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Adolph Albershardt

(17. März 1892 – 2. Dezember 1969)
Volksschullehrer an der Aueschule, Hamburg-Finkenwerder
Betätigung für Heimat und niederdeutsches „Volkstum“
(u.a. Leiter der „Finkwarder Speeldeel“),
ab 1936 „NS-Gemeinschaft 'Kraft durch Freude'“, „Vereinigung Niederdeutsches Hamburg“
wohnhaft in Hamburg-Finkenwerder,
bis 1953: Auedeich 84f, danach: Külpersweg 10
Namensgeber für Albershardtweg , Hamburg-Finkenwerder

Wer mit Flugzeugindustrie zu tun hat, kennt Hamburg-Finkenwerder, zumindest dem Namen nach. Einem breiteren Publikum ist Finkenwerder vielleicht als der Ort bekannt, der bestimmten Schollen-Rezepten seinen Namen gegeben hat. Abgesehen davon ist die Vorstellung von diesem Ort vielfach hauptsächlich durch eine Musik-, Tanz- und Trachten-Gruppe geprägt: die „Finkwarder Speeldeel“.

Seit vielen Jahrzehnten hat sie folkloristisches plattdeutsches Heimatgut im Ort selbst und in der Region, in Hamburg, Deutschland, Europa und schließlich in aller Welt verbreitet. Als 2006 zum 100-jährigen Bestehen eine Chronik erschien, war darin „väl över de Späälbasen to wäten un to sehn, vör al över de Albershardt-Gäng, di bet nu bi de 'Speeldeel' an't Roder sitt. Läsers buten de Stadt Hamborg mööt wäten: Dat Word 'Gäng' is in Hamborg nich beus meent.“ So schrieb damals die Zeitschrift der niederdeutschen Vereinigung „Quickborn“.[1]

Gemeint mit der „Gäng“ waren Christa Albershardt, zu dem Zeitpunkt Leiterin („Speelboos“) der Gruppe, als Nachfolgerin ihres verstorbenen Mannes Adolf („Adi“) Albershardt, der seinerseits die Leitung der „Speeldeel“ von seinem Vater Adolph („Odje“) Albershardt übernommen hatte. Dieser wiederum hatte die anfangs als reine plattdeutsche Theatergruppe konzipierte „Speeldeel“ 1936 erneut auf die Beine gestellt.[2]

Erneut deshalb, weil die „Speeldeel“ ursprünglich schon 1906 von den beiden Finkenwerder Schriftstellern Gorch Fock (Johann Kinau) und Hinrich Wriede gegründet worden war. Ihre Aktivitäten wurden durch den Ersten Weltkrieg beendet – Gorch Fock starb 1916 als Soldat der Marine, Hinrich Wriede war praktisch die gesamte Kriegszeit „im Felde“.

Nach 1918 versuchte Wriede das Theaterspiel der „Speeldeel“ wieder zu beleben, was jedoch letztlich nicht gelang. Mitte der 1920er-Jahre war die „Speeldeel“ „eingeschlafen“[3]. So war es Adolph Albershardt, der 1936 zum dritten Mal ansetzte, von Finkenwerder aus mit der „Speeldeel“ das sogenannte niederdeutsche „Volkstum“ zu stärken und zu propagieren.

Die andauernde Erfolgsgeschichte der „Finkwarder Speeldeel“ war seitdem über drei Jahrzehnte mit dem Namen Adolph Albershardt verbunden – und damit auch zu einem gewissen Teil das Image des Ortes (bzw. „der Insel“). Freilich war es nicht allein Albershardts „Speeldeel“-Arbeit, die ihn zu einem prägenden Mitglied der Finkenwerder Ortsgemeinschaft werden ließ. Seine Präsenz begann dort 1912: Er wurde Lehrer an einer der drei Finkenwerder Volksschulen. Seit 1918 betätigte er sich fortlaufend als Lokaljournalist für Finkenwerder. Ab 1922 leitete er eine kommunalpolitische Vereinigung in Finkenwerder, und von 1936 an war er schließlich Spielleiter der „Speeldeel“. Als Adolph Albershardt 1969 starb, verlautete aus der „Heimatvereinigung“, dies sei „ein Verlust, der unersetzlich ist“.[4] 

Verwunderlich ist deshalb, dass nur spärliche Hinweise zum Leben und zur Kontinuität der Karriere Albershardts zugänglich sind. Dieser „Förderer heimatlicher Kulturpflege“ scheint, trotz seines Renommees zu Lebzeiten und trotz demonstrativer Wertschätzung danach – im Ort wurde eine Straße nach ihm benannt[5]-, inzwischen weitgehend dem Vergessen anheim gefallen zu sein. Er selbst hat keinen autobiographischen Bericht veröffentlicht; auch in der heimatgeschichtlichen Literatur des Ortes ist es zu keiner substanziellen Darstellung seines Wirkens gekommen.[6]Die folgende Skizze will und kann keine Biographie ersetzen, ist aber der Versuch, auf einige Aspekte näher hinzuweisen, die bisher kaum benannt worden sind.

I

Adolph Martin Friedrich Christian Albershardt (der sich immer „Adolf“ schrieb und gelegentlich „Odje“ genannt wurde) wurde am 27. März 1892 in Lübeck als Sohn eines Eisenbahn-Assistenten geboren. (Über seine Familie ist in den allgemein zugänglichen und hier herangezogenen Quellen nichts Weiteres festgehalten.) In Lübeck besuchte er auch zuerst die Knaben-, dann die Mittelschule. Danach absolvierte er dort mit dem Ziel, Volksschullehrer zu werden, Präparandenanstalt und Seminar bis zum 2. März 1912. Am 10. April wurde er als „Vertreter“, ab 1. Januar 1913 als „ordentlicher Hülfslehrer“ an der Aueschule in Finkenwerder angestellt. Der Junglehrer Albershardt scheint sich mit seinen, wie sich schnell zeigte, literarisch-darstellerischen Neigungen gern und dem Zeitgeist gemäß in die Gestaltung des Schul- und Ortslebens eingebracht zu haben. So rezitierte er bei der 100-Jahrfeier der „Völkerschlacht“ (dem Sieg über die französische Armee bei Leipzig 1813) am 18. Oktober 1913 in Finkenwerder folgende Verse[7]:

Frisch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen,
Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht.
Du sollst den Stahl in Feindes Herzen tauchen.
Frisch auf, mein Volk! - Die Flammenzeichen rauchen,
Die Saat ist reif; ihr Schnitter, zaudert nicht!
Das höchste Heil, das letzte, liegt im Schwerdte.
Drück dir den Speer ins treue Herz hinein,
Der Freiheit eine Gasse! - Wasch' die Erde,
Dein deutsches Land, mit deinem Blute rein!

Der Himmel hilft, die Hölle muss uns weichen!
Drauf, wakres Volk! drauf! ruft die Freiheit, drauf!
Hoch schlägt dein Herz, hoch wachsen deine Eichen,
Was kümmern dich die Hügel deiner Leichen,
Hoch pflanze da die Freiheitsfahne auf! -
Doch stehst du dann, mein Volk, bekränzt vom Glücke,
In deiner Vorzeit heil'gem Siegerglanz,
Vergiß die treuen Todten nicht und schmücke
Auch unsre Urne mit dem Eichenkranz!

Albershardt unterrichtete an der Aueschule bis zu seiner Einberufung zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Über seine Militärzeit ist belegt, dass er vom 13. Oktober 1914 bis 18. November 1918 Kriegsteilnehmer war, laut offizieller „Speeldeel“-Chronik als „Ulan“ oder, wie es auch hieß, als „Husar“.[8] Seit dem 16. Oktober 1916 war er jedenfalls Leutnant der Reserve.[9]

Auf Nachfrage der Schulbehörde vom 23. Juni 1917, welchem Truppenteil Albershardt zur Zeit angehöre, notierte der Schulleiter: „Minenwerfer-Offiz. Inf. Rgt. 148“[10]. Am 26. Januar 1918 hielt der zuständige Landschulinspektor fest, der „Leutnant Albershardt“ vom „Ers. Batl. Res. Inf. Regt. Nr: 75“ erhalte seit dem 1. Juli 1917 eine Kriegsbesoldung von monatlich M 220,-.[11] Im November 1918 wurde Albershardt schließlich vom „Soldatenrat Bremen“ folgende „Bescheinigung“ ausgestellt: „Dem Leutnant d. Res. Albershardt wird bescheinigt, dass er (…) mit dem 18. 11. 18 aus dem Heeresdienst entlassen ist ohne Versorgung. Fahrtschein nach Husum ist ausgestellt.“[12]

Albershardts Entlassung dürfte ihn deshalb nach Husum geführt haben, weil seine zukünftige Frau, Anna Dorothea Voß, aus Husum stammte. Die Heirat erfolgte am 4. Juli 1919.[13]

Seine berufliche Situation war ebenfalls geklärt: Seit dem 1. April 1916 war er, obwohl er zu der Zeit „am Völkerringen teil[nahm]“, wie der Schulleiter, Karl Johns, anmerkte[14], an der Aueschule fest angestellt. Er hatte im März 1916 – mit zwei Tagen Urlaub – die zweite Lehrerprüfung abgelegt.[15] Zum 1. Oktober 1918 wurde ihm auch eine vorher von Aueschullehrer Talg bewohnte Lehrerwohnung im Schulgebäude zugesprochen[16], in der er bis 1953 wohnen blieb. (Die andere Lehrerwohnung in der Schule wurde nach Johns' Pensionierung vom neuen Schulleiter Müller bezogen.[17])

II

Nahezu unversehrt zurück aus dem Krieg, mit geregelten Rahmenbedingungen des Berufs- und Familienlebens, konnte sich Albershardt, 27 Jahre alt, in unruhigen Zeiten des zusammengebrochenen Kaiserreichs, revolutionärer und republikanischer Umbrüche, Schmach des verlorenen Krieges und alliierter Schuldzuweisungen usw. dem Zentrum seines Interesses zuwenden. Er war, wurde ihm später bescheinigt, mit „der Tradition und Heimatliebe schon in jüngsten Jahren vertraut“. Neben und im Einklang mit seiner Tätigkeit als Lehrer war es demnach die Arbeit für das niederdeutsche „Volkstum“, auf die er sein Augenmerk richtete, und im Fokus war damit nun insbesondere Finkenwerder.

Zunächst hatte er dabei mit dem Volksschullehrer-Kollegen von der Westerschule in Finkenwerder zu tun, Hinrich Wriede, der sich selbst, niederdeutsch bewegt, als Volkskundler und Schriftsteller betätigte.[18] Er wollte nach dem Krieg die „Finkwarder Speeldeel“ ohne den einstigen (1916 gestorbenen) Mitgründer Gorch Fock (Johann Kinau) weiterführen. Mindestens seit 1920 gehörte Albershardt aktiv zum „Speeldeel“-Ensemble, wo er 1921 in einer Aufführung von Wriedes Stück „ Kreetslag “ eine Rolle übernahm.[19]

Endlich kam auch zustande, was bei Albershardts anfänglichem Kontakt mit Finkenwerder ab 1912 offenbar nicht geschehen war, nämlich dass er sich dem maßgeblichen Zirkel der Niederdeutschen Bewegung in Hamburg anschloss, der Vereinigung „Quickborn“. Die Vereinszeitschrift meldete seinen Beitritt – und den der „Finkwarder Speeldeel“ - im Sommerheft 1920.[20](Gorch Fock war Mitglied gewesen, Hinrich Wriede war von Anfang an in der Vereinigung aktiv, seit Ende des Weltkriegs auch Gorch Focks Bruder Rudolf Kinau – und ebenso traten im Lauf der Jahre verschiedene weitere Finkenwerder ein.)[21]

Außer diesen zwei Bereichen – Schule und Niederdeutsches – wurde für Albershardt ein drittes Aktionsfeld wichtig. Es war dies die kommunalpolitische Einflussnahme auf das Finkenwerder Leben. Bis zur Eingemeindung 1919 war Finkenwärder eine zu Hamburg gehörende Landgemeinde mit eigener kommunaler Vertretung gewesen.[22] Seitdem ein Stadtteil Hamburgs, gab es für Finkenwärder kein offizielles Gremium mehr, das die Belange des Ortes vertreten konnte. Albershardt gründete deshalb mit einigen Gleichgesinnten am 18. Februar 1922, was sie „Wirtschafts- und Verkehrsvereinigung“ nannten. (Seit der NS-Zeit wurde sie unter der Bezeichnung „Heimatvereinigung Finkenwärder“ fortgeführt – übrigens erst seit dem 2. März 1983 [!] als ein eingetragener Verein).[23] Diese Vereinigung verstand sich – obwohl ohne Legitimation durch demokratische Verfahren oder zumindest behördlichen Auftrag – als Ortsvertretung mit umfassender Zuständigkeit:

„Sie erstrebt die Vertretung Finkenwerders und die Förderung des Heimatgedankens. Gegenstände religiöser und parteipolitischer Art sind von der Beratung und Beschlußfassung in der Vereinigung ausgeschlossen. Die Vereinigung verfolgt lediglich gemeinnützige Zwecke (…) Die Vereinigung bildet folgende Ausschüsse: 1. Straßenbau und Unterhaltung, Sielwesen und Schleusen, Post, Zoll und Polizei, Industriegebäude und Geländefragen. 2. Schiffahrt, Wasserstraßen sowie Personen- und Güterbeförderung, Fahrangelegenheiten und Fischereiwesen. 3. Landwirtschaft und Gartenbau, Friedhof und Denkmäler, Wohlfahrt und soziale Einrichtungen, Schule und Kirche.“[24]

Ein rückblickender Bericht gibt 1986 einen Eindruck von dem in der Vereinigung gepflegten Selbstverständnis und der entsprechenden Arbeitsweise: „Heute noch gibt es die 'Heimatvereinigung Finkenwerder', die ebenfalls von Adolph Albershardt mitbegründet wurde. Dieser Kommunalverein – inzwischen über fünfzigjährig – war bis zur Einführung der Kommunalparlamente nach dem zweiten Weltkrieg wichtiges kommunalpolitisches Organ Finkenwerders, das gegenüber 'Hamburg' viele Wünsche der Bürger vertrat und oftmals sogar eine Art 'Exekutive' zu besitzen schien. 'Odje' wußte sich mit den Behörden auseinanderzusetzen und so manchen Wunsch der Finkenwerder – von der Straßenlaterne bis zum Wasseranschluß – ohne große Debatten in irgendwelchen Gremien durchzusetzen.“[25]

Die weiteren zwölf Gründungsmitglieder lassen sich als Zusammenstellung nicht unbedeutender Namen des Ortes lesen. Vorsitzender der Vereinigung, die bis 1933 auf beachtliche 330 Mitglieder anwuchs, war jedenfalls Adolf Albershardt. Er leitete[26] sie auch in der Zeit des „Dritten Reichs“; und diese Position behielt er ebenfalls nach 1945. Das Fortbestehen der „Heimatvereinigung“ wurde „durch persönlichen Einsatz“ Albershardts über das Ende des NS-Regimes hinaus gesichert, wird berichtet.[27]

Eine bedeutsame Ergänzung erfuhren seine Finkenwerder-Aktivitäten durch die „Berichterstattung“ über „kommunale Angelegenheiten Finkenwärders“ in den „Norddeutschen Nachrichten“ (bzw. „Finkenwärder Nachrichten“). Von der Schulbehörde hat er sich diese lokaljournalistische Betätigung immer wieder genehmigen lassen. So auch am 24. Juni 1933: „Seit 1918“, schrieb er an die neue NS-Behörde, habe er in dieser Zeitung über Finkenwerder berichtet, und „so bitte ich die Landesunterrichtsbehörde, mir die im Interesse Finkenwärders liegende Mitarbeit (…) zu genehmigen.“[28]Was in der lokalen Nachrichtenquelle über Finkenwerder erschien – auch nach 1933 –, stammte also wohl, da die Zeitung sonst über keinen eigenen Berichterstatter für den Ort verfügte[29], zum guten Teil, wenn nicht vorwiegend aus Albershardts Feder bzw. Schreibmaschine. Das Heimatblatt war 1879 (anfangs als Wochenzeitung) vom Druck- und Verlagshaus Kröger in Blankenese gegründet worden. Johannes Kröger führte den Betrieb zusammen mit seinem Bruder Walter Kröger – vor 1933, nach 1933 und nach 1945.[30]

1925 gehörte Johannes Kröger auch zu dem Kreis von Hamburger (und Altonaer) Prominenten, deren Unterstützung Adolph Albershardt zusammen mit Hinrich Wriede, Rudolf Kinau und anderen Finkenwerdern für eine besondere Initiative gewonnen hatte. Zugleich war dies ein Beispiel für kommunalpolitische Aktivität im Sinne der „Wirtschafts- und Verkehrsvereinigung“, die immer schon mit der „Förderung des Heimatgedankens“ verbunden war. Es ging, wie den „Mitteilungen aus dem Quickborn“ zu entnehmen war, um ein niederdeutsches Projekt: Eine Gedächtnisstätte für den Dichterhelden Gorch Fock sollte in Finkenwerder errichtet werden. Dafür wurde ein „Arbeits- und Werbeausschuß“ gebildet, in dem der Vorsitzende der „Wirtschafts- und Verkehrsvereinigung“ Albershardt und Hinrich Wriede saßen, zusammen mit weiteren Finkenwerdern[31], und ein „Ehrenausschuss“ von Unterstützern aus Hamburgs Politik, Wirtschaft und Kultur – darunter Johannes Kröger und Rudolf Kinau – sollte dem Anliegen Gewicht verleihen, und die Schirmherrschaft hatte Hamburgs Bürgermeister Petersen übernommen.[32]

Angestrebt wurde die Errichtung eines „Gorch-Fock-Hauses“, das als „Raum für die Geistesbildung und körperliche Erziehung der Jugend“ dienen sollte, aber auch „zur Abhaltung von Tagungen und Wanderversammlungen“ und „als Volksheim für Heimatabende“.[33]

Nach vier weiteren Jahren Lobbyarbeit stellte Hamburg die nötigen Finanzmittel zum Bau einer „Turnhalle“ bereit, und am 6. Dezember 1930 konnten der Architekt, Oberbaudirektor Fritz Schumacher, und der Bruder des Geehrten, Heimatschriftsteller Rudolf Kinau, die Einweihungsreden für die „Gorch-Fock-Halle“ halten.[34]

Im gleichen Jahr, in dem der Bau dieser Halle begann, 1929, war Adolph Albershardt auch mit einem anderen Finkenwerder-Projekt befasst. Da Finkenwerder inzwischen an das Wasserversorgungssystem Hamburgs angeschlossen war, war das Wahrzeichen des Ortes, der Wasserturm, in einen Aussichtsturm umgewandelt worden. Auch Albershardt ergriff das Wort bei der Umwidmung des Turms: „Am Sonnabendnachmittag [11. Mai 1929] wurde er mit einer kleinen Feier eingeweiht. Die Herren Anton Ohst und Adolf Albershardt (Finkenwärder) hielten Ansprachen, in denen sie die Geschichte des Turmes skizzierten und der Hoffnung Ausdruck gaben, daß er in Zukunft auf ein günstig sich entwickelndes Finkenwärder herabschauen und als Beleber des Fremdenverkehrs wirken möge. (…) Der Pächter des Aussichtsturms, Herr W. Rahmstorf, lud dann die Gäste zu einer Kaffeetafel (...)“ Diese fand, wenn nicht im Turm selbst, sicher im „Finkenwärder Hof“ statt, denn William Rahmstorf war der Besitzer dieser großen, nahe am Turm gelegenen Gaststätte. „Sehr originell“, hieß es damals in dem Bericht von der Veranstaltung außerdem, „ist die Ausschmückung durch den einheimischen Maler Eduard Bargheer, der in packender Realistik Szenen aus dem Fischerleben und Landschaftsbilder al fresco geschaffen hat.“[35] Zwei große Fresken fertigte Bargheer dann auch für die im folgenden Jahr eröffnete Gorch-Fock-Halle an.

III

Drei Jahre später war eine „neue Zeit“ angebrochen. Hinrich Wriede zum Beispiel wurde nationalsozialistischer Schulleiter in Barmbek und vielbeschäftigter NS-Funktionär. Dennoch fand er Zeit, gegen den Finkenwerder Wasserturm zu polemisieren: Er schrieb in der Zeitung, dieser sei ein architektonisches „Scheusal“. Die Fresken im Turm waren vom NS-Regime zur „entarteten Kunst“ erklärt worden und der Pächter des Turms zeigte kein Interesse mehr.[36]Daraufhin erschien folgende Zeitungsnotiz: „Der Finkenwerder Aussichtsturm mit dem ehemaligen Maschinenhaus des Wasserwerks soll neu an einen Interessenten vergeben werden, da der bisherige Pächter, Herr W. Rahmstorf, zum 30. 9. von seinem Pachtvertrag zurücktritt. Die Wirtschafts- und Verkehrsvereinigung Finkenwerder richtet auf Veranlassung der Finanzdeputation an solche Finkenwerder Einwohner, die eventuell gewillt sind, den Aussichtsturm und das Maschinenhaus zu übernehmen, die Aufforderung, sich baldmöglichst mit schriftlichen Anträgen an den kommissarischen Stellv. Vorsitzenden Albershardt zu wenden.“[37]

Trotz verschiedener Proteststimmen, die sich für den Turm einsetzten[38], erstreckte sich die von der Heimatvereinigung – also auch Adolph Albershardt - angestrebte „Förderung des Heimatgedankens“ offenbar nicht auf dieses Wahrzeichen des Ortes; sie unternahm von sich aus nichts weiter zu seiner Erhaltung. Da sich kein neuer Pächter fand, wurde der Turm 1934 abgerissen. Die Fresken Bargheers wurden damit zerstört. (Seine Bilder in der „Gorch-Fock-Halle“ wurden übertüncht – und erst 1978 wieder restauriert.[39])

Albershardt war zu dieser Zeit offenbar schon mit ganz anderen Plänen beschäftigt, denn aus dem Jahr 1236 war eine Urkunde aufgefunden worden, in der die Insel bzw. der Ort erstmals genannt wurde („Vinkenwerder“). Möglicherweise hätte es ältere Dokumente gegeben, aber das Datum passte: Eine 700-Jahrfeier konnte für 1936 ins Auge gefasst werden.[40]Für Albershardt und die „Heimatvereinigung“ (wie sie nun meist hieß) war eine langfristige Planung für eine große Jubiläumsfeier angesagt. Zufall oder nicht, ein auch in Finkenwerder gut und einschlägig bekannter niederdeutscher Volkskundler begann zur gleichen Zeit über Finkenwerder zu recherchieren. Ab 1935 begann er – Dr. Ernst Finder[41]-, mit Adolph Albershardts Unterstützung seine Veröffentlichung von 1939/1940 vorzubereiten: „Die Elbinsel Finkenwärder. Ein Beitrag zur Geschichte, Landes- und Volkskunde Niedersachsens“.

 

Auch Albershardts eigene Pläne für das 700-Jahrfest nahmen Gestalt an: Die NSDAP übernahm die Schirmherrschaft, NSDAP-Ortsgruppenleiter Rudolf Pahl war Vorsitzender des „Arbeitsausschusses“, der für das Gelingen der Feierlichkeiten sorgen sollte. Dessen eigentlicher Motor war aber wohl Albershardt selbst.[42]Dieser ergriff die Gelegenheit, die seit den 1920er-Jahren „eingeschlafene“ „Finkwarder Speeldeel“ unter den neuen Vorzeichen wieder zu beleben. Das Fest wurde zweifellos zu einem großen Erfolg, war aber keineswegs so NS-frei, wie später behauptet wurde.[43]Immerhin trat die Spitze des Hamburger NS-Staats an – Bürgermeister C. V. Krogmann, Gauleiter und Reichsstatthalter Karl Kaufmann, auch Kultursenator v. Allwörden und viele Militärs, vor allem der Marine.[44]Albershardts „Finkwarder Speeldeel“ trat erstmals wieder in großer Öffentlichkeit auf[45](mit einem eigens für diesen Anlass geschriebenen Stück Rudolf Kinaus, das am Schluss verkündete: „Wir marschieren mit der neuen Zeit“). Aus den Reihen der „Speeldeel“ überreichten Mädchen in Finkenwerder Tracht den Prominenten des Hamburger NS-Staats und der Kriegsmarine ein heimatliches Geschenk.[46]

Passend zu den Feierlichkeiten kam Albershardt in seinem Überblick „Siebenhundert Jahre Finkenwärder“, den er für die „Festausgabe: 700 Jahre Finkenwärder“ des Heimatblattes „Norddeutsche Nachrichten“ verfasste, zur folgenden, nur verhalten niederdeutsch-kulturkritischen, fast schon euphorischen Schlussfolgerung:

„So ist das alte Finkenwärder denn unwiederbringlich dahin. Aber das neue Finkenwärder ist stolz auf seine Vergangenheit und hat die Gegenwartsaufgaben mit fester Hand angepackt. Es geht wieder aufwärts mit Finkenwärder im Dritten Reich! Die Fischerflotte reiht einen Neubau nach dem anderen ein und verjüngt sich. Neuer Wohnraum wurde geschaffen. Die Arbeitslosigkeit ist ständig gesunken. Das wirtschaftliche Leben hat sich wieder normal gestaltet. Mit Zuversicht sieht Finkenwerder seiner künftigen Entwicklung entgegen und so soll es denn auch heute noch heißen: Finkwarder blifft Finkwarder!“[47]

Dem „Speelboos“ und seiner Gruppe war der Dank des NS-Regimes gewiss.[48]

In der Folge waren Albershardt und seine „Speeldeel“ Teil der NS-Kulturpolitik: Ab 1936 gehörten sie zur „NS-Gemeinschaft 'Kraft durch Freude'“ und waren Teil der NS- „Vereinigung Niederdeutsches Hamburg“, welche ab 1935 die niederdeutsch bewegte „Volkstums“-Arbeit in Hamburg auf NSDAP-Linie zu bringen bestrebt war.[49] Albershardt berichtete im Organ der „Vereinigung“, der „Niederdeutschen Warte“, kontinuierlich von der Arbeit der „Heimatvereinigung“ bzw. der „Speeldeel“.[50]

Als Ende 1939 Ernst Finders Buch über Finkenwerder erschien, konnte dort nachgelesen werden, was Albershardt selbst (Finder hatte ihm dazu Gelegenheit gegeben) über die „Speeldeel“ schrieb:

„Eine Kampfgruppe für die Erhaltung und Sicherung des Volkstums war notwendig.“ (Albershardt sprach hier von 1906, als die „Speeldeel“ erstmals gegründet wurde.) „(...) Als dann Finkenwärder seine 700-Jahrfeier 1936 begehen konnte, gründete Adolf Albershardt (…) die 'Finkwarder Speeldeel' zum dritten Mal. (…) Die 'Finkwarder Speeldeel' fand schon 1936 Anschluß an die NS-Gemeinschaft 'Kraft durch Freude' (Amt Feierabend, Abteilung Volkstum und Brauchtum). Höhepunkt im Dienst von 'Kraft durch Freude' waren eine Fahrt mit der 'Monte Olivia' nach Norwegen (1937), der Tanz vor Frau v. Horthy beim Führerbesuch auf Helgoland (1938), die Teilnahme mehrerer Paare an der Jungfernfahrt des 'Wilhelm Gustloff' nach Italien (1938) und die Mitwirkung auf den KdF-Reichskongressen in der 'Hanseatenhalle' beim 'Volk spielt fürs Volk' (1938 und 1939).“[51]

Eine eingehendere Betrachtung dieser „Höhepunkte“ und der Vielzahl weiterer Veranstaltungen, die durch die „Heimatvereinigung“ und die „Speeldeel“ in Finkenwerder und umliegenden Orten sowie im Hamburger Gebiet stattfanden, erübrigt sich an dieser Stelle. Nur an einem Beispiel sei kurz illustriert, wie man sich den „Kampf“ der Gruppe Albershardts für die „Erhaltung und Sicherung des Volkstums“ im „Dienst“ von KdF vorstellen muss.

Der „Tanz vor Frau v. Horthy beim Führerbesuch auf Helgoland“ fand am 23. August 1938 statt. Frau v. Horthy war die Gattin des ungarischen Staatsoberhaupts, Reichsverweser Admiral v. Horthy, der von Hitler zuerst nach Kiel begleitet wurde (Frau v. Horthy wirkte dort am Stapellauf des Schweren Kreuzers „Prinz Eugen“ mit). Danach bekam v. Horthy auf Helgoland Befestigungsanlagen gezeigt. (Am nächsten Tag besichtigten Hitler und sein ungarischer Gast Kriegsschiffneubauten bei Blohm & Voss in Hamburg.) Es ging darum, v. Horthy auf die künftige Rolle Ungarns als Verbündeten des Großdeutschen Reiches bei den Überfällen auf Jugoslawien und die Sowjetunion einzustimmen.[52]

Als Teil des Damenprogramms auf Helgoland überreichte der Reichsverweser-Gattin „auf der Mole ein junges Fischerehepaar“ zunächst „einen prachtvollen Hummer“, und schon „hatten die Trachtengruppen aus den Vierlanden, von Finkenwärder und von der Insel Föhr Aufstellung genommen. (…) Frohe Tanzmusik klang auf, die Vierländer, die Finkenwärder, die Hamburger und die Föhrer sangen und tanzten ihre alten Fischer- und Volkstänze zu Blasmusik und Schifferklavier.“[53]

Einige Wochen später sahen sich die Vierländer und Finkenwerder Trachtengruppen wieder, und nach einer volkskundlichen Besichtigung von Neuengamme ging es „an die Kaffeetafeln. Manche Erinnerung an die Helgolandfahrt wurde ausgetauscht. Große Freude herrschte bei den Vierländern, als ihnen ein Bild überreicht wurde, das den Führer und Admiral von Horthy zeigt, wie sie an den Finkenwärdern und Vierländern vorübergehen.“ Schon Ende des folgenden Monats stattete die „Speeldeel“ bei den Vierländern ihren nächsten Besuch ab. Sie gestaltete einen „Bunten Abend“; um genau zu sein: Gastgeberin war die dortige Ortsgruppe der NSDAP.[54]

Dem Leiter der Finkenwerder Trachten- und Theatergruppe war sehr wohl bewusst, dass es bei solchen KdF-Auftritten um nationalsozialistische Politik ging. Als die „Speeldeel“ für eine der Vorzeige-Unternehmungen der KdF eingeplant wurde, eine der Schiffsreisen mit der „Monte Olivia“ in Richtung Norwegen, beantragte Adolph Albershardt am 9. Juni 1937 Sonderurlaub bei der Schulbehörde: „Die 'Finkwarder Speeldeel', deren Leiter ich bin,“ schrieb er, „hat die ehrenvolle Einladung zur Teilnahme an der K.d.F. Nordlandfahrt vom 15. - 21. Juni erhalten. An dieser Fahrt nimmt auch der Herr Reichsorganisationsleiter [der NSDAP] Dr. Ley [zugleich Leiter der „Deutschen Arbeitsfront“, DAF, und damit von deren Unterabteilung KdF] teil. Die 'Finkwarder Speeldeel' wird als Volkstanz- und Trachtengruppe Deutschlands zu gelten haben, denn andere außerhamburgische Gruppen sind nicht aufgefordert worden, sondern nur die ausländischen Volks- und Tanzgruppen. Die 'Speeldeel' wird im Rahmen der Bordveranstaltungen mitwirken. (…) Heil Hitler! Adolf Albershardt. Lehrer, Norderschule in Finkenwärder.“[55]

Inzwischen hatte Adolph Albershardt auch für sich persönlich die Konsequenz aus dem Bekenntnis des „Quickborn“ von 1933 gezogen: „Wenn irgendwo das neue Reich Helfer am gemeinsamen Werk findet, dann bei uns Plattdeutschen.“[56] Er gehörte nicht zu den „alten Kämpfern“, auch nicht zu den „Märzgefallenen“, die 1933 eiligst in die NSDAP strömten. Wie die meisten Lehrer schloss er sich aber mit Beginn des „Dritten Reichs“ dem „Nationalsozialistischen Lehrerbund“ (NSLB) an - am 1. Mai 1933. Ein Jahr später, ab dem 1. April 1934, war er Presse- und Propaganda-Ortswalter der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ (NSV). (Seit Mai 1933 zählte diese als Parteiorganisation der NSDAP.)  Im Frühjahr 1937 wurde das 1933 ausgesprochene generelle Partei-Eintrittsverbot aufgehoben, und nun war auch Albershardt - ab dem 1. Mai des Jahres - „Parteigenosse“.[57]

Albershardts weiterer Weg „im Dienst“ der KdF hat ihn und seine Folkloregruppe – wie die KdF insgesamt – in die Truppenbetreuung geführt. Nach Kriegsbeginn wurden keine Schiffsreisen mehr veranstaltet, das KdF-Programm wurde eingeschränkt, schließlich, 1943, umstrukturiert: Das einstige „Zugpferd“ der Organisation, das „Amt für Reisen, Wandern und Urlaub“ wurde aufgelöst, und alle verbliebenen Ämter im „Amt für KdF-Truppenbetreuung“ bzw. „Betreuung der Werkschaffenden“ zusammengelegt: „Das ehemalige Freizeitprogramm wurde letztlich zu einer Hilfsorganisation, die den Krieg mit unterstützte und den Durchhaltewillen der deutschen Bevölkerung stärkte.“[58] So trat die „Speeldeel“ bei einer ganzen Reihe solcher kriegsfördernder Veranstaltungen auf [59], war selbst in diesem Rahmen aber noch für besonders herausragende Aufgaben vorgesehen. Als es darum ging, den Bedarf und das Programm der erforderlichen Wehrkraft-Stärkung zu planen, wurden die Finkenwerder in der Ordensburg Crössinsee angefordert, wo sie vor „Wehrbetreuungs-Offizieren“ niederdeutsche Tänze vorführen sollten. Als Dank durften die Mitwirkenden anschließend 1943 (und/oder 1944) in das seit 1940 besetzte Dänemark fahren, wo es vieles zu kaufen (und zu essen) gab, was in Deutschland inzwischen Mangelware war. [60]

IV

Die Schwierigkeiten, mit der „Volkstums“-Arbeit wie gewohnt fortzufahren, wurden bereits 1940 in einem Bericht von der „Jahres-Hauptversammlung der Finkenwärder Heimatvereinigung“ deutlich, der unter der Überschrift „Aufgaben für die Heimat Finkenwärder“ im Heimatblatt „Norddeutsche Nachrichten“ erschien: „Die Betätigung auf kulturellem Gebiet“, wird dort referiert, „ habe zwar eine Beschränkung erfahren - man brauche dabei nur an die 'Finkenwarder Speeldeel' zu denken -, doch werde schon jetzt alles getan, um nach der siegreichen Beendigung des Krieges die kulturelle Arbeit mit verstärktem Nachdruck wieder aufzunehmen.“[61] Kurz nach Erscheinen dieses Artikels wurde auch Finkenwerder von den ersten Fliegerbomben getroffen.[62]

Ob Adolph Albershardt in dieser Zeit alle oder nur einige Auftritte seiner „Speeldeel“-Spieler(innen) und -Tänzer(innen) begleitet hat, ist in den veröffentlichten Berichten und Übersichten nicht dokumentiert. Angesichts der Kriegsentwicklung ab 1940/1941 – mit den Auswirkungen auf das Leben in Hamburg, beispielsweise das zunehmend beeinträchtigte Schulwesen – war eine stärkere Inanspruchnahme des Lehrers Albershardt durch seine schulischen Aufgaben unvermeidlich.

Ab Oktober 1940 setzte auch in Hamburg – und selbst im stadtfernen Finkenwerder – die zeitweise intensiv propagierte Erweiterte Kinder-Land-Verschickung (KLV) ein, für die Lehrer und Lehrerinnen als Begleitung und KLV-Lagerleitungen gebraucht wurden (als Aufenthaltsdauer wurde anfangs von 6 Monaten ausgegangen, später dauerten die Aufenthalte länger).

Albershardt war in dieses KLV-Programm von Beginn an eingebunden. (So erklärt sich auch die Lücke in der „Speeldeel“-Auftrittsliste 1940/1941 [63] und die zeitweise veränderte bzw. reduzierte Berichterstattung über Finkenwerder in den „Norddeutschen Nachrichten“.[64]) Die erste KLV-Aktion mit Hamburger Schülerinnen und Schülern begann am 3. Oktober 1940. Das Hamburg zunächst hauptsächlich zugewiesene KLV-Aufnahmegebiet war Bayern (Gau Bayreuth bzw. Bayerische Ostmark) – Ober- und Mittelfranken, Oberpfalz und Niederbayern.

Für Finkenwerder wurde die erste KLV-Verschickung unter der Überschrift „Reise nach dem Süden“ am 19. November 1940 im Heimatblatt gemeldet. Am 3. Dezember erschien der erste Bericht aus der „bayrischen Ostmark“, dem „Oberpfälzer Land“. Ebenfalls im Dezember folgte die Meldung, dass der Nikolaus bei den KLV-Kindern in der Oberpfalz gewesen sei, und pünktlich zu Weihnachten wurde versichert, mit Weihnachtseinkäufen der Lehrer in Regensburg sei das Fest bestens vorbereitet worden. „Lustiges Lagerleben der Finkwarder Jungs“ wurde drei Tage nach dem Heiligen Abend vermeldet, und ein beigefügtes Foto illustrierte, dass sich „29 lebendige Jungs“ in dreistöckigen Metallbetten, „die sonst dem Reichsparteitag dienten“, pudelwohl fühlten. Der Fotograf war angegeben: A. Albershardt.

„Lehrer und Lagerleiter Albershardt“, wie es in der Zeitung mittlerweile eindeutig hieß, sorgte für ungetrübten Lagerspaß, wollte man den weiteren Berichten glauben. „Finkenwerder Jungs auf Skiern. Bericht über Freude und Gesundheit aus der Oberpfalz“, stand am 12. Februar 1941 zu lesen.

Die Handschrift Albershardts bei der Gestaltung des Lagerlebens war unverkennbar; auch und gerade in Bayern war er niederdeutscher „Volkstumskämpfer“: Er ließ seine „Jungs“ plattdeutsches Theater spielen – und den bayrischen Zuschauern standen gleichsam die Münder offen! So wurde jedenfalls im Januar 1941 berichtet: „Finkwarder Platt in Bayern. Jawohl, da waren allerdings die Gastgeber da unten 'platt'.“

„Eine Schulklasse war der Schauplatz des Nachmittags (…). Ortsgruppenleiter, Bürgermeister und die Orts-Frauenschaftsleiterin waren erschienen (…). Die Mädel führten ein Märchenspiel [Rumpelstilzchen] – aus dem Stegreif geschaffen – auf. Die Jungen aber fühlten sich bei dem Kasperlspiel so richtig in ihrem Element. Das war eine 'Jung-Speeldeel' im besten Sinne (…). Kasper, Mariechen, Doot und Dübel fehlten natürlich nicht (…).“ Und für einen nächsten Spiel-Nachmittag wurde von dem ungenannten, aber zu erahnenden Berichterstatter versichert: „'Finkwarder Platt' wird dabei seinen Platz neben dem Hochdeutschen behaupten.“

Am 18. Februar 1941 erfolgte ein vorläufiges Resümee: „Auf einer kurzen Dienstreise weilte der Lagerleiter der landverschickten Kinder von Finkenwärder, Adolf Albershardt, einige Tage in Finkenwärder. (…) So waren denn gestern abend im 'Finkenwärder Hof' die Eltern restlos erschienen und lauschten den herzlich gehaltenen Schilderungen Albershardts. (…) Es war sein Bestreben, in seinem Lager einzelne Gruppen aufzustellen, die gegenseitig in Wettstreit treten, die Besten und Tüchtigsten zu sein. (…).“ Weiter konnte der Lagerleiter den Eltern mitteilen: „Nichts, aber auch gar nichts merken wir von diesem Krieg (…).“ Wegen der „vortreffliche[n] Leistung der dortigen NSV.-Stellen“ (die NSV hatte u.a. für die finanzielle Seite der KLV-Verschickungen zu sorgen) sei alles in bester Ordnung, - es gebe gutes Essen und Gewichtszunahme der Kinder sei zu vermelden.

Nach solch positivem Bericht konnte Dank und hoffnungsvoller Ausblick nicht ausbleiben: „Im Auftrage der Eltern dankte Frau Remmer (…): 'Nicht Worte können den Dank aussprechen, wie ihn mein Mutterherz in sich trägt.'“ NSDAP-Parteigenosse Jacobi, Ortsgruppenamtsleiter der NSV in Finkenwerder, ergänzte: „Das nächste Wiedersehen soll uns im Frieden nach einem glorreichen Sieg beschieden sein.“[65]

Wie viel von der Berichterstattung in den „Norddeutschen Nachrichten“ für bare Münze zu nehmen war und ist, bleibt ungewiss. Dass die Erwartung eines „glorreichen Sieges“ nicht eintrat, ist bekannt. Fest steht, dass Albershardt auch nach 1941 weiterhin noch als KLV-Leiter tätig war, nach Bayern zumindest noch in Böhmen/Mähren, dem annektierten Sudetenland. Unter dem Datum 24. Januar 1945 hat er als Lagerleiter und Klassenlehrer für eine Reihe Finkenwerder Schüler Entlassungszeugnisse (mit Bestätigung der Volksschulreife) aus dem KLV-Lager (BM/530) – Hotel Manstwl, Kamaik a. d. Moldau - ausgestellt.[66] Er blieb somit ganz bis zum Schluss 1945 mit der KLV befasst.

In den letzten Tagen der NS-Herrschaft überschlugen sich die Ereignisse allerdings auch aus Finkenwerder Sicht. Nach Zeitzeugenberichten zu schließen, war Albershardt zu diesem späten Zeitpunkt wieder in Finkenwerder. Ein damals selbst an der Verschickung teilnehmender Schüler erinnerte sich später, dass „die Eltern der mit ihm KLV-verschickten Kinder über sein [Adolph Albershardts] Verhalten kurz vor Kriegsende sehr empört gewesen seien. Albershardt habe sich mit seinem Sohn und der Lehrerin Frl. Rickmers nach Westen abgesetzt und die ihm anvertrauten Kinder hilflos zurückgelassen. Daß diese nicht von der Front überrollt wurden und schließlich wieder zuhause ankamen, sei nur deutschen Soldaten zu verdanken, die die Kinder mitnahmen.“ (Bericht 5)

Ein anderer damaliger Schüler, eigentlich von der Oberschule für Jungen in Altona, wurde seiner Erinnerung nach 1945 „in die Aueschule in Finkenwerder umgeschult (…).“ Weiter lautet sein Bericht: „Der Leiter der Schule, Adolf Albershardt sen., organisierte für die verbliebenen Schüler eine KLV, an der auch sein Sohn teilnehmen sollte. Am Vorabend der Abreise Ende Januar 1945 teilte er den Eltern der mitreisenden Schüler mit, daß sein Sohn wegen einer akuten Brechdurchfall-Erkrankung nicht mitfahren könne.

Später erfuhren die Eltern, daß die russische Armee an diesem Tag die 'Mährische Pforte' durchstoßen hatte, was zu einem schnellen Vorstoß in das Zielgebiet der KLV führte. Die besorgten Eltern brachten die Erkrankung von Albershardts Sohn bald mit dem Frontverlauf, der A[lbershardt]. als führendes Parteimitglied eher bekannt gewesen sein dürfte, in Verbindung.

(…) Als sie [die KLV-verschickten Kinder] in Jermer-Josefstadt, heute Jaromir [Jaromer-Josefov] (Böhmen und Mähren) ankamen, saßen die dort in einer Schule untergebrachten Finkenwerder Schüler quasi schon auf gepackten Koffern, Trecks aus Schlesien zogen durch den Ort. (…) Die Gruppe bekam schließlich einen Eisenbahnwaggon zugeteilt, der an einen Zug mit Verwundeten angekoppelt wurde. So gelangten sie unbeschadet nach Bayern, wo sie in einem Kloster einquartiert wurden. Die HJ-Führer setzten sich ab, die Lehrer blieben zum großen Teil bei ihnen, waren aber nicht in der Lage, die Schüler zu versorgen. (…) Im August 1945 wurden sie schließlich von einem HHA[Hamburger Hochbahn AG.]-Bus, der holzkohlebefeuert war, abgeholt und nach Hamburg zurückgebracht.“(Bericht 17) [67]

V

Für den ehemaligen NSDAP-Parteigenossen Albershardt hat sich all dies nach dem Ende des „Dritten Reichs“ nicht wirklich zum Nachteil ausgewirkt. Im obligatorischen Entnazifizierungsverfahren ist er offenbar nicht belastet worden. Er fungierte, als der Schulbetrieb wieder aufgenommen wurde (September 1945), zunächst als stellvertretender Schulleiter der Aueschule (die nun wieder, wie bis 1932, unabhängig von der Norderschule war). Erinnerungen an seine Vergangenheit als NS-aktiver Lehrer und niederdeutsch bewegter „Volkstumskämpfer“ wurden notfalls abgeblockt [68] oder von ihm selbst vertuscht, so etwa in seiner Überarbeitung des Finkenwerder-Buches von Ernst Finder. In dessen von Albershardt selbst bearbeiteten Neuausgabe wurden 1951 NS-Reminiszenzen (z.B. die Darstellung der KdF-Arbeit der „Speeldeel“) umgeschrieben oder gestrichen.[69] Der alte Ton war aber noch da: Noch immer ging es in Albershardts Formulierung um „Volkstum“ [70]. Und ein Jahr später wünschte er zum 125. Jubiläum seiner Schule, deren Schülerinnen und Schüler von ihm immer noch „Jungen und Mädel“ genannt wurden, nicht einfach nur eine gute weitere Entwicklung. Diese möge stattfinden, schloss er, „zum Segen unserer Vaterstadt Hamburg, zum Segen unseres deutschen Vaterlandes!“ [71] Als er etliche Jahre später Finkenwerders jüngere Geschichte skizzierte, war ihm die NS- und Kriegszeit einem (vermeintlichen) Naturereignis gleich – der Sturmflut 1962. Beide Katastrophen seien über Finkenwerder „hinweggebraust“.[72]

Für sein zunehmend zentrales Aktionsfeld, die Auftritte der „Finkwarder Speeldeel“, hatte er schon bald nach dem Systemwechsel 1945 die Richtung vorgegeben: Weitermachen! In einem Brief Ende 1946 an die Mitwirkenden der „Speeldeel“ schrieb er: „Ober ook dat is woahr: wü hebbt ook Krisen to oberstohn hatt. Männigmol müsst een dinken, de ganze 'Speeldeel' heul dat ne ut un güng to Strund. Wü sünd ober ut Krisen jümmers noch stärker rutkommen. Nee ünnerkriegen loten, hebbt wü uns jümmers seggt. (…) So lot uns tohoopstohn, lot uns Kraft för de Heimat un dat scheune Finkwarder Platt hergeben!“[73]

Am 5. August 1960 wurde ihm von Hamburgs Kultursenator Dr. Biermann-Ratjen das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse überreicht. Albershardt habe sich, so die damalige Begründung, „durch langjähriges Wirken auf kulturellem und kommunalem Gebiet verdient gemacht.“[74] Nach seinem Tod 1969 wurde – wie erwähnt - in Finkenwerder eine Straße nach ihm benannt, der „ Albershardtweg “.

Text: Ralph Busch

ANMERKUNGEN
1 Hans-Joachim Meyer, „De Krönk un de 'Ehrenspeelboos'“, „Quickborn“ 1/2008, S. 2
2 Die Geschichte der „Finkwarder Speeldeel“ ist im Auftrag der „Speeldeel“ selbst dargestellt worden, allerdings in verharmlosender Weise, was die NS-Zeit betrifft - siehe dazu Willi-Bredel-Gesellschaft. Geschichtswerkstatt e.V. [Hg], Rundbrief 2007, 18. Jahrgang, [S. 1-38], http://www.bredelgesellschaft.de/schoeps/rb2007.html (6.7.15) und Meyer, (wie Anm. 1), S. 21-27: Monika Mönkemeier, Frische Bris van de Ilv. 100 Jahre Finkwarder Speeldeel, hrsg. v. d. Finkwarder Speeldeel, Hamburg 2006
3 So Paul Wriede in den „Mitteilungen aus dem Quickborn“ 18/1924, S. 44.
4 In einem Zeitungsartikel „Finkenwerder braucht noch mehr Schulen“ wird berichtet: „Die Heimatvereinigung wählte nach über vier Jahrzehnten einen neuen Vorsitzenden: Werner Marquart. Er tritt die Nachfolge Adolf Albershardts an, der, wie berichtet, im Dezember 1969 starb. 'Ein Verlust, der unsersetztlich ist', hieß es.“ (Fotokopie des ungezeichneten, undatierten Artikels – ohne Angabe der Zeitung – im Schularchiv der Westerschule, Zeitungsausschnitt-Sammlung)
5 Dem Straßenschild „ Albershardtweg “ ist als erklärender Text beigefügt: „Adolph A. (1892-1969) Lehrer in Finkenwerder, Förderer heimatlicher Kulturpflege“.
6 Kurze, durchweg unkritische biographische Skizzen liegen vor bei Kurt Wagner/Rudolf Meier/Hinrich Stroh, Finkenwerder. Auf den Spuren der Vergangenheit, Hamburg 1986 (2. Aufl.), S. 164/165 (ohne Verfasserangabe); im „Offiziellen Mitteilungsblatt des Kulturkreises Finkenwerder“, der Zeitschrift „De Kössenbitter“ 3/1992, Nr. 1, S. 1, der Artikel: „Adolf Albershardt sen. Ein Leben für Finkenwerder – zum 100. Geburtstag“; und in Mönkemeier (wie Anm. 2), S. 30.
7 Angaben zu Albershardt nach: Schularchiv Aueschule, Ordner: „Lehrer/auf Finkenwerder/an der Aueschule“: „Verzeichnis der Lehrer und Lehrerinnen, die an der Aueschule seit Gründung dieser Schule im Jahre 1827 tätig waren. (bis 1919) (aufgezeichnet von Karl Johns, Leiter der Aueschule von 1888 bis 1919, mit Ergänzungen von A. Albershardt)“, Nr. 63 - Das Programm der „Hundertjahr-Feier auf Finkenwärder am 18. Oktober 1913“ sah als Punkt 4 vor: „(...) 9 Uhr abends Siegesfeuer (…) Gemeinsamer Gesang: 'Flamme empor'. 'Frisch auf, mein Volk', Herr Albershardt. Festrede mit Kaiserhoch. Herr Johns“.(Schularchiv Aueschule, Ordner: „Auszüge/Kopien – Lehrerkonferenzen 1901/1932)“ – Albershardt hat bei verschiedenen ähnlichen Gelegenheiten Texte vorgetragen, z.B. sah das Programm der Kaisergeburtstagsfeier am 27. Januar 1913 vor: „Ansprache: Herr Albershardt“ und laut Beschluss der Lehrerkonferenz am 9. Juli 1913 wurde im Programm für die „Feier des Regierungs-Jubiläums Sr. Majestät des Kaisers“ vorgesehen: „(...) 2. Dekl[amation].: Herr Albershardt“. (Ebd.) - Bei dem Gedicht zur „Völkerschlacht“-Feier handelt es sich um „Aufruf“, verfasst 1813 von Theodor Körner (hier nur die erste und letzte Strophe, nach der Ausgabe: Theodor Körner, Leyer und Schwerdt. Einzige, rechtmäßige, von dem Vater des Dichters veranstaltete Ausgabe, Berlin 1814, S. 37-39).
8 Mönkemeier (wie Anm. 2) spricht von Albershardt als „Ulan“ (S. 30); in Wagner/Meier/Stroh (wie Anm. 6), S. 164, ist er „als Reserveleutnant der Husaren“ aus dem Krieg nach Finkenwerder zurückgekehrt.
9 Schularchiv Aueschule (wie Anm. 7)
10 Schularchiv Aueschule, Ordner: „Schulverwaltung 1899 bis 1919, 3, Schriftwechsel 1917-1919“
11 Ebd.
12 Ebd.
13 Schularchiv Aueschule (wie Anm. 7)
14 Ebd.
15 Hamburger Staatsarchiv, PA 361-3, A 1484; „Hamburger Fremdenblatt“, 14. Dezember 1921 (nach Zweifeln der Oberschulbehörde, ob Albershardt die zweite Lehrerprüfung abgelegt habe, berichtete dieser): „Ein Schriftstück (…) bewies, daß ich tatsächlich die Prüfung bereits im März 1916 abgelegt und bestanden hatte.“
16 Schularchiv Aueschule (wie Anm. 7)
17 Wie vom Hamburger Arbeiter- und Soldatenrat im März 1919 verordnet (und von der Bürgerschaft im April bestätigt), mussten sich die Schulleiter einer Wahl durch das Kollegium stellen; einige lehnten dieses Verfahren ab, so auch Karl Johns. Auf der „Sitzung des Wahlkollegiums für die Aueschule, am 8. Mai 1919“ wurde festgehalten: „Der bisherige Hauptlehrer [d.h. Schulleiter] Johns gibt zu Protokoll: 'Einer Neuwahl will ich mich nicht unterziehen.'“ (Schularchiv Aueschule, Ordner: „Auszüge/Kopien – Lehrerkonferenzen 1901/1932“) Die „Wahlversammlung am 10. Juni 1920 in der Aueschule“ führte dann zur Bestimmung eines neuen, jungen Schulleiters: „(...) Herr Müller ist somit gewählt.“(Ebd.)
18 Das vorangehende Zitat zu Albershardts früher „Heimatliebe“ aus Wagner/Meier/Stroh (wie Anm. 6), S. 164. - Zu Hinrich Wriede siehe auch dessen Vita in dieser Datenbank.
19 Siehe Mönkemeier (wie Anm. 2), S. 25. - „In der Chronik der Liedertafel 'Harmonie [Finkenwärder von 1865]' heißt es im Jahresbericht 1920: 'Der Schriftführer Albershardt ist wegen Mitwirkens bei der 'Finkwarder Speeldeel' dauernd verhindert mitzusingen. Er legt sein Schriftführeramt nieder …'.“ (Ebd.)
20 Siehe „Mitteilungen aus dem Quickborn“ 13/1920, S. 120. - In den „Mitteilungen aus dem Quickborn“ 9/1915-16, S. 124, wird Adolf Albershardts Beitritt zum ersten Mal gemeldet; möglicherweise kam eine Mitgliedschaft zu dem Zeitpunkt doch nicht zustande, da er sich „z. Zt. Im Felde“ befand und 1916 nur kurz in Hamburg war (siehe Anm. 15) (Zugleich mit Albershardt und der „Speeldeel“ trat übrigens 1920 auch Ernst Bargheer in den „Quickborn“ ein. Er war Finkenwerder Volksschullehrer, niederdeutscher Volkskundler und später, in der Anfangszeit des „Dritten Reichs“, führender nationalsozialistischer Mitarbeiter im NS-Reichserziehungsministerium.)
21 Zu Einzelheiten der Verbindung zwischen dem „Quickborn“ und der Finkenwerder Niederdeutsch-Szene siehe Hinrich Wriedes Vita in dieser Datenbank.
22 Siehe dazu Adolf Albershardt, „Fünfzig Jahre Finkenwärder“, „Norddeutsche Nachrichten“, 5. Januar 1929 (S.37/38), ein Artikel, den später Ernst Finder in seinem Finkenwerder-Buch mehrfach herangezogen hat.
23 Siehe Harald Schloz, Finkenwerder - vom „Fischeridyll“ zum „Industriestandort“?, Hamburg 1996, S. 289.
24 Werner Marquart zum 75-jährigen Bestehen der „Heimatvereinigung“ in: „De Kössenbitter“, August 1997, S. 2, zitiert nach Jens Homann, Die Zeit des „Dritten Reiches“ in Finkenwerder im Spiegel der heimatgeschichtlichen Literatur, unveröffentlichtes Typoskript, Hamburg 2009, Band 1, S. 49
25 Wagner/Meier/Stroh (wie Anm. 6), S. 165
26 Im Laufe der Jahre variierten die Funktionsbezeichnungen: Meist galt Albershardt als „Vorsitzender“, manchmal als „kommisarischer“ oder „stellvertretender Vorsitzender“ (tatsächlich war der NSDAP-Ortsgruppenleiter Rudolf Pahl zeiweilig auch „Vorsitzender“ der Heimatvereinigung), durchweg ist aber davon auszugehen, dass die eigentliche Vereinsarbeit von Albershardt geleitet wurde.
27 Die als Gründungsmitglieder genannten Finkenwerder waren die Herren Oehms, Harms, Rahmstorf, Allgeier, Horstmann, Friedrichs, Steffens, Rabeler, Harms, Tietzel, Schwartau und Fock – laut dem Abschnitt über die Heimatvereinigung (ohne Verfasserangabe) in: Ortsamt Finkenwerder (Hg.) Willkommen in Finkenwerder, Hamburg 1980, S. 37. (Hier auch das Zitat zum „persönlichen Einsatz“ Albershardts.) - Bei einer Einwohnerzahl von damals rund 5000 Personen im nördlichen Teil, also Finkenwärder, abzüglich der für kommunalpolitische Entscheidungen wohl kaum herangezogenen Frauen und Kinder, stellt eine Zahl von 333 Mitgliedern einen erheblichen Prozentsatz dar: Wer informiert sein wollte und möglicherweise auch mitreden (entscheiden?) wollte, tat sicher gut daran, sich der „Wirtschafts- und Verkehrsvereinigung“/„Heimatvereinigung“ anzuschließen.
28 Staatsarchiv Hamburg, PA 361-3, A 1484 – Brief an die Landesunterrichtsbehörde, 24. Juni 1933; darin erwähnt Albershardt, dass er sich auch schon 1925 seine Betätigung als Finkenwerder Lokaljournalist hat von der Oberschulbehörde genehmigen lassen; am 6. Juli 1934 bittet er in einem weiteren Schreiben an die Landesunterrichtsbehörde um die Bestätigung, „daß die schriftstellerische Betätigung (Artikel über kommunale Fragen, Heimatgeschichte usw.) auch weiterhin genehmigt ist.“ Nach 1945, am 13. Januar 1951, meldet er der neuen Schulbehörde als „nichtgenehmigungspflichtige Nebentätigkeit“ seinen Lokaljournalismus, den er als „freier heimatkundlicher und heimatgeschichtlicher Schriftsteller“ betreiben werde.
29 In dem Schreiben vom 24. Juni 1933 (siehe Anm. 28) führte Albershardt aus: „Eine solche Mitarbeit [über kommunale Angelegenheiten Finkenwerders] ist in kleinen Orten allgemein üblich, da sie nur gelegentlich ausgeübt werden kann. Die Anstellung hauptamtlicher Berichterstatter kommt aus diesem Grunde nicht in Frage.“
30 Johannes Kröger (1882-1975) war seit 1910 Chefredakteur der „Norddeutschen Nachrichten“, die in Altona bzw. im Hamburger Westen als lokales Heimatblatt erschienen. Zahlreiche Lokalzeitungen („Kopfblätter“), so auch die „Finkenwärder Nachrichten“, gehörten dazu. Die Zeitung enthielt dann eine feste Rubrik mit lokalen Nachrichten u.a. für und aus „Finkenwärder“. „Zeitung und Verlag (…) blickten auch für die Zeit vor der Machtübernahme der NSDAP keineswegs auf eine blütenreine demokratische Vergangenheit zurück, obwohl sie ihre politische Ausrichtung immer als 'liberal' angegeben hatten. 1930 war das sozialdemokratische 'Hamburger Echo' zu dem Urteil gekommen, die 'Norddeutschen Nachrichten' und ihre zahlreichen Kopfblätter seien Zeitungen 'ganz nach dem Herzen der Hugenberg- und Hitler-Mannen'; den Journalismus, der in Blankenese betrieben wurde, bewertete das H[amburger] E[cho] sogar als 'kommunalpolitische Brunnenvergiftung' (…). (Karl Christian Führer, Medienmetropole Hamburg. Mediale Öffentlichkeiten 1930-1960 (= Forum Zeitgeschichte 20), München/Hamburg 2008, S. 453) Die Zeitung erschien auch nach 1933 - weiter geleitet von Johannes Kröger – bis zur „kriegswirtschaftlich“ bedingten Einstellung 1943. (1936 wurde die Buchdruckerei „von der NS-Presseholding Vera aufgekauft“. (Ebd., S. 453)) Als es ab September 1949 keiner Lizenz der britischen Besatzungsbehörden mehr bedurfte, gaben die Krögers das Blatt 1950 wieder heraus und Johannes Kröger blieb Chefredakteur. Diese neuen „Norddeutschen Nachrichten“ „galten den Briten als 'moderately right-wing'; zugleich vermerkten sie 'a clear anti-communist tendency'.“ (Ebd., S. 504) Ganz parteioffiziell wurden die „Norddeutschen Nachrichten“ als „CDU-Zeitung“ bezeichnet. (Siehe Politisches ABC, hrsg. v. Bundesgeschäftsstelle der CDU Deutschlands, Bonn, Argelanderstraße 173, Bonn o. J. 1952, Stichwort „CDU-Zeitungen“, S. 39.) Bei dem Betrieb der Krögers brachte Adolph Albershardt dann seinen Sohn, Adolf „Adi“ Albershardt, unter: „Nach der Schule machte er ein Voluntariat bei Krögers Buchdruckerei (...)“.(Mönkemeier (wie Anm. 2), S. 70) „Adi“ Albershardt, der nach eigenem Bekunden gerne Fischer geworden wäre, erinnerte sich später: „Aber mein Vater schob mich auf eine andere berufliche Schiene. Und so wurde ich Redakteur bei den 'Norddeutschen Nachrichten', damals in Blankenese.“(„Hamburger Abendblatt“, 18. Februar 1991) 1957 wurde das Blatt als Tageszeitung eingestellt. (Siehe Führer, Medienmetropole, a.a.O., S. 505.)
31 Der „Arbeits- und Werbeausschuß“ bestand aus: „Albershardt, Camper, Gagelmann, Gölzer, Jörß, Matthiesen, Schottländer, Wecken, Hinrich Wriede, D. Wulf, H. Wulf.“ („Mitteilungen aus dem Quickborn“ 18/Winter 1924/1925, S. 42/43)
32 Im vorliegenden Zusammenhang kann die Liste des „Ehrenausschusses“ nicht näher kommentiert werden; die Prominenz der vertretenen Namen ist auf den ersten Blick ohne Weiteres augenfällig: „Universitätsprofessor Dr. Borchling, Geheimrat Dr. W. Cuno, Franz Ferdinand Eiffe, Hauptpastor D. Horn, Rudolf Kinau, Senator E. Krause, Präsident der See-Berufsgenossenschaft Richard C. Krogmann, Verleger der 'Finkenwärder Nachrichten' Johs. Kröger, Fischereidirektor Lübbert, Felix Graf von Luckner, Bürgermeister D. Dr. W. Von Melle, Ernest Merck i. Fa. H. J. Merck & Co., Schulrat Prof. Dr. W. Meyer (Turnkreis 'Norden'), Dr. A. Obst (Schriftsteller- und Journalistenverein), Präsident der Bürgerschaft R. Roß, Direktor Dr. Wm. Scholz (Deutsche Werft), Bürgermeister Dr. C. A. Schröder, Oberbaudirektor Prof. Dr. ing. Fritz Schumacher, J. C. Stülcken, Max M. Warburg, Direktor E. M. Warnholtz (Hamburg-Amerika Linie), Paul Wriede (Vereinigung 'Quickborn').“ (Ebd.)
33 Ebd.
34 Siehe dazu Fritz Schumacher, Stufen des Lebens. Erinnerungen eines Baumeisters, Stuttgart/Berlin 1935, S. 422; Rudolf Kinaus Rede: „Mitteilungen aus dem Quickborn“ 24/1930-1931, S. 2/3. - Der Antrag des Senats (Nr. 189), auf der 22. Sitzung der Bürgerschaft, am 26. Juni 1929, lautete: „Der Senat beantragt, die Bürgerschaft wolle für den Neubau einer Turnhalle für die drei Finkenwärder Volksschulen 181 000 RM bewilligen und genehmigen, daß dieser Betrag den durch Beschluß der Bürgerschaft vom 29. April 1929 in den außerordentlichen Haushalt für Volksschulbauten eingestellten 5 Millionen Reichsmark entnommen wird.“ Der Antrag wurde nach kurzer Diskussion ohne Änderung angenommen. (Stenographische Berichte über die Sitzungen der Bürgerschaft zu Hamburg im Jahr 1929, Hamburg o.J., S. 884-886)
35 Zitiert aus dem ungezeichneten Artikel „Vom Wasserturm zum Aussichtsturm“, 14. Mai 1929, ohne Angabe der Zeitung („Norddeutsche Nachrichten“?), Fotokopie im Schularchiv Westerschule.
36 Zu „entartet“: Volker Plagemann, Eduard Bargheer, Hamburg 2008, S. 92. - Zum Pächter: Offenbar „hielt der Pächter den Turm vorwiegend verschlossen, sodass sich ein Kunstfreund am 1. März 1932 im Hamburger Fremdenblatt bemüßigt fühlte, zu klagen, 'Schätze, (…) schönste Teile unserer engeren Heimat' würden dem Publikum vorbehalten. Rechte Stimmen auf der Insel und in der Behörde polemisierten nach der Machtübernahme gegen die historisch-städtische Architektur des Turms und seine teure Instandhaltung, die durch die Eintrittsgelder nicht gedeckt wurde, auch gegen die in der NS-Zeit verpönte schwarz-rot-goldene Flagge der Weimarer Republik auf Bargheers Deichszene [eines der 12 Bilder im Turm].“(Maike Bruhns, Bauschmuck bei Fritz Schumacher. Ein Kaleidoskop der Künste, München/Hamburg 2013, S. 136) (Laut Kurt Wagner, Inselleben. Finkenwerder im Wechsel der Gezeiten, Erfurt 2009, S. 101, sollen es 16 Bilder gewesen sein.) – Zu Hinrich Wriedes Rolle: „As de Wotertuurn afreten warrn schull (…) harr sick een van de Liehrers in de Zeitung utloten, he wüür'n Scheusal.“(Ewald Goltz, Finkwarder. Hunnert Johr Geschichte un Geschichten, Hamburg 1985, S. 71); „Der Dichter und Freund Gorch Focks, Hinrich Wriede, hatte ein entsprechendes Gedicht gemacht und in der Lokalzeitung veröffentlicht.“ (Ewald Goltz, Ein Schiff kehrt heim, Privatdruck, Hamburg 1978, S. 74)
37 Zitiert nach Wagner/Meier/Stroh (wie Anm. 6), S. 81. Kurt Wagner, der für diesen Abschnitt („Das Leben auf der Elbinsel“, S. 59-87) als Verfasser zeichnet, gibt keine genaue Quellenangabe. Im Original dürfte der Ort „Finkenwärder“ geschrieben worden sein.
38 Besonders unter Jugendlichen gab es Protest gegen den drohenden Abriss, und ein Lied wurde gesungen, in dem es hieß: „Der Wasserturm so schön,/auf ewig bleibt er stehn./Als ein Scheusal wurde er benannt,/unsere Zierde an der Wasserkant.“ (Ewald Goltz, Finkwarder (wie Anm. 36), S. 71)
39 Siehe Bruhns, Bauschmuck (wie Anm. 36), S. 317.
40 Zur Urkunde und dem problematischen Datum siehe: Kulturkreis Finkenwerder e.V., „Finkenwerder gestern & heute. 775 Jahre Finkenwerder. Die großen Jubiläen auf Finkenwerder“ 2011, http://www.775jahre-finkenwerder.de/die_grossen_jubilaeen.html (05. 04. 2015) – Adi Albershardt, An'n Elwdiek. Vom Leben der Menschen an der Niederelbe, Hamburg 1985, S. 7, bietet folgende Version: „Erstmals wird Finkenwerder im Jahr 1158, dann wieder im 13. Jahrhundert urkundlich erwähnt“. Heino Rose (in seiner Besprechung dieses Buches in der „Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte“ 72/1986, S. 348) spricht dazu von „lückenhafter Sachkenntnis“ und von einer „von falschen bis verwirrenden Bestandteilen geprägte[n] Darstellung zur ersten urkundlichen Erwähnung Finkenwerders“, was besonders bedauerlich sei, weil das Jahr 1236 die „Grundlage“ für Jubiläumsveranstaltungen (z.B. 1986) sei. Wer in dieser Kontroverse welche Interessen vertritt, sei dahingestellt; das Datum 1236 war und ist zu Feierzwecken offensichtlich opportun.
41 Zu Finder siehe auch dessen Vita in dieser Datenbank.
42 Bei Wagner/Meier/Stroh (wie Anm. 6) beispielsweise wird Albershardt „einer der Hauptorganisatoren dieses Ereignisses“ genannt (S. 164); bei Mönkemeier (wie Anm. 2 ), S. 27, heißt es – mit heruntergespielter NS-Einbindung: „Das Jahr 1936 ist ein besonderes und wichtiges für Finkenwerder: 700 Jahre Inselgeschichte sollen gefeiert werden! Von langer Hand werden Vorbereitungen für ein Riesenfest, ein grandioses Volksfest getroffen; (…). Der Lehrer Adolf Albershardt allerdings hatte nur Eins im Sinn [d.h. keine Politik]: die Wiederbelebung der Finkwarder Speeldeel als Forum der 'lebendigen mundartlichen Gestaltung und der betonten Trachtenpflege (...)'“

43 Aus den gleichen Darstellungen (wie Anm. 42): „Die NSDAP trat als offizieller Schirmherr der Feier auf. Jedoch konnte sie sich hier nicht, wie an anderen Orten Deutschlands, hundertprozentig durchsetzen. Finkenwerder feierte keine Parteifeier, sondern ein ihrer [sic!] altehrwürdigen Tradition entsprechendes Fest.“ (Wagner/Meier Stroh (wie Anm. 6), S. 82. Mönkemeier (wie Anm. 2), S. 27, ergänzt die Erwähnung des „grandiosen Volksfestes“ durch den gewundenen Zusatz: „(...); u.a. ist es auch für die Nationalsozialisten ein willkommener Anlass, das Jubiläum als spektakuläre Bühne zur öffentlichen Inszenierung ideologischer Indoktrination und politischer Demonstration zu nutzen. Der Lehrer Adolf Albershardt allerdings (...)“ - siehe Anm. 41. - Bei Wagner, Inselleben (wie Anm. 36), S. 102, lautet die Zusammenfassung: „Im Juni 1936 gab es die 'Finkenwerder 700-Joar-Fier'. Diese Feier wurde wie alle Feiern dieser Zeit mit großem Aufwand betrieben. Die NSDAP trat als offizieller Schirmherr auf und nutzte das Ereignis, gestützt durch einige Finkenwerder, zu Propagandazwecken. (…) Finkenwerder zeigte sich von der allerbesten Seite.“
44 Dokumentiert u.a. in der Tagespresse vor und während der Feierwoche, z.B. in den „Norddeutschen Nachrichten“ (etwa: 20. Juni 1936, wo auch berichtet wird, daß Ortsgruppenleiter Pahl Vorsitzender des Vorbereitungsausschusses war), aber auch im NSDAP-Organ „Hamburger Tageblatt“. Besonders ausführlich: „Hamburger Tageblatt“, 21. Juni 1936, „Norddeutsche Nachrichten“, 22. Juni 1936
45 Die „Speeldeel“ war im Februar 1936 neu gegründet worden, und seitdem hatte es einige Aufführungen in Finkenwerder, auch in Neuenfelde, gegeben, sozusagen zur Probe; dazu Angaben bei Mönkemeier (wie Anm. 2), S. 27 und S. 149.
46 Das Geschenk – ein in Leder gebundener Band mit Fotos von Finkenwerder und einem Vorwort von Rudolf Kinau („Finkwarder. Gorch Fock sien Fischerinsel“) - erhielten Reichsstatthalter Kaufmann, Bürgermeister Krogmann sowie
Korvettenkapitän Krüder (von der eigens aus Pillau abkommandierten Minensuchflotille) und Oberleutnant Heineke, der die Abordnung des extra in Hamburg gebliebenen Schulschiffs der Kriegsmarine „Gorch Fock“ anführte. (Siehe zur Geschenkübergabe durch die „Speeldeel“-Mädchen „Hamburger Tageblatt“, 21. Juni 1936, und „Norddeutsche Nachrichten“, 22. Juni 1936.)
47 „Norddeutsche Nachrichten“, 20. Juni 1936
48 Kultursenator v. Allwörden (zuständig auch für alles Niederdeutsche) ließ der „Speeldeel“ ein Schifferklavier zukommen: „Den ersten 'Quetschkasten' hat die Speeldeel von Senator v. Allwörden zur 700-Jahrfeier bekommen (…).“ („Norddeutsche Nachrichten“, 16. November 1936)
49 Zur „Vereinigung Niederdeutsches Hamburg“ (und der Mitgliedschaft der „Heimatvereinigung“ und der „Finkwarder Speeldeel“) siehe Ingrid Schröder, „Niederdeutsch in nationalsozialistischer Perspektivierung. Die 'Vereinigung Niederdeutsches Hamburg' als Exempel“, in: Dirk Hempel/Hans-Ulrich Wagner (Hg.), Das literarische Feld in Hamburg1933-1945 (= Schriften zur Literaturgeschichte 16), Hamburg 2012, S. 64-83; auch: Kay Dohnke/Norbert Hopster/Jan Wirrer (Hg.), Niederdeutsch im Nationalsozialismus. Studien zur Rolle regionaler Kultur im Faschismus, Hildesheim/Zürich/New York 1994, darin besonders: Michael Töteberg, „'Nedderdüütsch Volk op'n Weg'. Die Vereinigung Niederdeutsches Hamburg. Ein Dossier“, S. 123-148.
50 In „De Kössenbitter“ 8/1997, S. 2, ist über die „Heimatvereinigung“ ausgeführt worden: „Die der Vereinigung zur Verfügung stehenden Geldmittel wurden sehr knapp und aus diesem Grunde hat sie auch ihren Austritt aus der 'Vereinigung Niederdeutsches Hamburg' vollzogen.“ Dies sei eine Folge des Jahres 1939 gewesen - „das Jahr 1939 mit seinen schicksalsreichen Ereignissen“. (Zitiert nach Jens Homann (wie Anm. 24), Band 1, S. 52) Wie dies vonstatten gegangen sein soll, wäre zu klären. Das Ende der NS-Einbindung der „Speeldeel“ bzw. „Heimatvereinigung“ war dies in jedem Fall nicht, wie zahlreiche Auftritte ab/nach 1939 belegen - siehe z.B. die Auflistung im Anhang von Mönkemeier (wie Anm. 2), S. 149-191.
51 Ernst Finder, Die Elbinsel Finkenwärder. Ein Beitrag zur Geschichte, Landes- und Volkskunde Niedersachsens (= Veröffentlichung des Vereins für Hamburgische Geschichte 13), Hamburg 1940, S. 284/285
52 Siehe zu diesem Staatsbesuch Werner Johe, Hitler in Hamburg. Dokumente zu einem besonderen Verhältnis (= Forum Zeitgeschichte 6), Hamburg 1996, S. 152-155.
53 „Norddeutsche Nachrichten“, 24. August 1938
[54)] Zum Besuch in den Vierlanden, mit Foto-Übergabe: „Norddeutsche Nachrichten“, 5. Oktober 1938; zum Auftritt bei der NSDAP-Ortsgruppe: Mönkemeier (wie Anm. 2), in der Auftrittsliste (S. 149-191) die Eintragung zum 26. November 1938.
55 Staatsarchiv Hamburg 361-3, A 1484 – Nach der Reise erschien im lokalen Heimatblatt, für das Albershardt ja journalistisch tätig war, der Artikel „Finkenwärder im Jahresspiegel. Ein arbeitsreiches Jahr und gute Aussichten für 1938“, in dem es hieß: „Die Heimatvereinigung Finkenwärder und die 'Finkwarder Speeldeel' setzten ihre bedeutungsvolle Kulturarbeit fort. (…) Eine schöne Anerkennung wurde der Speeldeel dadurch zuteil, daß ihre Volkstanzgruppe im Juni zu einer Nordlandfahrt mit KdF. eingeladen wurde.“(„Norddeutsche Nachrichten“, 31. Dezember 1937, ohne Verfasserangabe)
56 Fritz Specht, „Wo stehen wir Plattdeutschen?“, „Mitteilungen aus dem Quickborn“ 26/Sommer 1933, S. 68
57 Angaben zu Albershardts Mitgliedschaften: Hamburger Staatsarchiv 221-11, F 8812 - Zum Eintritt in den NSLB 1933 vgl. die auf unterschiedliche Motivationslagen zurückgehende, gestiegene „Attraktivität des NSLB im April und Mai 1933, mit dem Ergebnis, dass zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer Mitglieder werden wollten“, was die Mitteilung des Hamburger NSLB-Landesleiters Wilhelm Schulz nach sich zog, die „Zahl der NSLB-Mitglieder sei im Laufe des Jahres 1933 von 100 auf 7000 gestiegen“. (Uwe Schmidt, Lehrer im Gleichschritt. Der Nationalsozialistische Lehrerbund Hamburg, Hamburg 2006, S. 34 und S. 54)
58 Claudia Schneider, „Die NS-Gemeinschaft 'Kraft durch Freude'“ (2004), http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/die-ns-gemeinschaft-kraft-durch-freude/ (30. 05. 15)
59 Mönkemeier (wie Anm. 2), S. 149-191, listet Auftritte auf: für 1939 beim „2. Kom. L.-Schtz.-Batl. 497“, für 1942 bei „Soldatenfrauen“ (in Lübeck) und in der „Hindenburgkaserne“ (in Kiel), für 1943 beim „Volksfest der Soldaten“ (26./27. Juni) – diese Angabe ebd., S. 36 -, bei der „Wehrmachtskommandantur“ und beim „Winterhilfswerk“, im Juli/August eine Tournee zur „Wehrbetreuung“ nach Gotenhafen (d.h. Gdingen/Gdynia) /Halbinsel Hela /Oxhöft / Zopot / Danzig / Lauenburg i. Pommern, für 1944 eine weitere Tournee vom 15. bis 31. Juli zur „Wehrbetreuung“ in den Lazaretten in Rotenburg/Jesteburg/Neustadt i. H. sowie als „Wehrbetreuungs-Sondereinsatz“ durch das O.K.M. [Oberkommando der Marine] nach Dänemark (Sonderburg/Kopenhagen). Noch am 15. November 1944 trat die „Speeldeel“ bei der „In-Dienststellung des U-Boots U-2519“ auf. - Diese Auflistung muss nicht vollständig sein; in Mönkemeiers Liste fehlen insgesamt mehrere Auftritte, die in der Tagespresse angezeigt bzw. genannt sind. Die Angaben sind zudem manchmal unpräzise; so ist von „Reisen nach Sonderburg und Kopenhagen 1943/1944“ (ebd., S. 36) die Rede, ebenso wird aufgeführt (ebd., S. 151): „1943/1944 Crössinsee/Pommern, Ordensburg: Treffen der Wehrbetreuungs-Offiziere.“
60 Ebd., S. 36, wird der Bericht einer „Speeldeel“-Mitwirkenden (Bertha Brockmann) zitiert: „Meine nachhaltigste Erinnerung [ist] die Fahrt nach der Ordensburg Crössinsee in Pommern geblieben und die Tournee durch Dänemark. Einmal im Jahr wurden die Tourneen für die Wehrbetreuung zusammengestellt, dazu trafen sich die Experten auf der Ordensburg … Wir waren angekündigt worden mit 'Jungs un Dierns von de Waterkant'. Wie sie uns bei der Ankunft sahen und feststellten, dass wir keine Kinder mehr waren, strichen die Herren vom Komitee unser 2-Stundenprogramm, wir bekamen nur eine halbe Stunde zugebilligt … Wir mussten nun bis zu unserem Auftritt stundenlang üben, es wurden Tänze gekürzt oder schneller getanzt usw. Es entstand ein Programm fürs Auge der Zuschauer. Die halbe Stunde wurde auf die Sekunde eingehalten … Am nächsten Tag durften wir unser ganzes Programm bringen. Und als Auszeichnung bekamen wir die Tournee durch Dänemark mit Offizierssoll [? -sold?], damit wir uns ordentlich satt essen und vieles kaufen konnten, was es bei uns nicht mehr gab.“ - Zu System und Bedeutung der Ordensburgen, darunter Crössinsee/Krössinsee – siehe u.a. Franz Albert Heinen, „'Des Führers treueste Soldaten und seiner Idee glühendste Prediger'. Das System der NS-Ordensburgen“, in: Albert Moritz (Hg.), 'Fackelträger der Nation'. Elitebildung in den NS-Ordensburgen, Köln/Weimar/Wien 2010, S. 20-46; Franz Albert Heinen, NS-Ordensburgen. Vogelsang, Sonthofen, Krössinsee, Berlin 2011
61 „Norddeutsche Nachrichten“, 13. April 1940
62 Wagner, Inselleben (wie Anm. 36), S. 107: „Am 11. Mai 1940 wurde Finkenwerder das erste Mal in der Geschichte militärisch angegriffen. Auf dem Gelände der Deutschen Werft wurden etwa 50 Brandbomben abgeworfen.“
63 Siehe die erwähnte Auflistung bei Mönkemeier (wie Anm. 2), S. 149-191, die für 1940 und 1941 keinen einzigen Auftritt nennt.
64 Es fehlen in der Zeit die regelmäßigen, detaillierten Meldungen aus dem Ortsgeschehen; stattdessen erscheinen Fotos von Häusern und Straßen Finkenwerders und Landschaftsaufnahmen, jeweils begleitet durch allgemein gehaltene, die „Idylle“ des Ortes beschreibende Begleittexte.
65 Die Angaben zur KLV in Hamburg allgemein nach: Uwe Schmidt, Hamburger Schulen im „Dritten Reich“ (= Beiträge zur Geschichte Hamburgs 64), 2 Bände, Hamburg 2010, S. 562-604; zum Beginn besonders S. 567-569. Als älteren Überblick siehe auch: Reiner Lehberger, „Kinderlandverschickung“, in: Reiner Lehberger/Hans-Peter de Lorent (Hg.), „Die Fahne hoch“. Schulpolitik und Schulalltag in Hamburg unterm Hakenkreuz, Hamburg 1986, S. 370-381.Die Berichte zur Finkenwerder KLV unter Albershardts Leitung 1940/41nach „Norddeutsche Nachrichten“, 19. November 1940, 3. Dezember 1940, 10. Dezember 1940, 24. Dezember 1940, 27. Dezember 1940, 13. Januar 1941, 6. Februar 1941, 12. Februar 1941, 19. Februar 1941. - Am 9. April 1941 vermittelten die „Norddeutschen Nachrichten“ von einer Finkenwerder Gruppe von 20 Mädchen aus Passau/Josephs-Heim Grüße in die Heimat. Begleitung dieser KLV-Gruppe war „Lehrerin Fräulein Meyburg“. Albershardts Kollege Hinrich Wulf (von der Westerschule) wurde ab 4. Mai 1944 als Lagerleiter in Groß-Carlowitz/Mähren (Velké Karlovice) eingesetzt, woraufhin er – ab 1933 NSLB- und NSDAP-Mitglied – auf seiner KLV-„Personalkarte für Lehrkräfte“ unter dem Stichwort „Ablösung“ eintrug: „unbekannt, hoffentlich recht bald“, was auf der Karte mit zwei Ausrufezeichen markiert wurde und dem handschriftlichen Vermerk: „Unerhört!“ (Faksimile der Personalkarte in: Gerhard Dabel, KLV. Die erweiterte Kinder-Land-Verschickung. KLV-Lager 1940-45, hrsg. v. Dokumentations-Arbeitsgemeinschaft KLV e.V., Freiburg 1981, S. 176 und S. 251) Im April 1945 war Wulf wieder zurück in Finkenwerder und unterzeichnete mit Datum 2. April 1945 als Standortführer der HJ eine Reihe von „Bescheinigungen“ über den abgelegten „Berufsvorbereitungslehrgang 1944/45“ - Ersatz für den ausgefallenen normalen Unterricht. „Der Schulunterricht konnte in Hamburg aus kriegsbedingten Gründen nicht fortgesetzt und abgeschlossen werden“, heißt es auf den hektographierten Blättern. Ausgefüllt wurde mit Schreibmaschine - auch die „Teilnahme am Unterricht und Hitler-Jugend-Dienst“. Mitunterzeichner war Rektor Albers. Das vorgesehene Schulsiegel war offenbar nicht zur Hand, das der HJ schon. Einen Tag später (3. 4. 1945) füllte Wulf eine weitere „Bescheinigung“ aus, nur noch handschriftlich, ohne HJ-Siegel und allein, also auch anstelle des Rektors: Dokumentiert wird so das endgültige Aus der NS-Strukturen auch in Finkenwerder. (Diese „Bescheinigungen“ sind erhalten in der Mappe „Listen für die laufenden Jahre 1937/45“ der Westerschule, Finkenwerder (Schularchiv Westerschule).)
66 Diese „Entlassungszeugnisse für Volksschulen“ ebd. - Es handelt sich um den tschechischen Ort Kamýk. - Wie lange der dortige KLV-Aufenthalt der Kinder bzw. Albershardts dauerte, ist aus diesen Unterlagen nicht ersichtlich.
67 Die Berichte beruhen auf verschiedenen Interviews bzw. Gesprächen, die in den Jahren um 2000 von dem damaligen „ Finkenwerder Arbeitskreis Außenstelle Deutsche Werft des KZ Neuengamme“ (heute: Geschichtswerkstatt Finkenwerder) mit Zeitzeugen durchgeführt wurden. Die Gespräche wurden protokolliert und die Richtigkeit von den Beteiligten bestätigt. Es ergab sich so eine Serie „Zeitzeugenberichte von Frauen und Männern aus Finkenwerder, die Frau Ingeborg Luth bei verschiedenen Anlässen zu Ereignissen in der Nazi-Zeit befragen konnte und dann aufgeschrieben hat.“ Die Texte liegen bei der Geschichtswerkstatt Finkenwerder vor und sind abgedruckt in Homann (wie Anm. 24), Band 2. Die dortige Nummerierung ist übernommen; die sprachliche Form ist unverändert; notwendig scheinende Ergänzungen sind in Klammern gesetzt.
Einzelne Angaben – z.B. Zeitangaben - in den Berichten bedürften der Überprüfung bzw. Präzision; hier sei nur darauf hingewiesen, dass formal Adolf Albershardt nie Schulleiter war und dass zu dem angegebenen Zeitraum die Aueschule keine unabhängige Schule, sondern (seit 1932) der Norderschule angegliedert war. Dass Albershardt in diesen chaotischen Wochen als „Schulleiter“ der Aueschule erscheinen mochte, ist dazu kein Widerspruch. Ab April 1944 waren alle drei Schulen in Finkenwerder geschlossen. (Siehe Adolf Albershardt/Heinrich Müller, Chronik der Aueschule Finkenwerder. Zugleich ein Abriß der Schulgeschichte Finkenwerders [Festschrift der Aueschule], Hamburg 1952, [S. 8]) Dasselbe galt zum Beispiel auch für Schulen in Harburg (siehe Uwe Schmidt, Hamburger Schulen (wie Anm. 65), S. 533) wegen der verstärkten Luftangriffe. Es konnte demnach möglicherweise nur noch um die Organisation von „Hausaufgaben“ gehen, vor allem aber um die Unterbringung der Schulkinder in verschiedenen KLV-Aktionen. Statt regulären Unterrichts wurde 1944/45 auch versucht, wie erwähnt (Anm. 65), einen „Berufsvorbereitungslehrgang“ für die Abschlussjahrgänge durchzuführen, unter Federführung der HJ (zusammen mit dem verbliebenen Schulpersonal). Die Norderschule wurde am 9. April 1945 durch Brandbomben zerstört.(Siehe Albershardt/Müller, „Chronik“, a.a.O.)
Bericht 5: Zeitzeuge Jan Mewes, 25. Februar 1999, Homann (wie Anm. 24), Band 2, S. 176; Bericht 17: Zeitzeuge Gerhard Bachmann, 22. Juli 1999, ebd., S. 196/197.
68 Im Bericht 5 (wie Anm. 67) wird die Schilderung des die Eltern empörenden Endes der KLV-Verschickung mit Adolf Albershardt und „der Lehrerin Frl. Rickmers“ ergänzt: „Ein Mitschüler, H., habe bei einer späteren Jubiläumsfeier der Aueschule diese Angelegenheit anprangern wollen. 'Ich lasse heute abend die Bombe platzen!' so habe er sich beim vorherigen Umtrunk in der Kneipe geäußert. Man habe ihn dann aber gewaltsam am Betreten der Aueschule gehindert.“
69 Die aus der Ausgabe von 1940 zitierte Darstellung der „Speeldeel“ lautete nun, 1951: „ Eine Gemeinschaft war notwendig für die Erhaltung und Sicherung des Volkstums.. (…) Als dann Finkenwärder seine 700-Jahrfeier 1936 begehen konnte, gründete Adolf Albershardt (…) die 'Finkwarder Speeldeel' zum dritten Mal. (…) Die 'Finkwarder Speeldeel' hat die Kriegszeit überdauert. Ihr Ziel, die plattdeutsche Finkenwärder Mundart vor dem Untergang zu bewahren, und darüber hinaus dem Groß-Hamburger Gebiet als Mittlerin plattdeutschen Gedankenguts zu dienen, hat eine ständig höhere Bedeutung erlangt. Tausenden von Zuhörern hat die 'Speeldeel' nicht nur Freude und Entspannung, sondern auch eine Stärkung des Heimatgefühls, das seinen äußeren Ausdruck in der Pflege und dem Gebrauch der plattdeutschen Muttersprache finden muß, bringen können.“ (Ernst Finder, Die Elbinsel Finkenwärder. Ein Beitrag zur Geschichte, Landes- und Volkskunde Niedersachsens (= Veröffentlichung des Vereins für Hamburgische Geschichte 13), Hamburg 1951, S. 284/285) – Ein detaillierter Vergleich der beiden Fassungen des Buches findet sich bei Jens Homann (wie Anm. 24).
70 Siehe den Text in Anm. 69. Zum Begriff „Volkstum“, der auf Friedrich Ludwig Jahn zurückgeht („Deutsches Volkstum“, 1810) und seitdem im nationalistisch-völkischen Sprachgebrauch reüssierte und vom Nationalsozialismus übernommen wurde, siehe Cornelia Schmitz-Berning, Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin/New York, 2. Aufl., 2007, S. 675-679.
71 So am Ende der zum Schuljubiläum geschriebenen „Chronik“ (wie Anm. 67). Der zusammen mit Albershardt als Autor angegebene Schulleiter Heinrich Müller war vor dem Jubiläum, also auch vor dem Erscheinen der „Chronik“ verstorben. (Der Text ist auch in Wagner/Meier/Stroh (wie Anm. 6) abgedruckt – dort allerdings unter Fortfall der abschließenden „Vaterland“-Formel.)
72 „Zwei Katastrophen brausten in den letzten zwei Jahrzehnten [sic!] über Finkenwerder hinweg. Der zweite Weltkrieg vernichtete – vor allem im 'Altstadt'-Gebiet der Aue – viele Häuser und forderte eine Reihe von Opfern an Menschenleben durch den Bombenkrieg, denn Finkenwerder lag zu nahe am Petroleumhafen.“ Als zweite Katastrophe wird die Sturmflut 1962 genannt. (Adolf Albershardt, „Finkenwerder 1868-1968“, in: Hamburger Öffentliche Bücherhallen (Hg.), Festschrift zum hundertjährigen Bestehen der Öffentlichen Bücherhalle Finkenwerder, Hamburg 1968, S. 21-24; das Zitat: S. 23.)
73 Schreiben von A. Albershardt, Weihnachten 1946 (Logbuch der „Finkwarder Speeldeel“, Bl 81), zitiert nach Mönckemeier (wie Anm. 2), S. 39.
74 Artikel „Hohe Auszeichnung für Adolf Albershardt“, „Die Welt“, 6. August 1960, Faksimile in Mönkemeier (wie Anm. 2), S. 56
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Februar 2019: 716 Kurzprofile und 276 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startet online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen, wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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