen dem Alkohol und seinen Schäden, werden zu Verbrechern, Dirnen, gemeingefährlichen Naturen, kurzum sie bedrohen die Sicherheit der sozialen Totalität. Dieser Gefahr zu begegnen ist Aufgabe der Eugenik.“ (33)

Nachdem Haselmayer beschrieben hatte, welches Ziel er verfolgte, musste er jetzt noch einige empirische Untersuchungen und Belege liefern: „Ich hatte insgesamt 100 Fälle von Schwachsinn, nur weibliche Patienten, die in unserer Anstalt gewesen sind, herausgegriffen.“(34)

Er beschrieb dann die Schwierigkeit, Kinder dieser Patientinnen zu finden, zu besuchen und Schlussfolgerungen zu formulieren. Es bleiben als Grundlage für seine Dissertation ganze acht Fälle. Für den unvoreingenommenen Leser zeigte die Beschreibung der Kinder von, laut Haselmayer, „schwachsinnigen Müttern“, dass diese zumeist in einfachen sozialen Verhältnissen lebend ein relativ unspektakuläres, normales Leben führten. Acht Fälle! Und Haselmayer musste konstatieren: „Es erfordert das ganze Problem eine Genauigkeit und Gründlichkeit und zeigt daran, wie zurückhaltend man andererseits mit der Sterilisation bei solchen Individuen sein muss. Gerade bei Fall IV wäre ein wertvoller Ausfall für die Allgemeinheit zu verzeichnen. Bei den übrigen 6 Fällen zeigt sich die Vererbung der Minderwertigkeit und des Schwachsinns ganz deutlich.“ (35)

Nach der misslungenen empirischen Aufarbeitung kam Haselmayer im Schlussabsatz zurück auf seine politisch-ideologische Grundeinstellung. Und so endet eine Dissertation, mit der Heinrich Haselmayer in Hamburg 1932 Arzt werden konnte:

„Das mir vorliegende geringe Material zeigt, wieso das Problem eine schnelle Inangriffnahme erfordert. Nach einer neueren Schätzung von Ministerialrat Ostermann sollen wir haben: 250 000 Geisteskranke, noch mehr Schwachsinnige und Idioten, noch viel mehr Psychopathen, nach Lenz die ungeheure Zahl von          6 000000, 90000 Epileptiker, 36000 Blinde und 48000 Taubstumme. An Asozialen kämen noch hinzu 120000 Alkoholiker und 70000 Fürsorgezöglinge; somit wäre anzunehmen, dass jeder 50. Deutsche zu den Asozialen zählt; sicherlich ist das noch zu gering gegriffen, da noch nicht mit einbegriffen sind: die Verbrecher, Vagabunden und Arbeitsscheuen, die Dirnen und die Zuhälter. Bei Berücksichtigung dieser enormen Zahlen und ersichtlich aus meinem kleinen Material, das das ungeheure Unglück in seiner Tiefe aufzeigt, erfordert die Bekämpfung der Minderwertigkeit baldige Maßnahmen. Einstweilen ist es nur möglich auf dem Wege der negativ gerichteten Eugenik, diese den Staat und die gesamte menschliche Gesellschaft in ihrer kulturbedrohenden Gefahr zu dämmen. Hierbei lasse man sich nicht von sentimentalen Gefühlsanwandlungen leiten, denn  das Interesse der Gesamtheit muß ein höheres sein als das vermeintliche Recht des Einzelnen“. (35)

Mit dieser Haltung bekam Haselmayer, der vom 1.1.1932 bis zum 1.1.1933 als Medizinalpraktikant in der psychiatrischen Klinik Friedrichsberg gearbeitet hatte, zum 1.1.1933 eine Assistenzarztstelle in den Alsterdorfer Anstalten. (36)

Da wird er schon entsprechend gewirkt haben können.

Jemand, der 1933, mit 26 Jahren schon als alter Kämpfer der NSDAP galt, mit Mitgliedsnummer 61234 Träger des goldenen Parteiabzeichens, das 1934 allen Nationalsozialisten mit einer Mitgliedsnummer unter 100000 verliehen wurde, jemand, der Parteigrößen wie etwa  Gauleiter Karl Kaufmann schon lange persönlich als Kampfkumpanen kannte, dieser Jemand machte Karriere. (37)

Heinrich Haselmayer wurde am 1.4.1933 Leiter der Volkshochschule in Hamburg und löste den SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Dr. Kurt Adams ab. (38)

Der Aufstieg Haselmayers im Bildungswesen erfolgte parallel zur Emigration seiner Widersacher an der Universität Hamburg zwei Jahre zuvor. Während die international renommierten jüdischen Professoren William Stern, Ernst Cassirer und Ernst Panofsky aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7.4.1933 entlassen wurden, startete der noch 26-jährige Dr. Heinrich Haselmayer zur selben Zeit eine „Volksbildungsoffensive.

Haselmayer, der gleichzeitig als Hamburger Führer des „Kampfbundes für deutsche Kultur“ auftrat, dessen Ziel es seit Gründung 1928 war, eine umfassende nationalsozialistische Prägung des Kulturlebens zu entwickeln, wurde dementsprechend auf breiter Ebene aktiv. Der Verein wurde übrigens schon 1934 wieder aufgelöst und in die „Dienststelle Rosenberg“ ihres Gründers und Chefideologen Alfred Rosenberg integriert.

Man muss den Gründungsaufruf des Kampfbundes von 1928 kennen, um den umfassenden Volksbildungsansatz von Heinrich Haselmayer nachvollziehen zu können.

So hieß es in dem im Mai 1928 veröffentlichten Aufruf des Kampfbundes, der  eine deutlich antisemitische und rassistische Stoßrichtung hatte, man stehe vor einem  „von volksfeindlichen Kräften geförderten politischen Niedergang“, der einen „planmäßigen Kampf gegen sämtliche deutschen Kulturwerte“ beinhalten würde. Und: „Rassenfremdes Literatentum“ habe sich „mit den Abfällen der Großstädte“ verbündet. Es gelte nun gegen die „Verbastardisierung und Vernegerung unseres Daseins“ willensstarke und opferbereite deutsche Männer und Frauen an sich zu binden, um „artbewußte“ Zeitungen und Zeitschriften, bisher „unterdrückte“ Gelehrte und Künstler zu fördern, Ausstellungen zu veranstalten und auf Theaterspielpläne Einfluss zu nehmen. (39)

Und so startete Haselmayer in seinem neuen Amt.

Schnell umriss er, wie er als „Gaubeauftragter der NSDAP für Volksbildungsfragen“ seinen Auftrag definierte. Aufgabe der VHS war für ihn:

„1. Die nationalsozialistische Weltanschauung als die Lebenshaltung auf allen Gebieten in alle Volkskreise zu tragen.
2. Darauf aufbauend und darüber hinausgehend eine Bereicherung des Wissens und der Kenntnisse des einzelnen durch Vertiefung zu erstreben.
3. Als Höchstausdruck nationalsozialistischen Leistungsprinzips eine einsatzfähige Auslese zu schaffen.“ (40)

Und er schloss: „Erreichbar ist dies durch die einheitliche Herausschälung der ewig deutschen Charakterwerte auf den verschiedensten Gebieten. Erforderlich ist ein ausgerichteter Lehrkörper, im Glauben an die nationalsozialistische Idee fest.“

Haselmayer erhob für sich den Anspruch, Führer für alle Schulungsleiter aller nationalsozialistischer Organisationen zu sein.

Die Reichstagung der deutschen Volkshochschulen fand am 16. und 17.9.1933 in Hamburg statt. Sie wurde eröffnet von Senator Karl Witt, dem Präses der Landesunterrichtsbehörde in Hamburg, einige Kultusminister sprachen nach ihm.

Das zentrale Referat über Aufbau und Aufgaben der Volkshochschulen hielt Heinrich Haselmayer. Und er entwarf darin sein Lehrer- und Dozentenbild:

„Eine Betrachtung des Themas kann nur als Nationalsozialist geschehen. Es sind also grundsätzliche Fragen der Erziehung, die berührt werden, denn der Nationalsozialismus treibt keine Pädagogik, sondern bildet Führer. Der Lehrer soll deshalb nicht viel Wissen seinen Hörern geben, sondern die Anschauung vom nationalsozialistischen Standpunkt aus vermitteln. Die Voraussetzung für jeden Lehrer ist daher nationalsozialistische Gesinnung, die der Lehrer durch persönliches Erleben oder durch nationalsozialistische Schulung erhalten haben muß. Wird diese Voraussetzung nicht erfüllt, bleibt die Dozentenschaft nur ein Sammelsurium und lehrt nach ihrem eigenen persönlichen Standpunkt. Der liberalistische Grundsatz ‚Wissen ist Macht‘ gilt nicht mehr, er ist ersetzt durch den nationalsozialistischen Grundsatz‚ Glauben ist Macht‘.“ (41)

Haselmayer stellte die VHS um, bildete dreizehn Abteilungen und richtete regionale Zweigstellen ein. Die erste und wichtigste Abteilung, „Rasse“, wollte er selbst leiten. Für andere Abteilungen waren von ihm offenbar aus der NSDAP vertraute Personen vorgesehen, die auch anderswo noch eine Rolle spielen sollten, wie der spätere Leiter der Schulverwaltung, Ernst Schrewe, und der Studienrat Rudolf Ibel. (42)

Eng arbeitete Haselmayer auch mit dem Oberschulrat für das Höhere Schulwesen zusammen, Walter Behne, NSDAP-Mitglied seit 1931. Behne referierte auf der Eröffnungsfeier des Sommersemesters 1933 in der Hamburger Kunsthalle über „Fichtes Reden an die Deutsche Nation“. Regelmäßig waren die Repräsentanten des NS-Senats anwesend, Senator Karl Witt, Bürgermeister Carl Vincent Krogmann. Die Teilnehmerzahlen stiegen und das „Hamburger Tageblatt“ zitierte Haselmayer, der die VHS als „die umfassendste und größte Volkshochschule“ feierte. (43)

Ein interessanter Nebenaspekt war, wie die Gleichschaltung der Hamburger Presse funktionierte. Haselmayer schickte einen Text an die Staatliche Pressestelle: „Ich bitte Sie, vorliegenden Artikel in der gesamten Hamburger Presse am 25.3.1933 veröffentlichen zu wollen.“ (44) Und genauso funktionierte es auch. Wortgleich, nahezu ohne Kürzungen.

Haselmayer verfügte 1933 über engste Verbindungen zum NSDAP-Apparat. Es gibt im Hamburger Staatsarchiv den Nachlass der Kaufmannsfamilie Krogmann. 1933 wurde Carl Vincent Krogmann Erster Bürgermeister in Hamburg, trat gleichzeitig in die NSDAP ein und blieb bis 1945 Bürgermeister. Er führte in all dieser Zeit Tagebuch. Diese Aufzeichnungen sind aufbereitet und im Staatsarchiv einsehbar.

Bereits am 18.4.1933 wurde Haselmayer bei Krogmann im Hamburger Rathaus vorstellig. Sie sprachen über die Volkshochschule. Krogmann notierte: Haselmayer „stimmte mir voll zu, dass man alles versuchen müßte, um die Mittelmäßigkeit nicht kommen zu lassen, im Gegenteil, dass man versuchen müsse, das heutige Niveau, soweit irgend möglich, wieder zu heben. Bat ihn, nach solchen Persönlichkeiten Ausschau zu halten, die weltanschaulich auf dem gleichen Boden stehen, sich bisher aus Bescheidenheit zurück gehalten haben.“ (45)

Das Ergebnis ist rasch beschrieben. Haselmayer versammelte um sich nationalsozialistische Ideologen, das Niveau veränderte sich entsprechend.

Im nächsten Gespräch am 11.5.1933 erweiterte Haselmayer die Themen, redete vordringlich über Theater und Kunst, ganz im Sinne des Kampfbundes für deutsche Kultur. Haselmayer „regte an, das Thalia-Theater ganz fallen zu lassen. Man müsste in Hamburg 2 Sprechbühnen bestehen lassen“, vermerkte Krogmann. (46)

Am 1.7.1933 und am 1.8.1933 sprachen Krogmann und Haselmayer über gezielte Veränderungen in den Vereinigungen von Künstlern, die ab sofort eindeutig von NSDAP-Mitgliedern majorisiert werden sollten. Im August gab es drei Gespräche über eine von Haselmayer geplante Kulturwoche, auf der Bürgermeister Krogmann reden sollte und Alfred Rosenberg am 10.9.1933 das Hauptreferat hielt. (47)

Seinen umfassenden Anspruch verdeutlichte Haselmayer im Rathaus am 14.9.1933, wo auch Senator Witt zugegen war. „Es wird die Einrichtung des Vortragsamtes zunächst beschlossen. Gegen die Absicht von Dr. Haselmayer, das gesamte Vortragswesen zu verstaatlichen, wurde Einspruch eingelegt. Es sollen nur die politisch wichtigen Vorträge durch den Staat veranstaltet werden.“ (48)

Haselmayer erhob den Anspruch, die Leitung für alle Schulungen und das NS- Vortragswesen zu übernehmen.

Am 23.11. 1933 verlor Haselmayer seine Führungsrolle im Kampfbund für deutsche Kultur, die auf Vorschlag Krogmanns nunmehr Senator von Allwörden übertragen wurde.

Der Stern Haselmayers hatte seinen Zenit überschritten. 1935 und 1936 gewährte Krogmann ihm selten Audienz. Das hing damit zusammen, dass Krogmann engen Kontakt zu Dr. Wilhelm von Kleinschmit pflegte, einem adligen Wissenschaftler der Universität Marburg, der in Hamburg Regierungsdirektor einer von ihm aufzubauenden Behörde für Volkstum, Kirche und Kunst werden sollte, gleichzeitig auch Leiter der Kunsthalle. Der intellektuelle, aus großbürgerlichen Kreisen stammende Freiherr von Kleinschmit, den Krogmann im Anstellungsschreiben mit „sehr geehrter Herr Baron“ anredete und der sehr schnell zu einem engen Gesprächspartner Krogmanns werden sollte, geriet damit ins Fadenkreuz offener und verdeckter Attacken Haselmayers. Erst einmal demonstrierte Haselmayer seinem freiherrlichen Gegenspieler den Stolz als NSDAP-Urgestein, als er am 23.6.1934  bei dem der Volkshochschule vorgesetzten Regierungsdirektor die Genehmigung  für eine „Kundgebung der Alten Garde“ in Berlin Beurlaubung beantragte, „da ich Mitglied der Alten Garde“ bin. Von Kleinschmit genehmigte. Und er nahm zur Kenntnis, wenn der Leiter der Gauführerschule, Wilhelm Gundlach, mitteilte, dass  „der Gauleiter Pg Kaufmann den Pg Dr. H. Haselmayer, Mitgliedsnummer 61234, zum Referenten für das Volksbildungswerk im Gau Hamburg ernannt“ hat. Hier wurden Zähne gezeigt. „Als solcher gehört Pg Haselmayer zum Stabe des Gauschulungsamtes und steht im Range eines Gauabteilungsleiters. Sein Referat umfasst alle Gebiete des Volksbildungswesens.“ (49) Eindeutige Duftmarken.

Im Befähigungsbericht beschrieb von Kleinschmit am 27.3.1935 die Eigenwilligkeit Haselmayers folgendermaßen: „Herr Dr. Haselmayer ist außerordentlich energisch und besitzt große Zielstrebigkeit. Die Volkshochschule hat zahlenmäßig einen großen Zuwachs von Hörern aufzuweisen. Die Erfahrung in Verwaltungsarbeiten ist nur gering; ein größeres Verständnis für gesetzliche und behördliche Vorschriften wäre zu wünschen.“ (50)

Haselmayer war als Redner ständig unterwegs. Parallel dazu bemühte er sich um Gehaltserhöhungen, bestand darauf, als „Direktor“ und nicht als „Leiter“ der VHS geführt zu werden. Das wurde von Senator Ahrens nicht akzeptiert.

Gleichzeitig geriet das Privatleben von Haselmayer in Turbulenzen. Am 10.7.1933 zeigt er die Heirat mit Helenita Napp an. Schon 1935 befand er sich im Scheidungsprozess, sein Gehalt wurde gepfändet. Am 6.3.1936 heiratete er seine geschiedene Frau erneut.

Haselmayers Leben blieb turbulent. So war er weiterhin als Redner und Feiernder unterwegs. Im Oktober 1935 auf einer Tagung des Reichsschulungsamtes. Am 25./26.1.1936 feierte er „in Anwesenheit des Führers“ das 10-jährige Bestehen des NS-Studentenbundes in München.

Die Konflikte zwischen Haselmayer und von Kleinschmit spitzten sich zu. Sie resultierten nicht zuletzt aus unterschiedlichen Auffassungen, was korrekte Verwaltung zu sein habe.

In einem Schreiben an den Senator für Kulturangelegenheiten, Wilhelm von Allwörden, berichtete Behördenleiter von Kleinschmit  über „mehrere Unverträglichkeiten mit Herrn Dr. Haselmayer“. So hatte Haselmayer am 17.5.1934 eigenmächtig und ohne Rücksprache mit der aufsichtführenden Behörde den Leiter der Volkshochschul-Zweigstelle in Cuxhaven, den Pastor Roth, abberufen und durch den NSDAP-Kreisschulungsleiter Wiehemeyer ersetzt.

Kleinschmit monierte zweitens, dass Haselmayer sich für von ihm selbst durchgeführte Sonderkurse über Nationalsozialismus eine Vergütung angewiesen habe. Der Rechnungsprüfer habe daraufhin am 8.6.1934 problematisiert, dass damit von der Praxis abgewichen werde, dem Direktor der Volkshochschule für eigene Vorlesungen keine Honorare zu überweisen. Haselmayer hatte daraufhin seinen Beamten Steffen beauftragt, beim Rechnungshof telefonisch „zu interpellieren, wie er zu dieser Anfrage käme, offenbar säße im Rechnungshof, bzw. sei der Sachbearbeiter kein Nationalsozialist“. Und von Kleinschmit konstatierte: „Ein solcher Fall sei bisher im Rechnungshof nicht vorgekommen.“ Von Kleinschmit schloss, dass die „Einhaltung formeller Vorschriften bei Erledigung von Verwaltungsarbeiten eine Forderung sei, der sich sowohl die Behörde wie auch die Volkshochschule unterwerfen müssen.“ Und: „Hiervon kann sich die Behörde auch nicht abbringen lassen, wenn Herr Dr. Haselmayer und zwar im drohenden Sinne, mitteilt, er würde sich an die Gauleitung der NSDAP wenden.“ (51)

Offensichtlich hatte sich Haselmayer bei Senator von Allwörden über von Kleinschmit und andere Behördenmitarbeiter beschwert. Von Allwörden antwortete am 14.9.1934 unmissverständlich, „dass ich es für ausserordentlich unzweckmässig halte, derartige verwaltungsmässige Differenzen durch Schreibereien auf die Spitze zu treiben. Sie geben selbst an, dass Sie sehr temperamentvoll veranlagt sind und dass bei den Charakteranlagen sowohl des Herrn Ellenbrock wie auch der Ihrigen die rein verwaltungsmässigen Differenzen zu heftigen Explosionen führen können. Ich teile Ihnen hierzu mit, dass ich kein Freund von derartigen Explosionen bin, sondern dass ich vielmehr wünsche, dass derartige Differenzen in absolut kameradschaftlicher und loyaler Weise in Aussprachen bereinigt werden, damit kein unnötiger Papierkrieg entsteht.“

Von Allwörden teilte Haselmayer mit, dass von Kleinschmit einen Durchschlag seines Schreibens erhalte und dieser reagierte schon am nächsten Tag: „Ich muss es aber auf das entschiedenste zurückweisen, dass Sie mir in Ihrem Schreiben zumuten, mich nach Ihren Wünschen zu richten. Es ist vollkommen ausgeschlossen, dass ich eine besondere Geschäftsordnung einführe, welche auf Ihr eigenes Temperament abgestimmt wäre.“ Und: „Die Art und Weise, wie Sie Ihre Ansichten im schriftlichen Verkehr zum Ausdruck bringen, hat, wie Sie wissen, schon mehrfach zu Kränkungen und Verletzungen geführt.“ Hier war schon nach einem Jahr eine gemeinsame Arbeitsgrundlage zerstört: Von Kleinschmit forderte Haselmayer auf, „weniger auf Ihr Temperament zu pochen und sich mehr „zu einer reibungslosen Arbeit“ zu verstehen. (52)

Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Klar war allerdings, dass ein Charakter wie Haselmayer dies nicht kampflos hinnehmen würde.

Im Tagebuch von Bürgermeister Krogmann stand am 7.3.1935: „Senator von Allwörden wegen der Angriffe der NS-Kulturgemeinde Berlin, welcher Rosenberg vorsteht, gegen Dr. v. Kleinschmit. Wir beschlossen, gemeinsam in Berlin vorstellig zu werden.“ (53)

Trotz der inzwischen nahezu freundschaftlichen Beziehung der Familien Krogmann und von Kleinschmit, die sich regelmäßig nicht nur bei kulturellen Gelegenheiten trafen, sondern auch wechselseitig miteinander frühstückten und mit Ehefrauen zum Essen einluden- die Auseinandersetzung mit den harten Ideologen in der NSDAP konnte von Kleinschmit nicht gewinnen. Es wurden Gerüchte kolportiert, von Kleinschmit habe sich in akademischen Kreisen in Marburg 1932 gegen Adolf Hitler geäußert und „seine Arbeit als Behördenleiter“ hätte „ihm die entschiedene Ablehnung alter Parteigenossen in Hamburg eingebracht“. Von Allwörden ging dem nach und bekam von der NSDAP-Gauleitung mitgeteilt, dass „derartige Meldungen nicht vorliegen“. Man ahnte, wer hinter einem solchen „alten Parteigenossen“ steckte, auch wenn dieser kaum 30 Jahre alt war. Der Rektor der Philipps-Universität in Marburg, Prof. Bauer, teilte am 5.12 1935 mit, dass 1932 seitens „der akademischen Kreise keine Kundgebung gegen Adolf Hitler erfolgt ist“. Allerdings habe „Dr. Kleinschmit von Lengefeld wie fast alle Dozenten bei dem Aufruf der Universität Marburg für die Wiederwahl des Reichspräsidenten von Hindenburg mit unterschrieben. Dieser Aufruf enthält keine positiven Angriffe gegen die Person oder die Bewegung Adolf Hitlers.“ (54)

Letzten Endes nützte alles nichts. Auch wenn Haselmayer selbst lange aus dem Amt war, endete die Beschäftigung von Kleinschmits in Hamburg 1938.

Dass Haselmayer auch praktizierender Antisemit war, belegen Dokumente aus den Jahren seiner Volkshochschul-Leiter-Tätigkeit.

Als Vorsitzender des Kampbundes für deutsche Kultur trat Haselmayer am 13.6.1933 in einer entscheidenden Vorstandssitzung der Patriotischen Gesellschaft auf. (55) Haselmayers Ziel war, wie ausgeführt, die Gleichschaltung sämtlicher Organisationen im kulturellen Bereich. Er hielt bei der Patriotischen Gesellschaft in dieser Sitzung eine Grundsatzrede. Das Protokoll der Sitzung verzeichnete „Einstimmigkeit, daß die Programmgestaltung für den nächsten Winter in engster Zusammenarbeit mit dem Kampfbund nach den von Herrn Haselmayer vorgetragenen Richtlinien erfolgen soll“. (56) Mit dem Schulleiter des Johanneums, Werner Puttfarken, wurde auch Haselmayer stellvertretender Vorsitzender der Patriotischen Gesellschaft, um über die Gleichschaltung zu wachen. (57)

Nach der 1934 erfolgten Auflösung des Kampfbundes, einer „kulturellen SA“, schied Haselmayer als stellv. Vorsitzender wieder aus. Die Grundlagen waren gelegt, im folgenden Jahr den „Arierparagraphen“ in die Satzung einzuführen und die jüdischen Mitglieder aus der Patriotischen Gesellschaft auszuschließen.

Dies erfolgt synchron mit dem Ausschluss von Juden aus Veranstaltungen der Volkshochschule.

Elsa Cronheim, Jüdin, wohnhaft in der Bogenstraße 25, hatte am 21.9.1934 die Anfrage an die Tesdorfstraße 4 gestellt: „Ich hätte Interesse, ausschließlich an den fremdsprachlichen Kursen, wie englisch und französisch teilzunehmen, und wäre Ihnen für gefl. Rückäußerung sehr verbunden, ob mir der Zutritt als Nichtarierin noch gestattet ist.“ (58)

Drei Tage später bekam sie die Antwort: „Die Volkshochschule kann Ihrem Antrag nicht entsprechen“, unterschrieben von Heinrich Haselmayer.

Sie wandte sich an die Landesunterrichtsbehörde in der Dammtorstraße 25 und versuchte es noch einmal: „Da mir die Absage reichlich hart erscheint, bitte ich Sie hiermit höfl. mein Gesuch, um Aufnahme in den obigen Kursen stattzugeben, da ich mich in den genannten Sprachen weiterbilden möchte und mein geringes Gehalt einen anderen Unterricht nicht zulässt. Es liegt ja auch eigentlich kein Bedenken vor, Nichtarier nicht an den fremdsprachlichen Kursen teilnehmen zu lassen.“

Regierungsdirektor von Kleinschmit richtete sich in dieser Frage an die Verwaltung für Kulturangelegenheiten. Er schrieb, dass der Standpunkt des Leiters der Hamburger VHS durchaus verständlich sei, da „die VHS ja in erster Linie der charakterlichen und weltanschaulichen Bildung dienen soll“. Er bat dennoch um Klärung, „in Rücksicht darauf, dass bei den Hochschulen den Nichtariern ein bestimmter Prozentsatz zugebilligt ist“.

Der Justitiar der Verwaltung für Kulturangelegenheiten kam zu dem Ergebnis: „Es ist rechtlich unbedenklich und entspricht auch wohl dem Charakter der Volkshochschule als einer weltanschaulichen Erziehungsanstalt des deutschen Volkes, den Besuch auf arische Volksgenossen zu beschränken.“

Senator von Allwörden zeigte sich einverstanden und Elsa Cronheim wurde am 17.10.1934 mitgeteilt, dass „ein Besuch der Volkshochschule durch Nichtarier nicht möglich ist“.

Den Irrsinn des Antisemitismus kennzeichnete auch der hartnäckige Schriftwechsel auf eine Eingabe von Oskar Lion aus dem Mittelweg 123. Er schrieb am 10.11.1934, dass er sich für einen Kursus der VHS anmelden wolle. Auf dem Meldeschein sei die Frage gestellt: „arisch oder nicht arisch?“, eine Frage, „die ich nicht ohne weiteres mit ja oder nein beantworten konnte, da ich unglücklicherweise zu denen gehöre, denen der arische Großvater fehlt, während ich nie in meinem ganzen Leben irgendwie mit Juden zu tun gehabt habe und stets von allen als Volldeutscher anerkannt worden bin“. (59)

Lion vermerkte auf dem Meldeschein: „Großvater väterlicherseits Jude- Frontkämpfer.“ Und er ergänzte: „Mit dem letzten Hinweis wollte ich jede Beanstandung meiner Anmeldung begegnen.- Der Herr, der die Anmeldescheine annahm, teilte mir mit er könne von sich aus mir keinen Teilnahmeausweis aushändigen, sondern müsse erst höheren Entscheid einholen.“

Zwei Tage später erfolgte der Bescheid, dass „Nichtarier zur Volkshochschule nicht zugelassen werden“.

Oskar Lion ließ das nicht auf sich beruhen. Und in der weiteren Korrespondenz wird eine andere Facette des ganzen Dramas in fast grotesker Weise deutlich.

So schrieb Lion: „Zum besseren Verständnis der ganzen Sachlage muss ich hinzufügen, dass sich auch s. Zt. die sonstigen Kinder meines Grossvaters taufen ließen, so dass ich keinerlei jüdische Verwandtschaft mehr hatte und so persönlich nie in meinem ganzen Leben in engerer Beziehung mit Juden gestanden habe. Mein Vater gehörte der früheren nationalliberalen Partei an, und meine Mutter war eine der glühendsten Verehrerinnen Bismarcks, und in dieser rein nationalen Atmosphäre aufgewachsen, fühlte ich mich stets nur als Volldeutscher und wurde stets als solcher anerkannt.“ Er erklärte, für ihn sei das „Arier-Gesetz ein harter Schlag“ gewesen, aber: „Innerlich konnte mir das Gesetz natürlich nichts nehmen oder geben, sondern ich bin und bleibe vor mir selbst, was ich immer war: Vollwertiger Deutscher; und Ihr Führer ist mein Führer! Innerlich habe ich nichts mit Juden zu tun und will nichts mit ihnen zu tun haben.“

Er erwarte darüber hinaus, dass er „als Frontkämpfer zu dieser „geistigen Fortbildung“ zugelassen werde.

Intern gab es an den Sachbearbeiter der Behörde für Volkstum, Kirche und Kunst einen Kurzvermerk von Wilhelm von Kleinschmit vom 12.12.1934: „Die Entscheidung Dr. Hs bleibt bestehen.“ (60)

Oskar Lion bekam die Mitteilung, die Frage sei noch einmal geprüft worden. Mit Rücksicht „auf die grundsätzlichen Entscheidungen“ sei die Behörde jedoch noch nicht in der Lage, eine Änderung des Bescheids der VHS herbeizuführen. In einem späteren Schreiben berief sich die Behörde auf das Reichsgesetz gegen die Überfüllung von deutschen Schulen und Hochschulen vom 15.4.1933. Diese Anwendung nun bestritt Oskar Lion in seiner Entgegnung: „Die Volkshochschule will nur die allgemeine Bildung heben und gibt dem Anteilnehmer keinerlei Berechtigung zu irgendeinem Berufe, sodass die Überfüllung eines Berufes gänzlich ausser Gefahr ist. Oder soll etwa der Begriff Überfüllung gleichbedeutend sein mit einfachem Platzmangel? – Ebenso gut, wie Sie mich heute von der Volkshochschule ausschließen wollen, kann ich morgen von dem Besuch staatlicher Museen oder staatlichem Theater ausgeschlossen werden.“ (61)

Zu diesem Zeitpunkt, am 21.1.1935 ahnte Lion noch nicht, wozu die Nationalsozialisten in der Lage sein würden.

Lion verwies noch einmal auf seine „Eigenschaft als Frontkämpfer“ und teilte mit, eine Urkunde vom 7.1.1935 „in Namen des Führers und Reichskanzlers zu besitzen, mit der ihm das Ehrenkreuz für Frontkämpfer verliehen worden“ sei.

Nun bat von Kleinschmit die Verwaltung für Kulturangelegenheiten um erneute Entscheidung, legte die bisherige Akte bei und verwies darauf, dass Senator von Allwörden so entschieden habe, nach Vortrag von ihm, von von Kleinschmit.

Justiziar Dr. Schultz befasste sich damit und legte am 25.1.1935 einen Vermerk mit verändertem Ergebnis vor: „Nach dem Reichsgesetz über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums sind bekanntlich nicht arische Frontkämpfer vom Ausschluss ausgenommen und nach dem Reichsgesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen (§4 Abs, 3) gelten sogar Kinder nicht arischer Frontkämpfer und Nichtarier, die von mindestens zwei arischen Großeltern abstammen, hinsichtlich des Ausschlusses als neutral. Diese Grundsätze sollten auch für den Ausschluss vom Besuch der Volkshochschule maßgeblich sein. Da Dr. Lion sowohl Frontkämpfer ist als auch von einer arischen Mutter und drei arischen Großeltern abstammt, sollte er zum Besuch der Volkshochschule zugelassen werden.“

Senator von Allwörden zeichnete das Petitum ab: „Es ist künftig entsprechend zu verfahren.“

Am 12.2.1935 wurde Oskar Lion mitgeteilt, dass seiner Beschwerde stattgegeben sei „und die Volkshochschule angewiesen ist, Sie als Hörer zuzulassen.“

Am 14.2.1935 wandte sich nun Haselmayer an die Behörde für Volkstum, Kirche und Kunst und wies darauf hin, schon in einem vorigen Schreiben zum Ausdruck gebracht zu haben, die Behörde zu ersuchen, „irgendwelche die Volkshochschule betreffende Fragen vorher mit mir zu besprechen, denn auch in diesem Falle dürfte die Regelung eine andere als die bereits getroffene sein“. (62)

Er verwies auf eine Sitzung 1933 im Reichsinnenministerium, bei der er als Vertreter des Hamburger Staates zugegen gewesen war, bei der „ein Gesetzentwurf über die Volkshochschulen angeordnet“ wurde, „der seine Anerkennung von sämtlichen Vertretern fand“. In § 8 sei festgestellt: „Inhaber von Volkshochschulen sowie Leiter, Lehrer und Teilnehmer in solchen müssen Personen sein, deren staatsbürgerliche und sittliche Zuverlässigkeit feststeht, Nichtarier sind weder als Leiter, Lehrer noch als Teilnehmer zugelassen.“

Zum Schluss bat Haselmayer die Behörde nochmals „nicht voreilig irgendwelche Benachrichtigungen herausgeben zu lassen, bevor nicht Fühlungsnamen mit den verantwortlichen Dienststellenleiter genommen wurde“.

So wies ein 29-jähriger VHS-Leiter mit Goldenem Parteiabzeichen einen Senator und seinen Amtsleiter zurecht.

Kurzfristig wurde daraufhin im Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung angefragt, ob es eine Niederschrift von der von Haselmayer genannten Sitzung gebe und der Reichsminister antwortete am 19.3.1935, er wolle bei einer Regelung des Volkshochschulwesens nicht über die Bestimmungen des Reichsgesetzes gegen Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen hinausgehen. Mit anderen Worten: Der von Haselmayer zitierte Entwurf aus dem Jahre 1933 hatte 1935 noch keine Gültigkeit erlangt, wenngleich der von Haselmayers gewünschte Antisemitismus im Laufe der Zeit über den Ausschluss von Bildungsveranstaltungen bekanntlich weit hinausging.

Die Intervention Haselmayers hatte dazu geführt, dass die VHS Oskar Lion immer noch nicht zu dem Kurs zugelassen hatte. Er fragte erneut nach und bekam am 21.2.1935 zur Antwort, über seinen Einspruch sei noch keine Entscheidung gefallen, der von ihm angefragte Kurs lief zu diesem Zeitpunkt bereits seit deri Monaten. Dann wurde Lion aufgefordert, seinen Militärpass und Papiere vorzulegen, die sein Frontkämpferkreuz legitimierten.

Nach sechs Monaten, am 8.4.1935 wurde die Volkshochschule dann angewiesen, Oskar Lion als Hörer zuzulassen. Er konnte das Besitzzeugnis über die Verleihung des Frontkämpferkreuzes vorlegen, und belegen, dass er als Grenadier der 1. Kompagnie des Grenadierregiments im Oktober 1915 an den Gefechten am Styr in Galizien teilgenommen hatte und Ende Oktober 1915 mit der ganzen Kompagnie in russische Gefangenschaft geriet, aus der er erst Ende 1918 zurückgehrt war. (63) Nachsatz: Über das weitere Schicksal Oskar Lions ist mir leider nichts bekannt.

Vor dem oben dargestellten Ausscheiden von Kleinschmits passiert nun etwas, was die Karriere Haselmayers jäh stoppte. Es begann mit einem Antrag Haselmayers, der mitteilte, „auf Veranlassung der Auslandsorganisation der NSDAP“ am 1. bis 3.5. 1936 in Holland „sprechen zu sollen“. Haselmayers Auslandsauftritt wurde genehmigt.

Aus Dokumenten in Haselmayers Personalakte ist nicht zu ersehen, was in Holland passierte, sicher sind allerdings die gravierenden Konsequenzen für den forschen Träger des goldenen Parteiabzeichens. Erst durch Recherche im Bundesarchiv, dem Berliner Document Center, war in den Unterlagen des NSDAP-Bestandes nachzulesen, welches Verhalten Haselmayers zu einem Ausschlussverfahren aus der NSDAP geführt hatte.

Mit Einschreiben vom 2.7.1936 wurde Heinrich Haselmayer gekündigt. Er nahm gerade an einer achtwöchigen Übung der Reichswehr teil. Von Kleinschmit notierte: „Die Anweisung des Herrn Senators zur Kündigung des Herrn Dr. Haselmayer und zur sofortigen Beurlaubung desselben ist am 1.Juli 1936 während der Fahrt nach Bergedorf erfolgt. Kündigung und Beurlaubung erfolgt aus Gründen, die nicht erörtert worden sind.“ (64)

Kurz darauf wurde die Kündigung zurückgezogen und eine Beurlaubung bis zum 31.12.1936 ausgesprochen. Hinter den Kulissen dürfte es viele Gespräche gegeben haben, die nirgendwo dokumentiert sind. Haselmayer schrieb am 25.11.1936, er wolle wieder in seinen ärztlichen Beruf zurückkehren und bat darum, dass die Kündigung auf den 31.3.1937 datiert und ihm noch ein Zeugnis ausgestellt werde.

Karl Witt antwortete als Präsident der neugebildeten Kultur- und Schulbehörde, zu der nach Umstrukturierung mittlerweile auch die Abteilung für Volkstum, Kirche und Kunst gehörte. Der Wunsch Haselmayers wurde erfüllt. In dem von Karl Witt am 16.2.1937 unterschriebenen Zeugnis heißt es: „Herr Dr. Haselmayer hat es verstanden, die Volkshochschule in recht kurzer Zeit nicht nur wieder mit Leben zu erfüllen, sondern sie auch mit dem Geist des Nationalsozialismus zu durchdringen. Organisatorisch hat er mit großem Fleiß viel geleistet. Die Hamburger Volkshochschule ist unter seiner Leitung eine der größten in Deutschland geworden, ein wichtiges Verbindungsmittel zwischen Bevölkerung, Partei und Staat. Die Kultur-und Schulbehörde erkennt diese Leistungen dankbar an und bewahrt Herrn Dr. Haselmayer, der sich jetzt wieder der medizinischen Wissenschaft zugewandt hat, ein gutes Andenken.“

Er absolvierte vom 1.8.1936 bis zum 1.1.1937 seine Restzeit als Assistenzarzt. Und vom 1.1.1937 wurde Haselmayer von der Gesundheitsbehörde als Schularzt beschäftigt. Parallel dazu führte er in Bergedorf ab 1938 eine Praxis als Praktischer Arzt. Seit 1940 übernahm er eine Leitungsfunktion in der Hamburger Ärztekammer. Zwischen 1939 und dem 1.11.1944 war er auch als Stabsarzt im Kriegsdienst.

Was hatte zu diesem einschneidenden Karriereknick für Heinrich Haselmayer geführt?

Haselmayer war eingeladen worden von der Reichsdeutschen Gemeinschaft, in Holland über die NSDAP-Auslandsorganisation (NSDAP-AO), als sogenannter Heimatredner. Starten sollte er am 1.5.1936 in Leiden, dann am 2.5. in Haarlem und am 3.5. in Vlissingen.

Die Hinweise im Bundesarchiv besagten: Gegen Haselmayer wurde vor der II. Kammer des Obersten Parteigerichts der NSDAP verhandelt, nachdem der „Stellvertreter des Führers“, Rudolf Heß, Haselmayer am 19.6.1936 aus der Partei ausgeschlossen hatte. (65)

Das im Bundesarchiv auf 300 Seiten dokumentierte Verfahren hat bei der Schilderung der „Holland-Affäre“ beinahe operettenhafte Züge. Beteiligt waren einige prominente Nationalsozialisten.

Der Reihe nach: Das Drama spielte sich in Haarlem ab. Haselmayer hatte am 1.5. in Leiden gesprochen und sollte sich am nächsten Tag telefonisch in Haarlem beim Organisationsleiter der Veranstaltung melden, konkrete Absprachen treffen, möglichst schon um 16.00 Uhr in Haarlem eintreffen. Alles war von der Reichsdeutschen Gemeinschaft gut vorbereitet.

Es war ebenfalls geplant, dass Haselmayer in Rotterdam und Amsterdam jeweils noch etwas von der Stadt sehen sollte.

Der mit Haselmayer verabredete Anruf am 2.5. erfolgte mit zweistündiger Verspätung, da es, so Haselmayers Begründung, „in Leiden bis 6 Uhr früh eine lustige Sauferei gegeben habe“. (66)

Folglich funktionierten auch alle anderen Vorbereitungen nicht, da Haselmayer den Zug verpasste und der in Haarlem zur Abholung bereitstehende Wagen ohne den Redner abfahren musste.

Als Haselmayer dann um 20 Uhr 30 in Haarlem eintrudelte, kam es zu leichten Tumulten bei der Eingangskontrolle. Haselmayer hatte noch zwei Kumpanen der „lustigen Sauferei“ aus Leiden mitgebracht, einer davon konnte sich nicht ausweisen. „Wenn der nicht reinkommt, spreche ich nicht“, sagte Haselmayer und erst da wurde deutlich, dass der Festredner in einem Trio in stark angetrunkenem Zustand gerade angekommen war. (67)

Organisationsleiter Max Gerisch lotste Haselmayer in ein Nebenzimmer und notierte später: „Dabei hatte ich den Eindruck eines übernächtigten und alkoholisierten Menschen“.

Haselmayer verkannte die Situation: Gerisch notierte über die Erstbegegnung im Nebenzimmer, es war inzwischen 20 Uhr 45, also 15 Minuten vor dem geplanten Festvortrag: „Pg. Dr. Haselmayer erwähnte dann u.a., dass einer der beiden aus Leiden in Amsterdam ‚wie ein Reiher gekotzt hätte‘, dass sie im Lido (ein Amsterdamer Lokal) gewesen wären, um Amsterdamsche Dekadenz zu sehen, dass sie Kaffee, Likeure und Bier- nach meiner Erinnerung je 6 Stück von allem- getrunken hätten und dass ‚wir heute nun aber feste weitermachen würden‘“.

Schwierig wurde es bei der Frage, worüber Haselmayer zu sprechen gedenke. Haselmayer wollte über sein Spezialgebiet reden: „die Rassenfrage“.

Gerisch zog den anwesenden deutschen Generalkonsul für Holland, Werner Otto von Hentig, hinzu. Von Hentig teilte dem uneinsichtigen Haselmayer mit, dass die holländische Regierung im Jahr 1936 „das Auftreten reichsdeutscher Redner davon abhängig gemacht habe, dass gerade Rassen- und religiöse Fragen nicht berücksichtigt werden.“ (68)

Nach langem Disput und dem Hinweis von Gerisch, Haselmayer wäre doch Leiter der Volkshochschule und „müsse doch auch andere Gebiete beherrschen“, erklärte sich Haselmayer bereit, über „die kulturelle Bedeutung der NSDAP“ zu sprechen und erhielt 20 Minuten Vorbereitungszeit.

Die Rede Haselmayers gab Generalkonsul von Hentig folgendermaßen wieder: „Bei den einleitenden Worten erschien der Hauptredner auch ganz ruhig. Dann aber erging er sich völlig zusammenhanglos über asoziale Typen im deutschen Volk, Freihandel, das Recht, in der Fremde freie Verträge abzuschließen, um dann doch auf die Rassenfrage zu kommen. Etwa ½ Stunde lang ging er von einem Punkt dieses Gegenstand auf den anderen bei wachsender Unruhe der Zuhörerschaft. Als Pg Haselmayer in breitester Ausführung den Alkoholismus in seiner Familie und seine eigene Stellung zum Trunk als Beweis dafür anführte, dass der Alkohol die Erbmasse nicht beeinflussen könne, und als er dann weiter ausführte, daß er nichts gelernt, nicht gelesen hätte und es trotzdem zu den höchsten Ämtern in Partei und Staat gebracht habe, empfanden die Zuhörer dies nicht als eine gewisse Selbstironie, sondern, gemessen an ihrem eigenen Ernst, als unwürdig.“ (69)

Werner Otto von Hentig, seit 1911 im diplomatischen Dienst, war erst seit einigen Monaten Generalkonsul in Amsterdam, vorher in San Francisco und Bogota. Sein Sohn, Hartmut von Hentig, beschrieb ihn als national eingestellt mit einer deutlichen Abneigung gegen die Nationalsozialisten: „Aber der Vater traute den Nazis nicht zu, große Gedanken zu verwirklichen; für ihn waren das kleine Leute in großer Pose, waren Dilettanten und durch und durch verlogen.“ (70)

Haselmayers Auftritt in Haarlem dürfte ihn in seiner Meinung bestätigt haben.

Ein Stenograf der reichsdeutschen Gemeinschaft hatte versucht, die Rede Haselmayers mitzuschreiben. Er notierte, bevor er diesen Versuch aufgab: „Durch die Ereignisse im Saal und durch die vollkommen unzusammenhängenden Ausführungen der sowieso schon verfehlten Themen, war es nicht möglich, auch nur stichwörtlich den weiteren Verlauf seiner Rede zusammenhängend zu Papier zu bringen.“ (71)

Max Gerisch vermerkte: „Wenn dennoch einstweilen alles ruhig blieb, so ist dies nur der beispielhaften Disziplin der fast 300 Zuhörer zu danken, die das alles mit unglaublicher Geduld über sich ergehen ließen. Bis es dann doch zu einer Entladung kam. Hervorgerufen war dies u.a. durch eine Bemerkung von Pg. Dr. Haselmayer, dass er zwar studiert aber danach kein Buch mehr gelesen habe - er sei aber 14 Jahre Nazi - was anscheinend von der Mehrzahl der Hörer als Verhöhnung aufgefasst wurde.“

Daraufhin stand im Saal ein Mann auf und befand, „die Würde des heutigen Abend und der Deutschen Kolonie“ sei bedroht. Die mehrmaligen Versuche des Versammlungsleiters, Haselmayer zum Ende zu bewegen, scheiterten. Haselmayer ignorierte alles und begann, weit nach der verabredeten Zeit „wieder von den Griechen anzugfangen“. Da schritt der Versammlungsleiter ein, verhinderte noch, dass die erregte Saalwache tätig wurde und wies Haselmayer energisch an, sich hinzusetzen.

Generalkonsul von Hentig, der danach redete, stellte fest, dass Alkoholkonsum sehr wohl Auswirkungen habe und „dass dies auch eine Erkenntnis des Führers sei, der ja überhaupt nicht trinkt“. Vermerkt wurde, dass daraufhin „unbeschreiblicher Beifall ausbrach“, was als „Protest gegen das Verhalten des Pg. Dr. Haselmayer“ zu verstehen war.

Notiert wurde auch, dass Haselmayer noch lange nicht das Feld räumte, erst durch eine anwesende Krankenschwester beruhigt werden konnte, nicht ohne allen Vertretern der Reichsdeutschen Gemeinschaft den Parteiausschluss angekündigt zu haben: „Über Sie werde ich mich mit dem Gauleiter unterhalten“.

Es kam anders. Nach den Berichten von Organisationsleiter Max Gerisch  vom 4.5.1936 und dem Deutschen Generalkonsul Werner Otto von Hentig vom 5.5.1936 über die NSDAP-AO und das Auswärtige Amt reagierte die Partei kurz vor der Olympiade in Berlin (1.-16.8.1936) schnell und eindeutig. Gerisch hatte aus Haarlem am 22.5.1936 noch kurz nachgemeldet: „Das Verhalten dieses Heimatredners hat hier die Gemüter stark bewegt. Erfreulicherweise war die Geschlossenheit der Zuhörer so intakt, dass wenigstens nichts in die holl. Presse gekommen ist.“

Der Leiter der Parteikanzlei der NSDAP, Martin Bormann, bezog sich auf den Bericht des Generalkonsuls für die Niederlande und einen Bericht des Auswärtigen Amtes und schrieb am 8.6.1936 an das Oberste Parteigericht. „Der Stellvertreter des Führers wünscht, dass der im Bericht vom 5.5. genannte PG Dr. Haselmayer mit sofortiger Wirkung aus der Partei ausgeschlossen wird.“ (72)

Am 19.6.1936 verfügte Rudolf Heß den Ausschluss Haselmayers aus der NSDAP. Gründe: „Sie waren als Redner für eine Maifeier am 2. Mai ds. Js. in Haarlem (Holland) bestimmt. Zu dieser Veranstaltung erschienen Sie im stark betrunkenen Zustande. Trotz Ihres unwürdigen Zustandes begannen Sie mit Ihrer Rede und ergingen sich in zusammenhang- und sinnlosen Ausführungen. (…) Durch dieses würdelose Verhalten haben Sie das Ansehen der Partei im Auslande äußerst schwer geschädigt.“ (73)

Das Oberste Parteigericht beschäftigte sich in den folgenden Monaten mit dem Fall, Haselmayer hatte fristgerecht Einspruch gegen den Ausschluss eingelegt.

Zeugen wurden angeschrieben, auch die „Trunkkumpanen“ Haselmayers aus Leiden, die sich zum Umfang des Alkoholkonsums äußern sollten. Und auch Haselmayer meldete sich, „z. Zt. Kanonier, Neustettin E Batterie 4“.

Nun sollen hier nicht die Deutungen wiederholt werden, welche Alkoholmengen tatsächlich konsumiert wurden, es kamen offenbar noch Cognac und Whiskey dazu. Interessant erscheinen vielmehr die Äußerungen von höheren Stellen über Heinrich Haselmayer.

Für Haselmayer verwendeten sich Ernst- Wilhelm Bohle, Gauleiter und Führer der NSDAP-AO, der 1930 bis 1933 in Hamburg gelebt hatte und Haselmayer aus dieser Zeit kannte. Bohle räumte in einem Schreiben vom 6.6.1936 an Rudolf Heß ein: „Zweifellos hat Pg Dr. Haselmayer im angetrunkenen Zustand seinen Vortrag gehalten. Gerade ich als Gauleiter der AO muss dieses Verhalten als eine schwere Schädigung des Ansehens der NSDAP im Ausland betrachten, da unsere Auslandsdeutschen ein ganz vorbildliches Auftreten der Heimatredner mit recht verlangen“. Er habe Haselmayer sofort und endgültig von der Rednerliste abgesetzt. Er wies aber auch darauf hin, „dass Haselmayer ganz alter Parteigenosse ist mit einer Mitgliedsnummer von etwa 60000, seit 1928 anerkannter Redner und schon 1922/23 SA-Mann war.“ Bohle bat Heß darum, ihn mündlich zu hören. (74)

Partei für Haselmayer ergriff auch der Hamburger Leiter der NSDAP-AO, Hans Zeberer, der auch als Pressereferent der Gesamtorganisation fungierte. Zeberer reduzierte den Konflikt auf ein landsmannschaftliches Mentalitätsproblem zwischen „dem Preußen Gerisch und dem Bayern Haselmayer“. Er schrieb: „ Als Bayer und ehemaliger Burschenschaftler hat Pg. Dr. H. manchmal einen etwas rauhen und burschikosen Ton, der Weihnachtsmännern unsympathisch ist“. Zeberer vermutete „kirchliche Kreise“, die diesen Zwischenfall „als gefundenes Fressen“ aufbauschen würden, insbesondere der evangelische Pastor in Haarlem, „ein ganz besonders trostloses Exemplar dieser überflüssigen Berufsgattung“.

Zeberer empfand es als unkameradschaftlich, „einen durch seinen Dienst übermüdeten Redner mit so hervorragenden Verdiensten um die Bewegung wegen eines einmaligen Versagens anzugreifen und empfahl: „Ich bin sogar dafür, daß den Weihnachtsmännern ganz offen vom Rednerpult aus entgegengehalten wird, was sie, die Meckerer, denn in der Zeit für Deutschland getan hätten, als dieser Redner in Saalschlachten und vielen Kampfesjahren seinen Mann gestanden hat.“

Freunde muss man haben. Wobei Zeberers Stern schon wenig später sank, nachdem er am 18.11.1936 in Berlin auf Veranlassung der Gestapo festgenommen wurde und am 18.12.1936 wegen fortgesetzten Vergehens gegen § 175 StGB zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden war. (75)

Interessant war natürlich besonders, wie ein anderer Kampfgefährte Haselmayers sich in diesem Verfahren verhielt. Karl Kaufmann äußerte sich am 1.9.1936 gegenüber dem Obersten Parteigericht: „Pg. Dr. Haselmayer ist ein alter Parteigenosse und Inhaber des Goldenen Ehrenzeichens der Partei. Er hat sich in der Kampfzeit als Redner für die Bewegung mit gutem Erfolg stets eingesetzt. Vor allem auf dem Gebiet der Schulung war Haselmayer tätig. Dies veranlasste mich, dem Vorschlage zuzustimmen, ihn mit der Leitung der Hamburger Volkshochschule zu beauftragen. Haselmayer hat die Hamburger Volkshochschule durchaus mit Erfolg geführt.“

Kaufmann erklärte aber auch: „Es ist mir schon früher hier und da zu Ohren gekommen, daß Haselmayer wiederholt unter dem Einfluß von Alkohol ein Benehmen gezeigt hat, daß ihm und der Partei abträglich sein musste. Ich habe Pg Dr. Haselmayer deswegen verwarnt. Nach der Verwarnung ist mir Nachteiliges über seine Betätigung in Hamburg nicht mehr bekannt geworden.“

Der Vorfall in Holland habe Kaufmann somit überrascht. Als Konsequenz habe er Haselmayer seines Amtes als VHS-Leiter enthoben. Eine Bestrafung Haselmayer sei notwendig, sofern die Vorwürfe aus Holland „den Tatsachen entsprechen“. Kaufmann setze sich aber „unter Berücksichtigung seiner langjährigen Arbeit und seiner Verdienste um die Partei für sein weiteres Verbleiben in der NSDAP ein“. (76)

Am 15.10.1036 entschied die II. Kammer des Obersten Parteigerichts. Es wurde beantragt, die Verfügung von Rudolf Heß auf Parteiausschluss aufzuheben und in eine Verwarnung umzuwandeln bei gleichzeitigem Verbot, in den nächsten drei Jahren in der NSDAP ein Amt zu übernehmen.

Das Parteigericht rekonstruierte den Ablauf in Haarlem am 2. Mai des Jahres und kam zu dem Ergebnis, dass „der Angeschuldigte durch sein Verhalten das Ansehen der Bewegung in Holland beträchtlich geschädigt hat“. Insbesondere aber die positive Beurteilung von Gauleiter Karl Kaufmann und Haselmayers „anerkennenswerten Verdienste in der Kampfzeit in Würzburg und Berlin“ sowie das Goldene Parteiabzeichen begründen das milde Urteil jenseits des Parteiausschlusses. (77)

Die Strafe wurde ein Haselmayers Parteibuch eingetragen.

Am 16.3.1938 fragte das Wehrbezirkskommando Hamburg beim Obersten Parteigericht an, ob das Parteigerichtsverfahren Anlass gäbe, Haselmayer nicht in das Offizierkorps aufzunehmen. Die Antwort am 7. 4.1938 vom Reichsleiter Grimm :

„Die Vorgänge, die nur parteiinterne Bedeutung haben, sind nicht geeignet, die Übernahme des Haselmayer in das Offizierkorps des Beurlaubtenstandes unerwünscht erscheinen zu lassen.“ (78)

Am 14.1.1938 entschied Rudolf Heß im Sinne des Obersten Parteigerichts und hoben den Parteiausschluss auf. Am 27.4 1938 verfügte Adolf Hitler eine Amnestie und Haselmayer beantragte daraufhin den Erlass der Strafe und deren Streichung in den Mitgliedsbüchern. Am 29.6.1938 erhielt Haselmayer die korrigierten Mitgliedsbücher zurückgereicht. (79)

Nachtrag: In seinen 1962 veröffentlichten Erinnerungen „Mein Leben- eine Dienstreise“ schrieb Werner Otto von Hentig zu dem Zwischenfall in Haarlem: „Selbstverständlich verübelte mir die Partei dieses Vorgehen stark, aber da ihr Mann sie nur zu offensichtlich blamiert hatte und ich mir auch die Eideshilfe des anwesenden Landesgruppenleiters sichern konnte, blieb der Vorfall zunächst ohne Folgen für mich.“ (80)

Am 14.6.1945 wurde Heinrich Haselmayer verhaftet und in das Internierungslager Neumünster, später Eselheide (bei Paderborn) überführt.

Die Internierung endete am 17.12.1947. Haselmayer wurde durch Zwischenbescheid der Britischen Militärregierung vorläufig in Kategorie III eingestuft. (81)

Am 29.1.1948 wurde er durch die 11. Kammer des Spruchgerichts Bielefeld von der Anklage der Zugehörigkeit zu einer verbrecherischen Organisation freigesprochen. Am 15.5.1948 konnte er sogar seine ärztliche Praxis in Bergedorf wieder eröffnen.

Wie schwierig die Beweisführung für die Spruchgerichte war, zeigte sich an dem Bielefelder Urteil deutlich. Hatte Haselmayer sich in seiner Personalakte in einem Fragebogen vom 1.6.1934 noch seiner früheren politischen Mitgliedschaften gerühmt: „SA-Mann 1922/23, SS-Mann 1929/30 (Sturm Berlin), NSDAP 1927“, so vermerkte das Spruchgericht lediglich seine Parteimitgliedschaft und seine Tätigkeit von Anfang 1944 bis Mai 1945 als stellvertretender Kreisamtsleiter für Volksgesundheit. Damit war er „Angehöriger des politischen Führungskorps“.

Haselmayer bestritt vor Gericht, jemals Kenntnis von verbrecherischen Handlungen gehabt zu haben und das Gericht resümiert: „Es lässt sich seine Einlassung, daß er als Arzt völlig in seinem Beruf aufgegangen sei, und sich nur mit Problemen der Gesundheitspflege und ärztlichen Betreuung der Soldaten befasst habe, so daß er nie auf die Idee gekommen sei, sich speziell über Judenangelegenheiten Gedanken zu machen, nicht widerlegen.“ Von Judenverfolgungen habe Haselmayer nach seinen Aussagen nie etwas mitbekommen. Zur Frage „der Niederhaltung politischer Gegner mittels des unmenschlichen Systems der KZs“ hatte Haselmayer natürlich auch keine Kenntnis. Haselmayer gab an, dass er davon ausgegangen sei, nur „kriminelle Verbrecher“ nach „vorausgegangener Verurteilung“ seien in solche Lager verwiesen, „oder Personen, die sich staatsfeindlich betätigt hätten“. Die Spruchkammer stellte dazu fest: „Wenngleich in Hamburg die Kenntnis darüber, dass politische Gegner der NSDAP auf Grund von Anzeigen politischer Leiter ohne gerichtliche Verfahren den KZ überantwortet wurden, weitgehend verbreitet war, so kann hieraus nicht mit Sicherheit der Schluss gezogen werden, dass auch der Angeklagte ein solches Wissen hatte.“ (82)

Der Ermittlungsbericht stellte über Haselmayer fest: „Obwohl H. ein überzeugter Nationalsozialist war, hat er nicht versucht andere Personen in üblem Sinn zu beeinflussen.“ Obskure Zeugnisse liegen vor, wie das des NS-Ärzteführers, Willy Holzmann, selbst strammer Nazi, der über Haselmayer feststellte: „Dr. H. ist Träger des goldenen Parteiabzeichens, ist frisch und lebendig, fast zu lebendig, ein brauchbarer Arzt, ist weltanschaulich vollkommen i.O.“ (83)

Heinrich Haselmayer startete eine private Ärztekarriere und bemühte sich im weiteren Verfahren um seine völlige Rehabilitierung.

In einem Schreiben vom 9.5.1949 an den Staatskommissar für Entnazifizierungen legte er den Schwerpunkt darauf, seine politische Vergangenheit als Jugendverirrung darzustellen. „Im Mai 1927, also in einem Alter von 20 ½ Jahren, bin ich als Student in die damalige NSDAP eingetreten“. Und: „Im Zeitpunkt meines Eintritts in die Partei war ich, wie bereits vorstehend erwähnt, 20 Jahre. Mag man auch heute sich auf den Standpunkt stellen, dass ich als angehender Intellektueller wissen musste, was ich tat, so muss mir doch rein zugute gehalten werden, dass ich bei dem schweren Studium niemals eine politische Reife zu dieser Zeit erreichen konnte, die mir einen klaren Blick für das politische Geschehen eröffnete. Ich gebe zu, dass ich seinerzeit in der Verwirklichung der Gedankengänge des sogenannten Parteiprogramms etwas Ideales gesehen habe. Ich konnte zu dieser Zeit mich der sehr geschickten nationalsozialistischen Propaganda nicht entziehen, ohne mir als denkenden Menschen den Vorwurf zu machen, dass ich geistig und sozial fortschrittlich faul sei. Daraus mir heute einen Vorwurf zu machen ist leicht. Man darf aber nicht verkennen, dass gerade wir als junge Menschen seinerzeit doppelt stark den Einflüsterungen unterlegen waren.“ (84)

Das Urteil der Spruchkammer Bielefeld zitiert er ausführlich und erweckte den Eindruck, nach seiner Jugend- und Studentenzeit weitgehend unpolitisch und als Arzt beruflich aktiv gewesen zu sein.

Haselmayer war vom 28.8.1939 bis zum 6.11.1944 bei der Wehrmacht als Stabsarzt tätig. Seine Funktionärstätigkeit als stellvertretender Kreisamtsleiter für Volksgesundheit wurde als sehr kurze Tätigkeit, 5 Monate, verharmlost, als wäre diese Zeit die einzige politisch exponierte Stellung Haselmayers gewesen. Am 2.2.1949 wurde der Berufung Haselmayers stattgegeben. Er wurde in Kat IV eingestuft und zum 1.4.1950 wieder als Kassenarzt zugelassen. Als Leumundszeugnisse brachte er Stellungnahmen von Patienten bei und einem mit ihm zusammenarbeitenden Masseur. Seine Absicht dabei war, zu belegen, „dass ich mich immer als Mensch und niemals als Nationalsozialist benommen habe.“ (85)

Auch der ehemalige Kreisleiter der NSDAP in Bergedorf, Fritz Schuster schrieb noch aus der Internierung in Eselheide am 30.9.1047, wo er zu diesem Zeitpunkt mit Haselmayer und anderen Nationalsozialisten festgehalten wurde, Haselmayer habe niemals an Kreisstabssitzungen der politischen Leiter teilgenommen. Wozu doch ein gemeinsames Internierungslager nützlich sein kann, in dem auch viele belastete Juristen saßen, die später ebenfalls wieder als Anwälte praktizieren durften. (86)

Interessant auch der Persilschein von Gustav Grebe, der schrieb: „Auf Wunsch bestätige ich Ihnen, dass Sie als Schularzt in der Sterilisationsabteilung beim Gesundheitsamt Hamburg, bei der ich seiner Zeit tätig war, als Gutachter herangezogen waren. Ich erinnere mich, dass Sie schon nach kurzer Zeit heftige Auseinandersetzungen mit dem damaligen Präsidenten Dr. Peters hatten. Die Schulärzte wurden danach nicht mehr zur Gutachtertätigkeit herangezogen.“ (87)

An Sterilisationen war Haselmayer also auch beteiligt, nicht verwunderlich nach seiner Doktorarbeit. Und seine Begabung, nach kürzester Zeit mit allen Menschen in heftigste Auseinandersetzungen zu geraten, sollte hier zum entlastenden Beleg werden. Traurige Verfahren, die die ganze Kläglichkeit der Entnazifizierung belegen.

1953 machte Heinrich Haselmayer noch einmal öffentlich auf sich aufmerksam. Im SPIEGEL vom 21.1.1953 liest es sich so:

„Der praktische Arzt und Geburtshelfer Dr. med. Heinrich Haselmayer, 46, war gerade beim Abendessen, als es am Mittwoch vergangener Woche gegen 22.20 Uhr an seiner Wohnungstür in der Hamburger- Bergedorfer Chrysanderstraße 32 langanhaltend klingelte. Dr. Haselmayer wurde nicht mehr satt. Dem Hausmädchen, das die Tür öffnete, erklärten zwei Zivilisten, sie seien ‚alte Bekannte des Doktors‘ und hätten ihn gern gesprochen. Dem inzwischen vom ersten Stock des Einfamilienhauses herbeigeeilten Dr. Haselmayer erklärten die ‚alten Bekannten‘ jedoch, sie seien Beamte der britischen Militärregierung, hätten einen Haftbefehl gegen ihn und müßten das Haus durchsuchen.

Einer der beiden Zivilisten drehte sich daraufhin dem im Dunkel liegenden Garten zu und hob die Hand. Im Laufschritt näherten sich 15 mit Maschinenpistolen bewaffnete Militärpolizisten. Gemesseneren Schrittes folgten ihnen ein blauuniformierter Offizier der Public Safety und ein Dolmetscher, ebenfalls Engländer. Insgesamt 18 Personen betraten das Haus und verteilten sich auf die einzelnen Räume. Um das Haus herum standen weitere zwölf bewaffnete Militärpolizisten. Mit zwei Personen- und einem Lastkraftwagen waren die Briten in der Chrysanderstraße angerückt.

In der Wohnung des Dr. Heinrich Haselmayer befanden sich außer ihm um diese Zeit noch das Hausmädchen und die vier Kinder des Arztes im Alter von 4, 9, 12 und 15 Jahren. Sie wurden von zwei Militärpolizisten geweckt, in ein Nebenzimmer verfrachtet und dort von einem Engländer bewacht. Ihnen wurde auferlegt, sich ruhig zu verhalten. Die häufigen Bedürfnisse der vierjährigen Christiane durften nur unter militärpolizeilicher Aufsicht verrichtet werden. Sobald sich die Kinder im Zimmer lauter unterhielten, als es dem wacheschiebenden Militärpolizisten recht war, rief er zur Ruhe.

Die Frau des Dr. Haselmayer platzte unvorbereitet in das Durcheinander hinein, als sie gegen 24 Uhr nach Hause kam. ‚Ich dachte an einen Verkehrsunfall, als ich die vielen Menschen sah; daß es Uniformierte waren, habe ich zunächst gar nicht bemerkt‘, erinnert sich Frau Haselmayer. Sie wurde schnell aufgeklärt. Als sie ihren Mann sprechen wollte, wurde ihr dies verweigert. Auch die Kinder durfte sie nicht sprechen. Die Kleinen warteten noch immer, nur im Nachthemd bekleidet, in dem ungeheizten Zimmer auf eine Erklärung über das ungewöhnliche Treiben der Briten, die auch auf die im Schulenglisch vorgetragenen Anknüpfungsversuche des ältesten der vier Kinder nicht reagierten.

Erst auf energische Vorstellung der Frau Haselmayer, daß es unverantwortlich sei, die Kinder so lange wach zu halten, noch dazu in einem ungeheizten Raum - ‚meine Kinder müssen früh in die Schule‘ - wurde ihnen gestattet, ihr Schlafzimmer wieder aufzusuchen. Sie fanden die Betten nicht mehr so vor, wie sie sie verlassen hatten.  Es war kurz vor 1 Uhr, und die britische Aktion war beendet.

Über das, was von 22.20 Uhr bis 1 Uhr geschehen war, berichtet Frau Haselmayer: ‚Sämtliche vier Praxisräume und die Küche im Erdgeschoß sowie die vier Wohn- und das Badezimmer im oberen Geschoß wurden während der zweieinhalbstündigen Haussuchung auf den Kopf gestellt. Während zwei Militärpolizisten die Bettbezüge von jedem der vier Kinderbetten abgezogen, selbst die Kopfkissenbezüge entfernten und die Matratzen umdrehten, beschäftigten sich andere Engländer damit, die 750 Bände starke Bibliothek meines Mannes aufzulösen. Jedes Buch wurde herausgenommen, durchgeblättert und auf den Fußboden gelegt. Im Kühlschrank und im Büfett wurde jede Tasse und jeder Teller hochgenommen. Kein Schubfach in keinem Schrank blieb unberührt. Ich fragte mehrmals: ‚ Was suchen Sie eigentlich, darf ich Ihnen behilflich sein?‘, erhielt aber keine Antwort. Jede Anzug- oder Kleidertasche wurde umgedreht, und die Wäschestapel wurden einzeln abgenommen. Auch der WC-Wasserkasten blieb nicht verschont, und aus meiner Kommode holten die Engländer meine Schulzeugnisse und meine Kinderbriefe hervor, um sie genauestens durchzulesen.‘

‚Als einer der englischen Zivilisten in einem Telephonbuch dann entdeckte, daß verschiedene Nummern angestrichen waren, wurden sämtliche anderen Telephonverzeichnisse eingesammelt. Mein Mann hatte die Angewohnheit, Rufnummern, wie den Krankentransport etwa, im Verzeichnis anzustreichen, damit er die fragliche Nummer schnell wiederfand. Aus den Photoalben wurden die Bilder herausgenommen.‘

‚Erst kurz vor Beendigung der Suchaktion durfte ich meinen Mann sprechen, unter Aufsicht von vier Engländern. Er hat mir in Anwesenheit der Bewacher schnell die wichtigsten Dinge, die ich nun zu erledigen hätte, diktiert. Ein Offizier erklärte mir dann, ich solle Marschverpflegung für meinen Mann für acht Stunden, zwei Anzüge, Wäsche und Rasierzeug einpacken. Ich hatte kein Brot im Haus. Der Offizier sagte darauf: ,Na, es geht auch so.‘ Auf alle Fragen, warum man meinen Mann abführt, bekam ich keine Antwort. Nicht einmal vorgestellt haben sich die Engländer.‘

Bis in die Morgenstunden hatte Frau Haselmayer dann zu tun, um die Wohnung wieder aufzuräumen. Nur die Bücher hatten die Engländer wieder in die Regale gestellt. Bis auf die Telephonbücher wurde nichts mitgenommen und nicht gefunden.

Erst durch die Mittagszeitung am Donnerstag erfuhr Frau Haselmayer, was es mit dem nächtlichen Besuch für eine Bewandtnis gehabt hatte:

Zum ersten Mal seit Kriegsende war im Foreign Office in London morgens früh kurz nach 7 Uhr eine Pressekonferenz abgehalten worden. Der Chef der Presseabteilung, Mr. Ridsdale, der sonst nur selten bei solchen Gelegenheiten erschien, verteilte persönlich das Kommuniqué über die Vorgänge in der britischen Zone Deutschlands während der noch kaum abgelaufenen Nacht, denen auch der praktische Arzt und Geburtshelfer Haselmayer in Hamburg- Bergedorf zum Opfer gefallen war:

„Es ist den britischen Behörden seit einiger Zeit bekannt, daß eine Gruppe ehemaliger führender Nazis sich mit Plänen zur Wiederergreifung der Macht in Westdeutschland befaßt… Im Einklang mit den ihnen nach dem revidierten Besatzungsstatut vorbehaltenen Befugnissen hat der britische Hohe Kommissar entschieden, daß die Tätigkeit dieser Gruppe näher zu untersuchen ist. Auf seine Anweisung sind die Rädelsführer verhaftet und zwecks Untersuchung in Gewahrsam genommen worden.“

Und dann folgten die Namen von sechs ehemaligen Mitgliedern der NSDAP.

An jenem Mittwochabend, an dem Dr. Heinrich Haselmayer verhaftet wurde, war Konrad Adenauer von seinen Koalitionsfreunden der Deutschen Partei in die DP-Fraktionsräume im Bonner Bundeshaus eingeladen gewesen. Die DP-Abgeordneten hatten mit ihrem Kanzler eine ausführliche Unterhaltung über das neue Wahlrecht und über die Ratifizierungspraxis des Vertrags über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft erhofft.“  (88) 

Was hier harmlos als Homestory unter der Überschrift „Naziverschwörung“ auftauchte, war einer der ersten großen Nachkriegsdeutschland-Skandale. Eine Schar ehemals führender Nazis war von der britischen Besatzungsmacht in der Nacht zum 15.1.1953 verhaftet worden, weil sie seit einiger Zeit dabei beobachtet worden waren, sich in Westdeutschland zu sammeln, um Pläne „zur Wiederergreifung der Macht zu schmieden“. (89)

Dabei gab es konkrete Hinweise insbesondere über die Unterwanderung der FDP, namentlich in Nordrhein-Westfalen. Die Gruppe, nach dem ehemaligen Staatssekretär des NS-Propagandaministeriums, Werner Naumann, benannt, der in Hitlers Testament als Goebbels-Nachfolger bestimmt worden war, der „Naumann-Kreis“ oder auch „Gauleiter-Kreis“ genannt, weil dazu neben Karl Kaufmann, Hamburgs Gauleiter, auch einige andere ehemalige NSDAP- Gauleiter gehörten, wie etwa Gustav Adolf Scheel, der ehemalige NS-Reichsstudentenführer und spätere Gauleiter von Salzburg, der sich nach dem Krieg auch als Arzt in Hamburg betätigte oder Hans Fritzsche, einst Starkommentator des NS- Rundfunks (90) und eben auch Heinrich Haselmayer, der niemals seine NS-Kontakte aufgegeben hatte, insbesondere nicht die zu dem mächtigen Hamburger Gauleiter Kaufmann.

Die sieben in Hamburg und Düsseldorf Verhafteten wurden in das britische Militärgefängnis nach Werl gebracht und das tonnenweise beschlagnahmte Aktenmaterial nach Wahnerheide, dem Sitz der britischen Hohen Kommission. (91)

Werner Naumann war übrigens erst nach dem Amnestiegesetz Anfang 1950 aus der Illegalität aufgetaucht, nachdem er vorher unter falschem Namen in Deutschland verborgen gelebt und ein Netzwerk aufgebaut hatte.

Bundeskanzler Konrad Adenauer wurde über den Inhalt des lastwagenweise beschlagnahmten Materials informiert und war über die Sprengkraft der Papiere und Information sehr besorgt.  30 Kisten Beweismaterial waren zusammengestellt worden. (92)

Naumann hatte 1951/52 viele Vorträge deutschlandweit gehalten. In Hamburg u.a. am 18.11.1952. Die Einladung dazu ging von Gustav Adolf Scheel und Heinrich Haselmayer aus, geladen war eine größere Anzahl von mit Scheel und Haselmayer befreundeten und bekannten Ärzten, genannt wurden u.a. die Namen Berg und Kunstmann. (93)

Am 20.3.1953 begannen Vernehmungen der Verhafteten durch deutsche Staatsanwälte, am 28.3.1953 beantragte der Oberbundesanwalt Haftbefehl  gegen Naumann, Haselmayer und die anderen Inhaftierten. (94)

Das Verfahren zielte ab auf Bildung einer „verfassungsfeindlichen Vereinigung“ und „Geheimbündelei““(§90a und §128 Strafgesetzbuch). „Die beiden in Hamburg und Düsseldorf gegründeten ‚Kreise‘ hatten sich nach Auffassung der ermittelnden Staatsanwälte die ‚Erhaltung und Fortbildung des nationalsozialistischen Gedankengutes‘ zum Ziel gemacht“ und versucht, “in politischen Parteien und anderen Organisationen durch ‚Unterwanderung‘ Einfluß zu gewinnen und damit die Wiedereinrichtung einer nationalsozialistischen Herrschaft vorzubereiten“, wurde im Antrag des Oberstaatsanwaltes festgestellt. (95)

Nachdem der Untersuchungsrichter am Bundesgerichtshof diesen Anträgen entsprochen hatte, wurden die Beschuldigten Anfang April 1953 von Werl nach Karlsruhe verlegt. Dort ließ man sich fortan viel Zeit. (96)

Anfang Juni erfuhr Adenauer, dass man im Bundesamt für Verfassungsschutz das Beweismaterial für „unzureichend“ hielt. Ende Juni wurde Naumann bei einem Haftprüfungstermin des Bundesgerichtshofes auf freien Fuß gesetzt. Zwei Monate vorher waren andere der Inhaftierten der „Naumann-Gruppe“ bereits freigelassen worden, Heinrich Haselmayer und Karl Scharping bereits am 8.4.1953. (97)

Die Unterwanderung der FDP war erfolgreich gewesen, durch die Verhaftung der „Naumann-Gruppe“ und die publizistischen Reaktionen gelang bei den Bundestagswahlen am 6.9.1953 keiner rechten Sammlungspartei ein Erfolg, wiewohl es einer Reihe von ehemaligen Nazis und SS-Männern gelang, über die FDP bundesweit Karriere zu machen, übrigens auch in der SPIEGEL-Redaktion. (98)

Die Verhafteten mussten also nach einiger Zeit wieder freigelassen werden. Für die Adenauer-Regierung war eine prekäre Situation entstanden, da die Verträge mit den West-Alliierten auf dem Spiel standen. Zur selben Zeit wurde eine Allensbach- Umfrage bekannt, nach der 44 Prozent der Deutschen der Meinung waren, dass am Nationalsozialismus auch eine Menge Gutes gewesen sei.

Für Haselmayer bestanden übrigens lebenslange Freundschaften und „interfamiliäre Beziehungen“ zu Werner Naumann und auch zu Gustav Scheel. (99)

Heinrich Haselmayer sollte noch ein weiteres Mal auffallen. Zeit seines Lebens eine schillernde, extrovertierte Person, kam er erneut mit dem Gesetz in Konflikt.

In der Nacht vom 30. auf den 31.1.1959 wurde Heinrich Haselmayer zu einer Krebspatientin gerufen, bei der die Hilfe eines praktischen Arztes nicht mehr wirken konnte. Sie starb am nächsten Tag.

Haselmayer verließ das Krankenbett um 1 Uhr nachts. In der Hoffnung, noch Bekannte zu treffen, fuhr er zum Bergedorfer Lokal „Zur Sonne“, in dem er Stammgast war. Dort traf er drei Bekannte, unter anderem den Chefredakteur der „ Bergedorfer Zeitung“.

Nach eigenen Angaben trank Haselmayer zwei Gläser Wodka. Anschließend fuhr die Gruppe zu den Barke- Weinstuben, wo Haselmayer, wieder nach Selbsteinschätzung sechs bis sieben Flaschen Salvator-Bier und mehrere Schnäpse trank.

Gegen 6 Uhr morgens verließ das Trio das Lokal und Haselmayer chauffierte in seinem Wagen den Chefredakteur nach Hause. Auf der Rückfahrt in der vereisten Justus-Brinckmann-Straße kam Haselmayer mit seinem Wagen ins Rutsch en und setzte seinen BMW gegen einen Baum. Er sprach einen vorbeikommenden Passanten an, den er bat, eine Abschleppfirma zu rufen, dann schlief er hinter dem Steuer sitzend ein.

Als eine Polizeistreife der Wache 61 vorbeikam, Haselmayer weckte und ihn aufforderte, den Wagen zu verlassen, weigerte er sich und hielt sich am Lenkrad fest. Von zwei Polizisten herausgezogen, setzte er sich auf den Boden und musste von den Polizisten zum Peterwagen getragen werden. Auf der Wache randalierte er, verweigerte die Entnahme  einer Blutprobe durch einen herbeigerufenen Arzt, „den er nicht kannte“. Drei Polizisten mussten ihn festhalten, damit Blut abgenommen werden konnte.

In der Schrift des Oberstaatsanwaltes beim Landgericht Hamburg vom 2.4.1959 wurde Haselmayer angeklagt, dass er „infolge körperlicher und geistiger Mängel (Blutalkoholgehalt 2,1 Promille) sich nicht sicher im Verkehr bewegen“ konnte und Widerstand gegen die „rechtmäßig ausgeübte“ Staatsgewalt geleistet habe.

Am 15.5.1959 wurde Haselmayer vom Amtsgericht Bergedorf wegen Trunkenheit am Steuer zu drei Wochen Haft verurteilt und wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt zu 300 DM Geldstrafe. Die Haftstrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.  Ein von der Hamburger Ärztekammer berufsgerichtlich geführtes Verfahren folgte Ende des Jahres 1959. Haselmayer erhielt dabei einen Verweis. (100)

Für sich genommen war dieser Vorfall sicher nicht überzubewerten, warf aber noch einmal ein besonderes Licht auf eine der schillerndsten Figuren der Geschichte nationalsozialistischer Herrenmenschen in Hamburg. Ausgerechnet Heinrich Haselmayer, dessen Biografie an zwei Stellen infolge exzessiven Alkoholgenusses entscheidend Schaden nahm: Wie hatte Haselmayer die „Erbuntüchtigen“, „Minderwertigen“, „Schwachsinnigen“ charakterisiert? „Diese Menschen verfallen aufgrund ihrer Haltlosigkeit leichter der Verführung, verbreiten ansteckende Geschlechtskrankheiten mit allen ihren üblen Folgen, erliegen dem Alkohol und seinen Schäden, werden zu Verbrechern, Dirnen, gemeingefährlichen Naturen, kurzum, sie bedrohen die Sicherheit der sozialen Totalität.“ (101)

Heinrich Haselmayer starb am 21.1.1978 in Würzburg.

Text: Hans-Peter de Lorent

Quellen:
1 Maike Bruhns: Kunst in der Krise. Bd. 1. Hamburg 2001, S. 66f.
2 Vgl.: Marlis Roß: Der Ausschuss der jüdischen Mitglieder 1933. Die patriotische Gesellschaft im Nationalsozialismus. Hrsg. von der Patriotischen Gesellschaft von 1765. Hamburg 2007, S. 54.
3 Ernst Klee: das Personenlexikon zum Dritten Reich. 4. Aufl. Frankfurt a. M. 2013, S. 230.

Hendrik van den Bussche: Die „Machtergreifung“, in: Ders.(Hg.): Medizinische Wissenschaft im „Dritten Reich“. Kontinuität, Anpassung und Opposition an der Hamburger Medizinischen Fakultät. (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 5) Hamburg 1989, S. 32-62;

Anmerkungen de Lorent
1. Personalakte Haselmayer, StA HH, 361-3_A 1149. Angaben nach dem von Haselmayer ausgefüllten „Fragebogen zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“
2. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Koblenz 2013 , S. 230.
3. Entnazifizierungsakte Haselmayers, StA HH, 221-11_59466 KAT
4. Siehe: www.evangelischer-widerstand.de, Otto Baumgarten (1858-1934). Siehe auch Carsten Misch/Christoph Cornelißen, in: Julius H. Schoeps/ Werner Tress (Hrsg.): Orte der Bücherverbrennungen in Deutschland 1933, Hildesheim 2008, S. 530 f.
5. Siehe: Hasko von Bassi: Otto Baumgarten, Ein «moderner Theologe» im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, Frankfurt/M., Bern, New York, Paris, 1988.
6. Alle Angaben nach: StA HH, 364-5 Universität I_Di. H. 01
7. Siehe: „Hamburger Nachrichten“ v. 20. November 1930; „Vossische Zeitung“ v. 2. Februar 1931; siehe auch „Hamburger Nachrichten“ Nr. 49 v. 27. Febr. 1931.
8. StA HH, 364-5 Universität I_Di. H. 01
9. Siehe Michael Grüttner: „Ein stetes Sorgenkind für Partei und Staat“. Die Studentenschaft 1930 bis 1945, in: Eckart Krause, Ludwig Huber, Holger Fischer (Hrsg.): Hochschulalltag im „Dritten Reich“, Die Hamburger Universität, Berlin, Hamburg 1991, S. 204ff.
10. Zur Studentenhilfe und dem Studentenhaus siehe auch: Hermann Hipp: Das Haus der Studentenhilfe, Neue Rabenstraße 13 in Hamburg Rotherbaum, in: Krause, Huber Fischer, a.a.O., S. 307 ff.
11. Bericht von F. Böhler vom 10.5.1931 in StA HH, 364-5 Universität I_Di. H. 01
12. Alle Dokumente ebenda.
13. Siehe „Hamburger Tageblatt“ vom 7.6.1931; „Hamburger Tageblatt“ vom 12.6.1931 und „Hamburger Anzeiger“ vom 8.6.1931.
14. Auszug aus dem Protokoll des Universitätssenats vom 19.6.1931 in StA HH, 364-5 Universität I_Di. H. 01
15. „Hamburger Nachrichten“ vom 29.6.1935: „Prof. Ludolph Brauer 70 Jahre alt“.
16. Zitiert nach. „Das Versagen der Universität im Dritten Reich‘“, www.uni-hamburg.de/wandlungsprozesse
17. Ludolph Brauer, am 1.7.1865 auf dem Rittergut Hohenhaus, Landkreis Thorn geboren, war jenseits der Hochschulpolitik ein renommierter Mediziner. Er gilt als einer der Wegbereiter der deutschen Luftfahrtmedizin und als Entwickler der Überdrucknarkose und der Tuberkulosebekämpfung. Er starb am 25.11.1951. Vgl. Ludolph Brauer in Wikipedia und Hendrik van den Bussche (Hg.): Medizinische Wissenschaft im „Dritten Reich“, Hamburg 1989.
18. William Stern, geboren als Wilhelm Louis Stern am 29.4.1871 in Berlin, war ein bedeutender deutscher Psychologe, Begründer der Differenziellen Psychologie. Ab 1897 lehrte Stern Psychologie an der Universität Breslau. 1916 wurde der international renommierte Wissenschaftler nach Hamburg auf einen Lehrstuhl für Philosophie und Psychologie berufen. Bei zahllosen Hamburger Lehrern war William Stern Mitglied der Prüfungskommission, häufig zusammen mit dem Erziehungswissenschaftler Gustaf Deuchler, der 1933 fanatischer Nationalsozialist wurde. Nach seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1933 emigrierte Stern und lehrte bis zu seinem Tod am 27.3.1938 in Durham, North Carolina an der dortigen Duke University. Siehe auch: Martin Tschechne: William Stern, Hamburg 2010.
19. Ernst Cassirer, geb. am 28.7.1874 in Breslau war, ein international renommierter deutscher Philosoph, der seit 1919 als Philosophieprofessor an der Universität Hamburg lehrte. 1929 war er für ein Jahr Rektor der Universität Hamburg und in der akademischen Selbstverwaltung aktiv. 1933 wurde ihm als Juden der Lehrstuhl entzogen, Cassirer emigrierte, erst nach Schweden, später in die USA, wo er an der Columbia-Universität in New York lehrte. Cassirer starb am 13.4.1945.
20. Erwin Panofsky, geb. 30.3.1892 in Hannover, war der dritte renommierte Professor, mit dem der NS-Studentenführer Haselmayer in seiner kurzen Aktivitätsphase zu tun bekam. Panofsky, ebenfalls Jude, war einer der bedeutendsten Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts. Seit 1927 war er ordentlicher Professor an der Universität Hamburg. Nach seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten emigrierte auch er 1933 in die USA und lehrte in New York, zuletzt in Princeton, wo er am 14.3.1968 starb.
21. Die Arbeit ist einzusehen u.a. in der Staatsbibliothek Hamburg.
22. Sofern nicht anders zitiert, siehe StA HH, 252- 10_245
23. Siehe Wikipedia und Bussche, a.a.O., S. 82 ff.
24. Bussche, a.a.O., S. 58 ff.
25. Ebd., S.58.
26. Bussche, a.a.O., S. 59.
27. Zitiert nach Bussche, a.a.O., S. 240f.
28. „Hamburger Tageblatt“ vom 25.1.1939.
29. Heinrich Haselmayer: Ein Beitrag zur Sterilisation Schwachsinniger, Inaugural-Dissertation, Hamburg Okt.1932, S. 4.
30. Haselmayer-Dissertation, a.a.O., S. 5.
31. Haselmayer-Dissertation, a.a.O .,S.10.
32. Ebd.
33. Haselmayer-Dissertation, a.a.O., S.12.
34. Haselmayer-Dissertation, a.a.O., S.13.
35. Haselmayer-Dissertation, a.a.O., S.18.
36. Entnazifizierungsakte Haselmayer, a.a.O.
37. Personalakte Haselmayer, a.a.O.
38. Zu Kurt Adams siehe John Hopp: Kurt Adams, „Hiermit fängt unser Ende an“, in: Ursel Hochmuth/Hans- Peter de Lorent (Hrsg.): Hamburg- Schule unterm Hakenkreuz, Hamburg 1985, S. 152 ff.
39. Zitiert nach und Literaturhinweise dazu in Wikipedia: Kampfbund für deutsche Kultur.
40. Heinrich Haselmayer: Aufbau, Aufgabe und Bedeutung der Volkshochschule, StA HH, 365- 5_V I a 17
41. Bericht von der Tagung in: HLZ 36/37- 1933, S. 498
42. StA HH, 363- 5_VI a1
43. „Hamburger Tageblatt“ vom 17.9.1934. Siehe auch Biografie Walter Behne in diesem Buch.
44. StA HH, 363- 5_VI a1
45. Tagebuch Carl Vincent Krogmann 1933 in: StA HH, 622-1153_C 15 Bd I 1933, S.2
46. Tagebuch Carl Vincent Krogmann 1933, a.a.O., S.3.
47. Tagebuch Carl Vincent Krogmann 1933, a.a.O., S.6 ff.
48. Tagebuch Carl Vincent Krogmann 1933, a.a.O., S.11.
49. Personalakte Haselmayer, a.a.O.
50. Ebd.
51. Das gesamte Schreiben ebd.
52. Die gesamte Korrespondenz in der Personalakte Haselmayers, a.a.O.
53. StA HH, 622- 1/153_C15 Bd III
54. Siehe StA HH, 131-15_C 0243 und 131-10I,1934_Ja II a80
55. Siehe Marlis Roß: Der Ausschluss der jüdischen Mitglieder 1935. Die Patriotische Gesellschaft im Nationalsozialismus, Hamburg 2007, S. 51 ; auch digital einsehbar.
56. Marlis Roß, a.a.O., S. 52. Das Protokoll findet sich in: StA HH, 622-1, Akte Nirrnheim.
57. Siehe Biografie Puttfarken in diesem Buch.
58. Der gesamte Vorgang ist dokumentiert in: StA HH, 363-5_V I a 10
59. Ebd.
60. Die gesamte Korrespondenz in: StA HH, 363-5_V I a 10
61. Schreiben vom 21.1.1935, ebd.
62. Schreiben vom 14.2.1935, ebd.
63. Ebd., wie auch alle vorher zitierten Aussagen.
64. Dieses und die weiteren Dokumente in Personalakte Haselmayer, a.a.O.
65. Bundesarchiv, Berlin Document Center, NSDAP OPG, Haselmayer, Heinrich
66. Bericht Max Gerisch, ebd.
67. Ebd. Wenn nicht anders angegeben, auch die weiteren Zitate aus diesem Bericht
68. Bericht des Deutschen Generalkonsulats vom 5.5.1936, ebd.
69. Ebd.
70. Hartmut von Hentig, Mein Leben, München 2007, S. 58.
71. Alle weiteren Zitate aus dem Bericht Gerisch, a.a.O., S. 8.
72. Alle auch weiter zitierten Dokumente in der Akte des Obersten Parteigerichts der NSDAP, BArch, a.a.O.
73. Ebd.
74. Ebd. Zu Bohle siehe auch: Frank-Rutger Hausmann: Ernst-Wilhelm Bohle. Gauleiter im Dienst von Partei und Staat, Berlin 2009.
75. StA HH, 213-11_4555/37 Zeberer
76. Akte OPG, BArch, a.a.O.
77. Ebd.
78. Ebd.
79. Ebd.
80. Werner Otto von Hentig: Mein Leben – eine Dienstreise, Göttingen 1962, S. 313.
81. Alles, wenn nicht anders angegeben, in Haselmayers Entnazifizierungsakte, a.a.O.
82. Alle Dokumente ebd.
83. Ebd.
84. Ebd.
85. Ebd.
86. Ebd.
87. Grebe am 8.7.1949, ebd.
88. SPIEGEL Nr. 4/ 1953 v. 21.1.1953, S. 5.
89. Siehe Zeitonline 23, 2003 oder „Junge Welt“ vom 31.12.2010
90. Die Liste mit den Angehörigen des Naumann- Kreises ist abgedruckt in: Wikipedia, Stichwort „Naumann- Kreis“.
91. Siehe auch die ausführliche Darstellung in: Norbert Frei: Vergangenheitspolitik, Mannheim 1997. Besonders das Kapitel: Die Naumann-Affäre und die Rolle der Alliierten (1953), S. 361 ff.
92. Ebd. S. 37.
93. Günter J. Trittel: „Man kann ein Ideal nicht verraten…“. Werner Naumann- NS- Ideologie und politische Praxis der frühen Bundesrepublik, Göttingen 2013, S. 123.
94. Alles nach Frei, a.a.O. wiedergegeben.
95. Zitiert nach Frei, a.a.O., S. 384.
96. Ebd.
97. Siehe Trittel, a.a.O., S. 216.
98. Nach Frei, a.a.O, S. 388 f.
99. Trittel, a.a.O., S. 24.
100. Alle Dokumente befinden sich in : StA HH, 352-6 Gesundheitsbehörde_2126 (belastete Ärzte, Unterakte Haselmayer)
101. Dissertation Haselmayer, a.a.O., S.12.
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Februar 2019: 716 Kurzprofile und 276 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startet online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen, wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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